Pop-up-Radweg

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Pop-up-Radweg auf dem Kottbusser Damm in Berlin

Ein Pop-up-Radweg (auch Corona-Radweg) ist ein kurzfristig eingerichteter Radweg, der in einer akuten Gefahren- oder Krisensituation oder bei plötzlich veränderten Rahmenbedingungen im Straßenverkehr schnell für mehr Platz und Sicherheit im Radverkehr sorgen soll.[1]

Pop-up-Radwege wurden in mehreren Städten während der COVID-19-Pandemie angeordnet und sind in der Regel als temporäre Radinfrastruktur für die Zeit während des ursächlichen Ereignisses gedacht. Die während der Pandemie angeordneten Radwege sollen Radfahrenden dabei helfen, räumliche Distanzierung halten zu können, um das Infektionsrisiko mit dem SARS-CoV-2-Virus zu minimieren. Als weitere Gründe für Pop-up-Radwege während der Pandemie gelten eine Entlastung des öffentlichen Nahverkehrs, dessen Nutzung mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko verbunden ist, sowie die Förderung körperlicher Bewegung und damit die Stärkung des Immunsystems.[2]

Die meist mit gelben Linien und Baustellenbaken markierten Radwege wurden in der Regel durch Umwidmung des rechten Fahrstreifens oder eines bisherigen Parkstreifens zum Radfahrstreifen eingerichtet.[3] In Berlin belaufen sich die Kosten für einen Kilometer Pop-up-Radweg auf etwa 9500 Euro.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erster Pop-up-Radweg in Berlin am Halleschen Ufer

Der Begriff „Pop-up-Bike-Lane“ entstand in Nordamerika, wo beispielsweise die US-amerikanische Stadt New York einige Versuche mit kurzfristiger Radverkehrsinfrastruktur gestartet hatte.[5] Die COVID-19-Pandemie in Kolumbien führte dazu, dass zunächst in der dortigen Hauptstadt Bogotá kurzfristig auf insgesamt über hundert Kilometern auf Hauptverkehrsstraßen mehr Platz für den Radverkehr geschaffen wurde. Über die Maßnahme wurde international berichtet. In Deutschland wurden Pop-up-Radwege zunächst im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eingerichtet. Der erste Pop-up-Radweg in Berlin entstand am 25. März 2020 am Halleschen Ufer. Weitere folgten am Tempelhofer Ufer, in der Skalitzer und Gitschiner Straße, in der Lichtenberger und Petersburger Straße und am Kottbusser Damm.[6] Später kündigte der Bezirk Mitte an Pop-up-Radwege am Schöneberger Ufer zwischen Potsdamer Brücke und Flottwellstraße[7] und in der Müllerstraße zwischen Seestraße und U-Bahnhof Wedding[8] einzurichten. Der bis dahin längste Berliner Pop-up-Radweg wurde mit einer Länge von 3,5 Kilometern in der Kantstraße im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf angelegt.[9] Die Pop-up-Radwege in Berlin wurden befristet bis vorläufig 31. Mai 2020 angelegt,[10] mit Aussicht auf eine Überführung in eine permanente Radinfrastruktur entsprechend dem Berliner Mobilitätsgesetz. Der Bezirk Pankow gab bekannt, ab dem 5. Mai einen Pop-up-Radweg auf der Danziger Straße zwischen der Prenzlauer Allee und der Danziger Straße 142 einrichten zu wollen und die Einrichtung eines weiteren Pop-up-Radwegs auf der Schönhauser Alle zwischen Schwedter Straße und Torstraße zu prüfen.[11] Die Pop-up-Radwege waren in Berlin zunächst zum Test bis Ende Mai befristet. Die Frist wurde jedoch Ende Mai bis zum Jahresende verlängert.[12]

