Postmoderne

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Die Postmoderne (lat. post „hinter, nach“) ist im allgemeinen Sinn der Zustand der abendländischen Gesellschaft, Kultur und Kunst „nach“ der Moderne. Im besonderen Sinn ist sie eine politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung, die sich gegen bestimmte Institutionen, Methoden, Begriffe und Grundannahmen der Moderne wendet und diese aufzulösen und zu überwinden versucht. Die Vertreter der Postmoderne kritisieren das Innovationsstreben der Moderne als lediglich habituell und automatisiert. Sie bescheinigen der Moderne ein illegitimes Vorherrschen eines totalitären Prinzips, das auf gesellschaftlicher Ebene Züge von Despotismus in sich trage und das bekämpft werden müsse. Maßgebliche Ansätze der Moderne seien eindimensional und gescheitert. Dem wird die Möglichkeit einer Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender Perspektiven gegenübergestellt (Relativismus). Mit der Forderung nach einer prinzipiellen Offenheit von Kunst wird auch kritisch auf die Ästhetik der Moderne Bezug genommen.

Die Diskussion über die zeitliche und inhaltliche Bestimmung dessen, was genau postmodern sei, wird etwa seit Anfang der 1980er Jahre geführt. Postmodernes Denken will nicht als bloße Zeitdiagnose verstanden werden, sondern als kritische Denkbewegung, die sich gegen Grundannahmen der Moderne wendet und Alternativen aufzeigt.[1]

Überblick[Bearbeiten]

Prägend für den Begriff war Jean-François Lyotards Bericht Das postmoderne Wissen, in welchem er die philosophischen Systeme der Moderne für gescheitert erklärt. Bekannt wurde seine Rede vom Ende der großen Erzählungen[2], worin sich auch die Kernthese seiner Diagnose ausdrückt: Lyotard spricht nicht von philosophischen Systemen, sondern von „Erzählungen“. Die einzelnen modernen „Erzählungen“ legten, so Lyotard, der Welterklärung jeweils ein zentrales Prinzip zugrunde (z. B. Gott oder das Subjekt), um auf dieser Grundlage zu allgemeinen Aussagen zu kommen. Damit scheiden sie jedoch das Heterogene aus oder zwingen das Einzelne unter eine allgemeine Betrachtungsweise, welche gewaltsam dessen Besonderheiten einebnet. Lyotard setzt an die Stelle eines allgemeingültigen und absoluten Erklärungsprinzips (Gott, Subjekt, Vernunft, Systemtheorie, marxistische Gesellschaftstheorie etc.) eine Vielzahl von Sprachspielen, welche verschiedene „Erzählungen“, also Erklärungsmodelle anbieten. Lyotard wendet sich also nicht gegen Rationalität im Allgemeinen, sondern gegen eine bestimmte historische Form der Rationalität, die auf der Ausgrenzung des Heterogenen basiert.

Dies hat gesellschaftliche Konsequenzen: Dienten in der Moderne die Metaerzählungen noch dazu, gesellschaftliche Institutionen, politische Praktiken, Ethik und Denkweisen zu legitimieren, so geht in der Postmoderne dieser Konsens verloren und löst sich auf in eine Vielzahl von nicht miteinander zu vereinbarenden Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffen. Zugleich nimmt eine tolerante Sensibilität für Unterschiede, Heterogenität und Pluralität zu und damit die Fähigkeit, die Unvereinbarkeit der Sprachspiele zu ertragen.

Die im Anschluss an Lyotard geführte Diskussion um die Epochendiagnose der Postmoderne, die in den 1980er Jahren sehr intensiv und mit großer Aufmerksamkeit in der intellektuellen Öffentlichkeit geführt wurde, ist seit 1989 erlahmt oder verlagerte sich auf andere Gebiete, wie den Streit um Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte.[3] Der Begriff beginnt außerdem den festen Charakter einer Epochenbezeichnung zu verlieren, was u.a. daran liegt, dass einige seiner Vertreter auch Verbindungen zur Moderne pflegen. Von anderen, wie beispielsweise Umberto Eco, wird dagegen versucht, den Begriff von jeglicher Beziehung zur Moderne zu befreien und ihn als allgemeines künstlerisches Streben zu propagieren, welches in jeder historischen Epoche auftreten kann.[4]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Ursprünge[Bearbeiten]

