Plutokratie

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Die Plutokratie oder Plutarchie (griechisch πλουτοκρατία plutokratía ‚Reichtumsherrschaft‘, von πλοῦτος plútosReichtum‘ und κρατεῖν krateín ‚herrschen‘) ist eine Herrschaftsform, in der Vermögen die entscheidende Voraussetzung für die Teilhabe an der Herrschaft ist, also die Herrschaft des Geldes (auch „Geldadel“ genannt). Sie kann institutionalisiert sein (z. B. über das Zensuswahlrecht) oder indirekt ausgeübt werden durch die Abhängigkeit der gewählten Entscheidungsträger[1] von den eigentlichen Oligarchen, nämlich den Plutokraten und ihren Lobbyisten. Die Plutokratie ist somit eine Unterform der Oligarchie.

In einem plutokratischen System gibt es einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit bei geringer sozialer Mobilität. In einer Plutokratie sind Ämter in der Regel nur den Besitzenden zugänglich. Es existiert ein Zensuswahlrecht, das Besitzlose von den politischen Bürgerrechten ausschließt, wodurch politische Macht hauptsächlich zum Nutzen der Machtinhaber ausgeübt wird. Damit ist verbunden, dass die finanzielle Macht Einzelner oder von Unternehmen die verfassungsmäßige Ordnung eines Staates umgeht, eigennützig den Staat steuert und demokratische Wahlen möglichst manipuliert.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühe Verwendung[Bearbeiten]

1817 spricht Adam Weishaupt bereits von „Plutocratie oder Herrschaft der Reichen“ auf Kosten zunehmender Abhängigkeit der Armen, als Ursache jedweder großen Revolution.[2]

Kampfbegriff im Dritten Reich[Bearbeiten]

Im Nationalsozialismus war „Plutokratie“ ein Begriff, der insbesondere durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels häufig verwendet wurde, um Großbritannien und die USA negativ darzustellen und ihnen bösartige Pläne gegen Deutschland zu unterstellen. Goebbels setzte dabei in der Propaganda Demokratie und Plutokratie grundsätzlich gleich bzw. stellte die Demokratie als eine Unterform der Plutokratie dar.[3] In Anknüpfung an den Antisemitismus (unter anderem angebliche bolschewistische Weltherrschaftspläne) behauptete er, es gebe von den Plutokratien einen Pakt gegen Deutschland, der zu einer Unterwerfung Europas unter die Sowjetunion führen werde.[4] Die Feindbildpropaganda wurde auch dazu genutzt um die Lage von Arbeitern (einschließlich Ostarbeitern) in Deutschland zu beschönigen, denen es im NS-Staat angeblich viel besser gehen würde.[5]

Debatten und Beurteilungen in der Gegenwart (plutocracy)[Bearbeiten]

Abgrenzung und Problematik nach Freeland[Bearbeiten]

Chrystia Freeland verwendet in ihrem Buch Die Superreichen (im Original: Plutocrats), „die untereinander mehr gemeinsam haben als mit ihren Landsleuten daheim",[6] die Wörter Plutokraten bzw. Plutokratie als Bezeichnung für diese “neue globale Geldelite". Die Credit Suisse AG bescheinigt in ihrem Global Wealth Report 2011 den UHNWIs (ultra high net worth individuals) - definiert als „Personen, die ein investierbares Einkommen von mindestens 50 Millionen Dollar besitzen" - einen ähnlichen Lebensstil und zunehmend globalen Charakter, so dass sie immer mehr eine Gemeinschaft bilden.[7] Diese Kreise seien "definiert durch Interessen, nicht durch die Geographie".[8] und leben in einer abgeschotteten Welt (mit z.B. eigenen Eliteschulen und Treffen auf Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum)[9].

Im Dienst dieser Oberschicht stehe die „Einkommensverteidigungsindustrie“ aus Rechtsanwälten, Steuerberatern und Lobbyisten[10] Am stärksten vertreten sei die Finanzbranche; insbesondere Betreiber von Hedgefonds, Risikokapitalunternehmen und Beteiligungsgesellschaften bilden den „Milliardärskreis“.[11] Beeinflusst wurde diese Entwicklung laut Freeland insbesondere durch die Deregulierung der Finanzmärkte[12] und durch starken politischen Einfluss, sowie weitere internationale Entwicklungen wie z.B. die Transformation der Planwirtschaften in Marktwirtschaften und den Verkauf staatlicher Vermögenswerte.[13]

Untersuchungen und Beurteilungen[Bearbeiten]

Unter anderem aufgrund der gestiegenen Ungleichheit als auch dem politischen Einfluss von Lobbying und Wahlkampfspenden[14] wird in den englischsprachigen Ländern debattiert, inwiefern plutocracy-Züge die USA und andere Länder prägen. Die Debatte fand auch in einigen deutschsprachigen Publikationen Beachtung.[15][16]

Der Ökonom Paul Krugman macht auf den Widerspruch von plutocracy und Demokratie aufmerksam und sieht durch die Entwicklungen (u.a. steigende Ungleichheit und Machtveränderungen) eine Gefährdung der Demokratie. Er kritisiert dabei auch die politische Elite, die trotz unter anderem steuerlicher Entlastungen und Finanzderegulierungen, teils einer Fantasie anhängen würden, dass Reiche zu sehr belastet würden.[17][18] Freeland kritisiert die legale Korruption[19] mittels Wahlkampfspenden und Lobbyismus, die zusätzlich politische Macht verschafft.[20]

