Pietro Tradonico

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Pietro Tradonico (* vielleicht in den 780er Jahren in Pola; † 13. September 864 in Venedig), in den zeitnahen Quellen Petrus Tradonicus, später auch Trandominico oder Trundomenico, war nach der historiographischen Tradition der Republik Venedig deren 13. Doge. Er regierte von 836 bis 864, wobei gegen Ende seiner Herrschaft starke innere Spannungen zwischen den führenden Familien aufkamen, die letztlich zu seiner Ermordung führten. Als Mitdoge, eine Institution, die zu dieser Zeit häufig war, regierte fast von Anfang an und bis ein Jahr vor Petrus' gewaltsamem Ende sein Sohn Iohannes.

Hingegen nahmen die bis dahin starken Einwirkungen der Karolinger und der byzantinischen Kaiser so weit ab, dass mit ihm der Beginn der Emanzipation Venedigs von Byzanz angesetzt wird. Auch die Etablierung eines unabhängigen Dukats, ab 840/41 vertraglich mit den Karolingern abgesichert, und die Entstehung von Venedigs Vorherrschaft als Seemacht im östlichen Mittelmeerraum, wo Byzanz gegen islamische Staaten und das Erste Bulgarische Reich an Macht einbüßte, aber auch mit den Paulikianern eine starke, als häretische Gruppe betrachtete Gruppe bekämpfte, wird mit seiner Amtszeit verknüpft.

Sein Nachfolger wurde Ursus, ein Angehöriger der Familie der Particiaco, die bereits von 809 bis 836 geradezu als Dynastie geherrscht hatte und nunmehr erneut Gelegenheit erhielt, diese Herrschaftsform bis 932 durchzusetzen. Ihnen waren die Galbaii mit entsprechenden Versuchen vorausgegangen, die Candiani folgten ihnen nach.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pietro Tradonico entstammte einer Familie, die ursprünglich aus dem istrischen Pula stammte, und sich in Equilio, dem heutigen Jesolo, und später auf der Insel Rialto angesiedelt hatte, die seit etwa 811 Sitz des Dogen war. Möglicherweise kam er als Kandidat vor allem deshalb in Betracht, weil seine Familie nicht zu denen gehörte, die sich beim Streit um die Errichtung einer Dynastie durch die Particiaco-Familie hervorgetan hatte, und somit als neutral gelten konnte.[1] Im Kampf um die Errichtung einer Dynastie, der über Jahrhunderte Venedigs Geschichte prägte und die einflussreichen Familien immer wieder gegeneinander aufbrachte, und der sie nach externen Verbündeten und Fürsprechern suchen ließ, spielten die Tradonico, auch wenn ein Karolingerkaiser des Dogen Enkel (oder seine Enkelin) aus der Taufe hob und sein Sohn Mitdoge war, keine Rolle. Der Großvater Piero wurde ermordet, der Sohn Iohannes starb kurz vor Piero, über den Verbleib des Enkelkindes berichten die Quellen nichts. Der Name Tradonico wurde später vielfach mit dem der Adelsfamilie Gradenigo identifiziert.

Leben und Herrschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Münze aus der Zeit Ludwigs des Frommen (814–840)

Mit Piero Tradonico wurde die Reihe der Particiaco-Dogen unterbrochen, die seit 809 Amtsinhaber gewesen waren. Dass der neue Doge Analphabet war und Dokumente mit einem signum manus (lat.; „Hand-Zeichen“) unterzeichnete, teilte er mit anderen Herrschern seiner Zeit. Fast unmittelbar nach der Wahl wurde sein Sohn Iohannes zum Mitdogen erhoben.

Um 838 oder 839 – Andrea Dandolo nennt das 3. Jahr seiner Herrschaft – unternahm er erfolgreiche Feldzüge an die Küste Dalmatiens zu den Narentanern, die mit ihren wiederholten Überfällen auf venezianische Schiffe den Seehandel in der Adria störten. Mit deren Führern Mislav und Drosaico schloss er Friedensverträge. Ein weiterer Kriegszug gegen die Seeräuber blieb jedoch ohne Erfolg, im Gegenteil verstärkte sich deren Macht mit dem gleichzeitigen Vordringen der Sarazenen, wie man die islamisierten Berber und Araber nannte, in die nördliche Adria in den 840er Jahren weiter. Wie die um 1000 entstandene Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus berichtet, bauten die Venezianer auf Anordnung des Dogen zwei große Kriegsschiffe nach bis dato nicht gebräuchlichem, griechischem Vorbild, wie im 14. Jahrhundert Andrea Dandolo berichtet, um die Lagune vor dem gefürchteten Eindringen von Sarazenen oder Slawen zu schützen (Ist. Ven. II, 54). Thietmar von Merseburg schreibt, dass solche von Thietmar salandrie genannten Schiffe 150 Mann Besatzung trugen (Chronicon III, 23).[2]

Kaiser Theophilos und sein Hofstaat, Bilderhandschrift des Skylitzes, ursprünglich in den 1070er Jahren angefertigt; illustrierte Kopie von etwa 1150 bis 1175, entstanden im Umkreis des normannischen Königshofs in Palermo, Biblioteca Nacional de España in Madrid, fol. 42v
Massaker im Jahr 843/44 an Paulikianern auf Befehl der Kaiserin Theodora II., der Ehefrau des Theophilos, dargestellt in ders. Handschrift, fol. 69. Die Paulikianer wurden von den Kaisern der Amorischen Dynastie als Häretiker verfolgt; sie erkannten schließlich den Kalifen von Bagdad als Schutzmacht an.