Mit dem Begriff Postmoderne, um 1870 erstmals verwendet, wurde von verschiedenen Autoren versucht, sehr heterogene gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen zu fassen und teilweise auch zu bewerten.[5] Um 1870 schlug der englische Salonmaler John Watkins Chapman vor, einen postmodernen Malstil (postmodern style of painting) zu entwickeln, der moderner sein sollte als jener der französischen Impressionisten.[6]

Im Jahre 1917 gebraucht Rudolf Pannwitz den Begriff bereits als philosophisch geprägten „Kulturbegriff“.[7] Pannwitz lehnt sich mit seinen Gedanken zur Postmoderne an Nietzsches Analyse der Moderne mit den prognostizierten Endpunkten der Dekadenz und des Nihilismus an. Die Überwindung der Moderne bringt demnach den neuen „postmodernen Menschen“ hervor, eine Wiederaufnahme des Nietzscheschen „Übermenschen“. Pannwitz' Konzeption beinhaltet nationalistische und mythische Elemente, die auf der einen Seite einen Rückbezug auf Nietzsche reflektieren, auf der anderen Seite mit der folgenden Begriffsentwicklung jedoch nicht zu vereinbaren sind.

Wenige Jahre später, im Jahre 1926, beschreibt der amerikanische Theologe Bernard Iddings Bell eine neue religiöse Spiritualität, die sich im Rahmen des christlichen Bekenntnisses neuen Forschungserkenntnissen öffnen sollte, als „Postmodernismus“.[8]

Ausschließlich literarisch nutzt der Literaturwissenschaftler Federico de Onís den Begriff im Jahre 1934. Er bezeichnet als „Postmodernismo“ eine Zwischenperiode der hispanisch-amerikanischen Dichtung in den Jahren zwischen 1905 bis 1914, die geprägt sei von einer kurzzeitigen, rückwärtsgewandten Abwendung von der Moderne als Zwischenphase vor einer erneuten, gesteigerten Hinwendung zur Moderne.[9]

1947 beschreibt Arnold J. Toynbee eine Phase der Kultur als „post-modern“, deren Beginn er 1875 ansetzt: die Postmoderne in diesem Sinne ist durch eine frühe Politik des Denkens in globalen Zusammenhängen gekennzeichnet und unterscheidet sich von dem vorherigen Politikverständnis in der Überwindung der nur nationalen Perspektive. Nach Toynbee wird mit der Postmoderne die Spätphase der abendländischen Kultur eingeleitet.[10]

Im nordamerikanischen Literaturdiskurs des Jahres 1959 bezeichnet Irving Howe die Gegenwartsliteratur der Postmoderne als Verfallsphänomen einer Moderne, die durch mangelnden Neuerungswillen geprägt sei. Howe verwendet den Begriff „Postmoderne“ hier erstmals im heutigen Sinne.[11] Die Umwertung erfolgte besonders in den 1960er Jahren durch Irving Howe selbst sowie durch Harry Levin, vor allem aber auch durch Susan Sontag und Leslie Fiedler.[12]

Allen diesen Ansätzen in Kunst, Kulturgeschichte, Philosophie, Theologie und Literatur war gemeinsam, dass sie ein jeweils spezifisches Unbehagen an der Moderne und ihren Entwicklungen formulierten und daraus Konsequenzen entwickelten. Ihren Abschluss fand diese erste Formationsphase mit Howe, dessen Konzeption als grundlegend für die weiteren Entwicklungen gesehen werden kann.

Für die Theoriebildung und Methodenfindung späterer Vertreter der Postmoderne sind Autoren wichtig wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Roland Barthes, die mit Dekonstruktivismus, Poststrukturalismus und Diskursanalyse neue analytische Methoden entwickelten, aber auch Luce Irigaray, die auf Basis der Arbeiten des Psychoanalytikers Jacques Lacan die feministische Theoriebildung vorantrieb. Viele dieser Theoretiker stehen jedoch dem Begriff Postmoderne kritisch gegenüber (→ Kritik).