Die Stadt Leipzig kündigte im Mai 2020 an, zur Entschärfung eines Unfallschwerpunktes auf der Jahnallee auf Höhe der Zeppelinbrücke temporäre Fahrradwege einzurichten.[13]

In Wien wurde im Zuge der COVID-19-Pandemie in Österreich am 7. Mai ein Pop-up-Radweg auf der Praterstraße eröffnet.[14][15] Für den 15. Mai wurde ein zweiter Pop-up-Radweg in der Wagramer Straße im Bezirk Donaustadt angekündigt.[16] Weiters wurden vier Wohnstraßen zu Begegnungszonen, mit gleichen Rechten für Fuß-, Rad- und Autoverkehr eingerichtet.

Des Weiteren wurden Pop-up-Radwege in den Städten Budapest, Calgary, Mailand, Mexiko-Stadt, Minneapolis, Vancouver und Paris eingerichtet.[17][10] Entsprechend den Pop-up-Radwegen existieren ähnliche Vorhaben und Forderungen für den Fußverkehr und für Busse.[18]

Konzeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Konzeption von Pop-up-Radwegen zeichnet sich durch zügige Umsetzung und reduzierte Planungsprozesse aus und wird in Berlin anhand von Regelplänen umgesetzt. Durch das Berliner Mobilitätsgesetz gab es in Berlin allerdings bereits Vorplanungen zur Einrichtung von Radverkehrsanlagen an Hauptstraßen. Pop-up-Radwege auf Hauptstraßen werden in Berlin als gemeinsame Projekte des jeweiligen Bezirks als Baulastträger und auf Anordnung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz umgesetzt.[19] Provisorisch gestaltete Pop-up-Radwege, die später in dauerhafte Infrastruktur überführt werden sollen, bieten gegenüber direkt umgesetzten Bauplänen den Vorteil, dass die geschaffene Verkehrssituation zunächst in der Praxis getestet und eventuell auftretende Probleme nachgebessert werden können.

Das Bezirksamt Berlin Friedrichshain-Kreuzberg empfiehlt ein Konzept, nachdem Pop-up-Radwege von der Identifizierung der betroffenen Bereiche, über die Anhörung der zu beteiligenden Behörden, der Anordnung der Maßnahmen und der temporären Beschilderung bis hin zur Fertigstellung innerhalb von zehn Tagen und in elf Schritten eingerichtet werden können. Bei der Konzeption werden die folgenden vier Grundprinzipien angewendet:

  • Verkehrstrennung: Über Markierungen hinausgehende physische Trennung von Fuß-, Rad- und Autoverkehr, die nach Möglichkeit nicht zum Einparken vom Autoverkehr überquert werden muss
  • Verzeihende Infrastruktur: Infrastruktur die Verletzungsrisiken bei Fehlverhalten minimiert, beispielsweise durch Sicherheitsabstände zwischen der Fahrbahn zum Bordstein oder zu Leitbaken oder die Verwendung von Separationselementen aus nachgebenden Materialien
  • Vorhersehbarkeit: leicht verständliche und wenig komplexe Verkehrsführung
  • Netzwerk-Ansatz: Einrichtung eines Verkehrsnetzes zur Entlastung einzelner Straßenabschnitte

