Polizistenmord von Heilbronn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gedenktafel für die Opfer der neonazistischen Tätergruppe am Tatort in Heilbronn.
Von 2007 bis 2012 erinnerte an der Stelle der heutigen Gedenktafel diese schlichtere Tafel an die getötete Polizistin Michèle Kiesewetter.

Bei dem Polizistenmord von Heilbronn wurde die Polizeivollzugsbeamtin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn mit einem gezielten Kopfschuss getötet und der Polizeibeamte Martin A. mit einem Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Der Mordfall wurde zunächst durch die jahrelange Fahndung nach dem Heilbronner Phantom in der Öffentlichkeit bekannt. Seit dem 7. November 2011 wird das Verbrechen aufgrund von Waffenfunden der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund zugeordnet.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. April 2007 hatten die beiden Bereitschaftspolizisten ihren Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese geparkt, um eine Pause einzulegen. Gegen 14 Uhr hörten Zeugen mehrere Schüsse. Anschließend fanden Polizeibeamte die 22-jährige Michèle Kiesewetter tot und ihren 24-jährigen Kollegen Martin A. schwer verletzt neben dem Wagen. Aus der Tatortanalyse ergab sich die Mutmaßung, dass sich zwei Täter von hinten dem Fahrzeug genähert und den Beamten jeweils in den Kopf geschossen hatten.[1] Da Martin A. im Rückspiegel einen Täter sah, habe er sich zu dem Täter umgedreht und wurde seitlich in den Kopf geschossen.[2] Die Hülsen und Projektilteile ließen Rückschlüsse auf zwei Tatwaffen zu, eine Tokarew TT-33 und eine Radom VIS 35.[3] Die Dienstwaffen vom Typ HK P2000 und Handschellen der Beamten wurden entwendet. Der überlebende Polizist, der mehrere Wochen im Koma lag, hat bis heute einen Teil des Projektils in seinem Kopf.[4] Anhand seiner Erinnerungen wurde eine Phantomzeichnung eines der beiden Täter angefertigt.[5] Eine Person, die am Vorabend Michèle Kiesewetter und einen anderen Kollegen anstarrte, ähnelte laut Vernehmung dieses Kollegen dem Phantombild, das nach den Erinnerungen des Martin A. erstellt wurde.[6]

Ermittlungen bis 2011[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ermittlungen wurden zunächst in der Polizeidirektion Heilbronn von der Sonderkommission Parkplatz geführt. Diese wurde am 11. Februar 2009 zwecks personeller Entlastung der Heilbronner Polizei vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg teilweise übernommen.[7] Seit dem 11. November 2011 führt die Bundesanwaltschaft wegen des Zusammenhangs mit rechtsterroristischen Taten die Ermittlungen.[8]

Suche nach dem Heilbronner Phantom[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Heilbronner Phantom

Die von der Spurensicherung am Polizeifahrzeug genommenen Proben enthielten die DNA einer unbekannten Frau; dies galt lange Zeit als der am ehesten erfolgversprechende Ermittlungsansatz. Nachdem diese DNA über Jahre hinweg an mehr als vierzig Tatorten nachgewiesen werden konnte, waren fünf Sonderkommissionen, sechs Staatsanwaltschaften in drei deutschen Bundesländern und polizeiliche Ermittler in Deutschland, Österreich und Frankreich mit der Aufklärung beschäftigt.[9] Der vermeintlichen Täterin, die man Heilbronner Phantom nannte, wurden sowohl vor als auch nach dem Polizistenmord eine Reihe von unterschiedlichsten Straftaten an verschiedenen Orten in Österreich, Frankreich und Deutschland zugeordnet, was die Ermittlungsbehörden zunehmend an der Brauchbarkeit dieser Spuren zweifeln ließ. Ende März 2009 wurde schließlich bekannt, dass die gefundene DNA aus einer Verunreinigung der für die Spurensicherung verwendeten Wattestäbchen herrührte; die DNA stammt von einer Verpackungsmitarbeiterin eines an der Herstellung beteiligten Unternehmens. Daraufhin musste dieser Ermittlungsansatz fallen gelassen werden.[10]