Begriffsbildung[Bearbeiten]

Von „der Postmoderne“ als einer unter diesem Begriff fassbaren geistig-kulturellen Bewegung zu sprechen wird trotz der benannten Vorläufer erst durch Jean-François Lyotard mit seiner Schrift Das Postmoderne Wissen populär. Das Werk wird 1979 zuerst veröffentlicht. Es war ursprünglich als Studie über die Rolle des Wissens in postindustriellen Gesellschaften für die kanadische Regierung geschrieben worden. Hier bereitet Lyotard mit seiner These des Endes der großen Erzählungen die Basis für viele Entwicklungen in Philosophie, Kunst, Kultur, sowie den Gesellschaftswissenschaften: „In äußerster Vereinfachung kann man sagen: 'Postmoderne' bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.“[13]

Nach Lyotard gibt es drei große Meta-Erzählungen:

Diese bilden in der Postmoderne keine vereinheitlichende Legitimation und Zielorientierung mehr. Die Emanzipation des Individuums, das Selbstbewusstsein des Geistes, das im Sinne Hegels in eine Ganzheitsideologie mündet, und die Idee eines sinnhaften Fortschritts der Geschichte hin zu einer Utopie sind die großen Erzählungen, denen man nicht mehr glauben kann. Folglich kann es auch kein Projekt der Moderne mehr geben, keine große Idee von Freiheit und Sozialismus, der allgemeine Geltung zu verschaffen ist und der sich alles gesellschaftliche Handeln unterzuordnen hat.

Es gibt keine übergeordnete Sprache, keine allgemeinverbindliche Wahrheit, die widerspruchsfrei das Ganze eines formalen Systems legitimiert. Wissenschaftliche Rationalität, sittliches Handeln und politische Gerechtigkeitsvorstellungen spielen je ihr eigenes Spiel und können nicht zur Deckung gebracht werden.

In systematischer Hinsicht stellt Lyotard heraus, dass theoretische und praktische Vollzugsformen von „Vernunft“ unvermittelbar seien. In seinem systematischen Hauptwerk, „Der Widerstreit“, bezieht Lyotard dies besonders auf die Funktionsweisen sprachlicher Verknüpfungsoperationen. Weder theoretische noch praktische Vernunft könnten für eine Brückenbildung aufkommen, allenfalls ein kunstvolles Interchangieren sei möglich und müsse sich einer „ästhetischen“ Urteilskraft bedienen, für die wesentlich sei, fortwährend auf Regelsuche für ihre eigene Operationsweise zu sein. Bekannt unter anderem dafür wurde das Bild der Kreuzfahrt in einem zerklüfteten Archipel.

Lyotard selbst und auch andere meinen, hier an Ideen Wittgensteins bezüglich spezifischer Verfahrensweisen in spezifischen „Sprachspielen“ anknüpfen zu können, welche, jedenfalls dieser Akzentuierung zufolge, Kommunikation über deren Sprachspielgrenzen hinaus prinzipiell ausschlössen (dass dieser etwas assoziative Anschluss mit Wittgensteins Texten verträglich wäre, wird jedoch von vielen Experten bezweifelt)[14]. In ähnlichem Sinne wird, teils im Anschluss an Thomas S. Kuhn (der sich jedoch auf die Dynamik wissenschaftlicher Theorien bezogen hatte), auch für unterschiedliche Sprachspiele, Kulturen und kleinteiligere „Diskurse“ von „Inkommensurabilität“, also dem Fehlen eines gemeinsamen Maßes, gesprochen.

In der Diagnose der Zerklüftetheit „der“ Vernunft jedenfalls spitzt Lyotard Brüche und Antinomien weiter zu, die er selbst beispielsweise in der Konfiguration des kantischen Denkens ausmacht, welchem er teils recht detaillierte Studien widmete. Denn schon Kant sah eine Vermittlung zwischen den Reichen der Notwendigkeit (in der theoretisch erfassten Natur) und der (praktischen) Freiheit allenfalls über die (ästhetische) Urteilskraft, hatte aber beispielsweise betont, zumindest das ästhetisch Schöne gebe dem Subjekt ein Einheitsversprechen. Dieses Versprechen wird für Lyotard allerdings durch die im „Erhabenen“ erscheinende Kluft unterminiert. Lyotards diesbezügliche Interpretationen von Kants Kritik der Urteilskraft und ihre Anwendung etwa auf die Werke Barnett Newmans erzielten zeitweise hohe Aufmerksamkeit.

