Precrime

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Precrime ist ein Begriff, der vom Science-Fiction-Autor Philip K. Dick erfunden wurde. Er wird zunehmend in der kriminologischen Literatur (meist in der Schreibweise pre-crime) benutzt, um eine Veränderung des Gegenstandes moderner Systeme der Strafjustiz zu beschreiben und zugleich zu kritisieren.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Precrime“ wurde durch Steven Spielbergs Film Minority Report aus dem Jahr 2002 bekannt, der auf Philip K. Dicks gleichnamige Kurzgeschichte aus dem Jahr 1956 zurückgeht. In dieser Geschichte ist „Precrime“ der Name einer Strafverfolgungsbehörde, die die Aufgabe hat, Personen zu identifizieren und festzunehmen, die in der Zukunft Straftaten begehen werden. Die Arbeit dieser Behörde beruht auf der Existenz von sogenannten „Precogs“. Hierbei handelt es sich um Menschen mit seherischen Fähigkeiten, die künstlich in einem vegetabilen Zustand gehalten und deren Hirnströme von Computern ausgewertet werden. Behördenchef Anderton erläutert die Vorteile dieses Verfahrens: „In unserer Gesellschaft kommt es zu keinen größeren Verbrechen... aber wir haben eine Verwahrunganstalt voll mit potentiellen Straftätern“.

Pre-crime in der Kriminologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Idee, sich mit potentiellen Straftätern zu befassen, geht zurück auf die positivistische Schule im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt auf Cesare Lombrosos Vorstellung des "geborenen Verbrechers", den man an bestimmten physischen Merkmalen erkennen kann. Im frühen 20. Jahrhundert beeinflussten biologische, psychologische und soziologische Formen des kriminologischen Positivismus die staatliche Kriminalpolitik. Für "geborene Verbrecher", "kriminelle Psychopathen" und "gefährliche Gewohnheitsverbrecher" wurden verschiedene Methoden der "Unschädlichmachung" (Franz von Liszt) propagiert: Todesstrafe, Verwahrung von unbestimmter Dauer, Kastration etc. (vgl. dazu Radzinowiöcz 1991). Hundert Jahre später lässt sich eine Tendenz zu "aktuarischer Justiz" feststellen (Feely/Simon 1994), das heißt zu einer Strafjustiz, die nicht mehr auf konkreter Schuldfeststellung, sondern auf Wahrscheinlichkeitsaussagen über Klassen potentieller Täter beruht. Die sich entwickelnde neue "Sicherheitsgesellschaft" oder "Pre-crime Gesellschaft" bedarf einer neuen kritischen Kriminologie (Zedner 2007).

Pre-crime in der Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Predictive Policing

In der Vergangenheit setzte die Verurteilung und Bestrafung die nachweisliche Existenz einer Straftat voraus. Diese selbstverständliche Grundlage eines rechtsstaatlichen Strafrechts wird verlassen, wenn Sanktionen für noch nicht begangene Straftaten verhängt werden können. Inkeri Antilla, später Justizministerin von Finnland, hat diese Entwicklung in einem frühen Aufsatz (Antilla 1975), am Beispiel der Sicherungsverwahrung, kritisiert. Anstelle der „Precogs“ treten hier die vom Gericht bestellten Sachverständigen. Ansätze dazu finden sich schon seit längerem in der zunehmenden Bedeutung von Prognosen im Strafrecht und Strafvollzug. Für diese Tendenz steht der Ruf nach einer "nachträglichen Sicherungsverwahrung", die in Deutschland im Jahr 2004 eingeführt, im Jahr 2009 jedoch vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention gerügt wurde. Statt einer völligen Abschaffung wird, im Koalitionsvertrag vom November 2013, erwogen, diese Praxis unter dem Namen "nachträgliche Therapieunterbringung" auf eine neue Rechtsgrundlage zu stellen.

Weitere praktische Beispiele für Pre-crime finden sich in polizeilichen Verfahren der Rasterfahndung und des Profiling, aber auch in der Praxis der Terrorbekämpfung (McCulloch/Pickering). Hinzu kommt die Entwicklung computergestützter Verfahren zur Prognose der Schauplätze künftiger Straftaten („Precobs“).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antilla, Inkeri: Incarceration for Crimes never Committed, Helsinki 1975.
  • Dick, Philip K.: Minority Report. London 2002, 1-43 (deutsch: Der Minderheiten-Bericht. In: Sämtliche 118 SF-Geschichten, Zweitausendeins-Verlag, Frankfurt 2008, ISBN 978-3861508038).
  • Feeley, Malcolm/Simon, Jonathan: Actuarial Justice: the emerging new criminal law. In: David Nelken (Hrsg.) The Futures of Criminology. London 1994, 173-185.
  • McCulloch, Jude/Pickering, Sharon: "Pre-Crime and Counter-Terrorism. Imagining Future Crime in the ‘War on Terror’". In: British Journal of Criminology, 49/5 (2009), 628-645.
  • Radzinowicz, Sir Leon: The Roots of the International Association of Criminal Law and their Significance. Freiburg 1991 (Kriminologische Forschungsberichte aus dem Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Bd. 45).
  • Zedner, Lucia (2014), Preventive Detention of the Dangerous. In: Andrew Ashworth/Luica Zedner/Patrick Tomlin (Hrsg.) Prevention and the limits of the Criminal Law. Oxford University Press, 144-170.
  • Zedner, Lucia (2010), "Pre-Crime and pre-punishment: a health warning". In: Criminal Justice Matters, 81: 1, 24-25, doi:10.1080/09627251.2010.505409.
  • Zedner, Lucia (2009), Security. London, 72 ff.
  • Zedner, Lucia (2007), Pre-crime and post-criminology?. In: Theoretical Criminology, vol. 11, no. 2, 261-281.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]