Philomena Franz

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Philomena Franz, geborene Köhler (* 21. Juli 1922 in Biberach an der Riß) ist eine deutsche Sintizza, Auschwitz-Überlebende, Zeitzeugin und Autorin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Philomena Franz wurde in eine Musikerfamilie hinein geboren. Sie hatte sieben Geschwister. Ihr Vater Johann Köhler war Cellist, ihre Mutter Sängerin. Das Streichquartett, in dem Johannes Haag Cello spielte, hatte 1906 als Sieger eines internationalen Wettbewerbs die „Goldene Rose“ aus der Hand des württembergischen König Wilhelm II erhalten.[1]

Das Leben der Familie war eng verbunden mit der Region Hohenzollern.[2] Die Familie lebte in Rohrdorf, einem Dorf bei Meßkirch in Oberschwaben, bis sie 1935 oder 1937 ihr Haus verkauften, um nach Bad Cannstatt umzuziehen, wo die große Familie ein in der Größe passenderes erwarben.

Bis 1938 hatten die Musiker der Familie Auftritte u. a. in der Liederhalle Stuttgart, im Lido und im Wintergarten Berlin.[1][3] 1938 musste Philomena Franz wegen ihrer „rassischen“ Zugehörigkeit die Mädchenoberschule in Stuttgart verlassen.

Nachdem 1939 der „Festsetzungserlass“ gegen „Zigeuner“ in Kraft getreten war, wurden die Mitglieder der Familie erkennungsdienstlich erfasst und durften ihren Wohnort nicht mehr verlassen. Vorausgegangen war bereits - so die Erinnerung der Tochter Philomena -, dass der Familie bei einer Rückreise von Paris ihr Auto und alle Musikinstrumente abgenommen worden waren. Soweit arbeitsfähig hatten die Familienmitglieder im Rahmen des „Arbeitseinsatzes“ tätig zu werden. Es war unmöglich geworden, den bisherigen Beruf weiter auszuüben. Philomena Franz arbeitete bei der Stuttgarter Firma Haga.

Von der Arbeit in dieser Firma wurde sie deportiert. Im Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau wurde sie am 21. April 1944 mit der Häftlingsnummer Z 10.550 unter ihrem Mädchennamen registriert, für den 25. Mai 1944 ist ihr Weitertransport dort vermerkt.[4] Im Mai/Juni 1944 wurde Philomena Franz in das KZ Ravensbrück eingeliefert und dort unter der Nummer 40.307 registriert.[5]

Im Porajmos wurden ihre Eltern, Onkel, Neffen, Nichten und fünf ihrer sieben Geschwister ermordet. Einer ihrer überlebenden Brüder leistete Kriegsdienst in der Wehrmacht, bevor er verhaftet wurde.[6]

Nach der Befreiung trat sie mit ihrem späteren Mann und ihrem Bruder wieder auf, so auch in Offizierkasinos der US-Streitkräfte und bei Veranstaltungen in Ansbach und in Tübingen auf.[7][1]

Philomena Franz sieht sich, wie ihre Schriften gerade auch in den Neuauflagen bezeugen, als eine „Zigeunerin“. In ihrer Autobiografie Zwischen Liebe und Haß geht sie davon aus, dass sie damit einer Bevölkerungsgruppe angehört, die grundlegend anders ist als die Umgebungsbevölkerung es sei („Wir denken anders. Wir fühlen anders.“[8]) Damit vertritt sie eine traditionelle Auffassung, die sich mit überkommenen mehrheitsgesellschaftlichen Konstruktionen von einer antagonistischen Andersartigkeit des „zigeunerischen Wesens“ deckt und heute von vielen Roma abgelehnt wird.

Zeitzeugin und Autorin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr erstes Buch erschien 1982 und hatte den Titel Zigeunermärchen. Das mehrfach aufgelegte Buch ist für Kinder bestimmt, es enthält nicht nur von Philomena Franz erzählte Märchen sondern beansprucht zugleich, in „Sitten und Gebräuche“ der „Zigeuner“ einzuführen. Es solle, so heißt es in der zu diesem Zeitpunkt noch wenig infrage gestellten Blickweise in einem Vorwort „Verständnis für die fremdartigen Menschen wecken“.

