Pioniereisenbahn

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Pioniereisenbahnen waren schmalspurige Eisenbahnen in den Ländern des Ostblocks, die von Kindern und Jugendlichen betrieben wurden. Ihren Namen erhielten sie von den Pionieren, den Mitgliedern der jeweiligen Jugendorganisationen. Ein großer Teil dieser Bahnen wird heute mit der unpolitischen Bezeichnung Parkeisenbahn oder Kindereisenbahn unverändert weiterbetrieben.

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung Pioniereisenbahn stammt daher, dass die Bahnen weitestgehend durch Mitglieder der Jugendorganisation der jeweiligen kommunistischen Partei betrieben wurden, die in vielen Staaten des Ostblocks die Bezeichnung „Pioniere“ führte. Das geschah nach Betriebsvorschriften, die der Eisenbahn des öffentlichen Verkehrs entsprachen. Umgangssprachlich ist die Bezeichnung Pioniereisenbahn nach wie vor geläufig. Die ehemaligen Pioniereisenbahnen der DDR heißen aufgrund ihrer Lage heute alle Parkeisenbahn, in den anderen Ländern oft Kindereisenbahn.

Pioniereisenbahnen der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martens’sche Einheitsliliputlok der Parkeisenbahn am Leipziger Auensee

1950 wurde im Großen Garten in Dresden zum „Tag des Kindes“ mit einfachen Mitteln eine Kindereisenbahn eröffnet,[1] die nur ein Jahr bestehen sollte. Genutzt wurde Material der Vorkriegszeit, das für Ausstellungsbahnen konzipiert und seinerzeit für einen ähnlichen Zweck verwendet worden war. Die Anlage blieb bestehen und wurde am 1. Mai 1951 zur ersten Pioniereisenbahn in der DDR. Im Laufe der Jahre folgten elf weitere Bahnen mit ähnlichem Konzept. Im Gegensatz zu anderen Bahnen dieser Art wie etwa in Ungarn und der Tschechoslowakei, wo teilweise auch ein musealer Betrieb realisiert wurde, sollten die Strecken in der DDR eher modern sein. Obwohl etwa die Pioniereisenbahn Berlin mit Fahrzeugen der früheren Mecklenburg-Pommerschen Schmalspurbahn aufgebaut wurde, ignorierte man die Traditionen und setzte bewusst auf einen Betrieb mit modern wirkenden Diesellokomotiven. Einzig die Pioniereisenbahn Cottbus widersetzte sich dieser Vorgabe und setzte alte Dampflokomotiven der Waldeisenbahn Muskau vor ihren Zügen ein.

Grundlage für Bau und Betrieb der Pioniereisenbahnen war seit 1980 die Bau- und Betriebsordnung für Pioniereisenbahnen (BOP). Sie „regelt die Entwicklung, Vorbereitung und Bauausführung von Neubauten, Erweiterungen und Veränderungen, die Instandsetzung von Bahnanlagen und Fahrzeugen sowie die Durchführung des Betriebsdienstes, Qualifizierung und Dienstausführung der Betriebsangehörigen“. § 45 (5) BOP regelte, wer mitmachen durfte: „Pioniereisenbahner können Kinder und Jugendliche des 4. bis 12. Schuljahres und Lehrlinge bis zum 18. Lebensjahr werden. Sie müssen tauglich, ausgebildet, geprüft und für ihre Tätigkeit eingewiesen sein. Pioniereisenbahner dürfen nur unter der Kontrolle eines Betriebseisenbahners tätig sein.“

In der DDR gehörten die Bahnen den Städten – mit Ausnahme der zeitweise zur Deutschen Reichsbahn (DR) gehörenden Berliner Parkeisenbahn. Betrieben wurden sie von den Mitgliedern der Pionierorganisation. Diese wurden dabei von der DR unterstützt. Die Strecken sind mit Ausnahme eines Abschnittes in Dresden alle eingleisig, verlaufen oft im Kreis oder haben bei der Eisenbahn sonst untypische Wendeschleifen.