Zur gleichen Zeit eroberten im Osten des Byzantinerreiches arabische Armeen die Städte Ankyra und Amorion tief im Kernraum des Reiches. Die Paulikianer gründeten einen eigenen Staat und eroberten in Reaktion auf die staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen Teile Kleinasiens im Bunde mit arabischen Mächten. Daher blieb Venedig ohne byzantinischen Schutz. Kaiser Theophilos suchte seinerseits am Hof Ludwigs des Frommen um Hilfe nach, ja, sogar beim Umayyadenhof von Córdoba, um gegen die Sarazenen vorzugehen, die seit 827 auch Sizilien zu erobern begonnen hatten. Als die Sarazenen begannen, ab etwa 839 Apulien zu erobern, ersuchte er auch in Venedig um Hilfe. Zu Verhandlungen hielt sich der Patricius Theophilos ein Jahr in Venedig auf. Der Doge ließ seinen Sohn Iohannes 840 einen Flottenzug gegen die Sarazenen Süditaliens führen, die versuchten, sich im Zuge ihrer Expansion in Bari und Tarent dauerhaft festzusetzen. Dafür wurde er vom Kaiser mit dem hohen Titel spatharios ausgezeichnet. Doch die gemeinsame byzantinisch-venezianische Flotte erlitt eine verlustreiche Niederlage und Piraten raubten nun auch in der oberen Adria. 842 erlitt die venezianische Flotte dort eine weitere Niederlage vor der Insel Sansego. Damit drohte der Handel in der Adria abzureißen, die Lagune selbst war bedroht.

Von ähnlich einschneidender, aber dauerhafterer Wirkung für die Geschichte Venedigs war die Unterzeichnung des Pactum Lotharii vom 23. Februar 840, in dem Kaiser Lothar I. die Unabhängigkeit Venedigs und dessen Herrschaft über die Lagune bis zum Meer (lat. ad aquas salas, dt. „bis zum Salzwasser“) anerkannte. In einem weiteren Pactum erkannte der Kaiser im September 841 die Grenzen Venedigs in dem Umfang an, wie sie Karl der Große mit Byzanz ausgehandelt hatte. Dies hing damit zusammen, dass die Söhne Ludwigs des Frommen, der 840 gestorben war, um ihren Anteil am Reich kämpften. Am 23. März 856 bestätigte Lothars Nachfolger in Italien, Ludwig II., den Vertrag, was den Abmachungen endgültig Dauerhaftigkeit verlieh.

Die zunehmende Unabhängigkeit zwischen den Kaiserreichen machte sich auch an anderen Stellen bemerkbar, ebenso wie ein wachsendes Selbstbewusstsein. So wurden in Venedig zwischen 855 und 880 die ersten Münzen mit der Umschrift „Criste salva Venecias“ auf dem Revers[3] geprägt. Auf dem Avers findet sich, entsprechend der Tradition, dabei weiterhin die Umschrift „Deus conserva Romanorum Imperium“.[4] Der Doge war nun in Dokumenten nicht mehr Herr über die Provincia Veneta, wie seine Vorgänger, sondern über den Ducatus, er erkannte den byzantinischen Kaiser nicht mehr als Dominus noster, sondern nur noch als Dominus an. Die Datierung erfolgte nicht mehr nach byzantinischen Gepflogenheiten, sondern nach dem westlichen annus domini. Er selbst war Doge durch die Gnade oder die Hilfe Gottes (dei gratia oder deo auxiliante dux).

Um 860 — die Angaben in der Geschichtsschreibung weichen hier um einige Jahre voneinander ab – wurde Ludwig II. mit seiner Frau Angilberga im Kloster S. Michele in Brondolo von den beiden Dogen empfangen. Das Paar war für drei Tage Gast im Haus der Dogen und wurde Taufpate eines Kindes des jüngeren Dogen, wie Andrea Dandolo und andere, vor allem spätmittelalterliche Chronisten berichten. Formal entsprach das Treffen einer Begegnung zwischen gleichrangigen Souveränen. Ludwig erkannte dadurch Venedig als unabhängiges Herrschaftsgebiet an. Etwas verklausuliert heißt es zum Zweck des Treffens: „ad dilectionis seu pacis vinculum corroborandum“.[5]

Um 863 starb Pietros Sohn Iohannes. In den darauffolgenden Unruhen und Fraktionskämpfen warf man dem alten Dogen Ungerechtigkeit und Anmaßung vor, auch die Tatsache, dass er sich eine Leibgarde hielt, mag das Misstrauen verstärkt haben. Am 13. September 864 wurde er beim Verlassen der Kirche San Zaccaria von einer Gruppe Verschwörer ermordet.

Die besagte Leibwache des Dogen – eine bis dahin nicht existierende Einrichtung –, die wohl aus kroatischen Sklaven oder Dienern bestand, setzte sich im Dogenpalast fest, der zu dieser Zeit noch stark befestigt und mit Türmen ausgestattet war. Sie forderte die Bestrafung der Mörder. Möglicherweise befürchtete man wegen der bereits begonnenen Straßenkämpfe ein Eingreifen durch die Großmächte der Zeit, durch Franken oder Byzantiner also, so dass in Eile ein dreiköpfiges Gericht ernannt wurde. Fünf Verschwörer wurden gehenkt, vier nach Konstantinopel verbannt, während es anderen gelang, Venedig unbehelligt zu verlassen. Die Leibwache wurde auf der Insel Poveglia angesiedelt. Dort verblieben ihre Nachkommen bis zum Chioggia-Krieg an Ende des 14. Jahrhunderts, als sie in die Gemeinde Sant'Agnese in Dorsoduro umgesiedelt wurden.[6] Die Volksversammlung wählte nach dieser Einigung wieder einen Particiaco, nämlich Ursus I., zum neuen Dogen.

Pietro Tradonico wurde im Atrium von San Zaccaria bestattet.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen des Dogen „Pietro Tradomenegi“, historische Rückprojektion des 17. Jahrhunderts

Im Chronicon Altinate oder Chronicon Venetum, einer der ältesten venezianischen Quellen, die um 1000 entstand, erscheint der Doge mit dem Namen und der Amtsdauer „Petrus dux Trundominico ducavit ann. 23“ „et interfectus est intra çenobium sancte Çacharie in die vigilia exaltacione sancte crucis, ora vespertina“, er wurde also in San Zaccaria ermordet.[7] Bei Martino da Canale, der zwischen 1267 und 1275 schrieb, heißt er „Piere Trundomenche“ (XIII).

Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der Herrschaft des Petrus Tradonicus, der nicht zu einer der dynastiebildenden Familien, wie den Particiachi oder Galbaii gehörte, in mehrfacher Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung (in diesem Falle der Frage der gestörten, äußerst konflikthaften Dynastiebildung, aber auch der Rolle der Volksversammlung), den inneren Auseinandersetzungen zwischen den possessores (repräsentiert in den Familiennamen), also der sich immer mehr abschließenden Gruppe der Besitzenden, die zugleich die politische Macht besetzten, aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Lagune (der zunehmenden Bedeutung Rialtos, der schwindenden von Malamocco und Eraclea), der Adria und im östlichen Mittelmeerraum sowie in Italien. Dabei standen die Fragen nach der Souveränität zwischen den übermächtigen Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, stets im Mittelpunkt.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, sehr persönlichen Ebene dar, was den Dogen noch einmal größere individuelle Macht zuwies.[8] Der Doge, der laut Verfasser „XXVIIII“ Jahre regierte, also 29 Jahre, heißt dort „Pietro Trandominico“, auch „Piero“. Demnach wurden er und sein Sohn Iohannes von der Volksversammlung zu Dogen gewählt, sofern man dies aus den Worten „[con][9] consentimento del povolo“, etwa: mit Einverständnis des Volkes, entnehmen kann. Wegen seiner Erfolge gegen „Sclavi“ und „Narantani“ wurde der Sohn des Dogen von dem 840 bis 841 in Venedig anwesenden byzantinischen Patrizius Theodosios mit großen Ehren ausgestattet. Mit 60 Schiffen fuhr Iohannes gegen die Sarazenen von Tarent, doch unterlag die Flotte, so dass die Piraten im Gegenzug bis nach Dalmatien und die Romagna plündern konnten. Andererseits griff die venezianische Flotte mit Erfolg in Streitigkeiten zwischen den Herrschaften am Gardasee und von Verona ein. Eine dort gebaute neue Flotte fiel den Bergamaskern, die herzugeeilt waren, in den Rücken. Die Gefangenen zwang der Doge in Venedig zum Treueid. Einige, die besonders groß waren, ruderten fortan die Prachtschiffe, allen voran den Bucintoro, das Schiff des Dogen. Nach dem Tod seines Sohnes Iohannes, der in San Zaccaria beigesetzt wurde, machte sich der Doge bei allen verhasst, da er mit seiner persönlichen Wachtruppe viel Unrecht gegen Viele beging. Als nun „meser Domenego“ zum neuen Bischof von Venedig erhoben wurde, lehnte der Doge dessen Wahl ab (was, wie Roberto Cessi zeigte, nicht durch ihn, sondern durch den späteren Dogen Pietro Tribuno geschah). Doch setzte sich das Volk gegen seinen Willen durch und holte den Kandidaten aus dem Palast des Dogen. So gelangte er ins Amt. Schließlich wurde der Doge in San Zaccaria, obwohl er von seinen „Servi“ umgeben war, von einem „Stephano da lo Sablon et uno Dimiccio Chalebraxin cum uno Piero Cenerro“ an ein Portal gefesselt bis er tot war. Nun verlangten die Diener Rache, und fast wäre es zum Gefecht gekommen, wenn sich nicht der Bischof dazwischengestellt hätte. Die Diener, so der Vorschlag des Klerikers, sollten unbehelligt bleiben und nach Malamocco übersiedeln können, um dort Grundstücke, Kanäle und Fischrechte zu erhalten. Die Abmachung wurde durch Rechtsspruch eines Iudex bestätigt, um dann für immer Gültigkeit zu besitzen. Der Ort, an dem ihre Nachkommen bis in die Zeit des Verfassers der Chronik lebten, so der Autor selbst, hieß inzwischen „Poveia“, die heutige Insel Poveglia.

Ähnliches berichtet Pietro Marcello. Er führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de'prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen im Abschnitt „Pietro Tradonico Doge XIII.“[10] Marcello schildert aber die Niederlage gegen die Sarazenen von Tarent in der unteren Adria, die im Gegenzug in der oberen Adria venezianische Schiffe kaperten, die aus Syrien zurückkamen, weit ausführlicher. Auch meint er, die Narentaner seien durch die Niederlage wieder ermutigt worden, ihrerseits zu rauben. Dies führte sie bis Caorle. Auch schildert er, wie Papst Benedikt, der Venedig besuchte, eine große Zahl von Reliquien mitbrachte. In der Lagune stritten sechs große Familien um die Vorherrschaft, die zwei Fraktionen angehörten. Auf der einen Seite standen die Giustiniani, Bolani und Basegi, auf der anderen die Barbolani, Seli und Sevoli. Nach militanten Auseinandersetzungen wurden die Barbolani aus der Stadt verbannt. Kaiser Ludwig, zu dem sie sich flüchteten, setzte sich zu ihren Gunsten ein, so dass sie zurückkehren konnten. Der Doge wurde im Zuge dieser Auseinandersetzungen während der Messe in San Zaccaria von Verschwörern „grausam in Stücke gerissen“. „Per fare vendetta“ wurden drei Männer gewählt, die einige der Verschwörer ins Frankenreich („in Francia“) und nach Byzanz („in Grecia“) verbannten.

In der Übersetzung der Historia Veneta des Alessandro Maria Vianoli, die 1686 in Nürnberg unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,[11] hieß der Doge „Petrus Tradonicus, der Dreyzehende Hertzog“. Wie Marcello schildert er, wie die „Kirche deß Heil. Pauli mit grossem Unkosten aufgebauet“ wurde. Bei ihm wurden die Gefangenen, die sie bei der militärischen Unterstützung Veronas gemacht hatten, jedoch nach Roveggia geschickt. Ebenso wenig verschweigt er aber die Niederlage gegen „Saracenen und Mohren“. Bei ihm war die Flotte auf Ersuchen des „Orientalischen Kaysers Michaels“ ausgefahren, doch gerieten die vereinten Flotten bei Croton in einen Hinterhalt. Nach der Niederlage der Byzantiner wehrten sich die Venezianer „doch eine Zeitlang gantz mannhafft und ritterlich“, doch mussten sich schließlich die Überlebenden in Gefangenschaft begeben. Bei Triest nahmen die Sarazenen im Gegenzug eine aus „Sirien“ zurückgekehrte Handelsflotte und töteten die Besatzung. Schlimmer noch jedoch waren die Kämpfe innerhalb der Stadt zwischen den besagten sechs Familien, denen schließlich auch der Doge zum Opfer fiel.

