Piuro

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Piuro
Wappen
Piuro (Italien)
Piuro
Staat Italien
Region Lombardei
Provinz Sondrio (SO)
Koordinaten 46° 20′ N, 9° 25′ OKoordinaten: 46° 20′ 0″ N, 9° 25′ 0″ O
Höhe 382 m s.l.m.
Fläche 85 km²
Einwohner 1.900 (31. Dez. 2016)[1]
Bevölkerungsdichte 22 Einw./km²
Postleitzahl 23020
Vorwahl 0343
ISTAT-Nummer 014050
Schutzpatron Martin von Tours (11. November)
Website Piuro
Piuro 1.JPG

Piuro (dt. Plurs, rätoromanisch Audio-Datei / Hörbeispiel Plür?/i) ist ein Dorf in der Provinz Sondrio in der Lombardei, Italien. Piuro hat 1900 Einwohner (Stand 31. Dezember 2016) auf 48 km².

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Piuro liegt nahe der Grenze zum Kanton Graubünden, Schweiz, und gehört geografisch zum Bergell. Das Dorf liegt an der Mündung des Valle Drana in die Mera und setzt sich aus einer Vielzahl von Weilern zusammen. Die wichtigsten sind Prosto, Borgonovo und Santa Croce. Die kleineren heißen Sant’Abbondio, Aurogo, Scilano und Cranna. Hoch oben am Berg und mit dem Auto nicht erreichbar liegen Savogno und Dasile und die Wasserfälle Acquafraggia.[2] Nördlich der Wasserscheide beim Leipass befindet sich das Tal Valle di Lei, das zum Gebiet von Plurs gehört. Im Tal liegt der Stausee Lago di Lei.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Matthäus Merian: Plurs vor und nach dem Bergsturz. Abbildung aus Martin Zeiller, Topographia Helvetiae, 1642/1654

1021 wurde Plurium erstmals erwähnt und gehörte noch zum größeren Chiavenna. Im 15. Jahrhundert erlangte Plurs die Unabhängigkeit.

Durch den Abbau von Speckstein und dessen Verarbeitung zu Hausgeschirr und Kochtöpfen, den Export von Lavezprodukten und den europaweiten Handel mit Seide aus dem Gebiet des Comersees gelangte das Städtchen zu Reichtum und Wohlstand. Ein Zeitzeuge schrieb im 17. Jahrhundert von Häusern, „die man eher große Paläste nennen konnte. […] Ja es schien, als habe hier Krösus den Reichtum angesammelt und Kleopatra ihre kostbaren Juwelen getragen.“[3]

Plurs besitzt Alpweiden auf der hohen Talstufe beim See Lago dell Acqua Fraggia, und die Gemeinde erwarb sich schon früh auf der Nordseite der Bergkette im Valle di Lei auf den ausgedehnten Alpweiden eine zusätzliche Basis für die Viehwirtschaft.

Plurs blieb 1487 vom Bündnerfeldzug verschont, weil der verwandte Berthold Fontana aus Riom im bündnerischen Oberhalbstein intervenierte und eine Brandschatzungssumme entrichtete. Als 1512 die Bündner das Veltlin eroberten, wurde Plurs Amtssitz eines Podestaten. Um 1550 kamen vom Bergell her in Plurs und Ponteggia evangelische Gemeinden auf. Führende Vertreter der Kaufmannsfamilien Lumaga und Camulio, die in Italien der Inquisition ausgesetzt waren, förderten hier die Reformation und wirkten im reformierten Kirchenrat mit. 1597 führten namhafte reformierte und katholische Theologen in der Kirche San Giovanni eine öffentliche Disputation über den Stellenwert der Messe durch. Reformierter Pfarrer im Dorf war damals der Antitrinitarier Gerlolamo Turriani.[4]

Der Bergsturz von Plurs 1618[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der unkontrollierte Lavezsteinabbau hatte den Berg Conto unterhöhlt und führte am 25. Augustjul./ 4. September 1618greg. zu einem schweren Bergsturz: vom Berg Conto lösten sich infolge der Unterhöhlungen große Felsmassen, die Plurs und Teile des benachbarten Dorfes Chilano unter Gesteinstrümmern begruben und den Fluss Mera für kurze Zeit zu einem See stauten. Gemäß unterschiedlicher Quellen wurden dabei zwischen 1.000 und über 2.000 Menschen getötet.

Die Berichte über das reiche Plurs nahmen teilweise legendäre Züge an, die sich durch die späteren Ausgrabungen nicht belegen liessen.[5][6][7] Die Drei Bünde veranlassten gleich nach der Katastrophe erste Ausgrabungen. Letzte Sondierungen erfolgten noch 1963–1966 durch die italienische-schweizerische Vereinigung für die Ausgrabung von Piuro.[8][9] Die Vereinigung hat ein Bibliografie der Veröffentlichungen zur Geschichte von Plurs herausgegeben.[10] In der Kirche von Sant'Abbondio von Chiuro befindet sich eine kleine Ausstellung über das verschüttete Plurs.

Palazzo Vertemate

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pfarrkirche San Martino di Tours (11. Jahrhundert)[11] mit mittelalterlichen Fresken des Malers Maestro dell’Apocalisse di Civate
  • Palazzo Vertemate Franchi (vor 1618)[12][13]
  • Wasserfälle Acquafraggia[14]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Piuro – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2016.
  2. Website valchiavenna.com mit Beschreibung der Wasserfälle Acquafraggia, Weiler Savogno und Dasile
  3. Presser, S. 17.
  4. http://www.dillum.ch/html/plurs_campanile_legende.htm
  5. Silvia Andrea: Die Bienen von Plurs: vier Tage vor dem verheerenden Bergsturz hatten sie die Flucht ergriffen. Appenzeller Kalender 253, 1974
  6. http://www.dillum.ch/html/plurs_campanile_legende.htm
  7. Hauer 2010 (2), S. 275.
  8. Martin Bundi: Plurs. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  9. Grabungen von Plurs auf piuroitalosvizzera.net
  10. Veröffentlichungen zu Plurs auf piuroitalosvizzera.net
  11. Pfarrkirche San Martino di Tours (Foto)
  12. Palazzo Vertemate Franchi (Foto)
  13. Guido Scaramellini, Il Vertemate Franchi di Piuro, un esempio di palazzo autarchico. (italienisch) auf e-periodica.ch/digbib (abgerufen am 11. Januar 2017).
  14. Website valchiavenna.com mit Beschreibung der Wasserfälle Acquafraggia und Weiler Savogno und Dasile
  15. Guglielmo da Piuro auf archive.org/stream (abgerufen am 23. Dezember 2016).