Bei Straßen mit zwei Fahrbahnen in beide Richtungen, wird die rechte Fahrbahn inklusive einer Pufferzone zum fließenden motorisierten Verkehr vollständig als Radstreifen separiert und vorhandene Beschilderung für den ruhenden Verkehr abgedeckt. Das Parken von Kraftfahrzeugen ist dann nicht mehr erlaubt und das Fahren sowohl für den Radverkehr als auch für den motorisierten Verkehr auf jeweils einem Streifen möglich. Bei Straßen mit zwei Fahrbahnen und einem Parkstreifen in beide Richtungen, wird die rechte Fahrbahn für den Radverkehr inklusive jeweils einer Pufferzone zum ruhenden und zum fließenden motorisierten Verkehr hin separiert und der Parkstreifen erhalten. Das Befahren der Straße ist dann für den motorisiertem Verkehr auf einem Streifen je Richtung möglich. Hierbei müssen Fahrzeuge beim Ein- und Ausparken allerdings den Radweg kreuzen, was dem oben genannten Grundsatz der Verkehrstrennung entgegen steht. Bei Straßen mit drei Fahrbahnen in jede Richtung, bei denen auf der rechten Fahrbahn geparkt werden darf, wird die rechte Fahrbahn als Radstreifen mit einer Pufferzone zum mittleren Streifen separiert und der mittlere Streifen als Parkstreifen ausgewiesen, sodass der fließende motorisierte Verkehr, der ruhende motorisierte Verkehr und der Radverkehr jeweils einen Streifen zur Verfügung gestellt bekommen. An Kreuzungsbereichen mit Ampelanlage existieren mögliche Maßnahmen zum Schutz des geradeaus fahrenden oder rechts abbiegenden Radverkehrs durch den rechtsabbiegenden motorisierten Verkehr. Dazu gehört die Schaffung einer temporären geschützten Kreuzung mit temporären Bordsteinausbauten oder alternativ Ampelphasen mit separaten, exklusiven Grünphasen für den Fußverkehr und den Radverkehr. Sollte dies nicht möglich sein, wird empfohlen, die Grünphase für den Radverkehr vor der Grünphase für den motorisierten Verkehr zu schalten.[20]

Rechtliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Einrichtung von Radwegen ist in Deutschland eine straßenverkehrsbehördliche Anordnung erforderlich. Das für die Errichtung von Pop-up-Radwegen zugrundeliegende Beschleunigungsgebot leitet sich in Deutschland von Verordnungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie und darin genannter Mindestabstandsregelungen ab. In Berlin ist dies die Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin (SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung – SARS-CoV-2-EindmaßnV). Rechtliche Grundlage für die Umsetzung bildet § 45 Abs. 9 Satz 4 der Straßenverkehrsordnung.[19] Die sachliche Zuständigkeit liegt dafür laut § 44 Abs. 1 Satz 1 StVO bei den Straßenverkehrsbehörden. In Berlin ist dies nach Nr. 11 Abs. 3 des Zuständigkeitskatalogs zum Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Der jeweilige Bezirk ist als Baulastträger für die Umsetzung zuständig.[21]

Die geplante Überführung der temporären Pop-up-Radwege in eine permanente Radverkehrsinfrastruktur richtet sich nach dem Berliner Mobilitätsgesetz. Dazu muss jedoch jeweils eine neue straßenverkehrsbehördliche Anordnung samt Anhörungsverfahren erfolgen.

Politische Debatte in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einrichtung von Pop-up-Radwegen in Berlin durch den rot-rot-grünen Senat wurde von Radverkehrsverbänden wie dem ADFC und den Verbänden um die Initiative Volksentscheid Fahrrad gelobt und in den sozialen Medien überwiegend positiv aufgenommen.[22] Der Landesverband Berlin-Brandenburg des ADAC kritisierte die Maßnahme und sagte, der Senat würde eine Notsituation ausnutzen um Partikularinteressen zu verfolgen. Aus CDU und FDP kamen ebenfalls Vorwürfe an den Senat, die Pandemie für die Verkehrswende zu instrumentalisieren.[23] Die AfD sprach von „linksgrüner Autohasserpolitik“ und verwies auf einen Rückgang der Zahl der Fahrradfahrer im Vergleich zum Vorjahr. Der ADFC erklärte dagegen, dass die Anzahl der zurückgelegten Wege in der Corona-Krise insgesamt zurückgegangen sei und Auswertungen der Verkehrsinformationszentrale und des ÖPNV zeigten, „dass das bei Autoverkehr, Bussen und Bahnen weit drastischer der Fall sei als beim Radverkehr.“[24]