1687 schrieb Jacob von Sandrart in seinem Werk Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig ebenfalls, wenn auch sehr lakonisch: „Im Jahre 836. ward erwehlet zum (XII.) andere setzen zum XIII.) Hertzoge Petrus Tradonicus“.[12] „Dieser kam dem Constantinopolitanischen Kayser Michaël wider die Saracenen/ so in Apulien eingefallen waren/mit einer Flotte von 60 Galeeren zu Hülffe/ und war deswegen von dem Kayser mit der Würde eines Ober-Hof-Marschalls begabet / welcher umb selbige Zeit Protospatharius genennet ward / und der nächste nach dem Kayser war.“ Unmittelbar danach wechselt er zur Ermordung des Dogen, ein Ereignis, „welches einige umb das 900. andere umb das 864. Jahr geschehen zu seyn setzen“ (S. 19 f.). Seine Anhänger verschanzten sich nach der Ermordung des Petrus Tradonicus im Dogenpalast, doch mussten sie sich nach dreißig Tagen Belagerung ergeben. Zu dieser Zeit, so der Autor, wurden erstmals „drey Fiscalen (Avogadori di Comun)“ eingesetzt. Sie erhoben Anklage gegen die Rebellen, aber auch gegen die Dogenmörder.

Nach Johann Friedrich LeBret, der ab 1769 in seiner vierbändigen Staatsgeschichte der Republik Venedig seine Leserschaft mit seinen phantasievollen Rückprojektionen unterhielt, die vielfach die lakonischen und schwer zu deutenden Quellen „ergänzten“,[13], handelte es sich bei „Peter Tradonico“ um einen „feurigen und kriegerischen Herrn, der seiner Nation auswärts zu thun gab, damit sie in dem Staate selbst nicht viel Zeit hätte, an Zerrüttungen zu gedenken.“ Mit den Narentanern fing der neue Doge im 3. Jahr seiner Herrschaft einen Krieg an, „der wohl hundert und siebenzig Jahre währete“. Ein „Tirpinus“ hatte seine Macht an den Küsten und bis zur Donau ausgebreitet. Nach seinem Tod wurde das Land der „Croaten“ geteilt, nämlich unter „Vetussclavus und Diodurus“. Nach dem Verfasser plünderten sie Caorle. Als die venezianische Kriegsflotte erschien, erklärten sich die lokalen Fürsten zum Friedensschluss bereit. Ähnliches gelang mit den Narentanern. Trotz der folgenden Niederlage gebühre dem Dogen das Verdienst, so LeBret, „auf der adriatischen See, wo die Griechen fast gar nichts mehr thaten“, das Meer von den Piraten zu „reinigen“ (S. 165).

In den Lexika wurde im Allgemeinen auch je ein knapper Artikel den 120 traditionellen Dogen gewidmet, wie etwa im 1835 erschienenen Dizionario Enciclopedico delle Scienze, Lettere ed Arti von Antonio Bazzarini.[14] Doch waren diese vielfach fehlerbehaftet, die Hintergründe waren den Verfassern nicht immer geläufig. So wird in diesem Werk behauptet, Pietro Tradonico sei in einer Wahl gegen seinen Vorgänger „Giovanni Partecipazio“ angetreten. Wenig später sei ihm sein Sohn als „collega“ beigegeben worden („gli fu dato per collega“). 864 sei er von einigen verschworenen Adligen ermordet worden, und daher wurde – da sein Sohn bereits zuvor gestorben war –, Orso Partecipazio zu seinem Nachfolger gewählt.

Büste des Samuele Romanin im Panteon Veneto des Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Marmor, ein Werk von Augusto Benvenuti, entstanden 1896

