Polytechnische Universität Harbin

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哈尔滨工业大学
Harbin Institute of Technology
Gründung 1920
Trägerschaft Ministerium für Industrie und Informationstechnik
Ort Harbin, Volksrepublik China
Rektor Zhou Yu (周玉)
Studierende 53.292
Mitarbeiter 3045
Jahresetat 1,89 Mrd. Yuan (2017)
Website en.hit.edu.cn

Die Polytechnische Universität Harbin (chinesisch 哈爾濱工業大學 / 哈尔滨工业大学, Pinyin Hā'ěrbīn Gōngyè Dàxué), im Ausland bekannt als Harbin Institute of Technology, daher oft „HIT“ oder 哈工大 abgekürzt, ist eine der besten Universitäten Chinas. Sie gehörte zur ersten Gruppe der im Rahmen des „Projekts 211“ zu Exzellenzuniversitäten ernannten Lehranstalten. Neben ihrem Hauptsitz im Stadtbezirk Nangang von Harbin, Provinz Heilongjiang, besitzt sie seit 1985 noch einen Campus in Weihai, Provinz Shandong[1] und seit 2002 einen weiteren in Shenzhen, Provinz Guangdong.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Song Xiaolian, 1920–1924 Rektor des Polytechnikums

Die Universität wurde am 17. Oktober 1920 unter dem Namen „Sino-Russisches Polytechnikum Harbin“ (哈尔滨中俄工业学校) gegründet. Der erste Rektor war Song Xiaolian (宋小濂, 1863–1926), die Unterrichtssprache war Russisch. Das Ziel der Schulgründung war, für das noch vom zaristischen Russland in die Wege geleitete Projekt der Ostchinesischen Eisenbahn (中国东方铁路) Ingenieure heranzubilden. Zunächst wurden dort zwei fünfjährige Studiengänge angeboten: Eisenbahnbau und Elektromechanik. Am 2. April 1922 wurde das Polytechnikum zur Universität hochgestuft und hieß nun „Sino-Russische Polytechnische Universität Harbin“ (哈尔滨中俄工业大学校). Am 20. Oktober 1928 wurden zusätzlich eine Fakultät für Jura und eine Fakultät für Betriebswirtschaft eröffnet. Für chinesische Studenten gab es Vorbereitungsklassen (预科班), in denen sie Russisch lernen konnten.[3]

Nach der Besetzung der Mandschurei durch Japan Ende 1931/Anfang 1932 verkaufte die Sowjetunion im März 1935 die Ostchinesische Eisenbahn, und damit auch die Polytechnische Universität, für 140 Millionen Yen an Mandschukuo, ein von den Japanern in Nordostchina eingesetztes Marionettenregime.[4] Die Unterrichtssprache wurde von Russisch auf Japanisch geändert, von Januar 1937 bis August 1945 war der Japaner Suzuki Masao (鈴木正雄) Rektor der Universität. Von der Gründung 1920 bis 1938 hatte die Universität insgesamt 1267 Absolventen hervorgebracht, 382 davon Chinesen, 885 Sowjetbürger und Polen. Seit der Machtübernahme durch die Japaner waren dann nur noch chinesische, japanische und koreanische Studenten angenommen worden.

Nach der Operation Auguststurm und dem Sieg über Japan wurde die Universität der – nun wieder von der Sowjetunion in Besitz genommenen – Chinesischen Changchun-Eisenbahn (中国长春铁路, der neue Name der Ostchinesischen Eisenbahn) unterstellt, die Unterrichtssprache wurde wieder auf Russisch geändert. Es gab nun fünfjährige Studiengänge in Architektur, Elektrotechnik, Betriebswirtschaft, Bergbau, Chemieingenieurwesen und Asiatische Wirtschaft.[5] Am 7. Juni 1950 übergab die sowjetische Regierung die Changchun-Eisenbahn und damit auch die Polytechnische Universität Harbin an China, die Unterrichtssprache wurde auf Chinesisch geändert. Als das damalige Ministerium für Höhere Erziehung (高等教育部) im Oktober 1954 sechs chinesische Universitäten zu „Nationalen Schwerpunktuniversitäten“ (全国重点大学) ernannte, war Harbin eine davon, die einzige, die nicht in Peking lag.

