Pinkwashing

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Pinkwashing (Kofferwort aus englisch pinkRosa“ und whitewashingSchönfärberei“) bezeichnet Strategien, die durch das Vorgeben einer Identifizierung mit der LGBT-Bewegung bestimmte Produkte, Personen, Organisationen oder Staaten bewerben, um dadurch modern, fortschrittlich und tolerant zu wirken (vergleiche LGBT-Marketing, Soziale Inklusion).

Vorwürfe des Pinkwashing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele aus dem Marketing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut einem Artikel im Tagesspiegel von 2016 wurde die Bezeichnung Pinkwashing „schon vor Jahrzehnten in einem anderen Zusammenhang“ geprägt, als US-amerikanische Kosmetik- und Pharmafirmen mit rosa Schleifen auf ihren Produkten warben. Rosa Schleifen galten damals schon als Symbol für das Engagement gegen Brustkrebs. Kritiker dieser Marketingstrategie sahen die Schleifen nicht als Ausdruck eines ernsthaften Engagements, sondern als versuchte Schönfärberei der Produkte, die im Verdacht standen, Krebs auszulösen.[1]

Im Jahr 2014 wurde eine Kampagne zur Unterstützung der Keystone-Pipeline, die kanadisches Öl in die Vereinigten Staaten liefern sollte, als Pinkwashing bezeichnet. Es wurde argumentiert, dass das Projekt wegen Kanadas Bilanz in Bezug auf LGBT-Rechte im Vergleich zu der Bilanz von anderen ölexportierenden Staaten Unterstützung verdienen würde.[2] Die Kampagne bezog sich auf OpecHatesgay.com mit der Titelzeile: „Vergleiche kanadisches ethisches Öl mit dem Konfliktöl der OPEC.“[3]

Ebenfalls 2014 veranstaltete der britische Mineralölkonzern BP ein LGBT Karrieren Event – was als Versuch von Pinkwashing gesehen wurde, um die Umstände, die zur Ölpest im Golf von Mexiko 2010 führten, zu vertuschen. Diese wurde als größte Umweltkatastrophe, die Amerika je erlebt hat, beschrieben.[4]

2015 wurde in Australien Bedenken über die Kommodifizierung von LGBT-Rechten von Großunternehmen geäußert.[5]

Einwanderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 2013 unterstützte die Human Rights Campaign (HRC) offiziell eine umfassende Einwanderungsreform der US-Regierung und erklärte sich bereit, Einwanderer beim Asyl- und Einbürgerungsprozess zu unterstützen.[6] Diese Unterstützung kam Tage nach einem Zwischenfall, bei dem ein homosexueller Migrant von der HRC daran gehindert wurde, seinen rechtlichen Status bei einer Kundgebung vor dem obersten Gerichtshof zu diskutieren. Die HRC entschuldigte sich dafür später.[7] Die Huffington Post bezeichnete die Handlungen der HRC als Pinkwashing. Es soll versucht worden sein, die Einwanderungsreform als „pro-LGBT“ erscheinen zu lassen und so Unterstützung von der LGBT-Bewegung zu bekommen und dabei die schweren Rückschritte in der Reform zu vertuschen – diese Rückschritte umfassten die Finanzierung von Abschiebungen von Migranten und die Militarisierung der Vereinigten Staaten.[8]

Im Jahr 2012 wurde Jason Kenney, Kanadas Minister für Einwanderung und Einbürgerung, des Pinkwashings beschuldigt, nachdem er eine Email mit der Betreffzeile „LGBT Flüchtlinge aus dem Iran“ an Tausende von Kanadiern verschickt hatte. Diese Nachricht enthielt auch einen Kommentar vom Außenminister John Baird über Kanadas Standhaftigkeit gegen die Verfolgung und Ausgrenzung von Schwulen, Lesben und Frauen in der ganzen Welt. Eine Gruppe von Aktivisten ließ verlauten, dass es sich um einen „ärmlichen Versuch des Pinkwashings einer konservativen Regierung handele“, wobei das eigentliche offensichtliche Ziel war, einen Krieg mit den Iran herbeizuführen.[9]

Vereinigte Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Aussagen des Professors für Politikwissenschaften am Bard College, Omar G. Encarnación, wurde der Regierung von Barack Obama Pinkwashing vorgeworfen, „um von Ereignissen wie der Abschiebung von Millionen von illegalen Einwanderern oder dem Scheitern, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die für Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel des ‚Krieges gegen den Terror‘ unter Bush verantwortlich waren, abzulenken“.[10]

