Pierre Nora

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Pierre Nora (* 17. November 1931 in Paris) ist ein französischer Historiker, der unter anderem für seine Arbeiten über die französische Identität und für seine Verdienste in den Sozialwissenschaften bekannt ist. Sein Name wird oft mit der Disziplin Mentalitätsgeschichte in Verbindung gebracht.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nora ist Sohn einer bürgerlichen nicht-praktizierenden jüdischen Familie, er selbst gibt an, „keinerlei religiöses Empfinden“ zu haben.[1]

Nora studierte zunächst am renommierten Lycée Louis-le-Grand im Quartier Latin in Paris, besuchte danach aber nicht – wie oft zu lesen ist – die École normale supérieure. Auf der Universität erwarb er schließlich eine Licence in Philosophie. Nach seiner Agrégation d’histoire arbeitete er bis 1960 als Gymnasiallehrer in Oran (Algerien). Seit 1977 ist er Studienleiter an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales.

Gleichzeitig war Pierre Nora sehr erfolgreich und später auch einflussreich im Verlagswesen, zumal er seit 1965 beim renommierten Verlag Éditions Gallimard tätig ist. 1980 gründete er bei Gallimard zusammen mit dem Philosophen Marcel Gauchet die Zeitschrift Le débat, welche in der Nachfolge von Les Temps Modernes schnell zu einer der wichtigsten intellektuellen Zeitschriften Frankreichs wurde. 2001 wurde er zum Mitglied der Académie française gewählt, in die er am 6. Juni 2002 feierlich aufgenommen wurde.

2014 wurde Nora mit dem Dan-David-Preis ausgezeichnet.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pierre Nora setzt sich stets kritisch mit der französischen Geschichte und der kollektiven Identität der Franzosen auseinander. Bedeutung erlangte seine Idee vom „lieu de mémoire“, dem Erinnerungsort, womit er die Vorstellung verbindet, dass sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe (für Nora in der Regel die französische Nation) an bestimmten Orten kristallisiert. Der Begriff Ort ist dabei nicht geographisch zu verstehen; in jedem Fall besitzt solch ein Ort eine besondere Symbolkraft, die für die jeweilige Gruppe eine identitätsstiftende Funktion hat.

Auf deutsch erschienen Auszüge aus seinem siebenbändigen Werk Les Lieux de mémoire 1990 unter dem Titel „Zwischen Geschichte und Gedächtnis“. Die Initiative zu dieser Übersetzung ging von dem Publizisten und Historiker Ulrich Raulff und dem Verleger Klaus Wagenbach aus.[2] Längere Auszüge wurden 2005 unter dem Titel Erinnerungsorte Frankreichs veröffentlicht.

Nora gehörte über Jahre weniger durch seine eigenen Werke, als durch seine Position des Herausgebers zu den einflussreichsten Historikern Frankreichs. So war er für die Edition einiger heute als wegweisend angesehener Titel verantwortlich, etwa von Raymond Aron, Michel Foucault oder Jacques Le Goff. Außerdem sorgte er für die Übersetzung von in Frankreich bis dahin weitgehend unbekannten deutschsprachigen Autoren wie Ernst Kantorowicz, Thomas Nipperdey oder Karl Polanyi. Einige seiner Entscheidungen stießen auf Unverständnis, so weigerte er sich in den 1990er Jahren wegen der marxistischen Orientierung des Autors, die französische Übersetzung von Eric Hobsbawms „Zeitalter der Extreme“ zu veröffentlichen. Das Buch erschien schließlich in einem Brüsseler Verlag.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

in französischer Sprache (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Les Français d’Algérie (Julliard).
  • Vincent Auriol. Journal du Septennat 1947–1954 (Armand Colin).
  • Faire de l’histoire (Gallimard).
  • als Herausgeber und Verfasser des Vorworts: Essais d’ego-histoire. Gallimard, Paris.
  • Les Lieux de mémoire (Gallimard).

in deutscher Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (Hrsg.) Erinnerungsorte Frankreichs. Beck, 2005, ISBN 978-3-406-52207-9.
  • Gaullisten und Kommunisten. In: ders. (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 214–252.
  • Das Zeitalter des Gedenkens. In: ders. (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 543–575.
  • (Hrsg.) Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Fischer, 2001, ISBN 978-3-596-12295-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marie-Françoise Masson: Pierre Nora, une mémoire d'historien In: La Croix. 23. April 2010.
  2. Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005, S. 8.