Postdramatisches Theater

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff Postdramatisches Theater stammt aus der Feder des Frankfurter Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann, der hierunter Tendenzen und Stilmittel von Theater seit den ausgehenden 1960er Jahren beschreibend zusammenfasst. Als postdramatisch bezeichnet Lehmann ein Theater, das sich nicht mehr vorrangig an das Primat des Dramas, sprich: des literarischen Dramentextes hält, sondern eine Ästhetik entwickelt, die in der Aufführungssituation eine Möglichkeit aufbaut, den Dramentext in ein spezielles Verhältnis zum materiellen Bühnengeschehen zu setzen, um hierdurch eine entsprechende Wahrnehmung beim Zuschauer zu erzwingen.

Postdramatisches Theater zielt somit weniger darauf ab, ein Drama „textgetreu“ zu inszenieren, als durch räumliche, visuelle und lautliche Zeichen eine entsprechende Wirkung beim Zuschauer zu erzielen. Es darf allerdings nicht etwa mit Brechts Konzept (Episches Theater) verwechselt werden, da Brecht nachweislich an der Fabel festhält und so, trotz aller Verfremdung, einen dramatischen Theaterbegriff vorzieht. Postdramatisches Theater kennt, den Gedanken radikal zu Ende gedacht, keinen Illusionismus mehr, sondern konzentriert sich darauf, die Aufführung zu zentralisieren und den Kommunikationsprozess zwischen Schauspieler und Publikum – die Autopoiesis der Aufführungssituation – zu betonen.

Zusammengefasst meint das postdramatische Theater solche Arbeiten, in denen der literarische Text, also das eigentliche Drama, nicht länger zentraler Gegenstand im Aufführungsprozess ist, sondern andere Zeichen besonders hervortreten. Theater stellt so seinen phänomenologischen Charakter aus, um in ein spezielles Verhältnis zum Text zu geraten. Das vielschichtige Phänomen des postdramatischen Theaters ist nur bedingt einheitlich definierbar. Die Frage, ob bereits in der historischen Avantgarde Ansätze von Postdramatik vorhanden waren, beantwortet Lehmann dahingehend, dass auch die Vertreter der anti-bürgerlichen Avantgarde noch das Drama als zentrale Referenz im Auge behielten.

Gegenwärtig erscheinen auf europäischen Theaterbühnen Tendenzen, die sich sowohl auf die Textualität als auch auf die Performativität von Theater beziehen.

Nützlich wird Lehmanns Theorie, wenn es darum geht, aktuelle Fragen zu Theater und dessen Möglichkeiten neu zu stellen, so etwa die Frage nach dem Verhältnis von Theater und Politik bzw. dessen politischer Wirkung. So plädiert Lehmann getreu seiner Theorie dafür, das Politische nicht im Inhalt (etwa eines Theaterstückes) zu suchen, sondern in der „Form“ des Theaters, sprich im Aufführungsprozess, der unterbrochen und in seiner Regelmäßigkeit bewusst gemacht werden soll. Diese Eigenart wird für jede Inszenierung neu zu prüfen sein.

Während Inszenierungen der 1990er Jahre ihren Fokus weitestgehend auf ihre Materialität und die Produktionsweisen richteten, haben sich seit der Jahrtausendwende Tendenzen gezeigt, die eine starke Neuorientierung am literarischen Text unter postdramatischen Paradigmen befürworten, so dass sich vom „postdramatischen Theater der 90er Jahre“ einerseits und vom „gegenwärtigen postdramatischen Theater“ andererseits sprechen lässt.

Wenn von postdramatischen Zügen bei Theaterautorinnen gesprochen wird (s.u.) bezieht man sich zumeist auf Texte, die keine dramatischen Grundstrukturen aufweisen (Figuren, Fabel, Konflikte).

Postdramatische Züge bei Regisseuren und Autoren (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Thies Lehmann: Postdramatisches Theater. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-88661-209-0.
  • Hans-Thies Lehmann: Das Politische Schreiben. Theater der Zeit, Berlin 2002, ISBN 3-934344-16-X.
  • Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-12373-4.
  • Patrick Primavesi, Olaf A. Schmitt (Hg.): AufBrüche. Theaterarbeit zwischen Text und Situation. Hans-Thies Lehmann zum 60. Geburtstag. Theater der Zeit, Berlin 2004, ISBN 3-934344-39-9.
  • Sylvia Deinert, Sibylle Peters, Tine Krieg, Kai van Eikels: "Das WIE zum Sprechen bringen. Postdramatische Stückentwicklung im Kindertheater." Nold, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-935011-57-1.
  • Marijke Hoogenboom, Alexander Karschnia: NA(AR) HET THEATER - after theatre?, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-812455-1-7.
  • Gérard Thiériot: "Le théâtre postdramatique. Vers un chaos fécond?" Presses Universitaires Blaise Pascal, Clermont-Ferrand 2013, ISBN 978-2-84516-589-2.
  • Stefan Tigges (Hg.): "Dramatische Transformationen. Zu gegenwärtigen Schreib- und Aufführungsstrategien im deutschsprachigen Theater." transcript, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-512-3.