Polterabend

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Brauch des Porzellan-Zerschlagens. Für andere Bräuche des Hochzeits-Vorabends siehe den Artikel Hochzeitsbrauch. Zum gleichnamigen Film aus dem Jahr 2003 siehe Polterabend (Film)
Glück bringende Scherben

Unter einem Polterabend versteht man einen vor allem in Deutschland verbreiteten Hochzeitsbrauch, einem Brautpaar vor dessen Heirat durch das Zerbrechen von Steingut und Porzellan ein Gelingen der Ehe zu wünschen. Der Begriff ist auch in Österreich, in der Schweiz und in skandinavischen Ländern wie Dänemark und Finnland bekannt, bezeichnet dort aber meist den ausgelassenen Abschied vom Ledig-Sein, der in Deutschland unter dem Begriff Junggesellenabschied und in England als Stag Party bzw. Hen Night bekannt ist.[1]

Geschichte und Deutung[Bearbeiten]

Der historische Ursprung des Polterabends ist nicht geklärt; es gibt für den deutschsprachigen Raum wenig Literatur, besser ist die volkskundliche Forschungslage in Skandinaven.[2] Laut der Volkskundlerin Annette Remberg ist der Brauch seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts bezeugt, jedoch laut dem Historiker Hans Dunker aus dem 16. und 17. Jahrhundert jedenfalls für Schleswig-Holstein „nicht berichtet“, was er angesichts der im Volks-Aberglauben verwurzelten Tradition erwartet hätte.[3]

Dem Brauch des Porzellanzerbrechens liegt vermutlich das volksetymologisch gedeutete Sprichwort: „Scherben bringen Glück“ zugrunde. Der aus dem Töpferhandwerk stammende Begriff „Scherbe“ bezeichnete ursprünglich alle irdenen Gefäße, nicht nur die zersprungenen.[4] „Scherben bringen Glück“ bezog sich somit darauf, dass viele Gefäße im Sinne gefüllter Vorratsbehälter eine glückliche Fügung für den Besitzer darstellen. Der Lärm sollte nach der verbreitetsten Deutung als Abwehrzauber Geister und Dämonen vom Brautpaar fernhalten.[5] Auf diese Deutung bezieht sich etwa Johann Heinrich Voß in seinem Gedicht Luise: Ein ländliches Gedicht in drei Idyllen, in dem der Pfarrer vor der Hochzeit zum Lärmen auffordert: „Alle geklingt mir! / Alle mit lauter Musik! Daß nicht in der bräutlichen Kammer / Hämisch ein Nachtkobold sie beleidige oder Asmodi!“[6]

Im Zerstören des Alten lässt sich symbolisch auch ein Übergangsritus aus dem Kreis der Unverheirateten in das Eheleben sehen;[7] Achim von Arnim schrieb zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seinem Roman Die Kronenwächter, dass „die alten Töpfe zerschmissen werden, um ein neues Leben anzufangen“.[8]

Der Rechtshistoriker Karl Frölich vermutet zudem eine rechtliche Funktion: Durch den Lärm der allgemeinen Öffentlichkeit die Eheschließung bekannt zu machen.[5] Schwierigkeiten des Polterabends mit der öffentlichen Ordnung sind in der Straßenpolizei-Ordnung für die Residenzstadt Braunschweig des 19. Jahrhunderts dokumentiert, die in § 112 bestimmte: „das Topfwerfen auf der Straße bei Polterabenden ist verboten.“[9]

Andrea Graf weist darauf hin, dass seit dem Ende der 1980er Jahren die Tradition des Polterabends verändert und zurückgedrängt wird, unter anderem deshalb, weil „Berge von Müll auf dem Hof des Brautpaares abgeladen“ wurden. Die traditionelle Form besteht weiter fort, wird aber zunehmend durch die globalisierte, aus dem angloamerikanischen Kulturraum stammende Form des Junggesellenabschieds ersetzt oder ergänzt, was sie als „postmodernes Übergangsritual“ deutet.[10] Der Volkskundler Gunther Hirschfelder sieht in dem neuen Ritual keinen Kulturimport, da es sich zu vielgestaltig zeige, und erklärt es aus der gesunkenenen Einbindung von Menschen in ihre lokale Gemeinschaft, der geringeren Bedeutung der Eheschließung im Lebenslauf und der alltagskulturellen Entwicklung hin zu einer „Eventkultur“.[11]

Elemente des Brauchs[Bearbeiten]

Grimms Wörterbuch beschreibt den Polterabend im 19. Jahrhundert als den „durch schmaus, tanz und allerlei scherz gefeierte[n] vorabend einer hochzeit“.[12]

Der Polterabend findet in der Regel vor dem Haus der Braut bzw. ihrer Eltern statt. Das Brautpaar gibt lediglich den Termin bekannt, lädt aber niemanden im Einzelnen ein. Manch ein Brautpaar sieht darin die Möglichkeit, viele Personen, die zur Hochzeit selber nicht eingeladen werden können, so teilhaben zu lassen. Daher wird auch für eine Verköstigung gesorgt, ein traditionelles Gericht für den Polterabend ist die Hühnersuppe, da Hühner ein Symbol für Fruchtbarkeit sind und in früheren Zeiten dem Brautpaar am Polterabend Hühner geschenkt wurden. Es wird ein Zusammenhang mit der Bezeichnung Hühnerabend (Hen Night) vermutet.

Der Kern dieses Brauches ist das Zerbrechen durch Hinwerfen von mitgebrachtem Porzellan, aber auch Steingut, Blumentöpfe oder Keramikartikel, wie Fliesen, Waschbecken und Toilettenschüsseln, sind gern verwendete Wurfgegenstände. Auch metallene Gegenstände, wie Blechbüchsen, Kronkorken und Konservendeckel, sind zum Poltern verbreitet. Verboten hingegen sind Gläser (Glas steht für Glück, das nicht zerstört werden soll) oder gar Spiegel (ein zerbrochener Spiegel steht für sieben Jahre Pech). Das Brautpaar muss dann gemeinsam den Scherbenhaufen entsorgen.