Der Unternehmer Nick Hanauer argumentiert, dass die damit verbundene Entwicklung und "trickle-down"-Politik nicht nur für Arme, sondern auch für die Wirtschaft insgesamt schädlich ist und plädiert unter anderem für Lohnerhöhungen.[21]

Kevin Phillips, Autor und politischer Stratege von US-Präsident Richard Nixon, kritisierte 2004, die Vereinigten Staaten von Amerika haben sich zu einer „plutocracy“ entwickelt, in denen es eine „Vereinigung von Geld und Regierung“ gebe.[22] Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama machte 2012 in seiner Beurteilung zu plutocracy-Entwicklungen auf die stark gestiegene Ungleichheit in den letzten drei Jahrzehnten aufmerksam. Er verwies dabei auf die Studien der Ökonomen Thomas Piketty und Emmanuel Saez.[23] Folgende Tabelle zeigt diese Entwicklung der Durchschnittseinkommen von Bevölkerungsschichten in den USA in US-Dollar.[24]

Soziale Schicht 1970 Relationen 2012 Relationen Steigerung um Steigerung der Relation
Reichste 0,01 % 2.290.000 76 21.570.000 720 842 % aufs 9,5-fache
Reichste 0,1 % 844.000 28 4.661.000 165 452 % aufs 6-fache
Reichste 1 % 340.000 11 1.021.000 33 200 % aufs 3-fache
Reichste 10 % 137.000 4 244.000 8 78 % aufs Doppelte
Restliche 90 % 33.000 1 30.000 1 - 9 % -------

Geld, Macht und Klassenzugehörigkeit haben als Faktoren nach Fukuyama einen hoch komplexen Einfluss in der Politik. Eine Plutokratie, so kritisiert Fukuyama, hat dabei enorme politische Fehlentscheidungen zur Folge.[25] Fukuyama verwies in dem Zusammenhang auch darauf, dass ein wesentlicher Maßstab für eine lebendige und funktionierende Demokratie die Fähigkeit ist, auch bei Eliten für ein angemessenes Steueraufkommen zu sorgen. Die dysfunktionalsten Gesellschaften der Welt sind diejenigen, wo diese sich der Steuer entziehen können und somit dem Rest der Gesellschaft die öffentlichen Ausgaben aufbürden.[26]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Plutokratie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden. Band 17, Bibliographisches Institut Mannheim/ Wien/Zürich, 1981, S. 166
  2. Adam Weishaupt: Über die Staatsausgaben und Auflagen. 1817. (online) S. 69:
    „Dadurch, daß einige zu reich werden, indem der größere Theil verarmt, entsteht eine Plutocratie oder Herrschaft der Reichen, welche die Aermern nöthigt sich den Reichen in die Arme zu werfen, um bei diesen ihren Unterhalt zu suchen. Dieß und keine andere, ist die Ursache aller großen Revolutionen; und man kann mit Recht behaupten, jeder Machtwechsel sei die Folge eines vorhergegangenen Geld- oder Güterwechsels."
  3. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus (2007), S. 471.
  4. Sabine Omland: NS-Propaganda im Unterricht deutscher Schulen 1933-1943. 2 Bände: Längsschnittuntersuchungen im Erscheinungszeitraum 1933-1943, 2014, S. 88-89.
  5. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus (2007), S. 470-471.
  6. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen Geldelite Frankfurt/Main 2013, S. 20
  7. Global Wealth Report 2011, Credit Suisse Research Institute, 19. Oktober 2011, S. 16 f., zit. n. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 77 f.
  8. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 78
  9. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 78 und 80
  10. Winters, Jeffrey A., Oligarchy, Cambridge u.a. 2011 S. XII, zit. n. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 88.
  11. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 143 ff.
  12. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 255.
  13. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 220 und 253.
  14. Spon: Obama-Feinde David und Charles Koch: Die Paten der Republikaner, 22. April 2014
  15. John Nichols: Von Roosevelt zu Obama: Die Aushöhlung der amerikanischen Demokratie. Blätter für deutsche und internationale Politik, Oktober 2014
  16. Jens Jessen: Unterwegs zur Plutokratie. - Hemmungsloser Reichtum, betrogene Bürger: Der entfesselte Markt bringt die Demokratie in Gefahr, Die Zeit, 3. September 2011
  17. The Undeserving Rich, Januar 2014, New York Times
  18. Plutocrats Against Democracy, Oktober 2014, New York Times
  19. Daniel Kaufmann, ’’Corruption and the Global Financial Crisis’’, Forbes, 27. Januar 2009 , zit. n. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 256 f.
  20. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 256 f.
  21. Politico: The Pitchforks Are Coming… For Us Plutocrats; Juli 2014 TED-Talk
  22. Transcript: Bill Moyers Interviews Kevin Phillips, September 2004, PBS
  23. Money, power and class in America, 26. Oktober 2012, The Globe and Mail
  24. Emmanuel Saez: Striking it Richer: The Evolution of Top Incomes in the United States. http://elsa.berkeley.edu/~saez/saez-UStopincomes-2012.pdf, zit.n. Marco d'Eramo, [1]
  25. Money, power and class in America, 26. Oktober 2012, The Globe and Mail
  26. John Nichols: Von Roosevelt zu Obama: Die Aushöhlung der amerikanischen Demokratie. Blätter für deutsche und internationale Politik, Oktober 2014