Philipp Jakob Riotte

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Denkmal des Komponisten Philipp Jakob Riotte auf dem St. Wendeler Fruchtmarkt, wo er schräg gegenüber dem Portal des Wendelsdomes geboren wurde; Da von Riotte kein Bildnis überliefert ist, orientiert sich die Statue an den Gesichtszügen seines Bruders Johann N. Riotte; Bronzeplastik von Kurt Tassotti aus dem Jahr 2016

Philipp Jakob Riotte (* 17. August 1776 in St. Wendel; † 20. August 1856 in Wien) war ein deutscher Komponist der Klassik.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Philipp Jakob Riotte entstammt wahrscheinlich einer französischen Emigrantenfamilie (Hugenotten). Die frühesten Berichte weisen ihn als Sängerknaben in seiner Heimatstadt St. Wendel aus. Er studierte Violine, Violoncello und danach Klavier sowie Orgel. 1793 erhielt er seine erste Anstellung als Organist in einem Trierer Seminar. 1794 bis 1805 folgten Aufenthalte im saarländischen Blieskastel, der Residenz der Reichsgrafen von der Leyen, sowie Frankfurt am Main und Offenbach. In Offenbach am Main setzte er seine Studien bei dem Komponisten und Musikverleger Johann Anton André fort. Von 1806 bis 1808 war Riotte als Kapellmeister in Danzig und als Musikdirektor in Magdeburg tätig.

Im Jahr 1808 ließ sich Riotte in Wien nieder. Zunächst lebte er von Klavierstunden und eigenen Kompositionen, die verlegt wurden. Zusätzlich betätigte er sich als musikalischer Unterhalter. An die seinerzeitige musikalische Mode angelehnt, schuf er zwischen 1810 und 1815 vier „Charakteristische Tongemälde“, die ihm Erfolg eintrugen. Eines dieser „Gemälde“ war die „Schlacht von Leipzig oder Deutschlands Befreiung“; die Noten dieses Werkes fanden in ganz Deutschland Verbreitung. Daneben schrieb er Opern und Oratorien, Klavierauszüge zu den Erfolgsopern für die Hausmusik und Variationen über Opernthemen.

Friedensrichter J. N. Riotte, Bruder von Philipp Jakob Riotte

1818 fand Riotte eine Anstellung als Vizekapellmeister am Theater an der Wien, die er bis 1828 beibehielt. Das Theater hatte sich in besonderer Weise dem Genre „Kinderballett“ verschrieben, für die Riotte die jeweilige Musik schrieb. Im Verlauf der 1830er Jahre schrieb er für das Wiener Leopoldstädter Theater eine erhebliche Menge an Kompositionen. Mit über 300 Aufführungen lag Riotte hinter Ignaz von Seyfried und Wolfgang Amadeus Mozart, aber noch vor dem seinerzeitigen „Operngott“ Gioacchino Rossini.

1856 verstarb Philipp Jakob Riotte in Wien; er hatte keine Nachkommen. Aufgrund seiner engen Verbundenheit mit St. Wendel unterstützte er viele St. Wendeler Bürger und veranlasste testamentarisch eine Stiftung für die Bedürftigen der Riotteschen Familie und die Armen der Stadt.[1] Seinem Bruder Johann Riotte hinterließ er 500 Gulden, eine goldene Uhr sowie die Zinsen aus einem Fonds von 2.000 Gulden.

Von Riotte sind keine Portrait-Abbildungen bekannt. Es ist anzunehmen, dass der Maler Nikolaus Lauer Gemälde von Riotte und seiner Ehefrau angefertigt hat; diese hinterließ Riotte testamentarisch dem Justizrat Johann Georg Nikolaus Knauer in St. Wendel (1797–1868), einem Schwiegersohn seines Bruders Johann Nikolaus Riotte. Sie gelten als verschollen. 1852 wurde für Riotte ein Reisepass ausgestellt, dessen Personenbeschreibung erhalten blieb. Danach hatten seine Gesichtszüge und seine übrigen Körpermerkmale starke Ähnlichkeit mit seinem Bruder, dem St. Wendeler Friedensrichter Johann N. Riotte. Von diesem ist ein Porträt vorhanden, das eine Vorstellung von der Person Philipp Jakob Riottes vermitteln kann.[2]

Riotte war nach Darstellungen von Kritikern[3] wohl ein Komponist, der seine Schöpfungen weitestgehend dem Zeitgeschmack anpasste. Ihm wird „… eine gewandte Mache, eine ansprechende Melodiösität, aber ebenso auch der Mangel an originaler Schöpferkraft…“[3] nachgesagt. Der Kritiker Max Dietz[3] urteilt: „Im ganzen ist R. als ein Ableger der classicistischen Traditionen der Wiener Schule zu bezeichnen und reiht sich unter die vielen Nachtreter und Popularisirer der Mozart’schen Weise.“

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gesamtwerk Philipp Jakob Riottes umfasst