In ihrem zweiten Buch Zwischen Liebe und Hass, Ein Zigeunerleben (1985) schreibt Franz ihre Biographie. Der unbeschwerten Jugend folgt das NS-Regime mit Schulverbot, Zwangsarbeit und die Deportation von Familienmitgliedern. Sie schildert ihre Zeit in Auschwitz sowie das „Weiterleben nach dem Nullpunkt“.[9] Das Buch ist eins der ersten von Überlebenden des Porajmos.[10]

In der Rolle der Zeitzeugin ist Franz in Bildungseinrichtungen und Medien aktiv, so häufig in Schulen, aber auch in Talkshows und Radiosendungen. Der Anlass dafür seien für sie Diskriminierungserfahrungen ihres ältesten Sohns Anfang der 1960er Jahre in einer Kölner Schule, gewesen. Ihr Sohn sei von Mitschülern als „Du dreckiger Zigeuner“ bezeichnet worden. Das sei auch der Grund gewesen, sich dem Thema „Zigeunermärchen“ zuzuwenden, die sie ebenfalls in Schulen vorträgt.[11] Da sie überlebt habe, habe sie die Verantwortung, ihre Erfahrungen als ein Opfer der NS-Verfolgung weiterzuvermitteln. Als gläubige Christin ist sie überzeugt, dass Gott sie habe überleben lassen, damit sie berichten könne.[12]

Eine Rezeption als Autorin erlebte Philomena Franz mit ihrer autobiografischen Schrift Zwischen Liebe und Haß (1985) und gelegentlich mit Zigeunermärchen (1982). Der langjährig in der Bürgerbewegung für die Roma-Minderheit aktive Marburger Literaturwissenschaftler Wilhelm Solms zitiert sie als Zeitzeugin, nennt sie aber als Repräsentantin einer Roma-Literatur oder auch nur eingeschränkt auf Sinti-Literatur selbst unter der Rubrik „Zigeunermärchen“ nicht.[13]

Der Bielefelder Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal wertet zwar „die Märchen der Romvölker“ als Einstiegstexte in eine Schriftlichkeit der Minderheit und nennt dazu mehrere europäische Länder, die „Zigeunermärchen aus Ungarn“, den schwedischen Rom Dimitri Taikon sowie die Sintizza Franz. Er gibt ihr eine „vergleichbare Rolle“ mit Dimitri Taikon, er sieht allerdings in der Märchen-Literatur auch dieser beiden Erzähler nicht unbedingt „authentische Ausdrucksformen“.[14] Diese Einschätzung verbindet ihn mit Solms. Bogdal ordnet Franz im übrigen mit ihren autobiografischen Schilderungen als Zeitzeugin ein.[15] Fälschlich bezeichnet er sie als „Schaustellerin“.[16]

Die Romanistin Julia Blandfort betont die gemeinsame Zeitzeugen-Rolle von Franz, dem Sinto Otto Rosenberg und den beiden Wiener Lovara-Roma Ceija und Karl Stojka. Sie richteten mit ihren Erinnerungen einen Appell an die Mehrheitsgesellschaft, den Genozid an den europäischen Roma anzuerkennen. Auf die Märchen geht Blandfort nicht ein.[17]

Die Germanistin Marianne C. Zwicker stellt Philomena Franz und die Lovariza Ceija Stojka nebeneinander, die sie beide mit ihren autobiografischen Texten der 1980er Jahre zum Holocaust als Pioniere der Roma-Erinnerungsliteratur sieht. Damit hätten sie große Bedeutung für die Entwicklung einer Roma-Identität („Romani identity“) gehabt. Franz' Schrift habe über die therapeutische Funktion hinaus, die das Schreiben für sie gehabt habe, von der Mehrheitsgesellschaft Raum für die Minderheit in der deutschen wie Roma-Geschichte („space in German and Romani history“) geschaffen. Als „Romani woman“ habe Franz, die wie Otto Rosenberg oder Alfred Lessing stets ihre Sinti-Zugehörigkeit betont habe, mit der Vorlage ihrer Autobiografie verlangt, dass die Geschichte der ganzen verfolgten Minderheit gehört und geschrieben werde.[18]

