Preußische Tugenden

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Als preußische Tugenden werden die von den Wertvorstellungen des Pietismus und der Aufklärung geprägten Tugenden bezeichnet, die seit Friedrich Wilhelm I. vom preußischen Staat propagiert und gefördert wurden. Von den preußischen Tugenden leiten sich auch die deutschen Tugenden ab, zu denen unter anderem Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß gehören.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Wilhelm I. in Preußen im Harnisch mit Hermelinmantel, Marschallstab sowie Bruststern und Schulterband des Ordens vom Schwarzen Adler (Gemälde von Antoine Pesne, um 1733)

Bereits seit Philipp Jacob Spener übte die von ihm begründete Bewegung des Pietismus einen bedeutenden Einfluss auf den preußischen Hof und seinen Adel aus. Wesentlich hierfür waren einerseits ihr mäßigender Einfluss auf die konfessionellen Spannungen zwischen Lutheranern und Calvinisten, die sich bis in die Königsfamilie auswirkten, und andererseits die beeindruckenden praktisch-sozialen Auswirkungen, die der gelebte Pietismus etwa in Form der Franckeschen Anstalten hervorbrachte. Auch ganz persönliche bzw. religiös-moralische Affinitäten bei Hofe spielten eine große Rolle.

König Friedrich Wilhelm I. besuchte die Franckeschen Anstalten bereits kurz nach seiner Thronbesteigung und war von ihrem Gründer, August Hermann Francke, sehr beeindruckt, was sich für dessen Wirken wiederum sehr förderlich auswirkte. In der Folgezeit kam es zu einer engen Verzahnung des Hallischen Pietismus mit den Staatsorganen, und zwar auf allen Ebenen und in allen Ständen. Zahlreiche im Sinne des Pietismus an der Universität Halle ausgebildete Pfarrer und Verwaltungsbeamte trugen dessen Wertvorstellungen ins Land. Unter anderem der spätere Generalfeldmarschall Dubislav Gneomar von Natzmer war einer der frühen Anhänger des Pietismus unter den hochrangigen Militärs.

Damals war das preußische Staatsgebiet über weite, teils weit voneinander entfernte Landstriche verteilt und seine Einwohnerschaft heterogen strukturiert. So hing die Mehrheit der Preußen dem lutherischen, eine Minderheit dagegen (zu der aber auch Teile des Herrscherhauses zählten) dem calvinistischen Protestantismus und eine weitere Minorität dem Katholizismus an. Nachdem Friedrich der Große Juden ins Land geholt hatte, existierten damit insgesamt vier größere Religionsgemeinschaften neben einigen kleineren Freikirchen in seinem Staat. Zudem gab es neben der deutschen Bevölkerungsmehrheit polnische, sorbische und kaschubische Minderheiten, und ein nicht geringer Bevölkerungsanteil, insbesondere der Hauptstadt, bestand aus Nachkommen französischer Hugenotten. In diesem heterogenen Staatsgebilde erwiesen sich die Vorstellungen des Pietismus, der schließlich den Charakter einer „preußischen Staatsreligion“[1] annahm, als wertvolle, effizienzsteigernde Klammer.

Hatte Friedrich Wilhelm I. bei seiner Thronbesteigung noch einen heruntergekommenen und überschuldeten Staat vorgefunden, waren nunmehr Ordnung, Fleiß, Bescheidenheit und Gottesfurcht die Leitmotive für Friedrich Wilhelms erfolgreiche Reform und Sanierung des Staatswesens. Friedrich Wilhelm I. verstand sich als moralisches Vorbild aller seiner Untertanen. Sein Sohn, Friedrich der Große, der im Gegensatz zum Vater ein Schöngeist war und keineswegs dem Pietismus zuneigte, fühlte sich dennoch vielen seiner Ideale verbunden; so änderte er das Selbstbild seines Vaters, der sich selbst als „ersten Sergeanten des Königs von Preußen“ verstanden hatte, nur geringfügig in die noch griffigere Formel ab, dass er der „erste Diener seines Staates“ sein wolle. Vernunft und Toleranz galten ihm als persönliche Verhaltensmaximen bei der Lenkung des Staates.[2]

