Polnischer Korridor

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Der Polnische Korridor (zeitgenössisch auch Danziger Korridor oder Weichselkorridor, polnisch Korytarz polski) war ein 30 bis 90 km breiter Landstreifen, der nach dem Ersten Weltkrieg von 1920 bis zum Polenfeldzug im September 1939 Ostpreußen vom deutschen Kernland abtrennte und Polen zugeschlagen worden war. Der Korridor war keine politisch-historische Einheit; zwischen dem Polen zuerkannten Küstenabschnitt und der deutsch-russischen Grenze von 1914 lagen außer der bisherigen Provinz Westpreußen auch Teile des historischen Großpolen, die als Provinz Posen unter der Hoheit des Königreichs Preußen und des Kaiserreichs gestanden hatten. Geographisch gehörte das Gebiet nach dem Zweiten Frieden von Thorn 1466 bis zur Ersten Teilung Polen-Litauens 1772 als Preußen Königlichen Anteils zu Polen.

Die Bildung des „Polnischen Korridors“, der geographisch gesehen ein „Zerschneidungskorridor“[1] durch das Deutsche Reich war, gehörte zum 14-Punkte-Programm des nordamerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag, zu denen die demokratisch gewählten deutschen Delegierten nicht zugelassen, zu dessen Unterzeichnung sie jedoch unter erheblichem außenpolitischen Druck genötigt worden waren.[2] Die Übernahme der Gebiete durch Polen fand mit Inkrafttreten des Vertrags am 20. Januar 1920 statt.

Politische Karte (grün: Freie Stadt Danzig, ab 1920)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ost- und Westpreußen, 1896

Ältere Territorialgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte des Gebiets des Polnischen Korridors ist eng mit der Geschichte Pomerellens verknüpft. Am Nordzipfel des Korridorgebiets, an der Ostsee, gab es früh menschliche Ansiedlungen. 1877 wurde zwischen Großendorf (Władysławowo) und Schwarzau (Swarzewo) ein ausgedehnter Begräbnisplatz aus dem Beginn der Eisenzeit aufgefunden. Kennzeichnend für diese als Großendorfer Kultur bezeichnete Kultur sind die ostgermanischen Gesichtsurnen. Weitere jüngere Funde wurden 1913 und 1932 auf dem Gebiet des heutigen Hallerowo gemacht.

In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde Pomerellen unter Herzog Mieszko I. dem polnischen Staat angegliedert. Ende des 12. Jahrhunderts konstituierte sich in Pomerellen ein Herzogtum. Nach dem Aussterben der pomerellischen Herzöge im Mannesstamm, 1294, wurde das Gebiet nach Erbstreitigkeiten durch den Vertrag von Soldin 1309 an den Rechten der polnischen Krone vorbei zwischen zwei deutschen Feudalstaaten, der Mark Brandenburg und dem Deutschordensstaat, geteilt. Der Besitzstand des Deutschen Ordens in Pomerellen wurde im Vertrag von Kalisch 1343 durch polnischen König und Stände bestätigt.

Nach dem Ende des 13-jährigen Kriegs und dem Zweiten Thorner Frieden am 19. Oktober 1466 unterstellten sich die pomerellischen Stände als Polnisch-Preußen und autonomer Bund freiwillig der Schirmherrschaft der Krone Polens, das heißt des polnischen Königs persönlich. Durch die Erste Teilung Polen-Litauens 1772 wurde Polnisch-Preußen von König Friedrich II. von Preußen annektiert und als Provinz Westpreußen seinem Königreich Preußen einverleibt. Die Provinz Westpreußen existierte bis 1919/20.

Traditionell war das Gebiet ethnisch gemischt besiedelt: Hier wohnten Deutsche, Polen, Kaschuben und auch eine recht starke jüdische Minderheit.

Im Nachkriegspolen nannte man das nach dem Ersten Weltkrieg dem Freistaat Preußen (vgl. Weimarer Republik) entnommene Territorium des "Polnischen Korridors": Danziger Pommern, Ostpommern, Weichselpommern auch Unser Pommern.

