Poetenleben

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Robert Walser

Poetenleben ist ein Band Kurzgeschichten des schweizerischen Schriftstellers Robert Walser, im Mai 1917 zu Ende geschrieben und im November desselben Jahres bei Huber & Co. in Frauenfeld erschienen.

In diesem Psychogramm einer Gesellschaft, die den Dichter als bloßes Anhängsel hinnimmt, berichtet der Autor ironisch-parodistisch aus dem Poetenalltag.

Wanderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den wunderbaren, schreckhaften Zauber von Natureinöden geht es in der Wanderung. Unter dem Wahlspruch harmlose Freuden sind wahre Freuden könnten etliche der 25 Geschichten dieses Bandes stehen. Freilich haben es die vagabundierenden Vaganten nicht leicht auf ihren Wanderungen. Der Landjäger, erklärter Gegner des Wanderburschen, stellt sich in den Weg und fordert mit finsterer Stimme das gültige Legitimationspapier. Aber ein froher Wanderer nimmt solche Behinderung in Kauf. Wird er doch dafür von der Natur entschädigt. Diese ist auf so geheimnisvolle unerschöpfliche Weise groß, dass der wandernde Poet auch bereits schon unter ihr leidet. Das ist nun einmal so, denn dem Glück auf der Welt ist gewöhnlich der Schmerz beigemischt.

Auch mitten in der Stadt ist der Poet heimisch. Im Park spricht er dreist Die Indianerin an, um mit ihr zu spazieren. Er bekommt keinen Korb, taucht bald mit ihr im Schwarz der Nächtlichkeit unter und darf sie rudern. Der Wanderbursche gönnt sich keine Rast. In einem anmutigen Jägerschlößchen wartet bereits eine einzelne, edle, vornehme reiche Dame extra auf ihn. Die Welt erscheint dem Paar fortan als Traum. Als die Frau wissen möchte, ob der Poet ihr Sohn sein will, nimmt der Befragte Reißaus - spaziert immer weiter wie ein Lebebaron, um einigermaßen die Welt zu genießen, in diese hinein.

Dauthendey[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 1901 macht sich der Poet von München aus auf den Weg zu einer Fußreise nach Würzburg. Das Flattertum läuft mit ihm. In der Bischofsstadt am Main trifft er seinen Freund, den Dichter Dauthendey, am hellen Vormittag noch im Bett liegend an. Langschläfer Dauthendey springt aus den Federn, reißt den Kleiderschrank auf und kleidet den südländisch gekleideten fahrenden Poeten erst einmal gutbürgerlich ein. Nun fällt der Poet beim Spazieren über die alte, imposante, statuengeschmückte Mainbrücke und hinauf zum fürstbischöflichen Schloß überhaupt nicht mehr unangenehm auf. Obwohl Dauthendey knapp bei Kasse ist, gibt er dem Poeten von dem Wenigen. Acht reizende Sommertage geht es mit dem Gastgeber durch Würzburgs Altstadt und Weinberge. Der Poet überfällt endlich den in Gedanken versunkenen Fußgänger Dauthendey mit der Bitte um zwanzig Mark, bekommt das Geld für eine Fahrkarte und reist tags darauf ab nach Berlin.

Marie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wieder daheim in der Schweiz, residiert und logiert der Poet unter dem Dach der sehr gescheiten Frau Bandi, die deutliche Spuren von ehemaliger Lieblichkeit zeigt. Die gelegentlich schriftstellernde Wirtin macht auf den Poeten einen tiefunbefriedigten Eindruck. Natürlich ist das Anwesen wiederum von einem hohen Wald umgeben. Spaziergänge des Poeten in das tiefsinnige Grün bieten sich an und werden ausgeführt. Und wer begegnet dem Poeten des Abends hinter vorspringendem Gestrüpp? Die große Frauengestalt erscheint. Ohne Umschweife nimmt man auf den bescheidenen Waldboden nebeneinander Platz und genießt eine Zauberstunde im süßen Waldesdüster. Das Stelldichein auf dem köstlichen Moosplätzchen wird wiederholt. Marie, so heißt die hoch gewachsene Frau, sagt von sich, sie stamme aus dem Emmental. Man kommt sich näher. Der Poet nimmt Maries gutherzige Brust als das weichste Kopfkissen. Es kommt zu einer Begegnung Maries mit Frau Bandi. Die Wirtin schaut mit Wegwerfung auf Marie, das gute Kind der Natur, dessen Erscheinung sie mißbilligen zu sollen meinte. Marie verschwindet sodann auf Nimmerwiedersehen aus dem Gesichtsfeld des weiter wandernden Poeten.

