Prokrastination

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Prokrastination (lateinisch procrastinare „vertagen“; Zusammensetzung aus pro „für“ und cras „morgen“), auch extremes Aufschieben, ist eine Arbeitsstörung, die durch ein nicht nötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen der Aufgabe gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kommt. Dies geht fast immer mit einem beträchtlichen Leidensdruck einher. Pathologisches Aufschieben muss unterschieden werden vom alltäglichen Aufschieben bei aversiven Aufgaben, das viele Menschen kennen (nur 1,5 % einer studentischen Population berichteten, gar nicht aufzuschieben), dem Vertagen von Aufgaben aufgrund anderer, nötiger Prioritätensetzung, sowie einem erfolgreichen Arbeiten kurz vor einer Frist, wodurch es weder zu Leistungseinbußen noch zu subjektivem Leiden kommt. Während umgangssprachlich häufig vom „Studentensyndrom“ gesprochen wird, handelt es sich bei Prokrastination um eine in der Gesamtpopulation vorkommende Arbeitsstörung, die besonders bei Personen zutage tritt, die hauptsächlich selbstgesteuert arbeiten müssen (z. B. Studenten, Anwälte, Journalisten, Lehrer). Betroffene leiden meist dauerhaft darunter, berichten teilweise bereits zu Schulzeiten Probleme gehabt zu haben und erleben dies auch in ihrem späteren Berufs- und Privatleben.

Das Gegenteil der Prokrastination ist die Präkrastination.[1]

Störungsbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prokrastination bezeichnet ein Verhalten, das dadurch gekennzeichnet ist, dass Aufgaben trotz vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten entweder nicht, oder erst nach sehr langer Zeit und dabei oft zu spät erledigt werden. Stattdessen werden häufig Alternativtätigkeiten ausgeführt, die relativ angenehmer sind und/oder unmittelbare Verstärkung ermöglichen (Bsp. Putzen). Es führt zu subjektivem Leiden, da die Betroffenen ihre Aufgaben gar nicht oder nur unter sehr großen Mühen fertigstellen.

In Analogie zu DSM-Kriterien anderer klinischer Störungen (Kriterien aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, die festlegen, ab wann jemand z. B. eine Depression oder eine bestimmte Angststörung hat) wurden Merkmale definiert, die mithilfe des DKP (Fragebogen zu den Diagnosekriterien Prokrastination[2]) erfasst werden können.[3]

Auch wenn häufig zwischen akademischer (= studentischer) und Alltagsprokrastination unterschieden wird, sind in der Regel beide Bereiche in ähnlicher Weise betroffen. Konsequenzen sind schlechtere Leistung und anhaltende Unzufriedenheit. Zusätzlich können die Betroffenen als Folge des Aufschiebens unter körperlichen und psychischen Beschwerden leiden (z. B. Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Magen- und Verdauungsprobleme, innere Unruhe, Anspannung, Druckgefühl, Angst oder Hilflosigkeit). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Betroffenen überwiegend nicht mehr das tun, was sie eigentlich tun wollen und häufig auch unter Selbstabwertung leiden. Prokrastination beeinträchtigt nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern kann zudem zu ernsthaften beruflichen und persönlichen Konsequenzen führen. Es ist nicht mit Faulheit zu erklären, sondern ist ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung.

Bedingungen und Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verhalten tritt insbesondere dann zutage, wenn die Bedingungen zur Zielerreichung wenig konkret sind, aber auch, wenn die Aufgabe als besonders groß oder aus anderen Gründen als besonders aversiv wahrgenommen wird. In der Literatur wird ein behaviorales Bedingungsmodell zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Aufschiebeverhaltens angenommen (vgl.[2]). Danach hat man immer die Möglichkeit, eine Aufgabe später (Längskonkurrenz) zu erledigen oder jetzt (Querkonkurrenz) eine andere Tätigkeit zu wählen. Durch das Nicht-Ausführen der unangenehmen Tätigkeit kommt es einerseits durch den vorübergehenden Wegfall negativer Gefühle und Konsequenzen zu einer Spannungsreduktion und dadurch im Sinne von Konditionierungstheorien zu negativer Verstärkung, durch das Ausführen einer im Vergleich weniger unangenehmen, also positiveren Tätigkeit (z. B. Putzen) kommt es zudem zu positiver Verstärkung. Beides sorgt kurzfristig für ein besseres Gefühl, langfristig aber zu Leistungsrückstand, Stress, Selbstabwertung und schlechtem Gewissen. Dieses Modell sollte immer individuell angepasst werden – insbesondere wenn es um die individuellen prokrastinationsfördernden Bedingungen geht. Darauf weisen die Autoren ausdrücklich hin.