Da weitere Städte in Deutschland zunächst keine temporären Radwege einrichten wollten, verschickte die Deutsche Umwelthilfe Anträge an 204 Stadtverwaltungen, woraufhin sich unter anderem die Städte Köln, Frankfurt am Main und Dresden mit der Option auseinandersetzen wollten. In mehreren Städten, darunter Stuttgart, veranstalteten Radfahrverbände Aktionen mit denen sie die Einrichtung von Pop-up-Radwegen forderten.[5]

Audio[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Pop-up-Radwege – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Senat gibt Berliner Bezirken Tipps für Pop-up-Radwege. Abgerufen am 29. April 2020.
  2. Krisenfestes Radfahren: Die Corona-Pop-Up-Radwege in Berlin. Abgerufen am 29. April 2020.
  3. admin: Pop-up-Radwege helfen bei der physischen Distanzierung von Coronaviren in Deutschland Weltnachrichten | DE24 News. Abgerufen am 29. April 2020 (deutsch).
  4. Magistrale in Friedrichshain: Auch die Frankfurter Allee wird zum Pop-up-Radweg. Abgerufen am 29. Mai 2020.
  5. a b Anja Krüger: Neue Radwege durch Coronakrise: Impuls aus Bogotá. In: Die Tageszeitung: taz. 2. Mai 2020, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 4. Mai 2020]).
  6. Der Mann hinter den Pop-Up-Radwegen. Abgerufen am 29. April 2020.
  7. Pop-up-Radweg am Schöneberger Ufer eingerichtet. 23. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  8. Pop-up-Radwege für Mitte. 17. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  9. Neuer Pop-Up-Radweg in Charlottenburg | Video | ARD Mediathek. Abgerufen am 30. April 2020.
  10. a b Pop-up Verkehrswende und Corona-Radweg, oder: Nichts hält länger als ein Provisorium. 21. April 2020, abgerufen am 30. April 2020 (deutsch).
  11. Temporärer Radfahrstreifen wird ab 5. Mai 2020 auf der Danziger Straße eingerichtet. 30. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  12. Frist für Pop-up-Radwege wird bis zum Jahresende verlängert. Abgerufen am 29. Mai 2020.
  13. Temporärer Radweg: Leipzig entschärft Unfallschwerpunkt. 22. Mai 2020, abgerufen am 23. Mai 2020.
  14. Radweg auf Praterstraße nur stadtauswärts. Die Presse, 7. Mai 2020, abgerufen am 16. Mai 2020.
  15. Hebein überrascht die Wienerinnen und Wiener mit einem Pop-up-Radweg. Der Standard, 7. Mai 2020, abgerufen am 16. Mai 2020.
  16. Zweiter Pop-up-Radweg in Wien ab Samstag auf Wagramer Straße. Der Standard, abgerufen am 16. Mai 2020.
  17. Andrea Reidl: Kommt jetzt die pandemiebedingte Verkehrswende? In: Die Zeit. 24. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  18. Nicolas Šustr: Corona-Spuren auch für Busse gefordert (neues deutschland). Abgerufen am 29. April 2020.
  19. a b Mobilität in Zeiten von #Corona: Neue “Pop-Up-Radwege” in #Berlin. In: Youtube. Difu, 29. April 2020, abgerufen am 2. Mai 2020.
  20. https://www.mobycon.nl/wp-content/uploads/2020/04/6796_Kreuzberg_Handbuch-V4.pdf
  21. Ein Virus macht Verkehrspolitik? In: Verfassungsblog. Abgerufen am 11. Mai 2020.
  22. Der Mann hinter den Pop-Up-Radwegen. Abgerufen am 29. April 2020.
  23. Claudius Prößer: Neue Rad-Infrastruktur gegen Corona: Mit Abstand am gesündesten. In: taz. 6. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  24. Neue Räder für die Saison. Abgerufen am 29. April 2020.