Pop-up-Radweg

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Pop-up-Radweg auf dem Kottbusser Damm in Berlin

Ein Pop-up-Radweg (auch Corona-Radweg) ist ein kurzfristig eingerichteter Radweg, der in einer akuten Gefahren- oder Krisensituation oder bei plötzlich veränderten Rahmenbedingungen im Straßenverkehr schnell für mehr Platz und Sicherheit im Radverkehr sorgen soll.[1] Teilweise werden die neuen Radwege auch als ein Sprung in einer sich längerfristig vollziehenden Verkehrswende betrachtet.[2]

Pop-up-Radwege wurden in mehreren Städten während der COVID-19-Pandemie angeordnet und sind in der Regel als temporäre Radinfrastruktur für die Zeit während des ursächlichen Ereignisses gedacht. Die während der Pandemie angeordneten Radwege sollen Radfahrern dabei helfen, räumliche Distanzierung halten zu können, um das Infektionsrisiko mit dem SARS-CoV-2-Virus zu minimieren. Als weitere Gründe für Pop-up-Radwege während der Pandemie gelten eine Entlastung des öffentlichen Nahverkehrs, dessen Nutzung mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko verbunden ist, sowie die Förderung körperlicher Bewegung und damit die Stärkung des Immunsystems.[3]

Die meist mit gelben Linien und Baustellenbaken markierten Radwege wurden in der Regel durch Umwidmung des rechten Fahrstreifens oder eines bisherigen Parkstreifens zum Radfahrstreifen eingerichtet.[4] In Berlin belaufen sich die Kosten für einen Kilometer Pop-up-Radweg auf etwa 9500 Euro.[5]

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der englischen Bezeichnung „pop-up“ werden Vorgänge bezeichnet, bei denen Dinge plötzlich aus dem Verborgenen hervortreten.

Die Wörter „Pop-up-Radweg“ und „Pop-up-Bikelane“ wurden von Sprachwissenschaftlern als zwei von tausend Begriffen aufgeführt, mit denen die COVID-19-Pandemie den Wortschatz der deutschen Sprache prägte und die das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache im Dezember 2020 veröffentlichte.[6]

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erster Pop-up-Radweg in Berlin am Halleschen Ufer

Der Begriff „Pop-up-Bike-Lane“ entstand in Nordamerika, wo beispielsweise die US-amerikanische Stadt New York einige Versuche mit kurzfristiger Radverkehrsinfrastruktur gestartet hatte.[7] Die COVID-19-Pandemie in Kolumbien führte dazu, dass zunächst in der dortigen Hauptstadt Bogotá kurzfristig auf insgesamt über hundert Kilometern auf Hauptverkehrsstraßen mehr Platz für den Radverkehr geschaffen wurde. Über die Maßnahme wurde international berichtet. In Deutschland wurden Pop-up-Radwege zunächst im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eingerichtet. Der erste Pop-up-Radweg in Berlin entstand am 25. März 2020 am Halleschen Ufer. Weitere folgten am Tempelhofer Ufer, in der Skalitzer und Gitschiner Straße, in der Lichtenberger und Petersburger Straße und am Kottbusser Damm.[8] Später kündigte der Bezirk Mitte an, Pop-up-Radwege am Schöneberger Ufer zwischen Potsdamer Brücke und Flottwellstraße[9] und in der Müllerstraße zwischen Seestraße und U-Bahnhof Wedding[10] einzurichten. Der bis dahin längste Berliner Pop-up-Radweg wurde mit einer Länge von 3,5 Kilometern in der Kantstraße im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf angelegt.[11] Die Pop-up-Radwege in Berlin wurden befristet bis vorläufig 31. Mai 2020 angelegt,[12] mit Aussicht auf eine Überführung in eine permanente Radinfrastruktur entsprechend dem Berliner Mobilitätsgesetz. Der Bezirk Pankow gab bekannt, ab dem 5. Mai einen Pop-up-Radweg auf der Danziger Straße zwischen der Prenzlauer Allee und der Danziger Straße 142 einrichten zu wollen und die Einrichtung eines weiteren Pop-up-Radwegs auf der Schönhauser Alle zwischen Schwedter Straße und Torstraße zu prüfen.[13] Die ursprüngliche Frist der Berliner Pop-up-Radwege bis Ende Mai wurde vor Monatsende bis Ende 2020 verlängert.[14]

