Philipp Hildebrand

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Philipp Hildebrand im Mai 2005 am 35. St. Gallen Symposium

Philipp Michael Hildebrand[1] (* 19. Juli 1963 in Bern[1]; heimatberechtigt in Horw[2]) ist ein Schweizer Ökonom und Politologe. Er war von 2003 Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank und zwischen dem 1. Januar 2010 und dem 9. Januar 2012 deren Präsident.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hildebrand wuchs in Horw im Kanton Luzern zweisprachig in Deutsch und Englisch auf. Nach der Maturität in Zürich erwarb er 1988 den Bachelor of Arts an der University of Toronto. Es folgten Nachdiplomstudien am Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien (HEI), am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz und am Center for International Affairs der Harvard University. 1994 doktorierte er an der University of Oxford.

Seine berufliche Laufbahn begann Hildebrand 1994 beim Weltwirtschaftsforum in Genf, bei dem er als Mitglied der Geschäftsleitung regionaler Verantwortlicher für Europa und die WEF-Aktivitäten im Bereich Finanzdienstleistungen war. 1995 wechselte er zum US-amerikanischen Vermögensverwalter und Hedgefonds Moore Capital Management (MCM) in London und New York und wurde dort ab 1997 Partner. Im August 2000 trat Hildebrand als Chief Investment Officer in die Zürcher Privatbank Vontobel ein. Im Oktober 2001 wechselte er zur Union Bancaire Privée in Genf. Dort war er als Generaldirektor und Mitglied des Exekutivkomitees für die gesamte Vermögensverwaltung verantwortlich.

Auf Juli 2003 wurde Hildebrand vom Bundesrat zum Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank ernannt. Dort übernahm er die Leitung des III. Departements in Zürich, das für die Bereiche Geldmarkt und Devisenhandel, Asset Management, Risikomanagement, Operatives Bankgeschäft und Informatik zuständig ist. Per Anfang Mai 2007 ernannte ihn der Bundesrat zum Vizepräsidenten des Direktoriums und Vorsteher des II. Departements in Bern, das die Bereiche Bargeld, Finanzen, Finanzsysteme und Sicherheit umfasst. Im April 2009 wurde Hildebrand vom Bundesrat zum Präsidenten des Direktoriums gewählt. Er trat damit die Nachfolge von Jean-Pierre Roth an und übernahm die Leitung des I. Departements in Zürich, das die Bereiche Internationale Angelegenheiten, Volkswirtschaft, Recht und Dienste, Personal, Kommunikation sowie regionale Wirtschaftskontakte umfasst.

Darüber hinaus war Hildebrand von 2006 bis 2007 Vorsitzender der Stellvertreter der Zehnergruppe (G-10). Ab August 2006 war er Präsident des Stiftungsrates des «International Center for Monetary and Banking Studies» (ICMB) in Genf. Er vertrat die Schweiz im Steuerungsausschuss sowie im Plenum des Financial Stability Board (FSB); von November 2011[3][4][5] bis Januar 2012 war er Vize-Vorsitzender des FSB.[6] Er war Mitglied des «Comité stratégique» von «Agence France Trésor», des für die Schulden- und Vermögensverwaltung Frankreichs zuständigen Organs und ab Frühjahr 2009 Vorsitzender der «Working Party No. 3» der OECD. Ab 2002 hatte er zudem als Gastprofessor für Volkswirtschaft und Politologie einen Lehrauftrag am Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien inne. Ausserdem war er Mitglied des Verwaltungsrats der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Seit 2008 ist er Mitglied der Group of Thirty[7]. Hildebrand hat auch enge Verbindungen zur US-amerikanischen Notenbank Fed. Er schreibt regelmässig für die Zeitschrift «International Economy» in Washington und ist ferner Co-Autor des Werks «How Do Central Banks Talk?».

Im Dezember 2011 ernannte das Finanzmagazin The Banker Philipp Hildebrand zum Central Bank Governor of the Year 2012 – Europe.[8] Gewürdigt wurde er insbesondere für seine Führungsstärke im Zuge der globalen Finanz- und Bankenkrise.[9]

Hildebrand war in den 1980er-Jahren als Schwimmer Mitglied der Schweizer Schwimmnationalmannschaft und in den Jahren 1983/84 zweifacher Schweizer Meister. Er ist mit der schweizerisch-US-amerikanischen Galeristin Kashya Hildebrand verheiratet und Vater einer Tochter.[10]

Folgende Teile dieses Abschnitts scheinen seit 2014 nicht mehr aktuell zu sein: Trennung, neue Beziehung mit Milliardärin Margarita Louis-Dreyfus, Geburt Zwillinge.
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Seit Herbst 2012 lebt Hildebrand mit seiner Familie in London.[11]

Vorwurf des Insiderhandels und Rücktritt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Affäre Hildebrand

Im Dezember 2011 bzw. Januar 2012 kam Hildebrand wegen Insiderhandelsvorwürfen, insbesondere wegen eines Devisenkaufs von 504'000 US-Dollar gegen Schweizer Franken seiner Frau Kashya Hildebrand im August 2011 über sein Konto – nach seinen Angaben ohne sein vorgängiges Wissen – im Vorfeld der Festlegung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Schweizer Franken pro Euro durch die Schweizerische Nationalbank im September 2011,[12][13] stark unter Druck.