Elemente[Bearbeiten]

In der Postmoderne steht nicht die Innovation im Mittelpunkt des (künstlerischen) Interesses, sondern eine Rekombination oder neue Anwendung vorhandener Ideen. Die Welt wird nicht auf ein Fortschrittsziel hin betrachtet, sondern vielmehr als pluralistisch, zufällig, chaotisch und in ihren hinfälligen Momenten angesehen. Ebenso gilt die menschliche Identität als instabil und durch viele, teils disparate, kulturelle Faktoren geprägt. Massenmedien und Technik spielen eine wichtige Rolle als Träger wie Vermittler von Kultur (siehe auch Medientheorie).

Die postmoderne Kunst zeichnet sich unter Anderem aus durch den erweiterten Kunstbegriff und zitathafte Verweise auf vergangene Stile, die teils ironisch in Szene gesetzt werden. Wo die Ironie misslingt oder nicht vorliegt, lässt sich die ganze Richtung mit dem Eklektizismus vergleichen.[15]

Elemente postmodernen Denkens und Urteilens sind:

In der postmodernen Kultur- und Geisteswissenschaft sind die vorherrschenden Methoden die Diskursanalyse und der Dekonstruktivismus.

In Musik, Kunst, Architektur und Literatur[Bearbeiten]

Musik

Der Musikwissenschaftler Jörg Mischke versteht unter Postmoderne eine deutlich gewachsene Pluralität gewachsener Denk- und Handlungsmöglichkeiten in der Musik, die mit der Pluralisierung von Lebensstilen einhergeht.[16] Techniken wie Collage, Crossover, Montage und Pastiche können zur musikalischen Postmoderne gerechnet werden.[17] Zur musikalischen Postmoderne zählt auch der Bruch mit kompositorischen Traditionen wie Atonalität, Serialismus, Zwölftontechnik oder auch die Übernahme postmoderner Diskurse in die Musik, z. B. bei postfeministischen Riot-Grrrl-Bands.

Nach Jonathan Kramer gibt es 16 verschiedene Charakteristiken postmoderner Musik, beispielsweise: Traditionsbruch, Ironisierung, Grenzüberschreitung, Verachtung für musikalische Dogmen, Fragmentarisierung, Musikzitate, Eklektizismus, Diskontinuität, spielerischer Umgang mit Traditionen, Vieldeutigkeit.[18] Die Verwendung des Begriffes Postmoderne zur Beschreibung musikalischer Stilistiken und Erscheinungsformen ist allerdings umstritten.

Als typische Vertreter einer musikalischen Postmoderne werden mit sehr unterschiedlichen Stilen unter anderen Laurie Anderson,[19] Luciano Berio, John Cage,[20] Philip Glass, Sofia Gubaidulina, Charles Ives,[21] Gija Kantscheli, Olga Neuwirth,[22] Arvo Pärt, Alfred Schnittke, King Crimson, The Cinematic Orchestra, Amon Tobin, Frank Zappa,[23] John Zorn und Valentin Silvestrov genannt.

Kunst

Siehe

Architektur

Siehe auch

Literatur

Siehe auch

In der Politikwissenschaft[Bearbeiten]

In der Politikwissenschaft und hier vor allem in den Internationalen Beziehungen sind postmoderne Ansätze, etwa im Vergleich mit realistischen oder liberalen, eine sehr junge Form der Theoriebildung. Postmoderne Ansätze haben zwei zentrale Charakteristika:[24]

  1. den Fokus auf die Analyse von Texten und anderen Veröffentlichungen, wie Bildern und Symbolen, anstatt auf die Geschehnisse selbst.[25]
  2. die Skepsis gegenüber „objektiven“ Wahrheiten oder Kategorisierungen.

„Denn wenn das, was wir von Ereignissen wissen, diskursiv vermittelt ist, dann gibt es immer mehr als eine Version dieser Ereignisse.“[26]

Welche Form des Diskurses die Überlegene ist, ist auf der einen Seite eine Frage von Macht.[27] In anderen theoretischen Ansätzen, etwa beim Realismus, ist diese Macht den Staaten vorbehalten. Wer auf dem internationalen Parkett besser positioniert ist (etwa durch Ressourcen), dominiert. Postmoderne Ansätze gehen dagegen nicht nur davon aus, dass diskursive Repräsentationen Ausdruck von Macht sind, sondern selbst der Diskurs an sich. Macht ist also nicht allein an einen Teilnehmer des Diskurses gebunden, sondern erstreckt sich über den gesamten Kontext der Handlung.[28]

Kritik[Bearbeiten]

Die Postmoderne wendet sich gegen Festschreibungen insbesondere ideologischer, aber auch kultureller Art. Postmoderne Philosophen sahen sich nicht zuletzt gerade deswegen heftigen Angriffen ausgesetzt.