Gründe für die Abtrennung vom Deutschen Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1912)

Nach dem 14-Punkte-Programm, in dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson im Januar 1918 die Kriegsziele der USA zusammengefasst hatte, sollte ein unabhängiger polnischer Staat mit einem eigenen Zugang zum Meer errichtet werden, wie es polnische Politiker, insbesondere Roman Dmowski, seit Kriegsbeginn von der Entente gefordert hatten. Am 8. Oktober 1918 überreichte Dmowski in Washington Präsident Wilson ein Memorandum,[3] das am 25. Februar 1919 auch der mit den polnischen Angelegenheiten befassten Sonderkommission der Friedenskonferenz vorgelegt wurde und in dem die territorialen Forderungen Polens an Deutschland umrissen waren. Mit dem Vorhaben des eigenen Zugangs zur Ostsee sollte das nach 123 Jahren der Fremdherrschaft neu entstandene Polen ökonomisch unabhängiger gemacht werden als es als reiner Binnenstaat hätte sein können. Der Gegenvorschlag der deutschen Delegation in Versailles, Polen stattdessen in Gdingen und an weiteren Orten Freihäfen einzuräumen, wurde abgelehnt. Die Verwirklichung des durch deutsches Staatsgebiet führenden Korridors kollidierte teilweise mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Wilson seinen 14 Punkten zugrunde gelegt hatte, denn die Bevölkerung in dem 1772 von Preußen annektierten Territorium westlich der unteren Weichsel bis zur Ostseeküste war auch 1918 ethnisch sehr gemischt. In der deutschen Geschichtsschreibung der 1920er bis 1940er Jahre war daraus stellenweise der politische Mythos gebildet worden, der amerikanische Präsident habe nur unzureichende Geographie-Kenntnisse aufgewiesen und hätte sich deshalb von seinen Verhandlungspartnern, namentlich von dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau und dem Leiter der polnischen Friedensdelegation, Dmowski, während der Pariser Friedensgespräche übertölpeln lassen. Heute gehen Historiker davon aus, dass Wilson mit den ethnographischen Gegebenheiten im Großen und Ganzen vertraut gewesen war.[4] Die vielfältigen Beweggründe für sein damaliges politisches Handeln legte Wilson in Ansprachen vor dem Komitee für Auswärtige Angelegenheiten (Foreign Relations Committee) des US-Senats dar und in 37 öffentlichen Reden, die er nach seiner zweiten Rückkehr aus Paris im Westen der Vereinigten Staaten hielt.[5]

Polnische Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. Juli 1920 wurden die zum Korridor gehörenden Gebiete an die Zweite Polnische Republik abgetreten und bildeten die Woiwodschaft Pommerellen. Hierzu gehörte neben den größeren Städten Graudenz und Thorn (Sitz des Woiwoden) insgesamt vierzehn Landkreise. Zum Abtretungsgebiet zählte auch die Ostseeküste vom Flüsschen Piasnitz an über die Halbinsel Hela, die Putziger Wiek bis Zoppot (letzteres gehörte bereits zur Freien Stadt Danzig). Der Erholungs- und Fischerort Gdingen (poln. Gdynia) mit etwa 1.300 Einwohnern (1921) wurde vom polnischen Staat planmäßig zu einem der größten Handels-, Auswanderungs-, Kriegs- und Fischereihäfen der Ostsee mit mehr als 112.000 Einwohnern (1937) ausgebaut und durch eine Eisenbahnstrecke mit dem Industrierevier im ebenfalls abgetrennten polnischen Teil Oberschlesiens um Katowice (Kattowitz) verbunden. Für den Export oberschlesischer Kohle gebaut, wurde diese Bahnstrecke auch Kohlenmagistrale genannt. Auch militärische Anlagen umfasste der damals einzige Seehafen auf polnischem Hoheitsgebiet.

Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der polnische Korridor wurde in Deutschland generell als äußerst ungerecht und als Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht empfunden, weil der Bildung des Korridors keine Volksabstimmung vorangegangen war. Die Revision der Grenzziehung, die Ostpreußen vom Reich abtrennte, war ein vorrangiges Ziel jeder Regierung der Weimarer Republik. Aus diesem Grund ging der nach Westen stets verständigungsbereite Außenminister Gustav Stresemann auch nie auf die verschiedenen polnischen Vorschläge ein, analog zu den Verträgen von Locarno ein „Ost-Locarno“ abzuschließen, mit dem die Ostgrenze des Reiches für unverletzlich erklärt und völkerrechtlich garantiert werden könnte.[6]