Auf diese Weise verbanden sich die Wertvorstellungen des Pietismus mit denen der Aufklärung. Sie verschafften Preußen eine fortschrittliche Rechtsordnung und Verwaltung, ein der Krone gegenüber loyales Offizierskorps und einen „Vernunftpatriotismus“, der den Aufstieg des Staates vom herkömmlichen Barockstaat des Großen Kurfürsten zur modernen Großmacht trotz dessen ökonomisch kümmerlicher Voraussetzungen – sandige, magere Ackerböden (Preußen als „des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Streusandbüchse“), große Verwüstungen und Menschenentleerungen im Dreißigjährigen Krieg – sehr förderte.

Prägenden Einfluss auf die weitere Entwicklung hatten auch die preußischen Reformen nach der militärischen Niederlage 1806 gegen Napoleon Bonaparte bis zum Wiener Kongress 1815 (Gemeinde-, Heeres-, Schul-, Universitäts- und Steuerreform, Preußisches Judenedikt von 1812). Besonders prägend wirkte sich die Heeresreform aus, die das Verhältnis zwischen König und Soldat nachhaltig veränderte und „aus dem Waffenrock das Ehrenkleid machte“.[3] Auch das (mit Vorläufern bereits bei Friedrich dem Großen) seit den Freiheitskriegen entwickelte neue Führungsprinzip der Auftragstaktik, das auf der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung beruht, lässt sich mit den Idealen der preußischen Symbiose von Pietismus und Aufklärung begründen.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die preußischen Tugenden werden in den ersten Zeilen von Ludwig Höltys Gedicht „Der alte Landmann an seinen Sohn“ zusammengefasst. Es wurde mit der Melodie von „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus Mozarts Zauberflöte unterlegt und täglich durch das Glockenspiel der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, in der Friedrich der Große ursprünglich begraben lag, dargeboten. Der Text lautet: „Üb’ immer Treu und Redlichkeit, / Bis an dein kühles Grab; / Und weiche keinen Fingerbreit / Von Gottes Wegen ab. / Dann wirst du, wie auf grünen Aun, / Durchs Pilgerleben gehn; / Dann kannst du, sonder Furcht und Graun, / Dem Tod’ ins Auge sehn.“[4]

Tugenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich II.

Die preußischen Tugenden sind weder in ihrer Anzahl noch in ihrer Qualität festgelegt und bilden deshalb keinen Kanon.[2] Dabei gehen sie, mit Ausnahme des Gehorsams, auf die christlichen Kardinaltugenden zurück.[5]

Beispiele vorwiegend militärischer Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich galten die preußischen Tugenden lediglich für das Heer und wurden erst später von der preußischen Gesellschaft, die sich selbst zunehmend am Militär orientierte, übernommen. Charakteristisch für das preußische Gesellschaftssystem war eine strenge Hierarchie. So galten Treue, Selbstverleugnung zugunsten von Staat und König („Wer auf die preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.“[6][7]), Tapferkeit ohne Wehleidigkeit („Lerne leiden, ohne zu klagen“), Unterordnung, Mut und Gehorsam (jedoch nicht ohne Freimut) als erstrebenswert. (Selbst)disziplin[8], eine unerlässliche militärische Tugend, umfasste auch Härte, gegen sich noch mehr als gegen andere.

Beispiele gesamtgesellschaftlicher Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf diese Tugenden führt man bisweilen auch die veraltete Redensart zurück, jemand täte etwas pour le Roi de Prusse (wörtlich: „für den König von Preußen“, d. h. umsonst, ohne etwas dafür zu nehmen).

Weltanschauliche Tugenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zitate Friedrichs
4. „… den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden.