Hungertod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Natürlich hält sich der Poet nicht nur unter hohen Bäumen auf. Seine zweite Heimat ist naturgemäß der Schreibtisch. Den findet er bei Frau Wilke, seiner nächsten Wirtin, vor. An das alte, edle Möbel setzt er sich und will sogar Novellen schreiben, die unter Umständen in den 'Pekinger Neuesten Nachrichten' schleunig veröffentlicht werden könnten. Das sind alles Hirngespinste. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Poet ist erfolglos, und auch Frau Wilke hat nichts mehr zu essen. So verbleicht sie.

In Das Zimmerstück und in Der Rede an einen Ofen sucht der Poet vergeblich, außerhalb der Natur einen geeigneten Stoff - zum Beispiel unter der Bettstelle - aufzutreiben. Das schönste Thema bleibt unauffindbar. Der Schriftsteller sieht den Ofen in seiner ofenplattenhaften Ruhe höhnisch lächeln.

Poetenleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu guter Letzt, in der Titelerzählung Poetenleben, stellt der Autor dem Poeten, einem Verehrer Hölderlins, der im kaufmännischen Zentralstellenvermittlungsbureau sattsam bekannten Bewerberfigur, noch ein richtiges Armutszeugnis aus. Die Vorgesetzten sind ausnahmslos froh, wenn sie den jungen Bureauarbeiter ins proletarische Poetenleben entlassen können. Keiner der Herren Direktoren möchte einen Poeten länger als nötig beschäftigen. Deshalb trennt sich der Herr Vorgesetzte von dem Dichter möglichst rasch, denn er gönnt dem Hilfsbuchhalter sein taugenichtsiges Vergnügen da unten auf der Straße von Herzen.

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wer hart arbeiten muß…, der ist für die Freude verdorben…[1]

Wendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In Aus Tobolds Leben ist das gräfliche Gesicht von echt aristokratischer Häßlichkeit.[2]
  • Der Nachtwächter plaudert mit verrauchtabakter Stimme.[3]
  • Die unauffälligste Unauffälligkeit.[4]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hesse schreibt 1917 in einer Besprechung zu Poetenleben: Wenn solche Dichter wie Walser zu den „führenden Geistern“ gehören würden, so gäbe es keinen Krieg.[5]
  • Loerke rezensiert das Poetenleben: Robert Walser erfand gleichsam das Erzählen an sich, ohne Gegenstand. Mit Dingen, die niemand sonst des Berichtens für würdig hielte, fesselt… er… Scheinbar zweck- und pointenlos plaudernd, ist er beherrscht….[6]
  • Sprengel hebt den ironisch-parodistischen Aspekt aus jener Kurzprosa hervor.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle

  • Jochen Greven (Hrsg.): Robert Walser: Poetenleben. Mit einem Nachwort des Herausgebers. Zürich 1986. ISBN 3-518-37608-X

Sekundärliteratur

  • Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse: Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen. S. 460-461. Frankfurt am Main 1975. ISBN 3-518-36752-8
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900-1918. S. 222. München 2004. ISBN 3-406-52178-9
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A-Z. S. 648. Stuttgart 2004. ISBN 3-520-83704-8
  • Matthias Sprünglin: Poetenleben (1917; Impressum 1918). In: Lucas Marco Gisi (Hrsg.): Robert Walser-Handbuch. Leben – Werk - Wirkung, J.B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02418-3, S. 158-162.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verwendete Ausgabe, S. 114
  2. Verwendete Ausgabe, S. 84
  3. Verwendete Ausgabe, S. 85
  4. Verwendete Ausgabe, S. 109
  5. Michels, S. 461
  6. auf der Umschlag-Rückseite der Quelle, zitiert aus: Neue Rundschau, 29. Jg., 1918, Bd.2, S. 1238