Innenpolitisch war der Korridor regelmäßig Gegenstand rechtspopulistischer Propaganda. Im August 1930 verursachte etwa der ehemalige Reichsminister für die besetzten Gebiete im ersten Kabinett Brüning, Gottfried Treviranus (Konservative Volkspartei), eine internationale Krise, als er während einer Wahlkampfrede von der „ungeheilten Wunde in der Ostflanke, diesem verkümmerten Lungenflügel des Reiches“ sprach und prophezeite, Polens Zukunft sei ohne Änderung der Grenzen nicht sicher, was im Nachbarland als Kriegsdrohung verstanden wurde.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst nach Machtübernahme der Nationalsozialisten entspannte sich die Situation scheinbar mit dem Abschluss des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes von 1934. Insgeheim wurde jedoch die Möglichkeit, den Korridor durch Krieg zurückzugewinnen, durch die nationalsozialistische Reichsregierung weiter verfolgt, wie etwa die Hoßbach-Niederschrift zeigt.

Nach dem Abschluss des Münchener Abkommens unternahm das NS-Regime erstmals offizielle Schritte in der Frage des Korridors und zum Status Danzigs. Am 24. Oktober 1938 forderte Außenminister Joachim von Ribbentrop in Adolf Hitlers Auftrag, dass Polen Danzig an das deutsche Reich zurückgeben und Deutschland eine exterritoriale Autobahn gewähren sollte. Im Gegenzug würden Polens wirtschaftliche Interessen in Danzig berücksichtigt und die Staatsgrenzen gegenseitig garantiert werden.[7] Polen lehnte dieses Ansinnen ab, weil es nicht nur eine Rückgabe Danzigs für unannehmbar hielt, sondern vor allem weil es befürchtete, in Abhängigkeit zu Deutschland zu geraten. Deutschland hingegen ging nicht auf die polnischen Gegenvorschläge ein.[8] Der Streit um den Korridor bildete die Kulisse für den vorgetäuschten Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939. Der darauf folgende Angriff auf die Westerplatte bei Danzig mit den darauf folgenden Kriegserklärungen Großbritanniens (aufgrund der britischen Sicherheitsgarantie an Polen vom 31. März 1939)[9] und Frankreichs an Deutschland am 3. September 1939 markieren den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Hitler hatte freilich bereits in einer Besprechung mit führenden Militärs am 23. Mai 1939 erläutert, dass Danzig nicht das Objekt sei, um das es gehe, sondern dass es sich „um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten“ handele.[10]

Zweiter Weltkrieg und Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den Polenfeldzug kam das entnommene Gebiet des Korridors im Herbst 1939 wieder an Deutschland zurück; es wurde dem Reichsgau Danzig-Westpreußen angegliedert.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs besetzte im Frühjahr 1945 die Rote Armee die Region. Bald darauf wurde das Korridorgebiet zusammen mit Westpreußen, der südliches Hälfte Ostpreußens und anderen Teilen des Reichsgebiets von der Sowjetunion unter polnische Verwaltung gestellt. In den Städten und Dörfern des Gebiets des Korridors, wie auch der anderen unter polnische Verwaltung gestellten Gebiete, begann nun die Zuwanderung polnischer Zivilisten, die sich der Behausungen und Anwesen der eingesessenen deutschen Bevölkerung bemächtigten und die Einwohner daraus verdrängten. Soweit die deutschen Einwohner nicht geflohen waren, wurden sie in der darauf folgenden Zeit größtenteils von den örtlichen polnischen Verwaltungsbehörden vertrieben.

Damit hatte sich die – nunmehr geschichtliche – Problematik des Korridors zu einer den gesamten Ostteil des ehemaligen Reichsgebiets umfassenden Problematik ausgeweitet. Diese konnte aber durch mehrmalige völkerrechtliche Anerkennung bestehender Grenzen in mehreren multi- und bilateralen Verträgen (seitens der ehemaligen DDR wie auch seitens der Bundesrepublik Deutschland), wie dem Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrags 1990, die im Kern ein Versprechen auf Gewaltverzicht bis zum Zustandekommen einer endgültigen friedensvertraglichen Übereinkunft darstellen, entschärft werden.

Durchquerung des Korridors[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insel Ostpreußen (1926)

Zugverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits ab 1919 verkehrten mit der faktischen Inbesitznahme des Korridors durch Polen Korridorzüge zwischen dem Reich und Ostpreußen bzw. Ostpommern. Diese Züge fuhren auf polnischem Gebiet mit polnischen Lokomotiven und polnischem Personal.