Vor dem Beginn der Tätigkeit waren die Erlaubnis der Eltern und ein Schulzeugnis erforderlich. Nach einer theoretischen Grundausbildung durften die Kinder und Jugendlichen als Zugschaffner, Aufsicht, Schrankenwärter, Sperre am Ein- und Ausgang, am Fahrkartenschalter, Fahrdienstleiter und Zugführer arbeiten. Ab der 9. Klasse konnten interessierte Schüler die Qualifikation zum Brigadeleiter oder in Technischen AGs zum Loktechniker erwerben. Die Uniformen entsprachen mit Abweichungen denen der Deutschen Reichsbahn. Die jüngeren Pioniereisenbahner durften kurze Hosen tragen. Ein „P“ auf den Schulterklappen stellte den Unterschied zum Eisenbahner der DR her. Für jeweils zwei Dienstjahre gab es einen Streifen für die Schulterklappen.

Pioniereisenbahnen dienten auch der Heranführung der Kinder und Jugendlichen an den Eisenbahnbetrieb und sollten für eine spätere Berufswahl zugunsten der Bahn vorbereiten. Schüler aus den älteren Jahrgängen wurden teilweise vom Berufsberatungskabinett (BBK) der DR zur Parkeisenbahn vermittelt. Nicht wenige Pioniereisenbahner wählten einen Beruf bei der Eisenbahn oder anderen Verkehrsbetrieben. In den Wintermonaten stand die Aus- und Weiterbildung im Vordergrund.

Bis auf die Bahn in Magdeburg sind alle ehemaligen Pioniereisenbahnen der DDR erhalten, einige mit unregelmäßigem Betrieb. Bei manchen der Bahnen gibt es nur noch wenige oder auch gar keine Kinder und Jugendliche mehr als Eisenbahner. Das längste Streckennetz hat heute die Berliner Parkeisenbahn mit 7,5 km.

Ort Spur-
weite
mm
Länge
km
Antrieb von bis Betrieb
durch
Artikel Bemerkungen
Berlin, Wuhlheide 600 7,5 Dampf
Diesel
10.06.1956 Parkeisenbahn Wuhlheide
Bernburg, Krumbholzallee 600 1,9 Diesel 01.06.1969 Bernburger Freizeit GmbH Parkeisenbahn Bernburg
Chemnitz, Küchwald 600 2,3 Dampf
Diesel, Akku
13.06.1954 Parkeisenbahn Chemnitz gGmbH Parkeisenbahn Chemnitz
Cottbus Eliaspark – Fürst-Pückler-Park Branitz 600 3,2 Dampf
Diesel
01.06.1954 Cottbusverkehr Parkeisenbahn Cottbus
Crispendorf, Ferienland 600 1,485 Akku etwa 1954 Ferienlandeisenbahn Crispendorf
Dresden, Großer Garten 381 5,6 Dampf
Akku
01.06.1950 Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gemeinnützige GmbH Dresdner Parkeisenbahn erste Pioniereisenbahn der DDR
Gera, Tierpark 600 0,8 (etwa) Diesel
Akku, Dampf (nur 1 Jahr)
06.09.1975 Parkeisenbahn Gera hat mit 2,9 Prozent den steilsten Streckenabschnitt aller Pioniereisenbahnen
Görlitz, An der Landskronbrauerei 600 Diesel 01.06.1976 Parkeisenbahn Görlitz
Halle, Peißnitzinsel 600 2,0 Diesel
Akku
12.06.1960 HAVAG Parkeisenbahn Halle
Lauchhammer-Süd, Puschkinpark 500 0,4 Akku
Diesel
01.05.1952 1959 Braunkohlenwerk „Freundschaft“ Parkeisenbahn Lauchhammer
Lauchhammer-West, Schlosspark 500 1,0 Diesel 03.07.1955 Stadtverwaltung Lauchhammer Parkeisenbahn Lauchhammer
Leipzig-Wahren, Auensee 381 1,9 Dampf
Akku
05.08.1951 Parkeisenbahn Leipzig
Magdeburg, Rotehornpark 600 Dampf (nur 1 Jahr)
Diesel
14.08.1955 Ende 1967 Pioniereisenbahn Magdeburg
Plauen, Syratal 600 ~1,0 elektrisch Oberleitung 220 Volt, 15 A, Diesel seit 2007 07.10.1959 Parkeisenbahn Plauen einzige mit Oberleitung betriebene Parkeisenbahn Deutschlands
Prerow 600 2,0 Diesel Anfang Juli 1954 31.08.1954 Pioniereisenbahn Prerow
Vatterode, Vatteröder Teich 500 1,3 Akku 03.07.1967 Parkeisenbahn Vatterode 2016

wiedereröffnet[2]