Der öffentliche Raum wird neu verteilt. Statt für den ruhenden Verkehr werden Flächen bspw. auch für Restaurants genutzt

Die Stadt Leipzig kündigte im Mai 2020 an, zur Entschärfung eines Unfallschwerpunktes auf der Jahnallee auf Höhe der Zeppelinbrücke temporäre Fahrradwege einzurichten.[15] Stuttgart begann nach Bürgerprotesten ebenfalls Pop-up-Radwege einzurichten. In München wurde im Juni der erste Pop-up-Radweg auf der Elisenstraße eingerichtet und mit Befristung bis Oktober Pop-up-Radwege auf vier weiteren Straßen angekündigt.[16]

In Nürnberg ist nach Protesten und Petitionen ein erster etwa ein Kilometer langer Pop-Up-Radweg auf der Rothenburger Straße zwischen Bertha-von-Suttner-Straße und der Wredestraße in Planung. Er soll bis zur 2021 geplanten Eröffnung eines Fahrradschnellwegs in Richtung Zirndorf und Oberasbach als dessen Vorläufer dienen.[17]

In Wien wurde im Zuge der COVID-19-Pandemie in Österreich am 7. Mai ein Pop-up-Radweg auf der Praterstraße eröffnet.[18][19] Am 15. Mai wurde ein zweiter Pop-up-Radweg in der Wagramer Straße im Bezirk Donaustadt[20] und am 1. Juni ein dritter Pop-up-Radweg von der Oberen Donaustraße über die Roßauer Brücke, die Türkenstraße und die gesamte Länge der Hörlgasse sowie die Straße des 8. Mai bis zur Universitätsstraße im Bezirk Alsergrund[21] eingerichtet. Am 9. Juni erfolgte die Eröffnung eines vierten Pop-Up-Radwegs auf der Lasallestraße zwischen Venediger Au und Vorgartenstraße, der die Fortsetzung des ersten Pop-Up-Radwegs auf der Praterstraße bis hin zur Reichsbrücke darstellt.[22]

Des Weiteren wurden Pop-up-Radwege in den Städten Budapest, Calgary, Mailand, Mexiko-Stadt, Minneapolis, Vancouver und Paris eingerichtet.[23][12] Entsprechend den Pop-up-Radwegen existieren ähnliche Vorhaben und Forderungen für den Fußverkehr und für Busse.[24]

Konzeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Konzeption von Pop-up-Radwegen zeichnet sich durch zügige Umsetzung und reduzierte Planungsprozesse aus und wird in Berlin anhand von Regelplänen umgesetzt. Durch das Berliner Mobilitätsgesetz gab es in Berlin allerdings bereits Vorplanungen zur Einrichtung von Radverkehrsanlagen an Hauptstraßen. Pop-up-Radwege auf Hauptstraßen werden in Berlin als gemeinsame Projekte des jeweiligen Bezirks als Baulastträger und auf Anordnung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz umgesetzt.[25] Provisorisch gestaltete Pop-up-Radwege, die später in dauerhafte Infrastruktur überführt werden sollen, bieten gegenüber direkt umgesetzten Bauplänen den Vorteil, dass die geschaffene Verkehrssituation zunächst in der Praxis getestet und eventuell auftretende Probleme nachgebessert werden können.

Das Bezirksamt Berlin Friedrichshain-Kreuzberg empfiehlt ein Konzept, nach dem Pop-up-Radwege von der Identifizierung der betroffenen Bereiche, über die Anhörung der zu beteiligenden Behörden, der Anordnung der Maßnahmen und der temporären Beschilderung bis hin zur Fertigstellung innerhalb von zehn Tagen und in elf Schritten eingerichtet werden können. Bei der Konzeption werden die folgenden vier Grundprinzipien angewendet:

  • Verkehrstrennung: Über Markierungen hinausgehende physische Trennung von Fuß-, Rad- und Autoverkehr, die nach Möglichkeit nicht zum Einparken vom Autoverkehr überquert werden muss
  • Verzeihende Infrastruktur: Infrastruktur, die Verletzungsrisiken bei Fehlverhalten minimiert, beispielsweise durch Sicherheitsabstände zwischen der Fahrbahn zum Bordstein oder zu Leitbaken oder die Verwendung von Separationselementen aus nachgebenden Materialien
  • Vorhersehbarkeit: leicht verständliche und wenig komplexe Verkehrsführung
  • Netzwerk-Ansatz: Einrichtung eines Verkehrsnetzes zur Entlastung einzelner Straßenabschnitte