Gottesfurcht galt spätestens seit Friedrich Wilhelm I. als preußische Tugend. Auch unter seinem Sohn wurde ihr weiterhin ein hoher Stellenwert eingeräumt, jedoch unter dem Aspekt der religiösen Toleranz. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ wurde zum Leitmotiv Friedrichs des Großen. Diese staatlich geförderte Weltoffenheit hatte nicht zuletzt auch wirtschaftliche Gründe. Als Friedrich Juden ins Land ließ, verpflichtete er sie zugleich zu hohen Sondersteuern.[8]

Deutsche Tugenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch heute gelten Höflichkeit, Pünktlichkeit, Fleiß und Ordnung als Tugenden und Toleranz und Gerechtigkeit als Werte der Deutschen.[11]

Typische Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Üb’ immer Treu und Redlichkeit“ – Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche
  • Theodor Fontane lässt in seinem Roman Der Stechlin einen Offizier sagen: „Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist nur Renommisterei. Und das ist alles, was bei uns am niedrigsten gilt. Die wirklich Vornehmen gehorchen nicht einem Machthaber, sondern einem Gefühl der Pflicht. Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht. Es ist dies außerdem etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch vor anderen Nationen ausgezeichnet, und selbst bei denen, die es nicht begreifen und übel wollen, dämmert die Vorstellung von unserer daraus entspringenden Überlegenheit.“
  • „Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte“ (Inschrift auf dem Grabstein des Johann Friedrich Adolf von der Marwitz in Friedersdorf, der während des Siebenjährigen Krieges den Befehl des Königs, Schloss Hubertusburg zu plündern, verweigerte)
  • Être Prussien est un honneur, mais pas plaisir. („Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen.“ – Französisches Sprichwort)

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „preußischen Tugenden“ wurden stets auch kritisiert, so etwa im Bürgertum wegen ihrer ursprünglichen Wissenschafts- und Kunstferne, staatswirtschaftlichen und soldatischen Ausprägung – „Befehl und Gehorsam“ (für seine negative und radikale Ausprägung siehe auch Kadavergehorsam, für den allerdings ausgerechnet die preußische Armee kein gutes Beispiel ist – s. o.) – und Demokratiefeindlichkeit. Auch die Arbeiterbewegung wandte sich vor allem gegen die beiden letztgenannten Züge. In der 68er-Bewegung wurden sie, weil insbesondere die Treue- und Gehorsamspflicht zumeist auch gegenüber der nationalsozialistischen Regierung geübt worden war, äußerst misstrauisch angesehen und als „Sekundärtugenden“ gegenüber einem Konzept emanzipatorischerPrimärtugenden“ (auch: Kardinaltugenden) abgewertet.

In seiner 1919 erschienenen Streitschrift Preußentum und Sozialismus beurteilte der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler das Preußentum als Grundlage einer spezifisch deutschen, dem Wesen nach illiberalen, antidemokratischen und antirevolutionären Denkschule des Sozialismus: „Der deutsche, genauer preußische Instinkt war: die Macht gehört dem Ganzen. Der einzelne dient ihm. Das Ganze ist souverän. Der König ist nur der erste Diener seines Staates (Friedrich der Große). Jeder erhält seinen Platz. Es wird befohlen und gehorcht.“[12]

„Preußische Tugenden“ werden auch heute noch gelegentlich in der politischen Debatte thematisiert. So forderte beispielsweise Anfang Januar 2006 der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck in einem dpa-Gespräch die Rückbesinnung auf positive preußische Tugenden und sprach „bewährte Grundeigenschaften wie Anständigkeit, Verlässlichkeit und Pflichterfüllung“ an.