Der Versailler Vertrag sicherte in Artikel 89 dem Deutschen Reich die ungehinderte Durchfahrt nach Ostpreußen zu. Konkretisiert wurde das Durchfahrtsrecht für die Eisenbahn zunächst Ende 1920 in einem provisorischen Abkommen, das am 21. April 1921 durch ein endgültiges Abkommen ersetzt wurde.[11]

Militärfahrkarte im Ostpreußenverkehr 1938

Das Abkommen legte zunächst sieben Routen für Transitzüge zwischen dem Reich und Ostpreußen fest: Ab 1922 waren es acht, die allerdings nicht alle genutzt wurden. Polen hatte im Gegenzug das Recht erhalten, auf zwei Strecken durch Ostpreußen ebenfalls Transitverkehr einzurichten, nutzte dies aber nur kurze Zeit.[12]

1930 wurden fünf Routen genutzt:

  • Berlin – Stettin – Stolp – Groß Boschpol – Danzig – Tczew (Dirschau) – Marienburg – Königsberg
  • Berlin – Schneidemühl – Firchau – Chojnice (Konitz) – Tczew (Dirschau) – Marienburg – Königsberg
  • Berlin – Schneidemühl – Bydgoszcz (Bromberg) – Toruń (Thorn) – Deutsch Eylau – Allenstein – Insterburg
  • Berlin – Neu BentschenPoznań (Posen) – Toruń (Thorn) – Deutsch Eylau – Allenstein – Insterburg
  • Breslau – Poznań (Posen) – Toruń (Thorn) – Deutsch Eylau – Allenstein – Insterburg

Die wichtigste Route des „privilegierten Durchgangsverkehrs“ verlief auf der Strecke der alten Preußischen Ostbahn über Schneidemühl und Dirschau; 1934 verkehrten dort insgesamt sechs tägliche Zugpaare, ergänzt durch weitere Saisonzüge. Auf den anderen Strecken fuhren ein bis zwei Zugpaare. Für die Durchfahrt musste die Deutsche Reichsbahn an die Polnische Staatsbahn (PKP) eine vertraglich festgelegte Vergütung zahlen. Unterschieden wurde zwischen „privilegierten Zügen“ und „privilegierten Zugteilen“. „Privilegierte Züge“ verkehrten nur über die Ostbahn, auf allen anderen Strecken gab es „privilegierte Zugteile“, da die Züge auch für den Verkehr von und nach Polen und Danzig genutzt werden konnten. In diesen Zügen wurden nur die „privilegierten Zugteile“ verplombt und von der Zoll- und Passkontrolle in den Grenzbahnhöfen ausgenommen. Bei den „privilegierten Zügen“ über die Ostbahn war es bei einem Teil der Züge möglich, die Halte an den Bahnhöfen in Konitz und Dirschau zur Ein- und Ausreise nach Polen zu benutzen, auf beiden Bahnhöfen erfolgte nach dem Ausstieg bzw. vor dem Einsteigen eine gemeinsame deutsch-polnische Pass- und Zollkontrolle. Bei den übrigen Zügen auf der Ostbahn wurden die Halte in Polen lediglich als Betriebshalte zum Lokomotivwechsel genutzt. Zwischen Konitz und Marienburg wurden die Züge ausschließlich mit Lokomotiven der PKP bespannt.

Anfang 1936 geriet die Reichsbahn mit ihren Zahlungen für die Nutzung der Korridorstrecken aufgrund der Devisenknappheit des Deutschen Reiches in Verzug; daraufhin stellte die PKP am 7. Februar 1936 den Betrieb der meisten Korridorzüge ein. Nur ein internationaler Kurswagen der CIWL, der von Paris nach Riga führende D 1 (Berlin–Eydtkuhnen), verkehrte weiter. Erst im Sommer 1936 wurde ein neues Transitabkommen geschlossen. Um die Kosten für die vergleichsweise langen Strecken über Posen und Bromberg einzusparen, wurden nur noch die Verbindungen über Firchau–Dirschau–Marienburg sowie über Groß Boschpol–Danzig–Marienburg genutzt, letztere allerdings nur durch ein einziges Zugpaar. Auch die Züge nach Deutsch Eylau, Allenstein und Insterburg fuhren nun regelmäßig über Marienburg. Für den Verkehr zwischen Schlesien und Ostpreußen wurden den Zügen von Berlin nach Ostpreußen in Küstrin Kurswagen aus Breslau beigestellt. Auch in den Folgejahren musste die Reichsbahn aufgrund der Devisenknappheit immer wieder die Zahl der Durchgangszüge einschränken. 1939 verkehrten im Sommerfahrplan insgesamt neun tägliche und zwei Saison-D-Züge, zudem ca. 20 Güterzugpaare.[13]