Im Januar 2015 war sie eine von 19 Überlebenden des KZ Auschwitz, deren Beiträge in die Titel-Reportage Die letzten Zeugen des Wochenmagazins Der Spiegel aufgenommen wurden.[19]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eigene Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zigeunermärchen, Europa-Union-Verlag, Bonn 1982. (3. Auflage Taschenbuch 1989) Auszug online
  • Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben, Herder: Freiburg im Breisgau 1985, mehrere Auflagen; Neuausgabe: Books on Demand: Norderstedt 2001, ISBN 3-8311-1619-9
  • Tragen wir einen Blütenzweig im Herzen, so wird sich immer wieder ein Singvogel darauf niederlassen, Books on Demand: Norderstedt 2012

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Albus: Philomena Franz. Die Liebe hat den Tod besiegt. Düsseldorf 1988, ISBN 3-491-79288-6
  • Marianne C. Zwicker (2009): ‘Orte erschaffen’: The Claiming of Space in Writing by Philomena Franz. In: dies: Journeys into Memory: Romani Identity and the Holocaust in Autobiographical Writing by German and Austrian Romanies. University of Edinburgh (Dissertation) S. 28-61 online

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Manuel Werner: Jugenderfahrungen der Auschwitz-Überlebenden Philomena Franz geborene Köhler. „Die Wahrheit ist schmerzlich, aber nur mit ihr können wir unser Glück aufbauen…“ Webseite der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen, abgerufen am 30. Januar 2017
  2. Philomena Franz, Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben, Norderstedt 2001, S. 15-31.
  3. Philomena Franz, Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben, Norderstedt 2001, S. 11ff.
  4. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg: Gedenkbuch: Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz Birkenau. Saur, München/London/New York/Paris 1993, ISBN 3-598-11162-2. (Dreisprachig: Polnisch, Englisch, Deutsch) S. 681f.
  5. Widerstand christlicher Frauen, Namensliste
  6. Christian Schmidt-Häuer: Häftling Nr. 10550. Ein Besuch bei Philomena Franz, die in diesen Tagen mit dem Preis der Europäischen Bewegung „Frauen Europas - Deutschland 2001“ ausgezeichnet wurde, in: ZeitOnline/DIE ZEIT Nº 11/2001, abgerufen am 30. Januar 2017
  7. Philomena Franz, Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben, Norderstedt 2001, S. 95-97.
  8. Philomena Franz, Zwischen Liebe und Haß, Freiburg 1985, S. 15.
  9. rombase: Handbuch.
  10. Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Potsdam (Hrsg.), Petra Rosenberg/Měto Nowak unter Mitarbeit von Nina Bronke/Hannah Hintzen/Ellen Jonsson u. a.: Deutsche Sinti und Roma. Eine Brandenburger Minderheit und ihre Thematisierung im Unterricht, Potsdam 2010, S. 95. online.
  11. Christian Schmidt-Häuer: Häftling Nr. 10550. Ein Besuch bei Philomena Franz, die in diesen Tagen mit dem Preis der Europäischen Bewegung „Frauen Europas - Deutschland 2001“ ausgezeichnet wurde, in: ZeitOnline/DIE ZEIT Nº 11/2001, abgerufen am 30. Januar 2017.
  12. Siehe: Philomena Franz, Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben, Norderstedt 2001, S. 95-97; Michael Albus, Philomena Franz. Die Liebe hat den Tod besiegt, Düsseldorf 1988, S. 44.
  13. Wilhelm Solms, „Kulturloses Volk“? Berichte über „Zigeuner“ und Selbstzeugnisse von Sinti und Roma (Beiträge zur Antiziganismusforschung, Bd. 4), Seeheim 2006.
  14. Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Berlin 2011, S. 471.
  15. Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Berlin 2011, S. 455, 457.
  16. Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Berlin 2011, S. 454.
  17. Siehe: Julia Blandfort, Deutsche Autoren und Genres. Mehr als ein Zigeunermärchen – die Literatur der Sinti und Roma, Goethe-Institut e. V. April 2012.
  18. Marianne C. Zwicker (2009): ‘Orte erschaffen’: The Claiming of Space in Writing by Philomena Franz. In, dies: Journeys into Memory: Romani Identity and the Holocaust in Autobiographical Writing by German and Austrian Romanies. University of Edinburgh (Dissertation) S. 62, passim.
  19. Der Spiegel: Mich hat Auschwitz nie verlassen, N. 5, 24. Januar 2015, 50-69