Israel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Anarcho-LGBT-Kollektiv Mashpritzot protestiert mittels Die-in gegen das Pinkwashing der israelischen Regierung und die Prioritäten des LGBT-Zentrums in Tel Aviv (2013)

Die Historikerin Sarah Schulman behauptet, dass die PR-Strategie der israelischen Regierung darauf abziele, die LGBT-freundliche Idee von Israel zu propagieren, um Israel als „moderne Demokratie“, „sicheren Investitionsort“ und „Touristenziel mit Sonne und Strand“ darzustellen.[11] Im August 2011 berichtet The Jerusalem Post, dass das Außenministerium Israel als LGBT-freundlich darstelle, um die negativen Vorurteile von liberalen Amerikanern und Europäern gegenüber Israel abzuschwächen.[12] Jasbir Puar, eine Professorin für Women and Gender Studies der Rutgers-Universität, bringt das Beispiel der LGBT-Rechte in Israel während der gleichzeitigen Besetzung der palästinensischen Gebiete als ein Beispiel von Pinkwashing an. Sie bezieht sich auf die WorldPride, die 2006 in Jerusalem stattfand und schrieb „in der internationalen Schwulen- und Lesbenbewegung bedeutet Schwulenfreundlichkeit gleichzeitig modern, kosmopolitisch, hochentwickelt, zum globalen Norden gehörend und vor allem auch demokratisch zu sein“.[13] Joseph Massad, ein Professor für moderne arabische Politik und intellektuelle Geschichte an der Columbia University, schrieb, dass die israelische Regierung „darauf besteht mit der Bilanz für LGBT-Rechte Werbung zu machen und sie zu überspielen … um damit die internationale Verurteilung der Verletzungen an den Menschenrechten der Palästinenser abzuwehren“.[14][15]

Andere meinen, dass die Pinkwashing-Beschuldigungen gegen Israel ein Strohmann-Argument darstellen, da die Unterstützung der LGBT-Community durch Israel nie dazu benutzt wurde, die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu rechtfertigen. Dabei wird auch herangezogen, dass Israel gemeinhin tolerant gegenüber LGBT-Gruppen und Individuen ist – im Gegensatz zu der diskriminierenden und oft brutalen Behandlung von LGBT-Gruppen in arabischen oder muslimischen Gebieten.[16] Ido Aharoni, der frühere Leiter des Brand Israel Projektes, erwiderte auf die Kritik: „Wir versuchen nichts zu vertuschen, sondern versuchen den Diskurs zu erweitern. Wir möchten andere Communities in die Öffentlichkeit rücken“.[14] Alan M. Dershowitz, ein Rechtsprofessor von der Harvard-Universität und ein häufiger Verfechter Israels sagte, dass die Bezeichnung Pinkwashing häufig gegen Israel von „einigen radikalen lgbt Aktivisten“ genutzt wird, welche eigentlich „antisemitische Heuchler seien“.[17] In diesem Zusammenhang bezeichnete er den Gebrauch des Wortes Pinkwashing als „nicht Weiteres als Antisemitismus mit einem pinken Gesicht“.[18][19]

Der schwule israelische Filmemacher und Menschenrechtsaktivist Yair Qedar sagte 2011, dass Israel eine lobenswerte Bilanz für LGBT-Rechte habe und dass das Versagen darin, dieses zu erkennen, am Ende „Homophobie viel weiter voranbringt als Dialoge und Frieden“. Er kritisierte israelische LGBT-Gruppen dafür, dass sie sich nicht gegen die Vorwürfe von Pinkwashing stellten.[14] Shaul Ganon von der in Israel sitzenden Gruppe für LGBT-Rechte Aquda kommentierte den Streit: „Jede Seite versucht auf verschiedenen Ebenen Punkte zu gewinnen. Die Wahrheit ist, dass die einzige Gruppe, die dabei benachteiligt wird, die palästinensische LGBT Community ist.“[20]