Da es bei der Bahnreise von Berlin nach Königsberg weder Pass- noch Zollkontrollen gab, waren die Fahrgäste in den Korridorzügen von der kostenpflichtigen Beantragung polnischer Visa befreit. Dennoch wurde das Verfahren wegen der Vielzahl zu beachtender Vorschriften – so war es beispielsweise zunächst verboten, die Abteilfenster zu öffnen – sowie der Kontrollen vor und nach der Verplombung nicht nur aus zeitlichen und psychologischen Gründen vielfach als Belastung empfunden.[14]

Straßenverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Straßenverkehr durch den Korridor wurden fünf Transitstraßen ausgewiesen:

Für die Benutzung der Transitstraßen war bei einem polnischen Konsulat ein Durchreisevisum für 1,60 RM zu erwerben. Dazu wurde an der Grenze eine Straßenbenutzungsgebühr von 5 für Autos und 3 zł für Motorräder erhoben. Für die Benutzung der Weichselbrücke bei Tczew (Dirschau) wurde eine Maut von 0,30 zł erhoben. Erlaubt war die Mitnahme von 1000 RM (bei Fahrten nach Danzig 240 RM als Kreditbrief).[15]

Schiffsverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Alternative zum Korridorverkehr finanzierte das Deutsche Reich ab 1922 den zwischen Swinemünde und Pillau bzw. Zoppot als regelmäßige Schiffsverbindung eingerichteten Seedienst Ostpreußen.

Flugverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es bestand ab 1925/1926 eine Flugverbindung der Deruluft (ab 1937 der Deutschen Lufthansa) zwischen Berlin und Königsberg mit Zwischenlandung in Danzig.[16] Die Flüge fanden anfangs dreimal pro Woche statt. Die Strecke führte zunächst in nördlicher Richtung über Bergen (heute Góry (Białogard)) und Stolp (heute Słupsk) bis Lauenburg in Pommern (heute Lębork), um von dort aus den Korridor an seiner engsten Stelle bis Danzig zu überfliegen.[17] Zum Einsatz kamen auf der Strecke Flugzeuge des Typs Junkers G 24.

Ab 1927 wurde die Strecke Berlin – Danzig – Königsberg über Riga und Reval (heute Tallinn) nach Moskau und Leningrad (heute Sankt Petersburg) erweitert; diese Strecke Berlin – Moskau/Leningrad wurde ab 1930 Ostexpreß genannt.[16]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachenverhältnisse in der Provinz Westpreußen nach der Volkszählung 1910.[18]
Legende der Kreisdiagramme:
Sprachenkarte von Deutschland
Andree’s Handatlas 1881 (Östlicher Ausschnitt)
Polnische Sprache um 1900
S. Orgelbranda Encyklopedja Powszechna, Ergänzung von 1912
Polnisches Plakat zur Reduzierung des deutschen Bevölkerungsanteils in einigen Städten im Zeitraum 1910 bis 1931

1910 lebten im Gebiet des späteren polnischen Korridors knapp 990.000 Menschen. Über den deutschen Bevölkerungsanteil gibt es in der Literatur unterschiedliche Angaben:

  • Der Historiker Helmuth Fechner schrieb 1964, dass 64,4 % Deutsch als Muttersprache gehabt hätten, im benachbarten Regierungsbezirk Marienwerder, der mit einer Mehrheit von 92,36 % für den Verbleib beim Deutschen Reich votierte, dagegen nur 58,8 %.[19]
  • Im dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert wurde 1974 geschätzt, der deutsche Bevölkerungsanteil im polnischen Korridor habe 1919 bei „mindestens 50 %“ gelegen.[20]
  • Der amerikanische Historiker Richard Blanke kommt dagegen in seinem 1998 erschienenen Werk zu dem Ergebnis, 1910 seien die Deutschen im späteren Abtretungsgebiet mit 42,5 % in der Minderheit gewesen.[21]

Nach der Abtrennung von Deutschland 1920 und der Übergabe des Gebietes an Polen nahm der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung deutlich ab. 1939 betrug er nur noch zehn Prozent. Dies kann auf mehrere Gründe zurückgeführt werden.