Bei Straßen mit zwei Fahrbahnen in beide Richtungen wird die rechte Fahrbahn inklusive einer Pufferzone zum fließenden motorisierten Verkehr vollständig als Radstreifen separiert und vorhandene Beschilderung für den ruhenden Verkehr abgedeckt. Das Parken von Kraftfahrzeugen ist dann nicht mehr erlaubt und das Fahren sowohl für den Radverkehr als auch für den motorisierten Verkehr auf jeweils einem Streifen möglich. Bei Straßen mit zwei Fahrbahnen und einem Parkstreifen in beide Richtungen, wird die rechte Fahrbahn für den Radverkehr inklusive jeweils einer Pufferzone zum ruhenden und zum fließenden motorisierten Verkehr hin separiert und der Parkstreifen erhalten. Das Befahren der Straße ist dann für den motorisiertem Verkehr auf einem Streifen je Richtung möglich. Hierbei müssen Fahrzeuge beim Ein- und Ausparken allerdings den Radweg kreuzen, was dem oben genannten Grundsatz der Verkehrstrennung entgegen steht. Bei Straßen mit drei Fahrbahnen in jede Richtung, bei denen auf der rechten Fahrbahn geparkt werden darf, wird die rechte Fahrbahn als Radstreifen mit einer Pufferzone zum mittleren Streifen separiert und der mittlere Streifen als Parkstreifen ausgewiesen, sodass der fließende motorisierte Verkehr, der ruhende motorisierte Verkehr und der Radverkehr jeweils einen Streifen zur Verfügung gestellt bekommen. An Kreuzungsbereichen mit Ampelanlage existieren mögliche Maßnahmen zum Schutz des geradeaus fahrenden oder rechts abbiegenden Radverkehrs vor dem rechtsabbiegenden motorisierten Verkehr. Dazu gehört die Schaffung einer temporären geschützten Kreuzung mit temporären Bordsteinausbauten oder alternativ Ampelphasen mit separaten, exklusiven Grünphasen für den Fußverkehr und den Radverkehr. Sollte das nicht möglich sein, wird empfohlen, die Grünphase für den Radverkehr vor der Grünphase für den motorisierten Verkehr zu schalten.[26]

Rechtliche Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Einrichtung von Radwegen ist in Deutschland eine straßenverkehrsbehördliche Anordnung erforderlich. Das der Errichtung von Pop-up-Radwegen zugrundeliegende Beschleunigungsgebot leitet sich in Deutschland von Verordnungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie und darin genannter Mindestabstandsregelungen ab. In Berlin ist dies die Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin (SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung – SARS-CoV-2-EindmaßnV). Rechtliche Grundlage für die Umsetzung bildet § 45 Abs. 9 Satz 4 der Straßenverkehrsordnung.[25] Die sachliche Zuständigkeit liegt dafür laut § 44 Abs. 1 Satz 1 StVO bei den Straßenverkehrsbehörden. In Berlin ist dies nach Nr. 11 Abs. 3 des Zuständigkeitskatalogs zum Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Der jeweilige Bezirk ist als Baulastträger für die Umsetzung zuständig.[27]

Die geplante Überführung der temporären Pop-up-Radwege in eine permanente Radverkehrsinfrastruktur richtet sich nach dem Berliner Mobilitätsgesetz. Dazu muss jedoch jeweils eine neue straßenverkehrsbehördliche Anordnung samt Anhörungsverfahren erfolgen.

Gutachten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überprüfung durch die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die FDP die Rechtmäßigkeit der Pop-up-Radwege bezweifelt hatte,[28] erstellten die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages ein 13 Seiten umfassendes Gutachten (Expertise WD 7 – 3000 – 074/20), das sie am 29. Juni 2020 vorlegten. Demnach sei das Vorgehen bei der Einrichtung der Pop-up-Radwege, wie es in Berlin erfolgt ist, im Sinne der Straßenverkehrsordnung nicht zu beanstanden, da laut Paragraph 45 bei einer Gefahrenlage Beschränkungen und Verbote für den fließenden Verkehr zur Anlage eines Radfahrstreifens angeordnet werden können. Dies sei bei zunehmendem Radverkehr mit nicht mehr hinreichenden Kapazitäten und einem damit einher gehenden erhöhten Unfallrisiko der Fall. Die von den Bundesländern angeordneten Abstandsregelungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie können dabei ebenfalls als Kriterium eine Rolle spielen. Ferner bestünde laut des Gutachtens kein Begründungszwang für die Anordnung der Pop-up-Radwege und eine Anhörung von Bürgern sei nicht erforderlich. Ein Weiterbestehen der eingerichteten Pop-up-Radwege über den Ablauf der Frist zum Ende des Jahres 2020 hinaus sei aufgrund des Sichtbarkeitsgrundsatzes möglich.[29]