Ergebnislose Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ab 2009 zuständige LKA berichtete im selben Jahr nach Zeugenbefragungen und Ermittlungen, dass bis zu 6 Personen an der Tat beteiligt gewesen sein könnten.[11] Außerdem ließ es 14 Phantombilder anfertigen, von denen 3 für eine Veröffentlichung vorgesehen waren. Ein gerichtlicher Antrag auf Veröffentlichung wurde durch die damals zuständige Heilbronner Staatsanwaltschaft mit der Begründung abgelehnt, aufgrund des Inhalts der einzelnen Zeugenaussagen seien die für eine Veröffentlichung erforderlichen gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllt.[12][5] Durch das NSU-Ermittlungsverfahren verschob sich die Zuständigkeit zum Generalbundesanwalt, der die zugehörigen Zeugenaussagen ebenfalls nicht als glaubwürdig einstufte. Eine Übereinstimmung der Phantombilder und der möglichen Täter des Nationalsozialistischen Untergrunds sei nicht gegeben gewesen.[2]

Lange Zeit fahndete man unter Sinti und Roma nach den Tätern, die sich am Tag der Tat als Landfahrer in der Nähe aufgehalten hatten. Im Mai 2012 bedauerte der Chef des Bundeskriminalamts Jörg Ziercke gegenüber dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma die – nach seinen Angaben von den Medien verschuldeten – öffentlichen Falschverdächtigungen.[13] Während der Ermittlungen wurde bei einem Verdächtigen ein Lügendetektortest durchgeführt. Die Psychologen hielten daran fest, dass der Mann „ein typischer Vertreter seiner Ethnie“ sei, was bedeute, dass „die Lüge ein wesentlicher Bestandteil seiner Sozialisation“ sei. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma warf den Fahndern daraufhin vor, nach rassistischen Vorurteilen ermittelt zu haben,[14] und erstattete im Februar 2014 Anzeige gegen die baden-württembergischen Polizeimitarbeiter.[15]

Durch einen Informanten mit Decknamen „Krokus“ soll das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz Hinweise auf rechte Gewalttäter erhalten haben. Demnach hätten Rechtsextremisten versucht, den Gesundheitszustand des schwer verletzten Polizisten herauszufinden.[16]

Nach Aufdeckung des NSU: Fund der Dienstwaffen und weitere Hinweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ins Stocken geratenen Ermittlungen kamen durch den Fund der gestohlenen Dienstwaffen der ermordeten Polizistin und ihres verletzten Kollegen am 4. November 2011 in Eisenach wieder in Gang. Die Waffen wurden neben den Leichen der mutmaßlichen Täter eines Banküberfalls in deren Wohnmobil gefunden; es handelte sich um zwei dem Thüringer Heimatschutz zugerechnete Rechtsextremisten, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.[17][18] In die Spurensicherung im noch am selben Abend abtransportierten Wohnmobil wurde – nach dem Fund der Dienstwaffen durch das LKA Thüringen – am darauffolgenden Tag auch die SoKo Parkplatz einbezogen.[19]

Am 8. November 2011 wurde eine weitere Verdächtige festgenommen, Beate Zschäpe, die kurz nach dem Banküberfall am selben Tag in Zwickau die Wohnung in Brand gesetzt haben soll, in der sie mit den beiden mutmaßlichen Bankräubern lebte. In dieser Wohnung wurden die beiden möglichen Tatwaffen gefunden, eine Tokarew TT-33 und eine Radom.[20] Auch Ausschnitte eines Videos auf einer ebenfalls in der zerstörten Wohnung sichergestellten DVD bringen die Gruppe mit diesem Mord in Verbindung.[21]