Samuele Romanin räumte „Pietro Tradonico“ 1853 im ersten Band seines zehnbändigen Opus' Storia documentata di Venezia volle 17 Seiten ein.[15] Nach Romanin wurde nach der Absetzung des „Giovanni Partecipazio“ die Volksversammlung auf den Lido di San Nicolò einberufen. Der neue Doge sollte als erstes die Piraterie bekämpfen, was ihm zunächst auch gelang. Die Herrscher der Kroaten und Narentaner, Miroslao und Drosaico, verpflichteten sich, Frieden zu halten. Doch Turpimiro, der Nachfolger des Narentaners, der ermordet worden war, zwang den Dogen zu einer neuen Expedition. Aber diese blieb ohne Erfolg. „In derselben Zeit“ suchte Kaiser „Teofilo“ erneut die Unterstützung (‚assistenza‘) der Venezianer gegen die Sarazenen, die noch eine größere Gefahr darstellten. Dieser doppelten Bedrohung mussten sich die Venezianer im Interesse der Christenheit – schließlich galten die Slawen als Heiden – stellen. Venedig stellte dazu 60 Schiffe bereit. Romanin vermutet, es habe sich um Dromonen mit je 200 Mann Besatzung gehandelt, was einer Gesamtbesatzung von 12.000 Mann entsprochen hätte. Nach dem Sieg der Sarazenen über die vereinten Flotten der Venezianer und des Kaisers zündeten sie nicht nur „Ossaro“ an, sondern auch Ancona, und sie erschienen sogar vor Adria und kaperten heimkehrende Venezianerschiffe. In diesen Zusammenhang der Kämpfe und des Handelsrückgangs stellt Romanin die Initiative zur Verbesserung der oberitalienischen Beziehungen, insbesondere das Pactum Lotharii mit Kaiser Lothar I. Dieses älteste Dokument venezianischer Diplomatie untersagte jedes Eindringen in venezianisches Gebiet, das auf der Grundlage früherer Abmachungen, nämlich von Verträgen des ersten Dogen und des „Marcello maestro dei militi“ umschrieben wurde. Venezianer durften nicht mehr erworben und verkauft, alle flüchtigen Sklaven sollten ausgetauscht werden. Gesandte und Boten (‚ambasciatori‘) sollten geschützt, die jeweiligen Feinde nicht unterstützt, die gemeinsamen Feinde, die Slawen, bekämpft werden. Der venezianische Handel sollte nur noch mit Blick auf Pferde beschränkt sein, vorausgesetzt der Zoll, das Quadragesimum, wurde entrichtet, das einem Vierzigstel der Ware entsprach. Die Venezianer durften Holz in den fränkischen Wäldern schneiden, vorausgesetzt, sie führten keine ganzen Bäume aus. Den fränkischen Händlern sollte auch der Handel über See gestattet sein. Da es früher zu anderen Deutungen des Pactums gekommen war, edierte Romanin die Quelle (auf S. 356–361). Auch hinsichtlich des Grenzvertrages, den Romanin in die Jahre 844/45 datiert, den Venedig mit dem frisch gekrönten Ludwig abschloss, kam der Verfasser zu anderen Schlussfolgerungen (S. 177). Nach der Niederlage seiner Flotte gegen die Tarentiner Sarazenen vor Sansego plünderten auch slawische Schiffe wieder bis Caorle. Angeblich bauten die Venezianer zum Schutz ihrer Lagune nun zwei Schiffe so groß, wie sie noch nie gesehen worden wären. Der neue Kaiser Ludwig II. wollte nebst seiner Frau Engilberga Venedig besuchen. Das Paar wurde in Brondolo vom Dogen und seinem Sohn empfangen und zu seiner Unterkunft im Kloster San Michele begleitet. Es hielt sich drei Tage in der Stadt auf, und der Kaiser wurde sogar Taufpate eines der Söhne des Iohannes – immerhin merkt Romanin in einer Fußnote an, Johannes Diaconus berichte nur vom Empfang in Brondolo, während Andrea Dandolo vom mehrtägigen, glanzvollen Aufenthalt weiß. Schließlich kommt Romanin als dritte christenfeindliche Gruppe auf die Wikinger zu sprechen, die gleichfalls im Mittelmeer erschienen, und die angeblich alles Christliche hassten – ihrem Tun widmete der Autor mehr als eine Seite, ohne einen Bezug zu Venedig aufzuzeigen. Schließlich kommt er auf die internen Streitigkeiten zu sprechen, den Riss zwischen den beiden Fraktionen und den je drei führenden Familien. Nach Romanin wurden gleich drei Familien verbannt, nämlich die „Istolii“, Selvi und Barbolani, doch kehrten sie durch kaiserliche Vermittlung zurück. Die Ermordung des Dogen geschah „kaum ein Jahr“ nach dem Tod seines Sohnes Iohannes. Zwei weitere Ereignisse gehören nach Romanin zur Herrschaft des Tradonico, nämlich die Flucht Benedikts III. aus Rom nach Venedig, genauer gesagt nach San Zaccaria, dem er die Reliquien der Heiligen Pankratius und Sabina übereignet haben soll. Doch in Romanins Augen handelt es sich dabei um eine fromme Legende (S. 184). Ebenso für eine Erfindung hält Romanin die Überlieferung, nach der die Äbtissin Morosini dem Dogen die erste Dogenmütze überreicht haben soll. Im Gegenteil entstand diese Kopfbedeckung erst sehr viel später. Sie taucht erstmals unter dem Namen zoja in einer Promissione des Jahres 1339 auf (S. 185).

August Friedrich Gfrörer († 1861) glaubte in seiner, erst elf Jahre nach seinem Tod erschienenen Geschichte Venedigs von seiner Gründung bis zum Jahre 1084, die Eltern des Dogen seien von Pola nach Iesolo übergesiedelt,[16] wobei auch er sich wieder auf die Chronik Dandolos stützt, nicht auf die des Johannes Diaconus. Dabei sieht Gfrörer als Triebkraft für die Wahl des Dogen, die Absicht, zu verhindern, dass die „Participazzo“ das Dogenamt zu ihrem „Erbeigenthum“ machten. Die Mastalici, die den Umsturz gegen die Particiaco eingeleitet hatten, konnten jedoch nicht davon profitieren: „dennoch kam die Frucht dieser That nicht ihnen zu gute, sondern ein aus Istrien stammender Neuling, der folglich dem alten venetischen Adel nicht angehörte, stieg empor (S. 177).“ Dies geschah, wie bei Gfrörer fast alles, auf Druck Konstantinopels. Dafür spricht nach ihm, dass im 3. Jahr von Tradonicos Herrschaft ein kaiserlicher Emissär einen byzantinischen Titel mitbrachte ... „und forderte die Veneter auf, zum Kampfe gegen die Saracenen eine Flotte zu stellen“. Auch spreche die fast sofortige Annahme des Dogensohnes zum Mitherrscher für eine Anerkennung durch den Kaiser. Anfangs war Pietro Tradonico militärisch erfolgreich, doch gegen den dalmatinischen Slawen „Diuclit“ verlor er „über 100 Mann“. Aus den beiden Sonderschiffen, die die Venezianer bauten, schlussfolgert Gfrörer, dass die Venezianer bis dahin keine Kriegsflotte besessen hätten, sondern bei Bedarf Handels- zu Kriegsschiffen umbauten. Für ihn waren die beiden großen Schiffe die Geburtsstunde einer eigenständigen Marine. Die Erhebung des Vitalis Particiaco zum Bischof von Grado deutet Gfrörer als Anzeichen für die Übermacht seiner Familie, gegen die letztlich auch der Doge scheiterte, denn sein Nachfolger gehörte wieder den Particiaco an. Er selbst brachte im Gegenzug allerdings ebenfalls Verwandte in die höchsten Klerikerpositionen. So wurde – „auf Betreiben des Dogen“, wie Gfrörer Dandolo zitiert – Dominicus Bischof von Olivolo. Als Ludwig der Fromme starb, erklärte sich der im Streit mit seinen beiden Brüdern liegende Lothar zum Abschluss des besagten Pactum Lotharii bereit, allerdings nur auf fünf Jahre (S. 181 f.). Dabei habe er vorsorglich die istrischen Bistümer, wohl 845, nicht Venedig, sondern Aquileia zugewiesen, denn inzwischen musste er sich ja nicht mehr den Rücken gegen seine Brüder freihalten, mit denen er sich im Vertrag von Verdun geeinigt hatte. Den sich daraus ergebenden Streit zwischen den Klerikern versuchte der Papst 846 beizulegen, indem er die beiden Kontrahenten nach Rom vorlud, doch verstarb der Papst zwischenzeitlich. Für Gfrörer zeigt sich im Besuch des Kaiserpaars von 855 die Schwäche des Karolingerreiches, das „Schmeicheln musste“, um die Unterstützung Venedigs gegen die zahllosen Piraten zu gewinnen, seien es Slawen oder Sarazenen. „Die Byzantiner brauchten nicht mehr zu fürchten, daß ihnen Venetien durch die Franken abspänstig gemacht würde.“ 863 starb „der jüngere Doge“ Johannes, der ältere Doge Petrus wurde 864 ermordet. Seine Servi verschanzten sich nach dem Mord im Dogenpalast und verlangten die Bestrafung der Mörder. Zu diesem Zweck wurden drei Richter ernannt, nämlich Petrus, der Bischof von Jesolo, Johannes, Archidiakon von Grado, und der Laie Dominicus Masono. Nach erfolgtem Richterspruch wurden zwei Drittel der Diener auf der Insel Poveglia angesiedelt, ein Drittel an der Grenze des venezianischen Gebietes. Nach Gfrörer ging hierauf die Sitte zurück, dass der Doge „dem Amtmann von Poveglia und den sieben Aeltesten der dortigen Gemeinde am Osterdienstag den Friedenskuß gibt“ (S. 186).