  • 14 Opern
  • 33 Operetten, Singspiele, Zauberspiele, Lokalpossen und Parodierende Possen
  • 11 Ballette
  • 7 Kinderballette
  • 8 Schauspielmusiken
  • 3 Beiträge zu Quodlibets
  • Sinfonie no 1 in C op. 25
  • Sinfonie no 2
  • 3 Klarinetkonzerten (in B op. 19 oder 24 oder 26; in C op. 36 oder 39)
  • 3 Flötenkonzerten (u. a. no 1 in G op. 4)
  • 1 Hornkonzert
  • Pianokonzert in E op. 8
  • Grosses Konzert für Klavier mit Orchesterbegleitung op. 15
  • 1 Konzert für zwei Piano’s (unvollendet)
  • 5 Streichquartetten (u. a. 3 in op 21)
  • 5 Pianotrios
  • 9 Piano und Violinsonaten
  • Pianosonaten, Sonatinas
  • Septet für Piano, Violine, Klarinet, Viole, Violoncello und 2 Hörner
  • Die Schlacht bey Leipzig oder Deutschlands Befreyung für Pianoforte bzw. für Flöte, Violine, Viole und Violoncello

Einzelwerke

  • Piedro und Elmira (D. Albrecht), Oper in 3 Akten (1807, Magdeburg)
  • Moisasurs Zauberfluch (Ferdinand Raimund), Zauberspiel in 2 Akten (1827, Wien)
  • Die geschwätzige Stumme von Nußdorf (Karl Meisl), Parodie (1830, Wien)
  • Der Sturm (Johann Gabriel Seidl nach Shakespeare), Oper in 3 Akten (1833, Brünn)
  • Der Postillion von Stadelenzersdorf (Aloys Gleich), Parodie (1838, Wien)
  • Das Grenzstädtchen (1809)
  • Wanda, Königin der Sarmaten (1812)
  • Kasem (1818)
  • Azendar (1819)
  • Der hölzerne Säbel (1820)
  • Die Witwe und ihre Freier (1820)
  • Staberl als Freischütz (1822)
  • Euphemie von Avogara (1823)
  • Der kurze Mantel (1824)
  • Die Gaben des eisernen Königs (1824)
  • Der Kopf von Eisen (1825)
  • Die Drillingsschwestern und der Waldgeist (1825)
  • Nurredin, Prinz von Persien(1825)
  • Die Prise Toback (1825)
  • Die Vettern (1825)
  • Nurredin, Prinz von Persien (1825)
  • Moisasurs Zauberfluch (1827)
  • Zwei Uhr (1827)
  • Vetter Lucas von Jamaika (1828)
  • Die Liebe auf der Alm (1833)
  • Der Schirm (o. J.)
  • Notturno op. 53 für Violine und Harfe (oder Klavier) (1850)[4]

Diskographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2002 veröffentlichte das Label Novalis in Zusammenarbeit mit dem SWR eine CD mit einer Sinfonie (op. 25), einem Klarinettenkonzert (op. 28) und einem Flötenkonzert (op. 4), eingespielt vom Stuttgarter Kammerorchester.

Das Label Koch Schwann veröffentlichte 1993 eine Harfen-CD mit Werken von vier Komponisten, darunter Riotte: zweisätziges Nocturno für Harfe und Violine (gespielt von Edward Witsenburg und Ernö Sebestyen).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Constantin von Wurzbach: Riotte, Philipp Jacob. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 26. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1874, S. 171–174 (Digitalisat).
  • Max Dietz: Riotte, Philipp Jakob. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 28, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 647 f.
  • Gernot Spengler: Der Komponist Philipp Jakob Riotte aus St.Wendel – sein Leben u. seine Instrumentalmusik. (Dissertation, Universität des Saarlandes, Saarbrücken 1972). St. Wendeler Buchdruck und Verlag, St. Wendel 1977, OCLC 251970300.
  • Gernot Spengler: Philipp Jakob Riotte. In: Saarländische Lebensbilder. 1 (1982), Saarbr. Dr. u. Verlag Saarbrücken, S. 109–125.
  • Gernot Spengler: Die Rückkehr eines Halbvergessenen – St. Wendel würdigt seinen berühmten Sohn, den Komponisten Philipp Jakob Riotte, in seinem 225. Geburtsjahr. In: Saarbrücker Zeitung. (Ausgabe Saarbrücken-Mitte). 27. Dezember 2001, S. B6.
  • Bei Riotte immer zuerst an Musik denken – heute öffnet im St. Wendeler Museum die Ausstellung „Philipp Jakob Riotte (1776–1856) – Komponist und Kapellmeister“. In: Saarbrücker Zeitung. (Ausg. St. Wendel). 5. September 2002, S. B2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Museum der Stadt St. Wendel
  2. Museum der Stadt St. Wendel
  3. a b c Max Dietz: Riotte, Philipp Jakob. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 28, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 647 f.
  4. Notturno pour la harpe, ou piano forte, et violon, oeuvre 53 (1850).