Tausende Deutsche verließen das Gebiet schon im letzten halben Jahr vor der Abtretung an Polen, als die Beschlüsse des Versailler Vertrages bereits bekannt, jedoch noch nicht in Kraft getreten waren.[22] Gründe waren emotionale Faktoren, wie der Verlust der zuvor eingenommenen privilegierten Stellung, die Abneigung, sich in einen polnischen Staat einzufügen, die „spürbar hasserfüllte Atmosphäre“ sowie die von vielen mit einer gewissen Berechtigung erwarteten „antideutschen Verwaltungs- und Neuordnungsmaßnahmen des polnischen Staates und seiner Behörden“. Der spätere polnische Bildungsminister Stanisław Grabski hatte zum Beispiel im Oktober 1919 in Posen erklärt: „Das fremde Element wird sich umsehen müssen, ob es nicht anderswo besser aufgehoben ist.“[23]

Weitere Zehntausende Deutsche verließen das Gebiet nach dem Anschluss an Polen aufgrund repressiver Maßnahmen des polnischen Staates: Im Gegenzug zu vorangegangener Diskriminierung und Germanisierungsversuchen an der polnischen Bevölkerung im und durch den preußischen Staat bemühte sich die polnische Regierung, die Deutschen zu verdrängen, die nun eine Minderheit im polnischen Staat darstellten. Stellenweise ahmte die polnische Politik der „Entdeutschung“ (odniemczenie) die preußische Polenpolitik vor 1914 nach.[24] Viele Deutsche wurden ausgewiesen, insbesondere Militärangehörige und Beamte, die als Repräsentanten der vorangegangenen Unterdrückung galten.[25] Dasselbe galt für alle Deutschen, die ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit behalten wollten (die so genannten „Optanten“). Sie wurden 1925 als illegale Ausländer des Landes verwiesen.[20] Dabei kam es auch zu Enteignungen und Zwangsräumungen. Einige der prinzipiell garantierten deutschen Schulen wurden geschlossen.[26][27][28] Gleichzeitig wurden der Zuzug und die Ansiedlung polnischer Familien aus anderen Gebieten Polens, vor allem aber polnischer Familien aus dem Ausland, die nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens ins Land drängten, durch den polnischen Staat gefördert.

Auf Grund des Antisemitismus in Polen, der insbesondere nach dem polnisch-sowjetischen Krieg in allen polnischen Gesellschaftsschichten manifest wurde, emigrierten in der Zwischenkriegszeit auch viele Juden aus dem Korridor nach Deutschland.[24]

Anteil der deutschen Bevölkerung in den Landkreisen des polnischen Korridors
1910[29]
Kreis Bevölkerung Deutsche Anteil
Strasburg 62.142 21.097 34,0 %
Briesen 49.506 24.007 48,5 %
Thorn (Stadt + Land) 105.544 58.266 55,2 %
Culm 50.069 23.345 46,6 %
Schwetz 87.712 42.233 47,1 %
Graudenz 89.063 62.892 70,1 %
Dirschau 64.321 28.046 43,6 %
Neustadt 71.560 24.528 34,3 %
Karthaus 66.190 14.170 21,4 %
Berent 52.980 20.804 37,3 %
Preußisch Stargard 65.427 17.165 26,2 %
Konitz 74,963 30.326 40,5 %
Tuchel 33.951 11.268 33,2 %
 