Rechtsanwalt und SVP-Kantonsrat Hermann Lei spielte die von einem Bankmitarbeiter der Bank Sarasin gestohlenen Kontounterlagen von Hildebrand dem Nationalrat Christoph Blocher zu.[14] Blocher informierte zunächst den Bundesrat als Kontrollbehörde der SNB über die Transaktionen, daraufhin beauftragte der Bankrat die Revisionsstelle PricewaterhouseCoopers (PWC) mit der Untersuchung der Banktransaktionen der Familie Hildebrand im Jahr 2011. PWC kam zum Schluss, dass kein Verstoss gegen das Reglement über Eigengeschäfte mit Finanzinstrumenten vorliege und dass alle Transaktionen regelkonform getätigt worden seien.[15][16][17] Nach einer Darstellung durch Urs Paul Engeler in der Wochenzeitung Die Weltwoche soll Philipp Hildebrand die umstrittenen Devisengeschäfte selbst in Auftrag gegeben haben. Hildebrand bestritt diese Vorwürfe.[18] Die Unterlagen bekam die Weltwoche durch Hermann Lei.[19]

Am 9. Januar 2012 gab die Schweizerische Nationalbank bekannt, dass Hildebrand sein Amt mit sofortiger Wirkung zur Verfügung stellt.[20] In der folgenden Pressekonferenz begründete Hildebrand seinen Rücktritt damit, dass er «in Anbetracht der andauernden öffentlichen Debatte rund um diese Finanztransaktionen, nach gründlicher Prüfung der gesamten Dokumentation und eingehendem Nachdenken seit der Medienkonferenz» zum Schluss gekommen sei, dass «es nicht möglich ist, einen abschliessenden Beweis zu liefern, dass meine Frau ohne mein Wissen die Devisentransaktion am 15. August veranlasst hat.» Er bekräftigte die Aussage mit einem Ehrenwort.[21] Mit seinem Rücktritt veröffentlichte er auch neue Dokumente, die ihn nicht eindeutig entlasteten. Gemäss den Dokumenten gab Hildebrand grundsätzlich sein Einverständnis für Dollartransaktionen seiner Frau im Vorfeld des umstrittenen Dollar-Kaufs vom August 2011, ordnete ihn aber nicht an.[22][23][24]

Den Vorsitz des Direktoriums der SNB übernahm interimistisch Vizepräsident Thomas Jordan.[25]

Im Januar 2012 beauftragte der Bankrat der SNB die Revisionsgesellschaft KPMG Schweiz mit der Durchsicht und Analyse aller noch nicht in der Öffentlichkeit bekannten und bereits geprüften Finanztransaktionen von Philipp Hildebrand und aller Mitglieder des Erweiterten Direktoriums sowie deren Angehörigen (ausgenommen von Kashya Hildebrand) der SNB für den Zeitraum von 1. Januar 2009 bis 31. Dezember 2011. KPMG Schweiz publizierte ihren Prüfungsbericht am 7. März 2012. KPMG fand keine Reglementsverletzungen.[26][27] Mitte März 2012 weitete die Nationalbank den Prüfungsauftrag auf die Konten von Ehefrau Kashya Hildebrand aus.[28] Am 25. April 2012 folgte das Resultat der Prüfung der Privat- und Geschäftskonti von Kashya Hildebrand. Die Überprüfung umfasste alle Devisentransaktionen ab 20'000 Franken und alle übrigen Transaktionen ab 100'000 Franken im Zeitraum vom 1. Januar 2009 bis Ende Dezember 2011. Es wurden keine Reglementsverletzungen festgestellt.[29][30]

Bei der Staatsanwaltschaft wurden wegen Verstosses gegen die Insiderstrafnorm Anzeigen gegen Hildebrand und dessen Frau eingereicht. Im September 2013 wurden die entsprechenden Verfahren formell mit einer Nichtanhandnahmeverfügung erledigt, weil Devisengeschäfte nach dem Wortlaut von Art. 161 StGB nicht in den Geltungsbereich der Insiderstrafnorm fallen.[31]

Zeit nach Rücktritt als Präsident der Nationalbank[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2012 wurde bekannt, dass Philipp Hildebrand an der Blavatnik School of Government der Universität Oxford eine Gaststelle als Forschungsbeauftragter angenommen hat.[9][32] Seit Oktober 2012 betreut er beim weltgrössten Vermögensverwalter BlackRock in London als Vice Chairman institutionelle Anleger in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien sowie Pazifik.[33][34]

Vom 11. bis 14. Juni 2015 nahm er an der 63. Bilderberg-Konferenz in Telfs-Buchen in Österreich teil.

Dokumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Philipp Hildebrand im Munzinger-Archiv, abgerufen am 24. September 2011 (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Eintrag Schweizerische Nationalbank im Handelsregister des Kantons Bern, abgerufen am 24. September 2011.
  3. Ernennung Philipp Hildebrands zum Vize-Vorsitzenden des Financial Stability Board. Medienmitteilung der SNB vom 4. November 2011 (PDF-Datei; 60 kB)
  4. Erklärung Philipp Hildebrands zu seiner Ernennung zum Vize-Vorsitzenden des Financial Stability Board. In: SNB vom 4. November 2011 (PDF-Datei; 54 kB)
  5. Appointment of Chairman and Vice-Chairman of the Financial Stability Board. Medienmitteilung des FSB vom 4. November 2011 (PDF-Datei; 55 kB)
  6. Rücktritt Hildebrands schwächt Schweizer Finanzdiplomatie. In: Tages-Anzeiger/Newsnet vom 9. Januar 2012
  7. sda: Ex-Nationalbankpräsident Hildebrand bleibt Mitglied der G-30. In: Neue Zürcher Zeitung vom 19. Januar 2012
  8. Central Bank Governor of the Year 2012. In: The Banker vom 19. Dezember 2011 (registrierungspflichtig)
  9. a b Dr Philipp Hildebrand joins BSG. (Memento vom 16. April 2012 auf WebCite) In: Blavatnik School of Government, abgerufen am 16. April 2012
  10. «In einer extremen Situation sind auch die Risiken gross», Tages-Anzeiger online, 21. August 2010.
  11. Erik Nolmans: Philipp Hildebrand: Zurück im Geschäft. In: Bilanz 21/2012 vom 27. November 2012
  12. Nationalbank legt Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro fest. Medienmitteilung der Schweizerischen Nationalbank vom 6. September 2011 (PDF-Datei; 57 kB)
  13. SNB-Präsident Hildebrand äussert sich zu den Massnahmen der Nationalbank. Video in: Schweizer Fernsehen vom 6. September 2011.
  14. Aargauer Zeitung: So kam Christoph Blocher zu Hildebrands Kontodaten, 7. Januar 2012.
  15. SNB veröffentlicht internes Reglement über Eigengeschäfte und Prüfungsbericht von PWC. Medienmitteilung vom 4. Januar 2012 (PDF-Datei; 4,5 MB)
  16. Finanztransaktionen der Familie Hildebrand und Ereignisse der letzten Tage. Medienkonferenz des Präsidenten des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand vom 5. Januar 2012 (PDF-Datei; 88 kB)
  17. Hildebrand verteidigt sich. Video in: 10vor10, Schweizer Fernsehen vom 5. Januar 2012 (9 Minuten)
  18. Neue Zürcher Zeitung: «Ich halte am Begriff Lügner fest», 7. Januar 2012.
  19. Viktor Dammann: «Ich schickte Blocher Hildebrands Konto-Unterlagen». In: Blick vom 9. Januar 2012
  20. Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand stellt sein Amt per sofort zur Verfügung. Schweizerische Nationalbank, abgerufen am 9. Januar 2011 (PDF; 52 kB).
  21. Erklärung von Philipp M. Hildebrand, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, zu seinem Rücktritt. Vom 9. Januar 2012 (PDF-Datei; 1,6 MB)
  22. Neue Bankunterlagen belasten Philipp Hildebrand. In: Neue Zürcher Zeitung vom 10. Januar 2012
  23. Über dieses E-Mail stolperte Hildebrand. In: 20 Minuten vom 9. Januar 2012
  24. Marcel Gyr: Der verschlungene Weg einer verhängnisvollen E-Mail. In: Neue Zürcher Zeitung vom 14. März 2012
  25. Der Denker aus der zweiten Reihe (Memento vom 12. Januar 2012 im Internet Archive), Website der Financial Times Deutschland, 9. Januar 2012, abgerufen am 12. Januar 2012.
  26. Marcel Gyr: Keine heiklen Finanzgeschäfte. In: Neue Zürcher Zeitung vom 8. März 2012
  27. Finanztransaktionen des Nationalbank-Direktoriums: KPMG legt Prüfbericht vor. In: Schweizerische Nationalbank vom 7. März 2012 (PDF-Datei; 97 kB) (Archiv-Version) (Memento vom 16. April 2012 auf WebCite)
  28. Konten von Kashya Hildebrand unter der Lupe. In: NZZ Online vom 15. März 2012
  29. Kashya Hildebrand hat keine Regeln verletzt. In: NZZ Online vom 25. April 2012
  30. Finanztransaktionen Kashya Hildebrand: Überprüfungsergebnis liegt vor. Medienmitteilung vom 25. April 2012 (PDF-Datei; 8,1 MB)
  31. Erste Verfahren im Zusammenhang mit der Affäre Hildebrand abgeschlossen. Medienmitteilung der Staatsanwaltschaft Zürich vom 1. Oktober 2013
  32. Ex-Nationalbankpräsident Hildebrand geht nach Oxford. In: NZZ Online vom 21. März 2012
  33. Hildebrand zu Blackrock: Das Communiqué. In: finews.ch vom 13. Juni 2012
  34. Hildebrand könnte bald Krisenländer beraten. In: Tages-Anzeiger/Newsnet vom 13. Juni 2012