Popjournalismus

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Popjournalismus ist eine in den 1980er Jahren entstandene Literaturgattung die mit dem New Journalism verwandt ist. Ihre wichtigsten internationalen Vertreter waren Julie Burchill und Tony Parsons. In Deutschland kamen einige Autoren aus den Zeitschriften Sounds und Spex, sowie von diversen Fanzines. Nach einer Phase der Innovation wanderten die Stilmittel des Popjournalismus in den Mainstream und verloren dort ihre ursprüngliche Sprengkraft.

Innovatoren[Bearbeiten]

Neben Diedrich Diederichsen, Andreas Banaski, Olaf Dante Marx, Reinhard Kunert, Clara Drechsler, Dirk Scheuring, Rainald Goetz und Joachim Lottmann erneuerten auch Fanzine-Autoren wie Prince Charming (59 to 1), Reinhard Jellen oder Lorenz Schröter das Schreiben über Kultur und Musik in den 1980ern radikal. Auf diese Weise wurden bald die Texte zur Haupt- und die Musik zur Nebensache.

Epigonen[Bearbeiten]

Der scharfe, apodiktische Stil der Autoren wurde von zahlreichen Hochglanzpostillen übernommen und relativ unreflektiert jahrzehntelang weiter tradiert, ohne dass den Epigonen die extrem zeitabhängige Funktionsweise des Einsatzes der stilistischen Mittel bewusst geworden wäre. Diedrich Diederichsen merkte hierzu an: „Das liegt an der Unfähigkeit, den dialektischen Uhrzeiger richtig zu lesen. Wer sich an kulturelle Prozesse ankoppelt, muss stets wissen, ob das, was gerade läuft, These, Antithese oder Synthese ist, und er muss dies bis in die Mikroprozesse hinein, aus dem sich die großen Prozesse zusammensetzen, untersuchen.“ Oder, anders formuliert: „Das klingt wirklich wie ein 81er-Artikel von Diederichsen, dessen Worte auseinandergerissen und von einem Computer, der zwar in der Lage ist, grammatisch richtige Verbindungen zu bilden, aber sonst nur 'Search' versteht und 'Ready' sagen kann, neu zusammengesetzt wurde.“ Rainald Goetz formulierte den Effekt in seinem Essay "Gewinner und Verlierer" in dem ihm eigenen Duktus:

[In Sounds] wurde Anfang der 1980er [...] von fähigen jungen Männern eine prächtige damals sehr wohltuende Großzügigkeit entwickelt, eine überdrehte egomane totalitäre manichäisch mutige Sprechweise, in der die Wahrheit über die Welt nicht als fitzelige krittelige Detailexegese, sondern als freches Urteil in einer Adjektivkette oder einem halben Nebensatz auszusprechen war. Dann wird das, wie fast immer fast alles, natürlich und augenblicklich mißverstanden. Die Null, die von nichts keine Ahnung hat, liest schöne großspurige Sätze, und denkt sich: das ist ja toll, das mache ich auch so. Dann reißt die Null das Maul auf, und was fällt ihr heraus? Dümmste Fehler, Fehler, Fehler über Fehler.

Zu den bekanntesten Epigonen zählen Tim Renner, Rebecca Casati, Joachim Bessing, Christian Kracht, Helge Timmerberg, Maxim Biller, Eckhart Nickel, Tom Kummer, Ulf Poschardt, Jan Drees, Georg M. Oswald, Moritz von Uslar und Benjamin von Stuckrad-Barre. Popjournalismus findet sich heute zurückgedrängt in Kolumnen.

Siehe auch:

Literatur[Bearbeiten]

  • Diedrich Diederichsen: Lebe sparsam - und koche nach Rezept. In: Spex. 19/1995, S. 56–59.
  • Jochen Bonz, Michael Büscher und Johannes Springer (Hrsg.): Popjournalismus. Ventil Verlag, Mainz 2005

Weblinks[Bearbeiten]