Soldau 33.951 9.210 37,7 %
Löbau 59.037 12.122 20,5 %
Zempelburg 30.541 21.554 70,6 %
insgesamt 989,715 421.029 42,5 %
1921[29]
Landkreis Bevölkerung Deutsche Anteil
Brodnica (Strasburg) 61.180 9.599 15,7 %
Wąbrzeźno (Briesen) 47.100 14.678 31,1 %
Toruń (Thorn, Stadt und Land) 79.247 16.175 20,4 %
Chełmno (Kulm) 46.823 12.872 27,5 %
Świecie (Schwetz) 83.138 20.178 24,3 %
Grudziądz (Graudenz) 77.031 21.401 27,8 %
Tczew (Dirschau) 62.905 7.854 12,5 %
Wejherowo (Neustadt) 71.692 7.857 11,0 %
Kartuzy (Karthaus) 64.631 5.037 7,8 %
Kościerzyna (Berent) 49.935 9.290 18,6 %
Starograd (Preußisch Stargard) 62.400 5.946 9,5 %
Chojnice (Konitz) 71.018 13.129 18,5 %
Tuchola (Tuchel) 34.445 5.660 16,4 %
Teile von überwiegend bei Deutschland gebliebenen Kreisen:
Działdowo (Soldau) 23.290 8.187 34,5 %
Lubawa (Löbau) 59.765 4.478 7,6 %
Sępólno (Zempelburg) 27.876 13.430 48,2 %
 

Die Bevölkerung des polnischen Korridors betrug um 1930 etwa zwei Millionen, von denen 78 % Polen und Kaschuben, 19 % Deutsche und 3 % Juden waren. Die deutsche und jüdische Minderheit lebte überwiegend in den Städten und stellte in der Industrie und im Gewerbe die Mehrheit der Beschäftigten in dieser Region. Die polnische und kaschubische Bevölkerung war überwiegend römisch-katholisch, die deutsche bestand dagegen weitgehend aus Protestanten. Besonders in Toruń (Thorn) war die Bevölkerung ethnisch, sprachlich und konfessionell stark durchmischt. Dort war die deutschsprachige Bevölkerung in der Mehrheit (Deutsche, deutschsprachige Juden). Juden stellten in Zempelburg die Mehrheit.[30]