Ab September 1958 wurde auf Anweisung von Deng Xiaoping, damals Generalsekretär des Politbüros der KPCh, der Lehrplan geändert, zivile Fächer entfernt und auf die Anforderungen der Volksbefreiungsarmee umgestellt. 1962 war dieser Transformationsprozess vollendet.[6]

Wie in allen Lehranstalten kam 1966 mit dem Ausbruch der Kulturrevolution der Unterrichtsbetrieb zum Erliegen. 1969 hatten sich dann nach dem Zwischenfall am Ussuri die Spannungen mit der Sowjetunion soweit verschärft, dass Verteidigungsminister Lin Biao am 18. Oktober 1969 mit seinen „Befehl Nr. 1“ (林副统帅一号战斗号令, Pinyin Lín Fùtǒngshuài Yīhào Zhàndòu Hàolìng) die chinesischen Atomraketen startbereit machen ließ. In diesem Befehl ordnete Lin Biao außerdem nicht nur an, dass sich alle militärischen Einheiten weit verstreuen sollten,[7] sondern auch dass die wichtigen Institute sofort ins Landesinnere zu verlagern wären, die sogenannte „Dritte Front“ (三线), ein bereits seit 1964 laufendes Projekt.[8] Dies erforderte einiges an Organisation; der tatsächliche Marschbefehl wurde am 12. Januar 1970 erteilt. Ein großer Teil der Polytechnischen Universität zog zusammen mit der Fakultät für Kerntechnik der Akademie für Ingenieurwissenschaften Harbin nach Chongqing in Sichuan um, wo sie auf dem Gelände der Pädagogischen Universität Südwestchina (西南师范学院) die Polytechnische Universität Chongqing (重庆工业大学) bildeten, die dem für zivile und militärische Nuklearaktivitäten zuständigen Zweiten Ministerium für Maschinenbauindustrie (第二机械工业部) unterstellt wurde. In Chongqing wurden jedoch nie neue Studenten immatrikuliert, und am 3. Juli 1973 ordnete der Staatsrat der Volksrepublik China gemeinsam mit der Zentralen Militärkommission im „Regierungsdokument (1973)79“ (国发(1973)79号文件) die Rückkehr der Harbiner Institute an ihren alten Standort an; die ursprüngliche Fakultät für Kerntechnik der Akademie für Ingenieurwissenschaften wurde der Polytechnischen Akademie Changsha in Hunan angeschlossen.[9]

Nach der Rückkehr nach Harbin wurde in den Instituten zunächst nur Forschung betrieben. Erst 1977 wurden wieder Studenten immatrikuliert, ab 1978 Doktoranden aufgenommen, und ab 1982 Postdoktoranden. 1984 wurde die Polytechnische Universität Harbin zu einer der 15 Schwerpunkthochschulen des Landes ernannt, was ihr Zugang zu Fördermitteln für den weiteren Ausbau gewährt. 1996 gehörte Harbin zu den ersten Universitäten die in das 1995 verabschiedete „Projekt 211“ aufgenommen wurden, und im November 1999 war die Universität eine von nur neun Hochschulen in ganz China, die vom Staat mit großem finanziellen Aufwand auf das Niveau internationaler Spitzenuniversitäten gebracht werden sollten.[10]

Am 10. Mai 1982 wurde das Zweite Ministerium für Maschinenbauindustrie im Rahmen einer Verwaltungsreform in „Ministerium für Atomindustrie“ (核工业部) umbenannt. Gleichzeitig wurden die dem Ministerium bis dahin unterstehenden Universitäten der am selben Tag durch Verschmelzung der bisherigen Kommission für Wehrtechnik der Volksbefreiungsarmee, des Büros für wehrtechnische Industrie beim Staatsrat (国务院国防工业办公室) und der Kommission für wissenschaftlich-technische Ausrüstung bei der Zentralen Militärkommission (中央军委科学技术装备委员会) hervorgegangenen Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung unterstellt. Wie die Mehrzahl dieser Lehranstalten wanderte die Polytechnische Universität Harbin bei einer weiteren Verwaltungsreform am 15. März 2008 in die Zuständigkeit des an jenem Tag aus dem Ministerium für Informationsindustrie hervorgegangenen Ministeriums für Industrie und Informationstechnik.[11]

Fakultäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Polytechnische Universität Harbin besitzt heute 18 Fakultäten:

Dazu kommt noch ein Zentrum für Biowissenschaften und ein Institut für Höhere Mathematik.[12] Rektor der Universität ist seit dem 13. Juni 2014 der Metallurg Zhou Yu (周玉, * 1955), selbst ein Absolvent der Polytechnischen Universität Harbin und seit 2009 Mitglied der Chinesischen Akademie der Ingenieurwissenschaften.[13][14][15] Im Studienjahr 2018/2019 hatte die Universität insgesamt 3045 Dozenten und wissenschaftliche Angestellte sowie 53.292 Studenten, davon 16.199 Ingenieurstudenten, 7999 Doktoranden und 5197 Postdoktoranden. 1157 Studenten waren Ausländer.[16] 2017 verfügte die Universität über einen Jahresetat von 1,89 Milliarden Yuan (damals etwa 240 Millionen Euro).[17]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Lehrplanumstellung zum Studienjahr 1958/59 ist die Polytechnische Universität Harbin ein integraler Bestandteil des militärisch-industriellen Komplexes der Volksrepublik China. Es wird zwar auch zu Materialwissenschaft, Chemie und Physik geforscht, der Schwerpunkt liegt aber bei der Raumfahrttechnik. So arbeiteten Wissenschaftler der Universität Ende der 1960er Jahre bei der Entwicklung von Chinas erstem Satelliten Dong Fang Hong I mit, seit 2004 wurden insgesamt sieben Mikrosatelliten entwickelt, zwei davon von Studenten in Eigenverantwortung. 2008 wurde von der Universität gemeinsam mit der China Aerospace Science and Technology Corporation ein gemeinsames Zentrum für Technologische Innovation gegründet, mit einem von CASC gestellten Direktor und einem Chefingenieur aus den Reihen der Universität. Dieses Zentrum wurde 2010 zum Institut für Innovation in Raumfahrtwissenschaft und -technik erweitert, und 2012 wurde schließlich das Kooperative Innovationszentrum für Raumfahrtwissenschaft und -technik gegründet, bei dem neben HIT und CASC als Kerninstitutionen auch die Universität Peking, die Universität für Luft- und Raumfahrt Peking sowie die Chinesische Universität für Wissenschaft und Technik in Hefei mitarbeiten, dazu noch das Nationale Zentrum für Weltraumwissenschaften der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die Princeton University, die Lomonossow-Universität Moskau und das Astronautenausbildungszentrum der Abteilung für Waffenentwicklung der Zentralen Militärkommission.[18][19][20]

Im Jahr 2012 wurde die Laser-Kommunikation mit einem Satelliten, eine moderne Hochgeschwindigkeitsvariante der alten Blinksignale, erstmals erfolgreich getestet. 2014 wurde diese Erfindung mit dem Nationalen Innovationspreis ausgezeichnet, und 2015 gründete die Universität zusammen mit der Provinzregierung von Heilongjiang eine eigene Firma, um das System zur Marktreife zu bringen. Dies gelang. Mittlerweile wird die sogenannte „optoelektronische Nachrichtenübermittlung“ von den Einheiten der Volksbefreiungsarmee routinemäßig eingesetzt, wenn bei schlechtem Weltraumwetter der Sonnenwind den Funkverkehr stört.[21]