Pietro Pinton übersetzte und annotierte Gfrörers Werk im Archivio Veneto in den Jahresbänden XII bis XVI. Pintons eigene Darstellung, die jedoch erst 1883 erschien – gleichfalls im Archivio Veneto –, gelangte zu gänzlich anderen, weniger spekulativen Ergebnissen, als Gfrörer. So stellt er der Annahme Gfrörers, der Doge sei einfacher Herkunft gewesen (womit Gfrörer wiederum seine Annahme unausgesetzten byzantinischen Einflusses zu belegen versuche), die Aussage des Johannes Diaconus entgegen, er sei „nobilissimus“ gewesen.[17] Im Gegensatz zu Gfrörer, der eine Anerkennung durch Konstantinopel annahm, sei eine Auszeichnung durch einen hohen byzantinischen Titel erst drei Jahre später beim Besuch des Theophilos erfolgt, der wegen einer Flottenunterstützung gegen die Sarazenen nachgefragt habe. Auch übertreibe der Autor die Feindschaft gegen die Particiachi, von denen sich schließlich kein einziger unter den Attentätern von 864 befinde, obwohl die Rädelsführer namentlich überliefert seien (S. 291). Gfrörer sehe nicht den Hauptgrund, warum dem Dogen so viel Misstrauen entgegengeschlagen sei, nämlich die Tatsache, dass er als erster eine Leibwache unterhielt – möglicherweise aus Heiden –, die ja schließlich den Dogenpalast besetzte und letztlich so die Bestrafung der Dogenmörder durchsetzte.

Schon 1861 hatte Francesco Zanotto in seinem Il Palazzo ducale di Venezia, worin er der Volksversammlung erheblich mehr Einfluss einräumte, gemutmaßt, dass die Flotte im Kampf gegen Kroaten und Narentaner bis Ragusa gefahren sei.[18] Die zweite Expedition, die er in das Jahr 839 datiert, war wenig erfolgreich, und auch 840 unterlag die Flotte, ausgestattet mit dem „consentimento della nazione“ gegen die Sarazenen. Um sich die „Liebe des Volkes“ (‚amore del popolo‘) zu erhalten, wandte sich der Doge einem anderen politischen Feld zu, und schloss das Pactum Lotharii ab. Doch schon im nächsten Jahr unterlag die Flotte abermals den Sarazenen. Immerhin zogen sich diese, wohl auch aufgrund der erlittenen Verluste, aus der Adria zurück, raubten aber wiederum bald bis Rom. Den äußeren Kriegen folgte innere Zwietracht, wie Zanotto meint. Immerhin bestätigte „Lodovico II il Germanico“ die Privilegien seines Vorgängers, wobei hier wohl eine Verwechslung mit dem italienischen Karolinger gleichen Namens vorliegt. Auch Zanotto schildert verhältnismäßig detailreich den Besuch des Herrscherpaares entsprechend der Dandolo-Chronik, während Johannes Diaconus nur den Besuch in Brondolo lakonisch erwähnt. Ob die Verschwörer sich zum Mord entschlossen, weil Pietro Tradonico eine Untat begangen hatte, oder weil er zu Stolz war, lässt der Verfasser offen.

Emmanuele Antonio Cicogna, 1846

Auch Emmanuele Antonio Cicogna äußert 1867 im ersten Band seiner Storia dei Dogi di Venezia die Ansicht, der 837 gewählte Doge enstamme einer illustren Familie aus Pola, die bei ihm über Equilio (Jesolo) nach Rialto gelangt war.[19] Er habe nach dem Beispiel seiner Vorgänger gehandelt, einen Sohn zum Mitdogen zu erheben („imitando lo esempio“). Wie seit geraumer Zeit Usus, so umriss Cicogna zunächst die Kämpfe gegen Slawen und Sarazenen, wobei er von Byzanz nur noch dazu eingeladen („invitò“) wurde, am Kampf um Tarent teilzunehmen. Doch unterlagen die vereinten Flotten gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner. Im Gegenzug zogen die Sieger „bis quasi in unsere Lagune“. Mit dem Pactum Lotharii wurden Verträge erneuert, die bis zu den Langobarden zurückreichten, die an dieser Front Ruhe einkehren ließen, und die dem Handel aufhalfen. Doch wieder unterlag die Flotte den Sarazenen, diesmal im Quarnero, und nur gewaltige Schiffsbauten von nie gesehenen Maßen konnten die Lagune sichern. Dann vollführt Cicogna einen gewaltigen zeitlichen Sprung bis ins Jahr 863, als der „Sohn und Kollege Giovanni“ stirbt, „von dem einige annehmen, er habe das Kommando über die Flotte vor Tarent geführt“. Am 13. September 864 wurde der Doge ermordet, sein Leichnam in San Zaccaria beigesetzt.