Ohne Quellennennung berichtete der Spiegel im August 2012, das Bundeskriminalamt habe auf einer in der Wohnung des NSU in Zwickau sichergestellten Jogginghose Blutspuren nachgewiesen, die durch einen DNA-Vergleich eindeutig Kiesewetter zugeordnet werden konnten.[20] Im September 2012 teilte der zur Aufklärung der Neonazi-Morde eingerichtete erste NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags mit, dass bislang kein Motiv für den Mord an Kiesewetter ermittelt werden konnte.[22] Auch wurde (neben der fehlerhaften DNA-Spur des Heilbronner Phantoms) eine unbekannte DNA-Spur am Rücken von Martin A. gefunden, die nicht von den Verdächtigen stammt.[23]

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl die Mordwaffen bei Ermittlungen zum rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrund gefunden wurden, bleibt das Tatmotiv, anders als bei den Morden an neun Kleinunternehmern, die mutmaßlich von denselben Tätern in den Jahren 2000 bis 2006 begangen wurden, offen. Im Dezember 2011 gab das Bundeskriminalamt bekannt, dass die Ermittler nach Auswertung einer sichergestellten Festplatte nunmehr von Waffenbeschaffung als Motiv ausgingen und eine Beziehungstat ausschlössen.[24]

Am Bahnhof war kurz vor der Tatzeit laut einem Bericht des Magazins Focus möglicherweise auch Beate Zschäpe, einem nicht eindeutigen Überwachungsvideo zufolge in Begleitung eines fast glatzköpfigen Mannes.[25] Zeugenaussagen zufolge könnte Zschäpe – bzw. eine Frau mit Kopftuch in Begleitung zweier Männer – anschließend in etwa zur Tatzeit am Tatort gewesen sein.[26]

Kiesewetter wurde am 10. Oktober 1984 in Oberweißbach in Thüringen geboren, ging dort zur Grundschule und war im Kirmesverein.[27] Sie wuchs bei ihrer Mutter und einem Stiefvater auf, dessen Namen sie annahm. 2002 ging sie zur Polizei, ab 2003 zur Landesbereitschaftspolizei Baden-Württemberg. Sie war aktive Sportlerin (Crosslauf, Biathlon). Kiesewetter wurde am 2. Mai 2007 unter Anteilnahme von 1300 Trauergästen in ihrem Heimatort beerdigt.

Als der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke 2011 vor einem Bundestags-Ausschuss den Verdacht äußerte, Kiesewetter und Uwe Böhnhardt könnten bekannt oder befreundet gewesen sein, widersprach der Bürgermeister von Oberweißbach Jens Ungelenk in einem offenen Brief.[28]

Im September 2012 wurde bekannt, dass eine Thüringer Polizistin, die Aktivitäten von Neonazis gedeckt bzw. unterstützt hatte, Kiesewetter kannte. Zudem war diese mit Kiesewetters Patenonkel, ebenfalls Polizist, befreundet.[29] Dieser wiederum hatte acht Tage nach dem Mord an seinem Patenkind geäußert, dass die Tat seiner Meinung nach im Zusammenhang mit den bundesweiten „Türkenmorden“ stehe. Wie die Aussage des Patenonkels zu gewichten ist, aus welchem Wissen er den Zusammenhang schon zu diesem frühen Zeitpunkt vermutete und ob die direkten und indirekten Bekanntschaften Kiesewetters in die rechtsextreme Szene in Zusammenhang mit der Tat stehen, bleibt unklar.[30] Im März 2014 sagte die Polizistin vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss aus, dass sie bedroht worden sei. Unter anderem hätten zwei Männer sie zu Hause aufgesucht und ihr „geraten“, sich „an bestimmte Dinge“ im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord nicht zu erinnern.[31]

Ein weiterer möglicher Bezug des Mordfalls auf die Terrorgruppe wurde im April 2017 durch eine ARD-Dokumentation öffentlich gemacht. Darin wurden Filmaufnahmen von der Kranzniederlegung am 27. April 2007, zwei Tage nach der Tat, gezeigt, die ein Graffito an der Wand des unmittelbar am Tatort befindlichen Trafohäuschens der Heilbronner Theresienwiese offenbar mit den Buchstaben „NSU“ zeigen. Dies war den Ermittlungsbehörden zuvor entgangen; die zuständige Bundesanwaltschaft gab im Mai 2017 bekannt, kriminalistisch keine Verbindung zum NSU zu sehen. Mitglieder der NSU-Untersuchungsausschüsse des Bundestages und des baden-württembergischen Landtages sahen das bisherige Versäumnis als Hinweis auf eine mögliche weitere Ermittlungspanne und forderten, Fotos auch weiterer NSU-Tatorte und weitere Fotos des Tatorts Theresienwiese nochmals auszuwerten.[32]