Kritik des wissenschaftlichen Realismus[Bearbeiten]

Der wissenschaftliche Realismus wirft Vertretern der Postmoderne vor, die Institutionen der Wissenschaft zur Verbreitung politisch linksgerichteter Ansichten zu missbrauchen. Inhaltlich wurde an Positionen der Postmoderne ein Hang zum Irrationalismus kritisiert, sowie eine Leugnung einer Tatsache, dass naturwissenschaftliche Theorien durch Beobachtungen wohlbegründet seien und daher beanspruchen könnten, die Realität objektiv zu beschreiben.[29]

Kritik an der Methodik[Bearbeiten]

Berühmt ist die so genannte Sokal-Affäre, in der Social Text, eine postmoderne Zeitschrift ohne Peer-Review, einen Artikel zur Veröffentlichung akzeptierte, der absichtlich nur aus unsinnigen Aussagen bestand. In dem Artikel gehe es -so die Aussage des Autors Alan Sokal in der Inhaltsangabe- um die Weiterentwicklung postmoderner Konzepte unter Berücksichtigung neuer Entwicklungen der Quantengravitation. Er lehnte sich sprachlich an die Arbeiten Baudrillards an und kam als postmoderne Kritik am wissenschaftlichen Realismus daher, um auf das postmoderne Publikum sympathisch zu wirken.[30] Laut Sokal zeige das Gelingen dieses Versuchs die mangelhaften intellektuellen Standards und den Missbrauch mathematisch-naturwissenschaftlicher Metaphern in der postmodernen geistes- und sozialwissenschaftlichen Szene.[31] Diese Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Realismus und Anhängern der Postmoderne sind im englischsprachigen Raum unter dem Schlagwort „Science wars“ bekannt geworden.

Politische Kritik[Bearbeiten]

Klassische politische Ideologien, wie Konservatismus und Liberalismus und Teile der politischen Linken lasten dem postmodernen Denken als Defizit eine Beliebigkeit zu wichtigen Fragen in Kultur und Gesellschaft an.[32] Seyla Benhabib kritisiert beispielsweise, dass „postmoderne Positionen nicht nur das Spezifische der feministischen Theorie auslöschen, sondern sogar das Emanzipationsideal der Frauenbewegung schlechthin in Frage stellen [könnten]“.[33]

Auch von Seiten der Kritischen Theorie wurden ähnliche Einwände vorgetragen.[34] Robert Kurz greift die Kulturalisierung und Ästhetisierung kapitalismusimmanenter Widersprüche durch den Postmodernismus an.[35] Stefan Zenklusen bestreitet in subjekt- und sprachphilosophischer, soziologischer und politologischer Hinsicht die Gültigkeit der Grundannahme der "irreduziblen Pluralität".[36]

Dagegen werden gerade von Teilen der Neuen Linken und in anderen feministischen Debatten[37] postmoderne Ideen als produktiv für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen begriffen.

Kritik durch Foucault[Bearbeiten]