Gutachten der Deutschen Umwelthilfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gutachten das von der Deutsche Umwelthilfe in Auftrag und von der Kanzlei Geulen & Klinger durchgeführt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass derartige Maßnahmen auch unabhängig von Infektionsschutzrechtlichen Erwägungen zulässig seien.[30]

Gerichtsurteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 2020 gab die 11. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts dem Eilantrag des AfD-Abgeordneten Frank Scholtysek gegen acht Pop-up-Radwege statt. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz war daraufhin beim Oberverwaltungsgericht mit einer Beschwerde erfolgreich und konnte mit einer Eilentscheidung deren aufschiebende Wirkung erzielen. Der Beschluss vom 6. Oktober 2020 (Aktenzeichen OVG 1 S 116/20) ist unanfechtbar.[31] Am 6. Januar 2021 bestätigte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg seine Eilentscheidung vom Oktober und hob den Beschluss des Verwaltungsgerichts Berlin auf, mit der Begründung dass die Senatsverwaltung Beschwerdeverfahren die notwendigen Unterlagen vorgelegt habe, um die Einführung der Pop-Up-Radwege zu begründen. Die Pop-up-Radwege in Berlin müssen damit nicht zurückgebaut werden.[32]

Versammlungsrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Bürger ist es möglich, eine Versammlung unter freiem Himmel auf einem Fahrstreifen anzumelden, um für die Einrichtung eines Pop-up-Radwegs zu demonstrieren. Die Versammlungsbehörde muss den Bereich mit Leitkegeln sichern, die mindestens 50 Zentimeter Höhe aufweisen und im Abstand von höchstens 5,00 Metern zueinander stehen.[33] Da es sich bei der Verkehrssicherung um eine hoheitliche Aufgabe handelt, kann diese Maßnahme nicht auf den Anmelder übertragen werden. Für den Zeitraum der Versammlung entsteht so de facto ein Pop-up-Radweg.

Auswirkungen auf den Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut Auswertungen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat sich der Verkehr auf einigen Straßen, auf denen Pop-up-Radwege eingerichtet worden waren, nur unwesentlich verändert.

Nach einer Auswertung der Berliner Pop-up-Radwege mittels GPS-Signalen des Navigationsgeräteherstellers TomTom für die Berliner Morgenpost führen die Radwege zumindest kurzfristig zu weniger Autoverkehr auf den jeweiligen Strecken, was aus einem Rückgang der GPS-Messungen um etwa 50 Prozent geschlussfolgert wurde. Zudem hätten sich die Pop-up-Radwege zunächst auf die Geschwindigkeit des Kfz-Verkehr ausgewirkt. Je nach Straße sei das Vorankommen mit dem Auto einige Zeit nach deren Einrichtung teils schneller und teils langsamer möglich als zuvor. Auf den meisten Strecken seien die Fahrzeiten gestiegen und die Durchschnittsgeschwindigkeit gesunken. Beispielsweise sei die durchschnittliche Fahrzeit auf der 3,6 Kilometer langen Kantstraße von etwa elf Minuten auf etwa zwölf Minuten gestiegen. Am Schöneberger Ufer würden auf den etwa 800 Metern neben dem Pop-up-Radweg mit dem Auto durchschnittlich vier Minuten statt wie bisher 2,45 Minuten benötigt. Auf der Danziger Straße würde der Autoverkehr schneller voran kommen als zuvor.[34][35]

Eine Auswertung von Daten des sozialen Netzwerks Strava ergab, dass die Pop-up-Radwege zu einer deutlichen Zunahme des Radverkehrs führten. So war der Radverkehr in Berlin im Juli verglichen mit dem gleichen Monat des Vorjahres beispielsweise auf der Kantstraße um 260 Prozent gestiegen, auf dem Kottbusser Damm um 200 Prozent und auf der Petersburger Straße um 140 Prozent.[36]

