Pille für den Mann

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Die Pille für den Mann ist eine umgangssprachlich verbreitete Bezeichnung für hormonelle Verhütungsmethode für Männer. Ein oral einzunehmendes Verhütungsmittel (Pille) ist derzeit nicht erhältlich. Bis Mitte 2011 wurde intensiv an der Zulassung für eine Antibabyspritze für Männer geforscht. Nach Abbruch eines entsprechenden WHO-Projektes im August 2011 ist fraglich, inwiefern diese Forschungen in Zukunft fortgesetzt und abgeschlossen werden.

Stand der Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung Pille für den Mann ist nicht ganz korrekt, da das ursprünglich bereits für 2005 und dann für das Jahr 2009 angekündigte Präparat aus einer Kombination eines Gestagen-Implantats und regelmäßigen Testosteron-Injektionen bestehen sollte. Diese Kombination beeinflusst den Regelkreis HypothalamusHypophyseHoden und unterdrückt damit die Produktion von Spermien. Forschungen, die die Reifung der Spermien im Nebenhoden und ihre mögliche Hemmung untersuchen, befinden sich noch im frühen Entwicklungsstadium. Im Juni 2007 gaben die Pharmakonzerne Bayer AG und Organon bekannt, die Forschungen an dem Projekt eingestellt zu haben. Derzeit (2018) forscht keine namhafte Firma im Bereich männlicher Verhütung.[1]

Von 2009 bis 2011 liefen Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einem auf Testosteron-Substitution basierenden Verfahren, ebenfalls als Injektion.[2] Die Studie wurde 2011 abgebrochen, nachdem das Research Project Review Panel (RP2) der WHO, das bei der Studie als Ethikkommission fungierte, basierend auf den bisherigen Zwischenergebnissen und beobachteten Nebenwirkungen ein Abbruch der Studie empfahl, da die Risiken für die Studienteilnehmer den Nutzen, die Studie weiter fortzusetzen, übersteige.[3] Damit gelten die Chancen für eine baldige erfolgreiche Markteinführung als gering.[4]

Erfolgversprechend könnte die Erforschung eines Wirkstoffes sein, der ursprünglich zur Behandlung von Hauterkrankungen entwickelt wurde. Durch Blockade der für die Produktion der Spermien notwendigen Retinsäuren, konnten in Tierversuchen schon erste Erfolge vermeldet werden.[5]

Des Weiteren wird seit 1985 ein Extrakt der in Indonesien und Indien wachsenden Pflanze Gendarussa (Justicia gendarussa) erforscht. Die Blätter der Pflanze werden bei bestimmten Stämmen auf Neuguinea schon seit Jahrhunderten von Männern in Teeform zur Verhütung eingesetzt.

Der Wirkstoff greift dabei nicht hormonell in die Fortpflanzung ein, sondern vermindert lediglich die Aktivität des Enzyms Hyaluronidase, welches dafür verantwortlich ist, dass ein Spermium in die Eizelle der Frau eindringen kann.[6] Die an der Universität Airlangga im indonesischen Surabaya isolierte Substanz namens Gendarusin A wurde bereits zwischen 2010 und 2012 in drei klinischen Studien am Menschen getestet, mit herausragendem Erfolg (99 % Verhütungsrate), und mit kaum Nebenwirkungen (evtl. leichte Gewichtszunahme, stärkere Libido). Mehrere Tage nach Einnahmestopp, die Quellen widersprechen sich in der genauen Dauer, soll die normale Zeugungsfähigkeit wiederhergestellt sein.