Der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke, der von den NSU-Untersuchungsausschüssen in Thüringen und Bayern als Sachverständiger gehört worden war, erklärte Anfang 2013, mehrere Zeugen hätten nach dem Mord an Kiesewetter unabhängig voneinander von der hektischen Flucht zweier männlicher Personen mit blutverschmierter Kleidung sowie von drei weiteren Fluchthelfern berichtet. Er folgerte daraus, dass der NSU aus mehr als drei Leuten bestehe.[33]

NSU-Prozess in München und Ermittlungen in Baden-Württemberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 16. Januar 2014 wurde der Mord an Kiesewetter im Münchner NSU-Prozess zum ersten Mal behandelt. Mehrere damals ermittelnde Polizisten und Kiesewetters inzwischen 31-jähriger Kollege Martin A. wurden geladen. Seine Erinnerungen an den Tattag sind nach der erlittenen Verletzung lückenhaft. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Kiesewetter „keine Kontakte in die rechte Szene“ hatte, und vermutet, dass beide Polizisten Zufallsopfer waren, die den vom NSU gehassten Staat repräsentierten. In der Bereitschaftspolizei, der Kiesewetter und A. angehörten, hatte Kiesewetter ihren Dienst erst kurz vor dem tödlichen Einsatz in Heilbronn getauscht. Zwei Bereitschaftspolizisten in Kiesewetters Einheit waren bis 2002 Mitglieder der Anfang der 2000er Jahre in Schwäbisch Hall bestehenden Ku-Klux-Klan-Sektion European White Knights of the Ku Klux Klan (EWK KKK) gewesen. Dem EWK KKK hatte auch der V-Mann Thomas Richter (Deckname „Corelli“) angehört, der sich seit 1995 im Umfeld des NSU-Kerntrios bewegt hatte und unter anderem auf einer Adressliste steht, die Anfang 1998 in der von den NSU-Terroristen als Bombenwerkstatt genutzten Garage in Jena gefunden wurde. Die Nebenklagevertreter zweifelten an der Gründlichkeit der Ermittlungen des Bundeskriminalamts.[34]

Der Landtag von Baden-Württemberg begann eine Aufarbeitung des Heilbronner Mordfalls mit der Einsetzung einer Enquete-Kommission Rechtsextremismus am 30. April 2014, die nach wenigen Sitzungen unterbrochen und für die Zeit des Untersuchungsausschusses ausgesetzt wurden; die Kommissionsarbeit wurde danach nicht wieder aufgenommen.

Am 5. November 2014 setzte der Landtag von Baden-Württemberg den Untersuchungsausschuss „Die Aufarbeitung der Kontakte und Aktivitäten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Baden-Württemberg und die Umstände der Ermordung der Polizeibeamtin M. K.“ ein. Der Ausschuss sollte „aufklären, in welcher Weise die Justiz- und Sicherheitsbehörden in Baden-Württemberg bei der Aufklärung des Mordes an der Polizistin M. K. in Heilbronn, des Mordversuchs an ihrem Kollegen sowie der Mordserie des NSU mit Bundes- und anderen Länderbehörden zusammengearbeitet haben.“[35] Verschiedene geladene Sachverständige, darunter die ehemaligen Obleute Clemens Binninger und Eva Högl des ersten Bundestags-NSU-Untersuchungsausschusses und die Journalisten Stefan Aust und Dirk Laabs, äußerten vor dem Ausschuss Zweifel an der These der Bundesanwaltschaft, die Polizisten seien Zufallsopfer gewesen.[36] Einer LKA-Beamtin zufolge, die im baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss befragt wurde, bedeutete die Festlegung auf die Täterschaft Uwe Böhnhardts und Uwe Mundlos’, dass Spuren, die in eine andere Richtung deuteten, bedeutungslos wurden, wie sie am Beispiel der Phantombilder schilderte.[6]