Auch viele spätmoderne Philosophen, die hin und wieder der Strömung der „Postmoderne“ zugerechnet werden, haben sich hierzu kritisch geäußert. So hebt beispielsweise Foucault eine „zu bekämpfende Tendenz“ hervor, „das gerade Geschehene zum Hauptfeind zu erklären, als ginge es immer nur darum, sich von der Hauptform der Unterdrückung zu befreien“. Gegen Lyotard erklärt Foucault sich „vollkommen einverstanden“ mit dem „von Habermas aufgeworfene(n) Problem: Wenn wir zum Beispiel das Werk von Kant oder Weber aufgeben, laufen wir Gefahr, der Irrationalität zu verfallen“. Stattdessen fordert Foucault, „möglichst nahe an“ der Frage nach der Beschaffenheit und Genese der Vernunft zu bleiben, „die wir benutzen“. Weit entfernt davon zu meinen, „die Vernunft sei der Feind, den wir beseitigen müssten“, geht es Foucault um die Akzeptanz einer „Drehtür der Rationalität“, insofern selbst exemplarische Formen der Irrationalität wie jene des Rassismus sich als eine Form „strahlender Rationalität“ darstellten, in diesem Fall jener des Sozialdarwinismus.[38]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Bedeutende Werke bekannter Vertreter
  • Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Edition Tiamat, Berlin 1996
  • Gilles Deleuze, Die Falte. Leibniz und der Barock, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995
  • Gilles Deleuze/Félix Guattari, Mille Plateaux', Paris 1980
    • (dt.)Kapitalismus und Schizophrenie 2 – Tausend Plateaus, Merve, Berlin 1992
  • Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt am Main 1974
  • Jacques Derrida, Die Stimme und das Phänomen, Frankfurt am Main 2003
  • Jacques Derrida, Randgänge der Philosophie, Wien 1988
  • Jacques Derrida, Die différance. Ausgewählte Texte, Stuttgart 2004.
  • Charles Jencks, The Language of Post-Modern Architecture, London 1977
    • (dt.) Die Sprache der postmodernen Architektur. Die Entstehung einer alternativen Tradition, Stuttgart 1978
  • Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen, Passagen-Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-85165-902-3 (Original-Titel: La condition postmoderne, éditions Minuit, Paris 1979)
  • Jean-François Lyotard, Der Widerstreit, Fink, München 1987
  • Jean-François Lyotard, The Inhuman, Stanford University Press, Stanford 1991
Über Postmoderne und Postmodernismus
  • Zygmunt Bauman, Intimations of Postmodernity, Routledge, London 1992
  • Roger Behrens: Postmoderne, EVA Wissen 3000, Hamburg 2004, ISBN 3-434-46237-6
  • Christopher Butler: Postmodernism. A very short introduction, Oxford University Press, New York 2002, ISBN 0-19-280239-9
  • Alex Callinicos: Against Postmodernism. A Marxist Critique, Polity Press, Cambridge 1989
  • Terry Eagleton: The Illusions of Postmodernism, Blackwell, Oxford 1996
  • Mike Featherstone: Undoing Culture. Globalization, Postmodernism and Identity, Sage Publications, London 1995
  • Bernd Goebel/Fernando Suárez Müller, Kritik der postmodernen Vernunft. Über Derrida, Foucault und andere zeitgenössische Denker, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-20486-1
  • Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988
  • David Harvey: The Condition of Postmodernity, Blackwell Publishers, Cambridge 1995
  • Peter Kemper (Hg.): ‚Postmoderne‘ oder Der Kampf um die Zukunft. Die Kontroverse in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft, Fischer, Frankfurt am Main 1988
  • Jens Kastner: Politik und Postmoderne. Libertäre Aspekte in der Soziologie Zygmunt Baumans, Unrast, Münster 2000.
  • Scott Lash: Sociology of Postmodernism, Routledge, London 1990
  • Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne, 6. Aufl., Akademie, Berlin 2002, ISBN 3-05-003727-X
  • Peter V. Zima: Moderne – Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur [1967], Francke, Tübingen u. a. ²2001, ISBN 3-8252-1967-4
Textsammlungen
  • Peter Engelmann Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart, Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-008668-X (RUB 8668)
  • Wolfgang Welsch, Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Akademie Verlag, Berlin 1994
  • Thomas Docherty (Hg.), Postmodernism. A Reader, Harvester Wheatsheaf, New York u. a. 1993
Hilfsmittel