Politische Debatte in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem das Berliner Verwaltungsgericht einem Eilantrag gegen acht Pop-up-Radwege in Berlin stattgab, demonstrierten Radfahrer für deren Erhalt

Die Einrichtung von Pop-up-Radwegen in Berlin durch den rot-rot-grünen Senat wurde von Radverkehrsverbänden wie dem ADFC und den Verbänden um die Initiative Volksentscheid Fahrrad gelobt und in den sozialen Medien überwiegend positiv aufgenommen.[37] Der Landesverband Berlin-Brandenburg des ADAC kritisierte die Maßnahme und sagte, der Senat würde eine Notsituation ausnutzen, um Partikularinteressen zu verfolgen. Aus CDU und FDP kamen ebenfalls Vorwürfe an den Senat, die Pandemie für die Verkehrswende zu instrumentalisieren.[38] In dem neuen Verkehrskonzept der Berliner CDU, das sie im Juni 2020 vorstellte, bezeichnet die Partei den Bau der Radwege als „Pop-up-Aktionismus“.[39] Die AfD sprach von „linksgrüner Autohasserpolitik“ und verwies auf einen Rückgang der Zahl der Fahrradfahrer im Vergleich zum Vorjahr. Der ADFC erklärte dagegen, dass die Anzahl der zurückgelegten Wege in der Corona-Krise insgesamt zurückgegangen sei und Auswertungen der Verkehrsinformationszentrale und des ÖPNV zeigten, „dass das bei Autoverkehr, Bussen und Bahnen weit drastischer der Fall sei als beim Radverkehr.“[40] Der AfD-Abgeordnete Frank Scholtysek bezeichnete die Pop-up-Radwege als rechtswidrig und reichte eine Klage gegen die Senatsverwaltung ein. Durch die Radwege würden nach seiner Auffassung „Kraftfahrern durch politische Willkür die Nutzung von Straßen verwehrt“.[41]

Da weitere Städte in Deutschland zunächst keine temporären Radwege einrichten wollten, verschickte die Deutsche Umwelthilfe im Mai 2020 Anträge an 204 Stadtverwaltungen, woraufhin sich unter anderem die Städte Köln, Frankfurt am Main und Dresden mit der Option auseinandersetzen wollten. Nach einem neuen Gutachten, das eine Rechtmäßigkeit der Pop-up-Radwege feststellte, kündigte die Deutsche Umwelthilfe im Januar 2021 an, erneut Anträge in über 200 Städten zu stellen.

In mehreren Städten, darunter Stuttgart, veranstalteten Radfahrverbände Aktionen, mit denen sie die Einrichtung von Pop-up-Radwegen forderten.[7]

Nachdem im Juni 2020 eine Radfahrerin, die von einem Pop-up-Radweg kommend, in Berlin auf der Kreuzung Petersburger Straße Ecke Mühsamstraße von einem rechts abbiegenden LKW-Fahrer getötet wurde, kritisierte der Leiter der Unfallforschung der Versicherer Siegfried Brockmann, dass Pop-up-Radwege allein keine sichere Lösung für die Kreuzungsbereiche als Hauptgefahrenstellen böten und somit Sicherheit vorgaukeln würden. Um hinreichende Sicherheit zu erreichen, müssten die Kreuzungen umgebaut und die Ampelschaltungen geändert werden. Brockmann kritisierte ferner die kurzfristige Einrichtung der Radwege ohne eine vorherige Messung der jeweiligen Verkehrsströme. Die Senatsverwaltung erwiderte darauf, dass die Polizei bei jeder Einrichtung eines Pop-up-Radwegs beteiligt worden sei, „um gemeinsam mit der Straßenverkehrsbehörde Sicherheitsaspekte der jeweiligen Örtlichkeit zu berücksichtigen“. Die Situation an Kreuzungen und Einmündungen würde sich durch die provisorischen Radfahrstreifen nur insofern ändern, als die Sichtbeziehungen jeweils deutlich besser würden.[42]

Umfragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der Bevölkerung variieren die Zustimmungswerte zu Pop-up-Radwegen zwischen Radfahrern und Kraftfahrzeugführern. Im Rahmen einer Kurzstudie der Forschungsgruppe „Die Verkehrswende als sozial-ökologisches Real-EXPERIment“ an der Technischen Universität Berlin, bei der 16000 Menschen aus Berlin befragt wurden, sprachen sich fast 100 Prozent der Radfahrer für die Pop-up-Radwege aus und rund 80 Prozent der Autofahrer dagegen.[43] In einer repräsentativen Online-Befragung des Bundesverkehrsministeriums von September 2020 bewerteten 70 Prozent der Menschen Pop-Up-Radwege als positiv.[44] Eine Umfrage des ADAC unter Menschen aus Berlin, ergab unüblich gegensätzliche Antworten und ließ somit auf eine gesellschaftliche Polarisierung beim Thema Pop-up-Radwege deuten. So gaben jeweils 23 Prozent der Befragten den Pop-up-Radwegen die Note 1 oder die Note 6.[45]

Der ADFC Berlin befragte zwischen dem 4. Dezember 2020 und dem 18. Januar 2021 seine Neumitglieder zu den Pop-up-Radwegen. Knapp 330 Menschen beteiligten sich an der Befragung. Dabei gaben 75 Prozent an, die Pop-up-Radwege zu nutzen. 27 Prozent gaben an, ihre Alltagsrouten auf die Pop-up-Radwege umgestellt haben. Der Großteil der Befragten machte überwiegend positive Erfahrungen und wünschte sich weitere Pop-up-Radwege. Etwa 10 Prozent hielten die Pop-up-Radwege für gut aber verbesserungswürdig. Knapp 90 Prozent gaben an, sich auf den Pop-up-Radwegen sicherer zu fühlen, 2,5 Prozent sagten, dem sei nicht so.[46]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Pop-up-Radwege – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Audio[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Senat gibt Berliner Bezirken Tipps für Pop-up-Radwege. Abgerufen am 29. April 2020.
  2. Die Zeit, Verkehrswende: Die Pop-up-Radwege müssen bleiben, 7. Mai 2020
  3. Krisenfestes Radfahren: Die Corona-Pop-Up-Radwege in Berlin. Abgerufen am 29. April 2020.
  4. admin: Pop-up-Radwege helfen bei der physischen Distanzierung von Coronaviren in Deutschland Weltnachrichten | DE24 News. Abgerufen am 29. April 2020 (deutsch).
  5. Magistrale in Friedrichshain: Auch die Frankfurter Allee wird zum Pop-up-Radweg. Abgerufen am 29. Mai 2020.
  6. NDR: Sprachforscher sammeln rund 1.000 neue Wörter rund um Corona. Abgerufen am 8. Januar 2021.
  7. a b Anja Krüger: Neue Radwege durch Coronakrise: Impuls aus Bogotá. In: Die Tageszeitung: taz. 2. Mai 2020, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 4. Mai 2020]).
  8. Der Mann hinter den Pop-Up-Radwegen. Abgerufen am 29. April 2020.
  9. Pop-up-Radweg am Schöneberger Ufer eingerichtet. 23. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  10. Pop-up-Radwege für Mitte. 17. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  11. Neuer Pop-Up-Radweg in Charlottenburg | Video | ARD Mediathek. Abgerufen am 30. April 2020.
  12. a b Pop-up Verkehrswende und Corona-Radweg, oder: Nichts hält länger als ein Provisorium. 21. April 2020, abgerufen am 30. April 2020 (deutsch).
  13. Temporärer Radfahrstreifen wird ab 5. Mai 2020 auf der Danziger Straße eingerichtet. 30. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  14. Frist für Pop-up-Radwege wird bis zum Jahresende verlängert. Abgerufen am 29. Mai 2020.
  15. Temporärer Radweg: Leipzig entschärft Unfallschwerpunkt. 22. Mai 2020, abgerufen am 23. Mai 2020.
  16. muenchen.de: Erster Pop-Up-Radweg ist fertig. Abgerufen am 28. Juni 2020.