Der Untersuchungsausschuss beschäftigte sich ausführlich mit folgenden Themen bei insgesamt 20 Fragestellungen:[37]

Der Abschlussbericht mit knapp 1000 Seiten Umfang wurde am 18. Februar 2016 im Stuttgarter Landtag vorgestellt und diskutiert. Der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler hob von den Beschlussempfehlungen des Berichts – darunter die Einsetzung eines fortsetzenden Untersuchungsausschusses in der folgenden Legislaturperiode – hervor, dass „Erkenntnissperren und zu frühes Festlegen auf einzelne Ermittlungsansätze“ verhindert werden müssten. Der Landtag nahm die Beschlussempfehlungen des Untersuchungsausschusses einstimmig an.[38]

Am 9. Dezember 2015 erklärte Beate Zschäpe bei ihrer vorgelesenen Aussage im NSU-Prozess, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten ihr gegenüber erklärt, den Mord an Kiesewetter begangen zu haben, um an die Dienstpistolen der Polizeimeisterin und ihres Kollegen zu kommen, da ihre eigenen Waffen Ladehemmungen gehabt hätten.[39] An ihrer Aussage wurden deutliche Zweifel geäußert.[40] Zschäpe ergänzte ihre Aussage auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl im Januar 2016, sie „glaube, dass sie mich über das tatsächliche Motiv angelogen haben“.[41]

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 2007 gedachten etwa 2000 Polizeibeamte der mit 22 Jahren erschossenen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter in einem Trauerzug.[42] Sie wurde am 2. Mai 2007 in Anwesenheit von rund 1300 Trauergästen und unter Anteilnahme der Öffentlichkeit in ihrem thüringischen Heimatort Oberweißbach beigesetzt. Der Polizeipräsident Baden-Württembergs Erwin Hetger bezeichnete in seiner Trauerrede die „skrupellose Tat“ als eine „neue Qualität von Gewalt, die wir uns so nicht vorstellen konnten“.[43]

In Heilbronn erinnert eine Gedenktafel am Tatort an die ermordete Polizistin und an die weiteren Mordopfer derselben Tätergruppe. Die Polizistin selbst bevorzugte die ungewöhnliche Schreibweise ihres Vornamens mit dem Akut-Akzentzeichen, Michéle, allgemein wird ihr Name heute mit dem Gravis-Akzentzeichen geschrieben, Michèle, so auch auf ihrem Grabstein in Oberweißbach und auf der 2012 erneuerten Gedenktafel in Heilbronn. Ebenso findet man den Namen der Polizistin auf einer Stele zur Erinnerung an die Mordopfer an der Straße der Menschenrechte in Nürnberg.[44]