In den Jahren 1944 bis 1947 wurde die deutsche Bevölkerung aus dem ehemaligen Gebiet des polnischen Korridors vertrieben, sodass es heute fast ausschließlich polnisch und kaschubisch besiedelt ist.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmuth Fechner: Deutschland und Polen. Holzner Verlag, Würzburg 1964.
  • Leszek Belzyt: Sprachliche Minderheiten im preußischen Staat 1815–1914. Marburg 1998, ISBN 3-87969-267-X.
  • Richard Blanke: Orphans of Versailles: The Germans in Western Poland 1918–1939. University of Kentucky Press, 1993, ISBN 0-8131-1803-4.
  • Hugo Rasmus: Pommerellen/Westpreußen 1919–1939. München / Berlin 1989.
  • Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat – Vom Königlichen Preußen zu Westpreußen (1756–1806). Oldenbourg, München 1995, S. 21 ff. (eingeschränkte Vorschau).
  • Albert S. Kotowski: Polens Politik gegenüber seiner deutschen Minderheit 1918–1939. Wiesbaden 1998.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Martin Schwind: Lehrbuch der Allgemeinen Geographie, Band VIII: Allgemeine Staatengeographie. de Gruyter, Berlin 1972, S. 38–39.
  2. Kurz nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 durch die deutschen Delegierten äußerte Wilson in der breiten amerikanischen Öffentlichkeit: „We tried to be just to Germany, and when we had heard her arguments and examined every portion of the counter proposals that she made, we wrote the Treaty in its final form and said, ‚Sign here‘“, vergl. Wodrow Wilson's Case for the League of Nations. Compiled with his Approval by Hamilton Foley. Princeton University Press; London: Humphrey Milford; Oxford University Press; Princeton 1923, S. 29.
  3. Paul Roth: Die Entstehung des polnischen Staates – Eine völkerrechtlich-politische Untersuchung. Liebmann, Berlin 1926, S. 70 ff. und Anhang 9, insbes. S. 133–142.
  4. Hagen Schulze: Weimar. Deutschland 1917–1933 (= Die Deutschen und ihre Nation; Bd. 4). Siedler Verlag, Berlin 1994, S. 195 f.
  5. Woodrow Wilson: Woodrow Wilsons Case for the League of Nations. Compiled with hith Approval by Hamilton Foley. Princeton University Press; London: Humphrey Milford; Oxford University Press; Princeton 1923.
  6. Christian Holtje: Die Weimarer Republik und das Ostlocarno-Problem 1919–1934. Revision oder Garantie der deutschen Ostgrenze von 1919. Holzner Verlag, Würzburg 1958, passim.
  7. Stefan Kley: Hitler, Ribbentrop und die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Schöningh, Paderborn 1996, ISBN 3-506-77496-4, S. 204–206 (Zugl.: Stuttgart, Univ., Diss., 1994/95).
  8. Gerhard L. Weinberg: Germany, Hitler and World War II. Essays in modern German and world history. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-47407-8, S. 121–128.
  9. Sidney Aster: The Making of the Second World War. London 1973.
  10. Wolfgang Michalka: Ribbentrop und die deutsche Weltpolitik, 1933–1940. Außenpolitische Konzeptionen und Entscheidungsprozesse im Dritten Reich. W. Fink, München 1980, ISBN 978-3-7705-1400-7, S. 275.
  11. Andreas Geißler, Konrad Koschinski: 130 Jahre Ostbahn Berlin – Königsberg – Baltikum. Berlin 1997, ISBN 3-89218-048-2, S. 87.
  12. Andreas Geißler, Konrad Koschinski: 130 Jahre Ostbahn Berlin – Königsberg – Baltikum. Berlin 1997, ISBN 3-89218-048-2, S. 88.
  13. Andreas Geißler, Konrad Koschinski: 130 Jahre Ostbahn Berlin – Königsberg – Baltikum. Berlin 1997, ISBN 3-89218-048-2, S. 91 ff.
  14. Zu den durch die Verplombung der Züge hervorgerufenen psychologischen Belastungen siehe beispielsweise die diesbezüglichen Abschnitte in Marion Gräfin Dönhoffs Buch Namen, die keiner mehr nennt; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1965.
  15. Nach Baedekers Autoführer Deutsches Reich 1939 (jeweils der Stand von 1939)
  16. a b Kurt Schneege: über die Postgeschichte von Königsberg Hobbyseiten
  17. F. Nickel Das Leuchtfeuerwesen für den Luftverkehr. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 52, 9. Dezember 1931, S. 765–768. Zit. von Nachtflugstrecken, bis 1931 auf der schwedischen Website Justus2.se von Bo Justusson
  18. Vgl. hierzu Leszek Belzyt: Sprachliche Minderheiten im preußischen Staat 1815–1914. Die preußische Sprachenstatistik in Bearbeitung und Kommentar. Verlag Herder-Institut, Marburg 1998, ISBN 3-87969-267-X.
  19. Helmuth Fechner: Deutschland und Polen. Würzburg, Holzner 1964.
  20. a b Carola Stern, Thilo Vogelsang, Erhard Klöss, Albert Graff (Hrsg.): dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert. dtv, München 1974, S. 647.
  21. Richard Blanke: Orphans of Versailles. The Germans in Western Poland 1918–1939. University Press of Kentucky, 1998, S. 244.
  22. Historia Wąbrzeźna – Tom 1 (dt. Geschichte der Stadt Wąbrzeźno – Band 1), hrsg. v. Gemeindeamt in Wąbrzeźno, 2005, ISBN 83-87605-85-9, S. 179 ff.
  23. Thomas Kees: „Polnische Greuel“. Der Propagandafeldzug des Dritten Reiches gegen Polen. Universität des Saarlandes, Magisterarbeit, Saarbrücken 1994, S. 14, urn:nbn:de:bsz:291-scidok-952.
  24. a b Włodzimierz Borodziej, Hans Lemberg: Migrationen: Arbeitswanderung, Emigration, Vertreibung, Umsiedlung. In: Ursula A. J. Becher, Włodzimierz Borodziej, Robert Maier (Hrsg.): Deutschland und Polen im zwanzigsten Jahrhundert. Analysen – Quellen – didaktische Hinweise. Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2001, S. 53 f.
  25. God’s Playground. A History of Poland. Bd. 2: 1795 to the Present. Oxford University Press, Oxford 2005.
  26. Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, S. 482.
  27. Helmuth Fechner: Deutschland und Polen. Holzner Verlag, Würzburg 1964, S. 159.
  28. Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation 1918 bis 1978. Verlag Kohlhammer, 1979, S. 134.
  29. a b Richard Blanke: Orphans of Versailles: The Germans in Western Poland 1918–1939. University of Kentucky Press, 1993, ISBN 0-8131-1803-4, S. 244: Appendix B. German Population of Western Poland by Province and Country (books.google.com).
  30. Olczak Elzbieta: Atlas historii Polski: mapy i komentarze. Demart, 2004, ISBN 83-89239-89-2.