Heinrich Kretschmayr hielt den Dogen für „einen Mann zäher, durch keine Widrigkeiten gebrochener Energie“, der aus „altem Adel“ stammte. Doch war er weniger gebildet, konnte nicht schreiben.[20] Der Verfasser konstatiert, dass ihm das Chronicon Venetum feindlich („Hass und Übelwollen“), Johannes Diaconus hingegen freundlich gesinnt war. Er brachte Verwandte genauso in höchste Positionen, wie seine Gegner, „umgab sich mit einer ihm unbedingt ergebenen, wohl kroatischen Leibwache“. 839 zwang er die Piraten zum Frieden, doch 840 unterlag er, 842 wurde Caorle geplündert. Für Kretschmayr überbrachte Theophilos den „Befehl“ aus Byzanz, am Zug gegen die Sarazenen teilzunehmen. 842 erfolgte eine zweite Niederlage gegen sie. Diese Niederlagen veranlassten Venedig, reine Kriegsschiffe zu bauen: „Man wird sagen dürfen: die ersten Anfänge venezianischer Flottengrossmacht schreiben sich auf diese Zeit und diesen Mann zurück“ (S. 94). Der Verfasser nimmt an, dass es der Karolingerkaiser war, der sich bemühte, Venedig als Verbündeten gegen die slawischen Piraten zu gewinnen, nicht umgekehrt. Zudem konstatiert Kretschmayr, dass Wendungen wie „humilis dux provinciae Venetorum“, wie unter seinem Vorgänger, nicht mehr vorkommen. Der Kaiser ist in den Urkunden nicht mehr „Dominus noster“, sondern nur noch „Dominus“, die Datierung erfolgt nicht mehr nach Kaiser-, sondern nach Inkarnationsjahren. Tradonicus führte auf eigene Faust Krieg in der Adria, schloss eigenständig Verträge mit auswärtigen Mächten.