Außerdem trägt die Polytechnische Universität Harbin unter anderem mit einer Anlage zur Simulation von niedriger Schwerkraft, Schweißtechniken zur Vermeidung von Deformationen wenn sich eine Landekapsel beim Eintritt in die Atmosphäre erhitzt, und dem Fortbewegungssystem der Jadehase-Mondrover zum Bemannten Raumfahrtprogramm und dem Mondprogramm der Volksrepublik China bei. Ein aus Mitteln des 12. Fünfjahresplans (2011–2015) und der dem Staatsrat der Volksrepublik China unterstehenden Nationalen Stiftung für Naturwissenschaften mit insgesamt 1,8 Milliarden Yuan (von der Kaufkraft her etwa 2 Milliarden Euro) gefördertes Projekt ist der Simulator für Kosmische Strahlung (空间辐射地面模拟装置), wegen der englischen Bezeichnung Space Environment Simulation and Research Infrastructure im Ausland oft „SESRI“ abgekürzt.[22] Im Stadtbezirk Songbei stehen dort 72 Instituten aus 25 Ländern zwei Zyklotronresonanz-Ionenquellen, ein Linearbeschleuniger für Ionen und ein 43,9-m-Synchrotron zur Verfügung, mit dem drei Ziele mit einstellbaren Ionenstrahlen beschossen werden können.[23][24][25]

Absolventen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Polytechnische Universität Harbin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. History. In: en.hitwh.edu.cn. Abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  2. History. In: en.hitsz.edu.cn. Abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  3. 中国探月工程总设计师回想“两弹一星”的日子. In: news.sohu.com. 26. Juli 2007, abgerufen am 11. August 2019 (chinesisch).
  4. 伍豪: 中东铁路. In: zhuanlan.zhihu.com. 19. Februar 2019, abgerufen am 11. August 2019 (chinesisch).
  5. 历史上就是一所国际性大学. In: hit.edu.cn. 26. Juni 2015, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  6. 开创第一个黄金时代. In: hit.edu.cn. 26. Juni 2015, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  7. 南懷沙: 挖山洞的大兵. 秀威資訊科技股份有限公司, 台北 2013, S. 111.
  8. China putting on a brave 'Third Front'. In: en.people.cn. 6. Dezember 2003, abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  9. 十年动乱与南迁北返. In: hit.edu.cn. 26. Juni 2015, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  10. 再铸辉煌. In: hit.edu.cn. 26. Juni 2015, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  11. 工业和信息化部对哈尔滨工业大学、哈尔滨工程大学开展安全管理督查工作. In: miit.gov.cn. 12. März 2018, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  12. Faculty. In: en.hit.edu.cn. Abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  13. 杨尚峰: 周玉等三人当选中国工程院院士 黑龙江院士增至38人. In: heilongjiang.dbw.cn. 3. Dezember 2009, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  14. 周玉任哈尔滨工业大学校长. In: news.hit.edu.cn. 16. Juni 2014, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  15. 现任领导. In: hit.edu.cn. 13. Juni 2019, abgerufen am 10. August 2019 (chinesisch).
  16. Statistics. In: en.hit.edu.cn. Abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  17. 2017 Brief Introduction. In: en.hit.edu.cn. Abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  18. Peng Ying: China starts new astronaut selection process. In: xinhuanet.com. 23. April 2018, abgerufen am 11. August 2019 (englisch).
  19. 空间中心夏令营营员参观中国航天员科研训练中心. In: nssc.ac.cn. 20. Juli 2018, abgerufen am 11. August 2019 (chinesisch).
  20. 2017 Brief Introduction. In: en.hit.edu.cn. Abgerufen am 10. August 2019 (englisch).
  21. 张宏洲: 2017军校巡礼第二十五站:航天工程大学. In: mod.gov.cn. 15. Juni 2017, abgerufen am 12. August 2019 (chinesisch).
  22. 大科学装置科学研究联合基金. In: nsfc.gov.cn. Abgerufen am 12. August 2019 (chinesisch).
  23. 刘明 et al.: 空间辐射地面模拟装置(SESRI)同步加速器注入设计和模拟研究. In: npr.ac.cn. 23. November 2016, abgerufen am 12. August 2019 (chinesisch).
  24. 建设进展. In: sesri.hit.edu.cn. Abgerufen am 12. August 2019 (chinesisch).
  25. 2017 Brief Introduction. In: en.hit.edu.cn. Abgerufen am 12. August 2019 (englisch).

Koordinaten: 45° 44′ 40,8″ N, 126° 37′ 42,4″ O