Derzeit bemüht sich die indonesische Regierung im Rahmen ihres National Population and Family Planning Board (BKKBN) um eine Zulassung der Substanz, das staatliche Pharmaunternehmen Indofarma produziert in Kürze Massenware für den indonesischen Markt (voraussichtlich 2016). Sie könnte, so die Hoffnung der Regierung, eine nicht unerhebliche Wirkung auf die Geburtenrate in Indonesien haben, das wie seine Nachbarstaaten mit großen Demografieproblemen zu kämpfen hat. Wann Gendarussa außerhalb von Indonesien zu haben ist, ist nicht bekannt, die langwierigen Medikamentenzulassungsverfahren in der EU und USA lassen auf einen Zeitraum von mindestens 10 Jahren schließen.[7][8][9][10][11][12]

In einer 2021 in Nature Communications veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass das in der Wilfords Dreiflügelfrucht vorkommende Triptonid ein wirksames Verhütungsmittel bei männlichen Mäusen und männlichen Cynomolgus-Affen darstellt.[13] Klinische Studien hierzu standen zum Zeitpunkt der Publikation noch aus.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Determinants of the Rate and Extent of Spermatogenic Suppression during Hormonal Male Contraception: An Integrated Analysis [Internationales Autorenkollektiv], In: The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Vol. 93, No. 5, S. 1774–1783, doi:10.1210/jc.2007-2768
  • Michael Zitzmann: Hormonelle Kontrazeption beim Mann: noch immer aktuell. Der Urologe 49, 2009, S. 16–19
  • Eberhard Nieschlag, Hermann M. Behre: Ansätze zur hormonellen männlichen Kontrazeption. In: Nieschlag, Behre, Nieschlag: Andrologie. Grundlagen und Klinik der reproduktiven Gesundheit des Mannes. 3. Auflage, Springer-Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-92962-8, S. 595–606
  • Clint Witchalls: Die Pille und ich. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Luise Strothmann: Die Pille für den Mann: Da kommt noch was. In: Die Tageszeitung: taz. 22. August 2018, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 28. August 2018]).
  2. Die „Pille“ für den Mann. Interview mit Prof. Michael Zittmann, Deutsche Welle 22. Juni 2009
  3. Hermann M. Behre, Michael Zitzmann, Richard A. Anderson, David J. Handelsman, Silvia W. Lestari: Efficacy and Safety of an Injectable Combination Hormonal Contraceptive for Men. In: The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. Band 101, Nr. 12, 1. Dezember 2016, ISSN 0021-972X, S. 4779–4788, doi:10.1210/jc.2016-2141.
  4. „Pille für den Mann“ macht depressiv. Bericht im Tagesspiegel vom 8. August 2011
  5. Verhütungsmethode für den Mann: Hemmstoff verhindert Spermienproduktion. In: Spiegel Online. 6. Juni 2011, abgerufen am 10. Juni 2018.
  6. Bambang Prajogo EW, David Guliet, Ferreira Queiroz E, John-Luc Wolfender, Noor Cholies Z, Aucky H, K Hostettmann: Isolation of male antifertility compound in n-butanol fraction of Justicia gendarussa burm. f. leaves. In: Folia Medica Indonesiana. Band 45, Nr. 1, März 2009, S. 28–31.
  7. Patrick Winn: Indonesia's birth control pill for men, GlobalPost. 27. Februar 2011. Abgerufen am 2. März 2011. 
  8. Indonesian Plant Shows Promise for Male Birth Control PBS NewsHour, July 20, 2011
  9. Indonesia is about to start producing a male birth control pill that will change the world. In: Coconuts Jakarta, 24. November 2014. Abgerufen am 3. Februar 2015. 
  10. Pille für den Mann: Verhütung ohne Hormon-Cocktail. In: Redaktion PraxisVITA, 30. Juni 2017. Abgerufen am 15. August 2020. 
  11. Indonesia’s new male birth control pill is ‘99 percent effective. 3. Dezember 2014. Abgerufen am 29. September 2015. 
  12. Parsemus Foundation.: Gandarusa. 2014. Archiviert vom Original am 30. September 2015. Abgerufen am 29. September 2015. 
  13. Zongliang Chang, Weibing Qin, Huili Zheng, Kathleen Schegg, Lu Han: Triptonide is a reversible non-hormonal male contraceptive agent in mice and non-human primates. In: Nature Communications. Band 12, Nr. 1, 23. Februar 2021, ISSN 2041-1723, S. 1253, doi:10.1038/s41467-021-21517-5 (nature.com [abgerufen am 6. März 2021]).