Politische Sozialisation

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Politische Sozialisation bezeichnet den Vorgang, bei dem Individuen Orientierungsmuster für gesellschaftsbezogene Fragestellungen erwerben. Da die Sozialisation sich auf die gesamte bewusste wie unbewusste Aneignung von Kenntnissen und Fähigkeiten, Einstellungen und Werten bezieht (Internalisierung), ist der Begriff äußerst komplex und im Zusammenhang mit der politischen Kultur und Bildung zu verstehen.[1]

Während die politische Sozialisation im engeren Sinne danach fragt, wie die Orientierungsmuster erlangt und entwickelt werden, lassen sich in einem weiteren Sinne auch die Inhalte und Ergebnisse des Prozesses betrachten. Hierbei ergeben sich Überschneidungen zur Meinungsforschung.

Begriffsinhalt[Bearbeiten]

Der Mensch muss im Verlauf seines Lebens einerseits lernen, was die Gesellschaft, in die er hineingeboren wird, von ihm erwartet, andererseits wie er diese Erwartungen erfüllen kann.

Sozialisation bezeichnet zunächst den Prozess, bei dem die Individuen die Normen, Werte und Verhaltensweisen erwerben, die von der Gruppe oder Gesellschaft als wesentlich erachtet werden, um ihren Anforderungen entsprechen zu können.[2] Dabei handelt es sich um einem wechselseitigen Vorgang: Die Gesellschaft prägt das ihr genehme Verhalten der (lernenden) Individuen, die ihrerseits die Gesellschaft beeinflussen, an deren Entwicklung somit aktiv beteiligt sind.

Die politische Sozialisation bezieht sich dabei auf die Verhaltensweisen und Grundeinstellungen, die zur Rolle des Individuums in einer bestimmten Nation gehören und Bezug zum öffentlichen Leben haben, etwa die Bereitschaft, an politischen Prozessen teilzunehmen.[3]

Forschungsansätze[Bearbeiten]

Bei der politischen Sozialisationsforschung kann zwischen Instanzen, Prozessen und Inhalten unterschieden werden.

Instanzen[Bearbeiten]

Bei den Instanzen richtet sich das Augenmerk auf Institutionen und Akteure, die ihrerseits holzschnittartig in drei Bereiche unterteilt werden: Man differenziert zwischen der primären Instanz, zu der etwa die Familie oder informelle Freundschaftsgruppen gehören, der sekundären wie Schule und Jugendarbeit und der tertiären, zu der politische und gesellschaftliche Einrichtungen zählen, etwa Politische Parteien, Verbände und Kirchen. Eine klare zeitliche oder hierarchische Reihenfolge kann indes empirisch nicht belegt werden, da die Instanzen sich untereinander beeinflussen und verflochten sind.[4]

Prozesse[Bearbeiten]

Die Kristallisationsthese geht davon aus, dass die frühkindlichen, in der Familie erworbenen Orientierungen für immer wirksam bleiben. Auf diese Weise prägen sie die späteren Werte des politischen Meinens und Handelns. Für die Ergebnisse des Prozesses ist nicht nur entscheidend, wann und von wem, sondern wie etwas übernommen wird. Dabei spielen unterschiedliche Erziehungsstile und Kommunikationsformen eine wichtige Rolle. Neuere Forschungsergebnisse scheinen zu belegen, dass früh erworbene Einstellungen für allgemeine Faktoren – etwa die generelle Bereitschaft politischer Teilnahme – äußerst beharrlich sind.[5]

Inhalte[Bearbeiten]

Hier kann zwischen Eingaben und Ergebnissen der politischen Sozialisation unterschieden werden. Da empirische Befragungen in erster Linie statische Bilder hervorbringen, Verläufe indes nur durch komplizierte Verfahren zu ermitteln sind, überwiegt der Inhaltsbereich, der sich auf eine Reihung von Daten auf der Zeitachse beschränkt.[6]

Situation in Deutschland[Bearbeiten]

Forschungen auf diesem Feld bezogen sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem auf die „misslungene“ politische Sozialisation der Generationen, die den Nationalsozialismus ermöglicht bzw. nicht verhindert hatten.[7]

Die ältere psychoanalytisch geprägte Autoritarismusforschung wie die neueren, aus den Vereinigten Staaten kommenden strukturalistischen Ansätze blickten dabei ebenso auf die Ursachen der deutschen Katastrophe wie auf Möglichkeiten und Erfolge der demokratischen Entwicklung Westdeutschlands.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilhelm Heitmeyer, Juliane Jacobi (Hrsg:): Politische Sozialisation und Individualisierung. Perspektiven und Chancen politischer Bildung. Weisheim/München
  • Heinz Reinders: Politische Sozialisation Jugendlicher in der Nachwendezeit. Forschungsstand, theoretische Perspektiven und empirische Evidenzen, Opladen 2001

Weblinks[Bearbeiten]

[1] Bundeszentrale für politische Bildung: Politische Sozialisation

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Politische Sozialisation, Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Uwe Andersen, Wichard Woyke, Opladen 2003, S. 521
  2. Politische Sozialisation, Lexikon der Politik, Band 3. Die westlichen Länder: Politische Sozialisation. S. 367
  3. Politische Sozialisation, Lexikon der Politik, Band 3. Die westlichen Länder: Politische Sozialisation. S. 367
  4. Politische Sozialisation, Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Uwe Andersen, Wichard Woyke, Opladen 2003, S. 521
  5. Politische Sozialisation, Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Uwe Andersen, Wichard Woyke, Opladen 2003, S. 522
  6. Politische Sozialisation, Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Uwe Andersen, Wichard Woyke, Opladen 2003, S. 522
  7. Politische Sozialisation, Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Uwe Andersen, Wichard Woyke, Opladen 2003, S. 522