Pionierbahnen in anderen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fahnenappell bei der Pionierbahn Budapest, 1988

Die erste Pioniereisenbahn wurde 1932 in Moskau eröffnet, allerdings im Jahr darauf wieder eingestellt.[3] Die erste dauerhaft in Betrieb genommene Pioniereisenbahn wurde am 24. Juni 1935 in Tbilissi (Georgien) eröffnet.[4] Zum Ende der UdSSR gab es im ganzen Land insgesamt 52 solcher Bahnen, die oft auch heute noch in Betrieb sind. In der Regel hatten sie eine Spurweite von 750 mm und wurden von der Staatsbahn betrieben.[4]

Nach sowjetischem Vorbild wurden in Ungarn im Jahr 1945 Pioniereisenbahnen zur Nachwuchsausbildung der MÁV eröffnet. In den Budaer Bergen entstand eine 11,2 km lange Strecke, die 1948 eröffnet wurde.[1] 1990 wurden diese und auch die weiteren Bahnen, wie in Debrecen, Pécs oder Tiszakécske, in Kindereisenbahn (Gyermekvasút) umbenannt.

Ähnlich entstanden auch in den anderen Ostblockstaaten Pioniereisenbahnen.

Land Ort Spurweite
mm
Länge
km
Antrieb von bis Betrieb
durch
Artikel Bemerkungen
Armenien Gjumri 750 2,7 Dampf, Diesel 1969 7.12.1988 ? Leninakan-Kindereisenbahn
Armenien Jerewan 750 2,1 Diesel 09.06.1937 ? Kindereisenbahn Jerewan
Aserbaidschan Baku 750 1,05 Diesel 10.08.1947 Juni 2009 ? Kindereisenbahn Baku
Bulgarien Plowdiw 600 1,09 Diesel 23.09.1979 ? ?
Bulgarien Kardschali ? ? ? ? ? ?
China Harbin ? ? ? ? ? ?
Georgien Chaschuri 750 ? Diesel ? ? Kindereisenbahn Chaschuri aufgegeben schon vor dem Untergang der Sowjetunion[5]
Georgien Poti 750 ? Diesel ? ? Kindereisenbahn Poti im Maltakwa-Park[6]
Georgien Rustawi 750 5,0 Diesel Oktober 1987 ? ? Kindereisenbahn Rustawi aufgegeben zwischen 1996 und 1999[7]
Georgien Tbilissi[8] 750 1,5 Diesel 24.06.1935 ? Kindereisenbahn Tiflis Älteste auf Dauer errichtete Anlage der Welt
Kasachstan Almaty 750 1,24 Diesel 13.09.1952 ? ? ?
Kasachstan Qaraghandy 750 5,1 Diesel 01.05.1957 ? ? ?
Kasachstan Schymkent 750 6 Diesel 01.05.1980 ? ? ?
Kuba Camagüey, Parque Camilo Cienfuegos 762 ? Diesel ? ? ? ?
Kuba Havanna, Parque Lenin 762 ? Dampf, Diesel ? ? ?
Litauen Ignalina 610 0,8 Diesel Juni 2006 ? ?
Auton. Republik Nachitschewan Naxçıvan 750 0,7-1 Diesel 1978 2000 ? Kindereisenbahn Nachitschewan
Polen Chorzów, Schlesischer Kultur- und Erholungspark 750 4,2 Dampf, Diesel 1957; 19.07.2014 Przedsiębiorstwo Kolejowe Eurolok ?
Polen Posen 600 3,85 Dampf, Diesel 1956; 21.07.1972 Miejskie Przedsiębiorstwo Komunikacyjne w Poznaniu Sp. z o.o. (Verkehrsbetriebe Posen) Parkeisenbahn Maltanka
Russland Chabarowsk 750 2,5 Diesel 19.05.1958 ? Fernost-Kindereisenbahn
Russland Irkutsk 750 3,75 Diesel 08.11.1939; 1992 ? ?
Russland Jaroslawl 750 5,7 Diesel 17.04.1970 ? ?