  17. SPD und CSU für ersten Pop-up-Radweg in Nürnberg. 7. Juni 2020, abgerufen am 7. Juni 2020.
  18. Radweg auf Praterstraße nur stadtauswärts. Die Presse, 7. Mai 2020, abgerufen am 16. Mai 2020.
  19. Hebein überrascht die Wienerinnen und Wiener mit einem Pop-up-Radweg. Der Standard, 7. Mai 2020, abgerufen am 16. Mai 2020.
  20. Zweiter Pop-up-Radweg in Wien ab Samstag auf Wagramer Straße. Der Standard, abgerufen am 16. Mai 2020.
  21. Dritter Pop-up-Radweg für Wien. ORF, 1. Juni 2020, abgerufen am 7. Juni 2020.
  22. Wien bekommt vierten Pop-Up-Radweg auf heute.at, vom 8. Juni 2020, abgerufen am 8. Juni 2020
  23. Andrea Reidl: Kommt jetzt die pandemiebedingte Verkehrswende? In: Die Zeit. 24. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  24. Nicolas Šustr: Corona-Spuren auch für Busse gefordert (neues deutschland). Abgerufen am 29. April 2020.
  25. a b Mobilität in Zeiten von #Corona: Neue “Pop-Up-Radwege” in #Berlin. In: Youtube. Difu, 29. April 2020, abgerufen am 2. Mai 2020.
  26. https://www.mobycon.nl/wp-content/uploads/2020/04/6796_Kreuzberg_Handbuch-V4.pdf
  27. Ein Virus macht Verkehrspolitik? In: Verfassungsblog. Abgerufen am 11. Mai 2020.
  28. Christian Latz und Patrick Goldstein: Berlin: Sind Pop-up-Radwege zulässig? Rechtmäßigkeit soll geklärt werden. 28. Mai 2020, abgerufen am 1. Juli 2020 (deutsch).
  29. Berliner Zeitung: Sind Pop-up-Radwege in Berlin rechtmäßig? Abgerufen am 1. Juli 2020 (deutsch).
  30. Rechtsgutachten zu Pop-up-Radwegen und weiteren (vorläufigen)Verbesserungender Straßenverkehrsinfra-struktur zugunsten von Radfahrern und Fußgängern (pdf)
  31. Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 6. Oktober 2020 (Aktenzeichen OVG 1 S 116/20), Pressemitteilung
  32. Richter gestatten Erhalt der Pop-up-Radwege. Abgerufen am 8. Januar 2021.
  33. VG Stuttgart, Beschluss vom 8. Juni 2020, Az. 1 K 2792/20
  34. Joachim Fahrun und Christian Latz: Wie sich die Pop-up-Radwege in Berlin auf den Autoverkehr auswirken. 23. Juni 2020, abgerufen am 28. Juni 2020 (deutsch).
  35. https://twitter.com/julianmieth/status/1275135190172663810/photo/1. Abgerufen am 28. Juni 2020.
  36. PresseBox (c) 2002–2020: Strava macht Strava Metro - den weltweit größten Datenpool für urbane Mobilität - erstmals kostenfrei zugänglich, Strava, Inc., Pressemitteilung - PresseBox. Abgerufen am 3. Oktober 2020 (deutsch).
  37. Der Mann hinter den Pop-Up-Radwegen. Abgerufen am 29. April 2020.
  38. Claudius Prößer: Neue Rad-Infrastruktur gegen Corona: Mit Abstand am gesündesten. In: taz. 6. April 2020, abgerufen am 30. April 2020.
  39. Berliner Zeitung: CDU will Magnetschwebebahn, Flusstaxis und Wohlfühloasen. Abgerufen am 28. Juni 2020 (deutsch).
  40. Neue Räder für die Saison. Abgerufen am 29. April 2020.
  41. Berliner Zeitung: Pop-up-Radwege: AfD-Politiker verklagt Senatsverwaltung. Abgerufen am 28. Juni 2020 (deutsch).
  42. Christian Latz und Beatrix Fricke: Berlin: Nach tödlichem Radunfall mit Betonmischer: Experte kritisiert Pop-up-Radwege. 4. Juni 2020, abgerufen am 6. Juni 2020 (deutsch).
  43. Wie Pop-up-Radwege Auto- und Radfahrer weiter entzweien. Abgerufen am 28. Juni 2020.
  44. Fahrrad-Monitor Deutschland Corona-Befragung 2020, Online-Befragung des BMVI
  45. ADAC für mehr Fahrradstraßen in Berlin – Autoverkehr soll nicht mehr wachsen. Abgerufen am 8. Januar 2021.
  46. ADFC Berlin befragt Neumitglieder: Mehr Pop-Up-Radwege, bitte! - ADFC Berlin. Abgerufen am 25. Februar 2021.