Antiislamische Aktivisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Zusammenschluss einiger Grassrootsbewegungen in Europa, wie die rechtsextreme English Defence League (EDL), organisierte Demonstrationen zeitgleich mit der LGBT Pride in Helsinki und Stockholm im Juli und August 2012.[21][22] In einem Interview mit der Radio Schweden sagte die schwedische Autorin und Aktivistin Lisa Bjurwald, dass die EDL die Prides in Großbritannien ausgenutzt hätte, um Aufmerksamkeit auf islamische Homophobie lenken wollte. Die Gruppe Queers gegen Pinkwashing, die in Stockholm einen Gegenprotest startete, sei dagegen, jegliche Diskussion über Homophobie im Islam zu führen. Sofort würden solche Versuche als Pinkwashing bezeichnet und wären eine „Divide et impera“ Strategie.[22]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • LGBT-Marketing (Werbung mit Zielgruppen-spezifischen Inhalten oder in entsprechenden Medien)
  • Rosa Geld (Kaufkraft der LGBT-Community)
  • Purplewashing (Werbung mit einem frauenfreundlichen Image)
  • Greenwashing („Grünwaschen“: Werbung mit umweltfreundlichem und verantwortungsbewusstem Image)
  • Homonationalismus (Verbindung zwischen nationalistischen Ideologien und der LGBT-Bewegung und ihren Rechten)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Pinkwashing – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anja Kühne Queer weiß das (#16): Was bedeutet „Pinkwashing“? In: Tagesspiegel.de. 20. Juli 2016, abgerufen am 16. Juli 2021.
  2. Jay Michaelson: How Canadian Oilmen Pinkwash the Keystone Pipeline. In: The Daily Beast. 28. Dezember 2014, abgerufen am 29. Dezember 2014.
  3. Compare Canadian Ethical Oil to OPEC conflict oil. In: OpenHatesGays. Abgerufen am 29. Dezember 2014.
  4. Naomi Wilkins: BP reach for the pinkwash with 'LGBT Careers Event'. In: Bright Green. 11. November 2014, abgerufen am 25. Januar 2015.
  5. Jill Stark: "Pink washing": marketing stunt or corporate revolution? In: smh.com.au. 7. Juni 2015, abgerufen am 1. Juli 2017.
  6. Immigration | Topics | Human Rights Campaign. 27. Juni 2014, abgerufen am 12. Juni 2019.
  7. HRC Apologizes for Mistreating Trans and Immigrant Activists at Supreme Court rally. In: transitiontransmission.com. 1. April 2013, abgerufen am 1. Juli 2017.
  8. Prerna Lal, Justin Feldman: How Pinkwashing Masks the Retrograde Effects of Immigration Reform. In: The Huffington Post. 15. Juni 2013, abgerufen am 1. Juli 2017.
  9. Critics accuse Kenney of 'pinkwashing' in targeted emails. (Nicht mehr online verfügbar.) CTV News, archiviert vom Original am 15. Mai 2015; abgerufen am 12. Februar 2021.
  10. Omar G. Encarnación: Trump and Gay Rights: The Future of the Global Movement. In: Foreign Affairs. 13. Februar 2017, abgerufen am 14. Februar 2017: „There is even the cynical charge that Obama engaged in “pink washing,” or the use of the gay rights issue to distract from other unsavory policies such as the deportation of millions of undocumented immigrants and the failure to prosecute those responsible for the human rights abuses of the Bush administration’s War on Terror.“
  11. Avraham, Eli. (2009): Marketing and managing nation branding during prolonged crisis: The case of Israel. Vol. 5, 3, S. 202–212.
  12. Foreign Ministry promoting Gay Israel. In: The Jerusalem Post. Abgerufen am 22. März 2014.
  13. Jasbir Puar: Israel's gay propaganda war. In: The Guardian. 1. Juli 2010, abgerufen am 22. März 2014.
  14. a b c David Kaufman: Is Israel Using Gay Rights to Excuse Its Policy on Palestine? In: Time Magazin. 13. Mai 2011, abgerufen am 16. Juli 2021 (englisch).
  15. „Stop using Palestinian gays to whitewash Israel’s image“. In: Haaretz. 1. Oktober 2009, abgerufen am 16. Juli 2021 (englisch).
  16. James Kirchick: The Fallacy of the 'Pinkwashing' Argument. In: Haaretz. 6. April 2012, abgerufen am 5. Mai 2016 (englisch).
  17. The Pinkwashing Campaign Against Israel: Another Conspiracy Theory. In: The Huffington Post. Abgerufen am 22. März 2014.
  18. Alan Dershowitz: The Next Hate Fest. In: New York Post. Abgerufen am 29. Dezember 2014.
  19. Trustee Blasts CUNY Anti-Israel 'Homonationalism and Pinkwashing' Conference. In: Algemeiner Journal. 8. Juni 2012, abgerufen am 26. Januar 2015.
  20. Michael Luongo: Gay Palestinians caught in the middle of the conflict. In: Global Post. 8. Juni 2012, abgerufen am 16. Juli 2021 (englisch).
  21. Mats Deland, Michael Minkenberg, Christin Mays: In the Tracks of Breivik: Far Right Networks in Northern and Eastern Europe. LIT Verlag, 2014, S. 12.
  22. a b Queers against Pinkwashing reject Counter Jihad. In: Radio Sweden. 3. August 2012, abgerufen am 27. Januar 2015.