Russland Jekaterinburg 750 2,5 Diesel 09.07.1960 ? Kindereisenbahn Swerdlowsk
Russland Juschno-Sachalinsk 750 2,2 Diesel 06.06.1954 ? Kindereisenbahn Sachalin
Russland Kasan 750 4,29 Diesel 30.08.2007 ? ?
Russland Kemerowo 750 3,8 Diesel 12.10.2007 ? ?
Russland Krasnojarsk 508 1,3 Diesel 01.08.1936 ? ?
Russland Kratowo (Moskau-Gebiet) 750 3,8 Diesel 02.05.1937 ? Kratowo-Kindereisenbahn
Russland Kurgan 750 1,5 Diesel 13.08.1989 ? ?
Russland Liski (Woronesch-Gebiet) 750 1,6 Diesel 06.08.1989 ? ?
Russland Nischni Nowgorod 750 3,2 Dampf, Diesel 08.11.1939 ? Gorki-Kindereisenbahn Nischni Nowgorod
Russland Nowomoskowsk (Tula-gebiet) 750 2 Diesel 21.12.1953 ? ?
Russland Nowosibirsk 750 5,3 Diesel 30.06.2005 ? Kleine Westsibirische Eisenbahn
Russland Orenburg 750 5,8 Diesel 26.07.1953 ? ?
Russland Pensa 750 2,5 Diesel 04.08.1985 ? ?
Russland Rostow am Don 750 3,97 Dampf, Diesel 09.11.1940 ? ?
Russland Sankt Petersburg 750 2,1 + 11,2 Diesel 27.08.1948; 12.07.2011 RZhD Kleine Oktoberbahn Zwei getrennte Strecken
Russland Swobodny 750 11,6 Diesel 04.08.1940 ? ?
Russland Tscheljabinsk 750 5,7 Diesel 01.08.1949 ? ?
Russland Tschita 750 6,1 Diesel 02.09.1971 ? ?
Russland Tjumen 750 3,82 Diesel 03.08.1969 ? ?
Russland Ufa 750 1,6 Diesel 10.05.1953 ? ?
Russland Wladikawkas 750 2,37 Diesel 02.05.1968 ? ?
Russland Wolgograd 750 1,2 Diesel 02.05.1948 ? ? bis 1960: 600 mm
Slowakei Košice 1000 3,9 Dampf, Diesel 1955 ? ?
Turkmenistan Aşgabat 750 1,2 Diesel 06.11.1987 ? ?
Ukraine Charkiw 750 3,6 Diesel 08.11.1940 ? ?
Ukraine Dnipro 750 2 Diesel 06.07.1936 ? ?
Ukraine Donezk 750 2,1 Diesel 19.05.1972 ? Kindereisenbahn Donezk
Ukraine Kiew 750 2,8 Dampf, Diesel 02.08.1953 ? ?
Ukraine Luzk 750 1,5 Diesel 08.11.1954 ? ?
Ukraine Lemberg 750 1,2 Diesel 18.05.1951 ? ?
Ukraine Riwne 750 2,5 Diesel 09.05.1949 ? ?
Ukraine Saporischschja 750 9,4 Diesel 19.05.1972 ? ?
Ungarn Budapest 760 11,2 Dampf, Diesel 11.04.1948 MAV Kindereisenbahn Budapest
Usbekistan Jizzax 750 2 Diesel 1976 oder 1986 ? ?
Usbekistan Taschkent 750 1,7 Diesel 05.08.1940 ? ?
Weißrussland Minsk 750 3,79 Diesel 09.07.1955 BTsch Zaslonov-Kindereisenbahn

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 40 Jahre Berliner Park Eisenbahn - FEZ Wuhlheide-Köpenick. Bei uns geht’s immer rund. Berlin 1996.
  • Neil Robinson: World Rail Atlas. Bd. 8: The Middle East and Caucasus. 2006. ISBN 954-12-0128-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Pioniereisenbahn in Ungarn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b 40 Jahre, S. 6.
  2. parkeisenbahn-vatterode.de
  3. Childrens Railways
  4. a b 40 Jahre, S. 5.
  5. Robinson, S. 17 (Anm. 12).
  6. Robinson, S. 17 (Anm. 15).
  7. Robinson, S. 16.
  8. Robinson, S. 17 (Anm. 14).