Der Mord an Michèle Kiesewetter ist Thema einer Dokumentation der ARD, die zum 10. Todestag erstmals ausgestrahlt wurde.[45]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus PfliegerGegen den Terror. Erinnerungen eines Staatsanwalts. Verrai, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-9818041-4-0, Kapitel: Der Mord an Polizeimeisterin Kiesewetter und der "Nationalsozialistische Untergrund (NSU)", S. 372–386.
  • Frank Brunner: Tatort Theresienwiese. In: Andreas Förster (Hrsg.): Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur. Klöpfer und Meyer, Tübingen 2014, ISBN 978-3-86351-086-2, S. 15–38.
  • Hajo Funke: Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung. Kontur, Münster 2015, ISBN 978-3-944998-06-0, Kapitel „Das Attentat auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und den Polizisten Martin Arnold auf der Theresienwiese in Heilbronn“, S. 35–77.
  • Barbara John (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Vera Gaserow und Taha Kahya: Unsere Wunden kann man nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet. Herder, Freiburg, Basel, Wien 2014, ISBN 978-3-451-06727-3, Kapitel „Es vergeht kein Tag, an dem sie uns nicht fehlt. Familie Kiesewetter erzählt“, S. 145–152.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christiane Kohl: Polizistenmord von Heilbronn – Schlussakt eines realen Krimis. In: sueddeutsche.de. 9. November 2011, abgerufen am 16. April 2015.
  2. a b Südwest Presse Online-Dienste: Phantombilder veröffentlicht Polizistenmord: Verbindungen nach Hall? In: swp.de. 18. Juli 2013, abgerufen am 24. April 2015.
  3. Verfassungsschützer dementieren Präsenz bei Polizistenmord, Spiegel Online 30. November 2011
  4. Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger: NSU-Prozess – Der Zeuge mit der Kugel im Kopf. In: sueddeutsche.de. 4. Februar 2014, abgerufen am 24. April 2015.
  5. a b Südwest Presse Online-Dienste: Die vertuschten Phantombilder aus Heilbronn. In: swp.de. 1. Februar 2014, abgerufen am 24. April 2015.
  6. a b Thomas Moser: Polizistenmord von Heilbronn: "Umpolung". In: heise.de. 9. August 2015, abgerufen am 26. Februar 2016.
  7. Carsten Friese: Heilbronner Polizistenmord: LKA übernimmt Phantom-Fall. In: Heilbronner Stimme. 12. Februar 2009 (bei stimme.de [abgerufen am 12. Februar 2009]).
  8. Presseerklärung der Bundesanwaltschaft vom 11. November 2011
  9. Spiegel Online: Wattestäbchen hätten nicht zur DNA-Analyse eingesetzt werden dürfen vom 27. März 2009.
  10. „Phantom-Mörderin“ ist ein Phantom - Spiegel-Online-Artikel vom 27. März 2009.
  11. NSU-Polizistenmord in Heilbronn report München mit neuen Fakten und Fragen, Bayerischer Rundfunk am 10. Juli 2012 (Memento vom 13. Juli 2012 im Internet Archive)
  12. Pflieger, Klaus, 1947-: Gegen den Terror : Erinnerungen eines Staatsanwalts. Verrai, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-9818041-4-0, S. 380 - Der Polizistenmord von Heilbronn.
  13. Sinti und Roma statt NSU unter Verdacht. Das Bedauern des Bundeskriminalamts, in: TAZ, Artikel vom 11. Mai 2012, abgerufen am 16. September 2012
  14. Rassismus bei Ermittlungen?, m.stuttgarter-zeitung.de am 4. Februar 2014.
  15. Zentralrat der Sinti und Roma erstattet Anzeige gegen Polizei, in: zeit.de vom 4. Februar 2014
  16. Innenministerium hat Akten doch übergeben swr.de vom 27. Mai 2013
  17. Polizistenmord-Verdächtige waren Rechtsextreme. Zeit Online, 9. November 2011.
  18. Dienstwaffe von erschossener Beamtin gefunden. Spiegel Online vom 7. November 2011.