Seitdem Roberto Cessi die Historizität der beiden ersten Dogen bestritten hat, zählt Pietro Tradonico immer häufiger als 11., nicht mehr als 13. Doge.[21] Zugleich folgt eine Reihe von ihnen weniger der chronikalischen Überlieferung, die erst verhältnismäßig spät einsetzt, sondern gibt vielmehr den wenigen zeitnahen Quellen den Vorrang. In seiner History of Venice betont John Julius Norwich vor allem die Bedeutung des Pactum Lotharii.[22] Es erweist, dass – neben der Wiederholung früherer Privilegien – es nicht nur das älteste, im Original erhaltene diplomatische Dokument Venedigs darstellt, was schon früh erkannt wurde, sondern, dass der Lagunenstadt erstmals von beiden Kaiserreichen die Aufgabe zugedacht wurde, die Adria, wenn nicht das Mittelmeer zu verteidigen. Dies bedeutet vor allem, es für den Handel durchlässig zu halten. Das Karolingerreich war dazu in der Adria genauso wenig in der Lage, wie Byzanz. Gleichzeitig endeten die Kämpfe der Kaiserreiche um die Herrschaft in der Lagune. Venedig begann Schritt für Schritt den Anschein von Abhängigkeit abzustreifen. Nach Norwich stand Tradonico, vor seinem Amt als Doge für das Bauwesen verantwortlich, vor gewaltigen Herausforderungen, denn gleich zwei, wenn nicht drei große Piratengruppen tauchten in der Adria auf, nämlich Slawen im Norden, Sarazenen im Süden, und im weiteren Mittelmeer stellten auch die Wikinger eine ernste Bedrohung für den Handel und sogar für die Lagune selbst dar. Gleichzeitig zog der Handelserfolg der Stadt immer neue Raubscharen an. Anscheinend gelang es dem Dogen trotz verlustreicher Niederlagen, einerseits das Gleichgewicht zwischen den Fraktionen aufrechtzuerhalten, andererseits die zahlreichen Piraten so weit unter Kontrolle zu halten, dass die Stadt weiter florieren konnte. Immerhin, so betont Norwich, wies der Doge die längste Herrschaft seit Bestehen des Amtes auf – er glaubt, dass er nach über 50 Jahren im Staatsdienst sicherlich um die 80 Jahre alt war. Der Sturz erfolgte erst nach dem Tod seines Sohnes. Norwich glaubt in den Rebellen, die den Dogenpalast nach der Ermordung des Dogen besetzten, wahrscheinlich kroatische Sklaven zu erkennen. Erst als sie erfuhren, dass fünf der sechs Dogenmörder in Straßenkämpfen „durch den Mob“ zu Tode gekommen waren, gaben sie ihren Widerstand auf.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime (= Fonti per la storia d'Italia [Medio Evo], IX), Rom 1890, S. 59–171, hier: S. 106, 109 (Digitalisat).
  • Luigi Andrea Berto (Hrsg.): Giovanni Diacono, Istoria Veneticorum (=Fonti per la Storia dell’Italia medievale. Storici italiani dal Cinquecento al Millecinquecento ad uso delle scuole, 2), Zanichelli, Bologna 1999 (auf Berto basierende Textedition im Archivio della Latinità Italiana del Medioevo (ALIM) der Universität Siena).
  • Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chron. Altinate et Chron. Gradense), Rom 1933, S. 29, 117, 129.
  • Roberto Cessi (Hrsg.): Documenti relativi alla storia di Venezia anteriori al Mille, Padua 1940, Bd. I, S. 71, 72, 74, 96 f., 101–108 (Pactum Lotharii), Bd. II, S. 197.
  • Roberto Cessi, Fanny Bennato (Hrsg.): Venetiarum historia vulgo Petro Iustiniano Iustiniani filio adiudicata, Venedig 1964, S. 1, 32–37.
  • Luigi Lanfranchi, Bianca Strina (Hrsg.): Ss. Ilario e Benedetto e S. Gregorio, Venedig 1965, S. 8, 10, 21 f.
  • Ester Pastorello (Hrsg.): Andrea Dandolo, Chronica per extensum descripta aa. 460-1280 d.C., (= Rerum Italicarum Scriptores XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 139–146.
  • Alberto Limentani (Hrsg.): Martin da Canal, Les estoires de Venise, Olschki, Florenz 1972, S. 16 f. (Text, hgg. v. Francesca Gambino im Repertorio Informatizzato Antica Letteratura Franco-Italiana).
  • Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 58–61.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tradònico, Pietro, treccani.it (sehr knappe Darstellung)
  • Claudio Rendina: I dogi: storia e segreti. Dalle 120 biografie dei „serenissimi“ di Venezia rivive un millennio di retroscena e intrighi della Repubblica del Leone, Newton & Compton, Rom 1984, ISBN 88-8289-656-0.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Donald M. Nicol: Byzantium and Venice. A Study in Diplomatic and Cultural Relations, Cambridge University Press, 1988, Taschenbuchausgabe 1992, S. 26.
  2. Luigi Andrea Berto (Hrsg.): Giovanni Diacono, Istoria Veneticorum (=Fonti per la Storia dell’Italia medievale. Storici italiani dal Cinquecento al Millecinquecento ad uso delle scuole, 2), Zanichelli, Bologna 1999, S. 239. Pietro Pinton, der Übersetzer von August Friedrich Gfrörers Geschichte Venedigs von seiner Gründung bis zum Jahre 1084, nennt hier fälschlicherweise 250 „marinai“ (Storia di Venezia dalla sua fondazione all'anno 1084 di A. F. Gfrörer, in: Archvio Veneto 8 (1883) 79-349, hier: S. 342), wo Gfrörer (S. 180) 150 nennt. Das Zitat von Thietmar lautet: „Sed ut in omnibus, lector carissime, certus efficiaris, salandria quid sit vel cur ad has pervenerit horas, breviter intimabo. Haec est, ut prefatus sum, navis mirae longitudinis et alacritatis et utroque latere duos tenens [habet] remorum ordines ac centum quinquaginta nautas.“ (Zitiert nach John H. Pryor: The Age of the Dromōn. The Byzantine Navy ca 500-1204, Brill, 2006, S. 190).
  3. Lat.; dt. „Christus schütze die Veneter“. Zitiert nach: Patricia Fortini Brown: Venice and Antiquitiy: The Venetian Sense of the Past, Abschnitt 2; 1996.
  4. Simon Coupland: Carolingian Coinage and the Vikings. Studies on Power and Trade in the 9th Century, Ashgate, 2007, S. 54.
  5. RI I,3,1 n. 208, in: Regesta Imperii Online, URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0860-00-00_1_0_1_3_1_4424_208 (abgerufen am 13. August 2018).
  6. Giorgio Crovato, Maurizio Crovato: Isole abbandonate della laguna. Com'erano e come sono, San Marco Press, Venedig 2008, S. 108. Die Herausgeber zitieren aus Luigi Carrer: Isole della laguna e Chioggia, in: Venezia e le sue lagune, Venedig 1847, Bd. 2, S. 487 f.
  7. MGH, Scriptores XIV, Hannover 1883, S. 60, Chronicon Venetum (vulgo Altinate).
  8. Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini - 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 35–38.
  9. Laut Herausgeber wurde dieses „con“ über der Zeile durch eine andere Hand ergänzt (S. 35, Anm. c).
  10. Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 22–24 (Digitalisat).
  11. Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 98–103, Übersetzung (Digitalisat).
  12. Jacob von Sandrart: Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig, Nürnberg 1687, S. 19 (Digitalisat).
  13. Johann Friedrich LeBret: Staatsgeschichte der Republik Venedig, von ihrem Ursprunge bis auf unsere Zeiten, in welcher zwar der Text des Herrn Abtes L'Augier zum Grunde geleget, seine Fehler aber verbessert, die Begebenheiten bestimmter und aus echten Quellen vorgetragen, und nach einer richtigen Zeitordnung geordnet, zugleich neue Zusätze, von dem Geiste der venetianischen Gesetze, und weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten, von der innern Staatsverfassung, ihren systematischen Veränderungen und der Entwickelung der aristokratischen Regierung von einem Jahrhunderte zum andern beygefügt werden, 4 Bde., Johann Friedrich Hartknoch, Riga und Leipzig 1769–1777, Bd. 1, Leipzig und Riga 1769, S. 162/164–171 (Digitalisat).
  14. Art. Tradònico (Pietro), in: Antonio Bazzarini: Dizionario Enciclopedico delle Scienze, Lettere ed Arti, 8 Bde., Bd. 8, Venedig 1835, S. 549 (Digitalisat).
  15. Samuele Romanin: Storia documentata di Venezia, 10 Bde., Pietro Naratovich, Venedig 1853-1861 (2. Auflage 1912-1921, Nachdruck Venedig 1972), Bd. 1, Venedig 1853, S. 173–189 (Digitalisat).
  16. August Friedrich Gfrörer: Geschichte Venedigs von seiner Gründung bis zum Jahre 1084. Aus seinem Nachlasse herausgegeben, ergänzt und fortgesetzt von Dr. J. B. Weiß, Graz 1872, S. 176 f. (Digitalisat).
  17. Pietro Pinton: La storia di Venezia di A. F. Gfrörer, in: Archivio Veneto 25,2 (1883) 288–313, hier: S. 289 (Teil 2) (Digitalisat).
  18. Francesco Zanotto: Il Palazzo ducale di Venezia, Bd. 4, Venedig 1861, S. 30–34 (Digitalisat).
  19. Emmanuele Antonio Cicogna: Storia dei Dogi di Venezia, Bd. 1, Venedig 1867, o. S.
  20. Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bde., Bd. 1, Gotha 1905, S. 92–.
  21. Die Zählung ist erst gegen Ende der Republik stabilisiert worden. So zählt noch Pietro Giustiniani in seinem Opus Dell'historie venetiane di Pietro Giustiniano nobile veneto. Di nuouo riuedute, & ampliate, nelle quali si contengono tutte le cose notabili, occorse dal principio della fondatione della città, sino all'anno 1575, Lodouico Auanzo, 1576, S. 9 (Digitalisat); ebenso in der Auflage Gio. Battista Brigna, 1671, S. 12, Tradonico als 12. Dogen.
  22. John Julius Norwich: A History of Venice, Penguin, London 2003.
VorgängerAmtNachfolger
Giovanni I. ParticiacoDoge von Venedig
836–864
Orso I. Particiaco