Der Polterabend wird meist am Vorabend der kirchlichen oder standesamtlichen Trauung gefeiert. Findet der Polterabend direkt am Vorabend der Hochzeit statt, ist es dem Brautpaar durchaus gestattet, sich vorzeitig (z. B. um Mitternacht) von der Feier zu entfernen, um am nächsten Tag frisch und nicht verkatert zu sein. Es ist üblich geworden, den Polterabend Wochen vor dem Hochzeitstag zu veranstalten.[13]

Polterabend-Scherze[Bearbeiten]

Die Tradition des Polterabends im Zusammenhang mit Polterabend-Scherzen sowie Spielen ist vielfach seit dem 19. Jahrhundert belegt.[14]

Vergleichbares[Bearbeiten]

Eine dem Polterabend ähnliche Tradition ist der Hielich, ein Heischebrauch im Bergischen Land und in der Eifel, bei dem vor der Hochzeit ebenso geschossen und getrunken wurde wie beim Polterabend. Auch die Letsch ist ein im Rheinland verbreiteter, ähnlicher Brauch.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Annette Remberg: Wandel des Hochzeitsbrauchtums im 20. Jahrhundert dargestellt am Beispiel einer Mittelstadt. Eine volkskundlich-soziologische Untersuchung (= Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland. Bd. 90). Waxmann, Münster 1995, ISBN 3-89325-361-0, Kapitel C: Polterabend, S. 113–125 (Vorschau).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Polterabend – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Polterabend – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zum finnischen polttarit bzw. polterabend und dem schwedischen Pendant siehe Beth Montemurro: Something Old, Something Bold: Bridal Showers and Bachelorette Parties as Traditions of Transition. Rutgers University Press, New Brunswick NJ 2006, ISBN 978-0-8135-3810-5, S. 184–188, und Anna-Maria Äström: Polterabend. Symbols and Meanings in a Popular Custom of Aristocratic and Bourgeois Origin. In: Ethnologica Scandinavica. Bd. 19, 1989, S. 83–106.
  2. Annette Remberg: Wandel des Hochzeitsbrauchtums im 20. Jahrhundert dargestellt am Beispiel einer Mittelstadt. Eine volkskundlich-soziologische Untersuchung (= Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland. Bd. 90). Waxmann, Münster 1995, ISBN 3-89325-361-0, S. 113.
  3. Hans Dunker: Werbungs-, Verlobungs- und Hochzeitsgebräuche in Schleswig-Holstein. Philosophische Dissertation, Universität Kiel 1930, S. 77.
  4. SCHERBE, f. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier). Abschnitt II.4.
  5. a b Karl Frölich: Rechtsgeschichte und Volkskunde im niederdeutschen Eheschließungsbrauchtum. In: Nachrichten der Giessener Hochschulgesellschaft. Bd. 20, 1951, S. 102–138, hier S. 122 f. (PDF).
  6. Johann Heinrich Voß: Luise. Ein ländliches Gedicht in drei Idyllen. Universitäts-Buchhandlung, Königsberg 1826, S. 315.
  7. Bezogen auf den Junggesellenabschied Andrea Graf: Der letzte Tag in Freiheit – Der Junggesellen- und Junggesellinnenabschied als postmodernes Übergangsritual? Vorstellung des Dissertationsprojekts. In: Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Universität Bonn. Speziell zum Polterabend als Übergangsritus Christiane Cantauw, Volkskundliche Kommission für Westfalen, in: Heiraten. Warum der Polterabend heutzutage eigentlich sinnlos ist. In: Der Westen, 27. Februar 2013.
  8. Achim von Arnim: Die Kronenwächter. Berthold’s erstes und zweites Leben (= Sämtliche Werke. Bd. 3). Maurer, Berlin 1817, S. 182.
  9. Zitiert nach: Richard Andree: Braunschweiger Volkskunde. 2. vermehrte Auflage. Vieweg und Sohn, Braunschweig 1901, S. 304.
  10. a b Andrea Graf: Erste Ergebnisse der Erhebung zum JunggesellInnenabschied im Rheinland. „Der letzte Tag in Freiheit?“ In: Alltag im Rheinland. Mitteilungen der Abteilungen Sprache und Volkskunde des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR). Jg. 2012, S. 18–24, hier S. 20 f. online (PDF)
  11. Junggesellenabschied. Party statt Poltern. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.
  12. POLTERABEND, m. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  13. Brauers, P. (2011), Hochzeitsbräuche. Das etwas andere Sachbuch zur Hochzeit. (3. Aufl.) Books on Demand GmbH, Norderstedt.
  14. Darunter: P. F. Lembert: Polterabend=Scherze mit und ohne Verlarvung. Eine Sammlung von Gedichten, Anreden, Dialogen und anderen Polterabend=Scenen. R. L. Methus. Müller (Hrsg.): Zeitung für die elegante Welt. Leipzig 1830, S. 1913; Caroline Hausberg: Polterabend Scherze. 9 S. beschrieben von alter Hand. Privatdruck, 1880 (mit Beiträgen wie Die Zauberinn, Bei Ueberreichung von Löffeln, Die Zuckerzange, Das alte Mütterchen); Julius Bauer: Polterabend-Scherze. Dem Brautpaare Isabella Geiringer und Victor Herz gewidmet von Julius Bauer. Vorgetragen am 17. März 1894 von Alexander Girardi. 1. Wiener Zeitungs-Gesellschaft, Wien 1894.