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. A. Preda (2002): Postmodernism in Sociology. In: Smelser/Baltes (Hg.): International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences. Elservier Science, Amsterdam [u. a.], S. 11865–11868.
  2. Lyotard, Das postmoderne Wissen, Wien: Passagen 1999; orig.: La Condition postmoderne: Rapport sur le savoir, Paris 1979.
  3. Fukuyama, Das Ende der Geschichte, München 1992.
  4. Vgl. Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose (1984), S. 77.
  5. Zur begrifflichen Entwicklung vgl. Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1987, S 12ff. Vgl. auch Hassan, The Postmodern Turn, Essays in Postmodern Theory and Culture, Ohio University Press, 1987.
  6. Vgl. Higgins: A dialectic of centuries. Notes towards a theory of New Arts, New York 1978.
  7. Vgl. Pannwitz: Die Krisis der europäischen Kultur, Nürnberg 1917, S. 64.
  8. B.I. Bell: Postmodernism and Other Essays, Milwaukee 1926. Vgl. auch die Besprechung in: The Journal of Religion, Vol. 6, No. 6 (Nov., 1926), S. 629f.
  9. Vgl. de Oniz: Antologia de la poesia española e hispoamericana, Madrid 1934.
  10. Vgl. Toynbee: A Study of History, 1947, S. 39.
  11. Vgl. Howe: Mass Society and Postmodern Fiction, Partisan Review 1959, S. 420-436.
  12. Vgl. Fiedler: Cross the Border – Close the Gap, 1969.
  13. Lyotard: Das Postmoderne Wissen, 1986, 7/14.
  14. So etwa von Hilary Putnam in Renewing Philosophy
  15. Vgl. „Was ist Postmoderne?“ Charles Jencks, Zürich und München, 1990, Vorwort Seite 7
  16. http://www2.hu-berlin.de/fpm/texte/mischke.htm
  17. http://www.courses.unt.edu/jklein/sites/www.courses.unt.edu.jklein/files/80-90_POSTMODERNISM.pdf Joseph Stein: Postmodernism (PDF), o.V., o.O., o.J., S. 6
  18. Jonathan KramerThe Nature and Origins of Musical Postmodernism. in Postmodern Music/Postmodern Thought, New York Routledge:2002, ISBN 0-8153-3820-1, S. 16-17
  19. http://www.wsu.edu/~lauren_clark/pomomusic.html
  20. http://www.epos.uni-osnabrueck.de/music/templates/buch.php?id=32&page=/music/books/k/kimj004/pages/69.htm
  21. Hermann Danuser, On Postmodernism in Music, in: International Postmodernism: Theory and Literary Practice, Benjamins Publishing Company, o.O. 1997, ISBN 978-90-272-3445-2, S. 160 ff.
  22. http://web.utanet.at/gack/Wiener%20Postmoderne.htm
  23. http://www.courses.unt.edu/jklein/sites/www.courses.unt.edu.jklein/files/Zappa_Lectures1.pdf
  24. Thomas Diez: Postmoderne Ansätze. In: Schieder & Spindler (Hrsg.), Theorien der Internationalen Beziehungen. 2. überarb. Auflage, Stuttgart 2006, S. 473f.
  25. siehe etwa International/Intertextual Relations von James Der Derian und Ian Shapiro 1989.
  26. Diez, S. 474.
  27. Patrick Hall: Diskursanalys av nationell identitet. In: Petersson & Robertson (Hrsg.): Identitetstudier i praktiken. Malmö 2003.
  28. Stefano Guzzini: Structural Power: The Limits of Neorealist Power Analysis. In: International Organization 47/3. S. 472.
  29. Vgl. Paul R. Gross, Normal Levitt: Higher Superstition: The Academic Left and Its Quarrels With Science. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1994. Paul R. Gross, Norman Levitt, Martin W. Lewis: The Flight from Science and Reason. New York Academy of Sciences, New York 1997.
  30. Vg. Sokal A.: „A Physicist Experiments with Cultural Studies“. Lingua Franca: 62-64, 1996.
  31. Vgl. The Sokal Hoax: The Sham That Shook the Academy. University of Nebraska Press 2000. Alan Sokal, Jean Bricmont: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen, München: C.H. Beck 1999.
  32. Vgl. beispielsweise Noam Chomsky on Postmodernism.
  33. Seyla Benhabib: Feminismus und Postmoderne. Ein prekäres Bündnis, S. 13.
  34. Bezüglich der Konflikte mit der Kritischen Theorie vgl. z. B.: Habermas: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt in: Habermas: Kleine Politische Schriften (I-IV), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 444-464. Auch Lash: Sociology of Postmodernism, Routledge, London / New York 1990, S. 153-171.
  35. Robert Kurz: Die Welt als Wille und Design. Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise, Edition TIAMAT, Berlin 1999.
  36. Stefan Zenklusen: Abschied von der These der 'pluralsten' aller Welten, wvb, Berlin 2007.
  37. Vgl. Fraser: Falsche Gegensätze, S. 59.
  38. Raum, Wissen und Macht (1982), in: Schriften, Bd. 4, hier S. 333f.