Damit dieses Verhalten als nichtselbstwertschädigend empfunden wird, kommt es bei Betroffenen oft zu einer Reihe von Rationalisierungen,[4] mit denen das Verhalten dann vermeintlich erklärt wird. Einige Forscher unterscheiden zudem zwischen aktivem und passivem Prokrastinieren:[5][6] Während der erste Typ (active/arousal) absichtlich bis zum letzten Moment wartet und dann aktiv durcharbeitet, zeigt der zweite (passive/avoidant) Vermeidung und Nichterledigen. Empirisch hängen beide aber stark miteinander zusammen,[7] eine Unterscheidung scheint in der Praxis aufgrund des extrem hohen Zusammenhangs der beiden vermeintlichen Typen (Korrelation von r = 0.68) jedoch unangemessen.[8][9] Je nach Kriterium und Studie bezeichnen sich 10 bis 75 % der Befragten als „Aufschieber“, die geschätzte Häufigkeit hängt demnach extrem davon ab, wie eine Studie nach dem Aufschieben fragt.[10] Prokrastination im Sinne „problematischen“ oder „extremen“ Aufschiebens ist deutlich seltener, Studien sprechen für eine Auftretenshäufigkeit von durchschnittlich 10 %, auch nach den Kriterien (DKP) der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster.[2]

Zur Diagnostik sollten neben störungsspezifischen Instrumenten (Academic Procrastination State Inventory, APSI+;[11] Allgemeiner Prokrastinationsfragebogen, APROF;[2] DKP[2]) auch Fragebögen zur Differentialdiagnostik eingesetzt werden, um nicht nur Komorbiditäten zu erfassen, sondern auch andere Erkrankungen zu ermitteln, die möglicherweise die Arbeitsstörung besser erklären. So könnte auch eine bestehende AD(H)S die Störung des Selbstmanagements erklären. Auch sollte abgeklärt werden, ob die Leistungseinbußen auf eine möglicherweise bestehende Depression zurückzuführen sind. Es sollte auch geprüft werden, ob eine zwanghafte oder narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt, die die Durchführung oder das Beenden der Aufgabe behindern. Auch Prüfungsangst, Minder- oder Hochbegabung, kognitive Beeinträchtigungen, defizitäre Lern- und Arbeitstechniken oder Cannabis-Konsum können die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und sollten als Erklärungen ausgeschlossen werden.

Behandlungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prokrastination ist bisher noch nicht in die gängigen Klassifikationssysteme psychischer Störungen (DSM-5, ICD 10) aufgenommen worden. Dementsprechend gibt es bisher kaum systematisch evaluierte Behandlungsansätze, die auf die Behandlung einer isolierten Aufschiebe-Symptomatik abzielen. Ratgeber (z. B. Rückert, 2011,[12][13][14]) liefern in der Regel allgemeine Tipps zu effizienterem Arbeiten, deren Wirksamkeit aber nicht wissenschaftlich belegt wurde. Ziel einer Behandlung sollte eine Verbesserung der Selbststeuerung sein.

