Phonogrammarchiv

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Phonogrammarchiv
Gründung 1899 als Wissenschaftliches Schallarchiv
Trägerschaft Österreichische Akademie der Wissenschaften, Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation (STB)
Ort Wien, Österreich
Direktor Helmut Kowar
Mitarbeiter ca. 20
Website www.phonogrammarchiv.at (ex www.pha.oeaw.ac.at)

Das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist ein Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Wien. Es wurde 1899 als wissenschaftliches Schallarchiv gegründet und ist das älteste audiovisuelle Archiv der Welt.

Die Bestände umfassen derzeit (Stand 2012) etwa 71.000 Einzelaufnahmen, mit einer Gesamtdauer von rund 12.500 Stunden, davon ca. 1.400 Stunden Videomaterial.[1] 1999 wurden die Historischen Bestände (1899–1950) des Phonogrammarchivs (Stimmporträts, ethnologische Sammlungen Pöch, Dirr, Trebitsch, Idelsohn, u. a.)[2] in das Weltregister Memory of the World der UNESCO (Weltdokumentenerbe) aufgenommen.[3]

Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Tätigkeit umfasst die Bewahrung, Herstellung, Sammlung, Erschließung und Bereitstellung von wissenschaftlichen Schall- und Videoaufnahmen ohne disziplinäre oder regionale Einschränkung. Seit September 2001 schließt der Tätigkeitsbereich auch die Archivierung und Bewahrung videographischer Forschungsdokumente ein. Bei etwa der Hälfte der Bestände handelt es sich um ethnographische Feldaufnahmen.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Gründung des Phonogrammarchivs gilt die Einsetzung der Phonogramm-Archiv-Kommission durch die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften am 27. April 1899.[5] An der Gründung beteiligt waren unter anderem der Physiologe Siegmund Exner-Ewarten, der auch der erste Obmann der Phonogrammarchivs-Kommission wurde.

Das Phonogrammarchiv sammelte seit seiner Gründung gemäß seiner Bestimmung durch die Akademie sowohl Sprachaufnahmen (Stimmportraits) als auch Musikstücke. Man legt besonderen Wert auf eine umfangreiche Dokumentation. Jede Aufnahme wird in der Regel durch ein ausführliches Protokoll ergänzt, das unter anderem Informationen über die aufgenommenen Personen, die Begleitumstände der Aufnahme sowie technische Angaben enthält.

Ein Hauptaugenmerk scheint anfangs auf außereuropäischen Sammlungen gelegen zu haben, obwohl Österreich keine Kolonien hatte. Österreichische Volksmusik ist zumindest nicht der einzige Sammlungsschwerpunkt. So kam es u. a. zu folgenden frühen Sammlungen:[6]

  • der Botaniker Richard Wettstein macht 1901 Aufnahmen von Guarani-Indianern
  • der Meteorologe Felix Maria von Exner-Ewarten, Sohn des ersten Obmanns der Phonogrammarchiv-Kommission Siegmund Exner-Ewarten, machte 1904–05 Aufnahmen in Indien
  • der Arzt und Anthropologe Rudolf Pöch machte Aufnahmen 1904–06 in Neuguinea und 1908 bei den damals als Buschmännern bezeichneten Khoisan in der Kalahari
  • ferner nahmen 1909 der Sprachforscher und Ethnologe Adolf Dirr im Kaukasus sowie der Sprachforscher (Finno-Ugrist) Gustaf John Ramstedt (1873–1950) und der Missionar Pater Joseph van Oost in der Mongolei auf, im gleichen Jahr machte der Kantor und Musikforscher Abraham Zvi Idelsohn Aufnahmen hebräischer liturgischer Gesänge
  • von Rudolf Trebitsch stammen Aufnahmen aus Grönland (1906), von den keltische Minoritäten Europas (1907–1909), den Basken (1913)

Ein weiterer Kern der frühen Bestände ist die Sammlung Stimmporträts, der von der Österreichischen Mediathek (gegründet 1960) fortgeführt wird. Hierunter sind die bekannten Aufnahmen etwa von Kaiser Franz Joseph.

Die Gründung des Phonogrammarchivs fällt zeitlich mit dem Beginn der Vergleichenden Musikwissenschaft in Österreich zusammen. 1886 hatte Richard Wallaschek Ästhetik und Tonkunst veröffentlicht und war anschließend nach London gegangen, wo er sich mit verschiedenen musikalischen Problemen beschäftigte. Dort veröffentlichte er 1893 Primitive Music.

In Österreich hatte sich Eduard Hanslick 1856 habilitiert, war seit 1861 außerordentlicher und seit 1870 ordentlicher Professor. Er emeritierte im Jahr 1895, seinen Lehrstuhl übernahm Guido Adler, der sich 1882 mit einer Studie zur Harmonie an der Universität Wien habilitiert hatte. Wallaschek kehrte nach Wien zurück und habilitierte sich dort 1896 für Musikwissenschaft (Musikästhetik), also auf dem Gebiet Hanslicks. Dieses Jahr gilt deswegen auch als der Beginn der Vergleichenden Musikwissenschaft in Österreich.[7]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bestände an Ton- und Videodokumenten, phonogrammarchiv.at
  2. Frühe Sammlungen - Memory of the World: Das älteste audiovisuelle Archiv der Welt, phonogrammarchiv.at
  3. The Historical Collections (1899 -1950) of the Vienna Phonogrammarchiv, unesco.org: List of registered heritage
  4. Jennifer Post (with David A. Threasher): Sound archives. §7: Europe: Austria, Grove Music Online ed. L. Macy, abgerufen 04-05-2008
  5. Walter Graf: Die vergleichende Musikwissenschaft in Österreich seit 1896. In: Yearbook of the International Folk Music Council, Vol. 6, 1974, S. 15–43.
  6. Die Beispiele werden bei Walter Graf, 1974, S. 24. genannt. Eine ähnliche Liste bietet der New Grove, hg. S. Sadie.
  7. Walter Graf, 1974, S. 16.