Plutokratie

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Die Plutokratie (altgriechisch πλουτοκρατία plutokratía „Reichtumsherrschaft“, von πλοῦτος plútosReichtum“ und κρατεῖν krateín „herrschen“) oder Plutarchie (ἄρχειν archein „anführen“) ist eine Herrschaftsform, in der Vermögen die entscheidende Voraussetzung für die Teilhabe an der Herrschaft ist, also die Herrschaft des Geldes (Geldherrschaft; sinnähnlich auch „Geldadel“ genannt). Sie kann institutionalisiert sein (z. B. über das Zensuswahlrecht) oder indirekt ausgeübt werden durch die Abhängigkeit der gewählten Entscheidungsträger[1] von den Plutokraten.

In einem plutokratischen System gibt es oft einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit bei geringer sozialer Mobilität. In einer Plutokratie sind Ämter in der Regel nur den Besitzenden zugänglich. Es existiert ein Zensuswahlrecht, das Besitzlose von den politischen Bürgerrechten ausschließt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In antiken Stadtstaaten wie der attischen Demokratie oder der Römischen Republik wurden die politischen Rechte (Teilnahme an der Volksversammlung o. ä.) zu bestimmten Zeiten an ein gewisses Einkommen bzw. einen Mindestbesitz gebunden. Das früheste Beispiel dafür liefert die timokratische Ordnung des athenischen Verfassungsgebers Solon. Folge der Einteilung der Bürger in verschiedene Zensusklassen war, dass für lange Zeit nur die wohlhabendsten Athener die höchsten Staatsämter bekleiden konnten, während den Ärmsten (den Theten) erst unter der Regierung des Themistokles volle politische Beteiligung zugebilligt wurde.

In der wichtigsten Volksversammlung Roms, der Comitia Centuriata, waren alle Bürger auf eine Weise in Zensusklassen eingeteilt, die garantierte, dass die wohlhabenden Bevölkerungsteile (u. a. die Nobilität) in Abstimmungen stets das Übergewicht an Stimmen hatten. So sicherte der Zensus ihnen eine strukturelle Mehrheit gegenüber dem zahlenmäßig weit größeren „einfachen“ Volk (der plebs).

Moderne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch moderne Demokratien ab der französischen Revolution kannten meistens kein allgemeines Wahlrecht, sondern knüpften dieses an Besitz oder Einkommen/Steuerleistung. Die Bevorzugung der besitzenden Bürger im Wahlrecht war bis in das 19. Jahrhundert selbstverständlich und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich.

So war auch in Österreich von 1873 bis 1882 das Wahlrecht an eine Steuerleistung von mindestens 10 Gulden und von 1882 bis 1896 an eine von mindestens 5 Gulden geknüpft.

Verwendung als politischer Kampfbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1817 spricht Adam Weishaupt bereits von „Plutocratie oder Herrschaft der Reichen“ auf Kosten zunehmender Abhängigkeit der Armen, als Ursache jedweder großen Revolution.[2]

Im Nationalsozialismus war „Plutokratie“ ein Begriff, der insbesondere durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels häufig verwendet wurde, um Großbritannien und die USA negativ darzustellen und ihnen bösartige Pläne gegen den NS-Staat zu unterstellen. Goebbels setzte dabei in der Propaganda Demokratie und Plutokratie grundsätzlich gleich bzw. stellte die Demokratie als eine Unterform der Plutokratie dar.[3] In Anknüpfung an den Antisemitismus (unter anderem angebliche bolschewistische Weltherrschaftspläne) behauptete er, es gebe von den Plutokratien einen Pakt gegen Deutschland, der zu einer Unterwerfung Europas unter die Sowjetunion führen werde.[4] Die Feindbildpropaganda wurde auch dazu genutzt, die Lage von Arbeitern (einschließlich Ostarbeitern) in Deutschland zu beschönigen, denen es im NS-Staat angeblich viel besser gehe.[5]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Plutokratie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden. Band 17, Bibliographisches Institut Mannheim/ Wien/Zürich, 1981, S. 166
  2. Adam Weishaupt: Über die Staatsausgaben und Auflagen, 1817, S. 69:
    „Dadurch, daß einige zu reich werden, indem der größere Theil verarmt, entsteht eine Plutocratie oder Herrschaft der Reichen, welche die Aermern nöthigt sich den Reichen in die Arme zu werfen, um bei diesen ihren Unterhalt zu suchen. Dieß und keine andere, ist die Ursache aller großen Revolutionen; und man kann mit Recht behaupten, jeder Machtwechsel sei die Folge eines vorhergegangenen Geld- oder Güterwechsels.“
  3. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus (2007), S. 471.
  4. Sabine Omland: NS-Propaganda im Unterricht deutscher Schulen 1933–1943. 2 Bände: Längsschnittuntersuchungen im Erscheinungszeitraum 1933–1943, 2014, S. 88–89.
  5. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus (2007), S. 470–471.