Ein aktueller, manualisierter Ansatz[2] aus der kognitiven Verhaltenstherapie besteht aus verschiedenen Bausteinen, deren Wirksamkeit in verschiedenen Studien[15][16] belegt wurde und beachtliche Effektstärken aufwies. Innerhalb eines Modells zur Realisierung von Absichten (sog. Rubikonmodell) können die kritischen Punkte im Ablauf identifiziert werden. Diese bestehen oft in der Planungsphase und Handlungsvorbereitung sowie im Übergang zur Ausführung, wo insbesondere die Handlungsinitiierung relevant ist. Die Module (Pünktlich Beginnen, Realistisch Planen, Arbeitszeitrestriktion und Bedingungsmanagement) können sich einzeln oder in Kombination an eine Selbstbeobachtung mithilfe eines Arbeitstagebuchs anschließen. Während die beiden ersten Module die kritischen Phasen des Rubikonmodells betreffen, kann ein drittes Modul zum Einsatz kommen, das aus Arbeitszeitrestriktion und Bedingungsmanagement besteht. Im Modul „Pünktlich Beginnen“ geht es darum, einen vorgenommenen Zeitpunkt wirklich einzuhalten, konkrete Vorkehrungen dafür zu treffen und sich aktiv in die richtige Arbeitsstimmung zu bringen. Das Modul „Realistisch Planen“ arbeitet mit konkreten Gelegenheitsvorsätzen bezüglich Zeit, Ort, geplantem Inhalt und Dauer sowie einem Umfang der geplanten Aufgabe, der dem Leistungsvermögen angepasst ist, sowie motivierenden Gedanken. Das Modul „Arbeitszeitrestriktion“ ist die modernste und derzeit erfolgreichste Methode zur Behandlung von Prokrastination – hier wird mittels Arbeitszeitverknappung die Attraktivität der Arbeitszeit und damit der Aufgabe erhöht, da zu Beginn lediglich zwei feste Zeitfenster pro Arbeitstag festgelegt werden, über deren Dauer hinaus nicht gearbeitet werden darf. Diese werden individuell an die zuvor untersuchte durchschnittliche Arbeitszeit angepasst und dürfen erst dann vergrößert werden, wenn die zuvor definierten Zeiten effizient genutzt wurden. Die Methode erhöht die tägliche Arbeitszeit, reduziert das Aufschieben, erhöht die Effizienz der Arbeitszeit und führt zu einer besseren Trennung von Arbeit und Freizeit.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Neil Fiore: Wenn nicht jetzt, wann dann? – So überlisten Sie Ihre Aufschieberitis. mvg Verlag, Heidelberg 1996, ISBN 3-478-08542-X.
  • Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Campus Verlag, Frankfurt am Main/ New York 2011, ISBN 978-3-593-38144-2.
  • Steel: Der Zauderberg: Warum wir immer alles auf morgen verschieben und wie wir damit aufhören. 2011, ISBN 978-3-431-03836-1.
  • Höcker, Engberding, Rist: Prokrastination - Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. (= Therapeutische Praxis). Hogrefe, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8017-2179-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Prokrastination – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johannes Künzel: Präkrastination: Der Zwang zum Soforterledigen. In: Psychologie Heute. 5. Juni 2014.
  2. a b c d e f A. Höcker, M. Engberding, F. Rist: Prokrastination: Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Hogrefe, Göttingen 2013.
  3. Download
  4. Tuckman u. a.: The top 15 procrastination rationalizations. 2008.
  5. J. R. Ferrari, J. L. Johnson, W. G. McCown: Procrastination and Task Avoidance. Theory, Research, and Treatment. Plenum, New York 1995.
  6. A. H. Chun Chu, J. N. Choi: Rethinking procrastination: Positive effects of "active" procrastination behavior on attitudes and performance. In: The Journal of Social Psychology. 145(3), 2005, S. 245–264.
  7. J. Ferrari, J. O´Callaghan, I. Newbegin: Prevalence of procrastination in the United States, United Kingdom, and Australia: Arousal and avoidance delays among adults. In: North American Journal of Psychology. 7, 2005, S. 1–6.
  8. F. Rist, M. Engberding, J. Patzelt, J. Beißner: Aber morgen fange ich richtig an! Prokrastination als verbreitete Arbeitsstörung. In: Personalführung. 6, 2006, S. 64–78.
  9. P. Steel: Arousal, avoidant and decisional procrastinators: Do they exist? In: Personality and Individual Differences. 48, 2010, S. 926–934.
  10. A. Höcker: Effektive Behandlung von Prokrastination: Evaluation verschiedener Behandlungsmethoden. Dissertation. Universität Münster 2010.
  11. Andreas Helmke, Friedrich‐Wilhelm Schrader: Procrastination im Studium – Erscheinungsformen und motivationale Bedingungen. In: U. Schiefele, K.-P. Wild (Hrsg.): Interesse und Lernmotivation. Untersuchungen zu Entwicklung, Förderung und Wirkung. Waxmann, Münster 2000, S. 207–225.
  12. Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Campus Verlag, Frankfurt am Main/ New York 2011, ISBN 978-3-593-38144-2.
  13. Tipps
  14. Piers Steel: Der Zauderberg: Warum wir immer alles auf morgen verschieben und wie wir damit aufhören. Köln 2011, ISBN 978-3-431-03836-1.
  15. A. Höcker, M. Engberding, J. Beißner, F. Rist: Reduktion von Prokrastination: Module zum pünktlichen Beginnen und realistischen Planen. In: Verhaltenstherapie. 19(1), 2009, S. 28–32.
  16. A. Höcker, M. Engberding, R. Haferkamp, F. Rist: Wirksamkeit von Arbeitszeitrestriktion in der Prokrastinationsbehandlung. In: Verhaltenstherapie. 22(1), 2012, S. 9–16.
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