  19. Bankräuber besaßen Waffe der in Heilbronn erschossenen Polizistin. Onlineausgabe der Thüringer Allgemeinen, 8. November 2011, abgerufen am 21. August 2015
  20. a b Terrorspur an der Jogginghose, in: Der Spiegel, Artikel vom 13. August 2012, abgerufen am 16. September 2012.
  21. Spiegel TV Magazin: Die Braune Zelle, vom 13. November 2011.
  22. NSU-Ausschuss: Hintergründe des Polizistenmordes bleiben unklar. In: Die Welt, 13. September 2012.
  23. Matthias Reiche: NSU-Ermittlungen – Unbekannte DNA wirft Fragen auf. In: Mitteldeutscher Rundfunk, 27. Juni 2016. Web-Archiv (Memento vom 27. Juni 2016 auf WebCite)
  24. Heilbronner Polizistenmord. Ermittler vermuten Waffenbeschaffung als Tatmotiv. In: Der Spiegel, 23. Dezember 2011.
  25. Mordfall Kiesewetter – Frau im Überwachungsvideo ähnelt Beate Zschäpe. In: Focus Online, 8. August 2012.
  26. War Zschäpe am Mordtag in Heilbronn? In: Heilbronner Stimme, 6. August 2012.
  27. Jochen Neumayer: Wie und warum starb Polizistin Michèle Kiesewetter? In: Hamburger Abendblatt, 15. Januar 2014.
  28. Per Hinrichs: Die Anatomie des Mordes an Michèle Kiesewetter. In: Investigativ.de, Rechercheblog der Welt, 29. April 2012.
  29. Thüringer Polizistin deckte Neonazis. In: Der Tagesspiegel, 7. September 2012.
  30. Der NSU-Polizistenmord in Heilbronn: Neue Fakten, neue Fragen. (Memento vom 15. Juli 2012 im Internet Archive) In: Bayerischer Rundfunk, Dossier Report München, 10. Juli 2012.
  31. Zeugin berichtet von Bedrohungen bei NSU-Ermittlungen. In: Zeit Online, 10. März 2014.
  32. NSU-Tatort in Heilbronn: Bundesanwaltschaft geht NSU-Schriftzug nach. In: SWR Aktuell, 24. April 2017; Hans-Jürgen Deglow: NSU-Experte Binninger: Alle Fotos vom Tatort nochmals prüfen. In: Heilbronner Stimme, 25. April 2017; Hans-Jürgen Deglow, Carsten Friese: Polizistenmord: NSU-Schriftzug sorgt weiter für Diskussionen. In: Heilbronner Stimme, 24. Mai 2017; BT-Drs. 18/12950, S. 1059–1061 (PDF).
  33. Experte zweifelt an Größe des NSU. In: n-tv, 25. Januar 2013.
  34. Kiesewetter-Kollegen waren im Ku-Klux-Klan. In: Die Welt, 21. Januar 2014.
  35. Landtag Baden-Württemberg – Untersuchungsausschuss „Rechtsterrorismus/NSU BW“. In: Landtag-BW.de, 5. November 2014.
  36. Michael Schwarz: Mord an Polizistin Zufallstat? In: Mannheimer Morgen, 17. Februar 2015.
  37. Pressemitteilung – Untersuchungsausschuss „Rechtsterrorismus/NSU BW“ legt gemeinsamen Abschlussbericht vor. In: Landtag-BW.de, 15. Januar 2016.
  38. NSU-U-Ausschuss beendet Arbeit – Warum ausgerechnet Heilbronn? In: Stuttgarter Zeitung (Online-Ausgabe), 18. Februar 2016.
  39. NSU-Prozess: Dokumentation. Die Aussage der Beate Zschäpe. In: Die Welt. 9. Dezember 2015.
  40. Zschäpes unglaubliche Erklärung zum Heilbronner Polizistenmordfall. In: Heilbronner Stimme (Online-Ausgabe), 9. Dezember 2015.
  41. Konrad Litschko: NSU-Prozess in München: „Ein Ali weniger“. In: Die Tageszeitung. 21. Januar 2016.
  42. Mögliche Tatwaffe gefunden. In: Süddeutsche Zeitung, 9. November 2011.
  43. Mordopfer Michéle Kiesewetter in ihrem Heimatort beigesetzt. In: Heilbronner Stimme, 2. Mai 2007.
  44. Iris Baars-Werner: Stadtansichten: Die zwei Seiten der Geschichten. In: Heilbronner Stimme, 12. November 2011.
  45. Tod einer Polizistin – Das kurze Leben der Michèle Kiesewetter. In: Die Story im Ersten, 24. April 2017; Annette Ramelsberger: NSU-Opfer Kiesewetter: Wenn das Böse zu banal ist. In: Süddeutsche Zeitung, 23. April 2017; Tom Sundermann: Schaurige Nummernrevue der Widersprüche. In: Zeit Online, 24. April 2017.

Koordinaten: 49° 8′ 27″ N, 9° 12′ 7″ O