Der US-Amerikaner Richard Rhodes sieht bei Heinrich Himmler das Prinzip preußischer „Härte“ als Voraussetzung dafür an, dass hunderttausende Deutsche die Judenvernichtung willig exekutierten:

„Himmler bemühte sich jedoch, die abstoßende Aufgabe der Abschlachtung unbewaffneter Zivilisten zu einem Teil des SS-Nimbus zu machen. Bei seinen Bemühungen konnte er auf die preußische Militärtradition zurückgreifen, nach der moralisch verwerfliche und psychisch belastende Erlebnisse in eine Tugend umgemünzt wurde: ‚Härte‘.
Die Tugend der ‚Härte‘ beschwor Himmler auch im Herbst 1940, als er vor SS-Offizieren ausführte, die SS habe in Polen bei Wetter mit 40 °C unter Null Hunderttausende fortschaffen und ‚die Härte haben‘ müssen, Tausende führender Polen zu erschießen.
Es muss immer so sein, dass eine solche Exekution für unsere Männer das Schwerste sein muss. Und es muss trotzdem immer so sein, dass sie niemals weich werden, sondern dass sie das mit zusammengebissenen Lippen machen.“[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Joachim Schoeps: Kapitel Preußische Tugenden, in: Preußen – Bilder und Zeugnisse (zuletzt postum in Preußen – Geschichte eines Staates, Frankfurt a. M. / Berlin 1995, ISBN 3-549-05496-3, S. 442f.)
  • Christian Graf v. Krockow: „Die Pflicht und das Glück“ (Rede am 17. August 1991 im Neuen Palais zu Potsdam). In: Hans Bentzien: Die Heimkehr der Preußenkönige. 1. Auflage. Berlin 1991, ISBN 3-353-00877-2.
  • M. Rainer Lepsius: Die pietistische Ethik und der „Geist“ des Wohlfahrtsstaates oder: Der Hallesche Pietismus und die Entstehung des Preußentums. In: L. Clausen (Hrsg.): Gesellschaften im Umbruch: Verhandlungen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1996, S. 110–124 (d-nb.info [PDF]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johannes Wallmann: Eine alternative Geschichte des Pietismus. Zur gegenwärtigen Diskussion um den Pietismusbegriff. In: Pietismus und Neuzeit. Band 28, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, S. 30–71, hier S. 38.
  2. a b Rainer Ehrt: Preußische Tugenden. Längst vergessen oder erwünscht? Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildungv, abgerufen am 30. Oktober 2014.
  3. Sebastian Haffner, Wolfgang Venohr: Preussische Profile. 2. Auflage 2001.
  4. „Der alte Landmann an seinen Sohn“.
  5. Herbert Kremp: Preußische Tugenden. Kolumne von Herbert Kremp. In: Die Welt. 5. Februar 2001, abgerufen am 1. November 2014.
  6. Zitat aus: Walter Flex: Preußischer Fahneneid. 1915 In: Ders.: Gesammelte Werke. Band 1, S. 73–74, hier S. 74; auch seine Grabinschrift auf Ösel.
  7. books.google.de
  8. a b c d e f g h Ulrike Timm: Historiker plädiert für Rückbesinnung auf alte Tugenden. Vor 300 Jahren hatte Friedrich der Große Preußen mithilfe bürgerlicher Tugenden zum Blühen gebracht. Deutschlandradio Kultur, 12. Januar 2012, abgerufen am 1. November 2014.
  9. a b c d S. Tomczak: Die Ambivalenz preußischer Tugenden. (PDF) Abgerufen am 30. Oktober 2014.
  10. Historiker plädiert für Rückbesinnung auf alte Tugenden. Abgerufen am 3. August 2016.
  11. Deutsche Tugenden verlieren an Bedeutung. In: Handelsblatt. 28. Juni 2011, abgerufen am 31. Oktober 2014.
  12. Oswald Spengler: Preußentum und Sozialismus. München 1921, S. 15.
  13. Richard Rhodes: Die deutschen Mörder. Aus dem Engl. von Jürgen Peter Krause. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2004, ISBN 3-404-64218-X, S. 151f. Zit nach: Bradley Smith, Agnes Peterson (Hrsg.): Himmler, Geheimreden 1933–1945. Propyläen, Frankfurt 1974, S. 128.