Promiskuität

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Promiskuität (von lat. prōmiscuus „gemeinsam“, zu miscēre „mischen“), seltener Promiskuitivität, ist die Praxis sexueller Kontakte mit relativ häufig wechselnden verschiedenen Partnern oder parallel mit mehreren Partnern. Das Adjektiv promiskuitiv oder promisk wird auch verwendet für „sexuell freizügig“ oder „offenherzig“.

Promiskes Verhalten wird im westlichen Kulturkreis als eine Ausprägung der Sexuellen Selbstbestimmung, die als Form der Beziehungsanarchie dem autonomen Sozialverhaltens der beteiligten Personen zugerechnet wird, grundsätzlich toleriert. In die Rechtsordnungen der meisten westlichen Demokratien hat sie vor allem durch die Deregulierung der Sexualität Eingang gefunden. In Deutschland geschah dies vor allem durch eine Abschaffung der Strafbarkeit des Ehebruchs sowie eine weitgehende Eingrenzung des Straftatbestandes der Kuppelei. Begründet wird dies nicht zuletzt unter Verweis auf die Verfassungsgüter des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts sowie der Allgemeinen Handlungsfreiheit, die vor allem staatliche Eingriffe in die Intimsphäre engen Grenzen unterwerfen. Promiskes Verhalten kann daher zwar aufgrund eventueller Disparität der Erwartungen der Sexualpartner zu einer Missachtung der Selbstbestimmung des jeweils anderen Partners führen. Einer staatlichen Kontrolle ist dies jedoch entzogen.

Bei promiskem Verhalten erhöht sich das Risiko einer Infektion mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV, Hepatitis oder Humane Papillomviren, insbesondere wenn kein „Safer Sex“ praktiziert wird.

Im Tierreich versteht man unter Promiskuität, dass sich Weibchen und Männchen in einer Saison mit mehr als einem Geschlechtspartner paaren.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Küsse(r)raten in der „Franzosenzeit“ (Anfang 19. Jh.)

Promiskes Verhalten ist in traditionellen Gesellschaften meist unerwünscht, sowohl im auf Monogamie ausgerichteten Christentum als auch in traditionell polygamen Gesellschaften. In letzteren fand Promiskuität im Kontext bestimmter kultischer Praktiken jedoch einen Platz. Mit dem Schwinden religiöser Bindungen nehmen gewöhnlich auch Promiskuität und ihre Akzeptanz zu.

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde erwünschtes promiskes Verhalten explizit gefördert, bei anderen Personenkreisen gezielt (und ggf. sogar mit dem Tode) bestraft (siehe Jugendkonzentrationslager, sexuell verwahrlost). In der Bundesrepublik Deutschland kam es bis in die 1970er Jahre vor, dass insbesondere junge Frauen wegen Abweichungen von sexuellen Normen zur Heimerziehung eingewiesen wurden.

In modernen westlichen Gesellschaften wird promiskes Verhalten aufgrund des Prinzips der sexuellen Selbstbestimmung nur noch selten staatlich sanktioniert. In Deutschland sieht die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die öffentliche „Verherrlichung“ von Promiskuität als jugendgefährdend an; entsprechende Medien werden daher indiziert.[1]

Neuere Positionen vertreten, mehrfache sexuelle Beziehungen im Kontext von Ehrlichkeit und der Praxis von Safer Sex zu akzeptieren. Dabei wird das dualistische Konzept, entweder kurzfristige sexuelle Beziehungen oder Liebesbeziehungen haben zu können, zugunsten von Polyamory aufgegeben (wobei Polyamory im engeren Sinne allerdings langfristige mehrfache Beziehungen betont).[2] Lesbische und heterosexuelle nichtmonogam lebende Frauen in Deutschland bezeichneten sich im Rahmen einer politischen Kampagne (Schlampagne) als Schlampen. Diese Verwendung des Wortes stellt eine Neubewertung (reclaiming) eines herabsetzend verwendeten Begriffs dar.[3]

Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Promiskes Verhalten kann auch ein Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung oder der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung sein. Allerdings reicht dieses Merkmal alleine nicht aus, um eine Diagnose zu begründen. Auch Menschen mit Stimmungsschwankungen oder einer Bipolaren Störung (manisch-depressiv) können sich, wenn sie sich in einem hypomanischen Zustand befinden, entgegen ihren Wertvorstellungen promisk verhalten.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Romanist Victor Klemperer verwendet den Begriff „Promiskuität“ wiederholt in seinen Tagebüchern Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten in der Bedeutung „Vermischung“ oder „Durcheinander“, um den Verlust der Intimsphäre zu umschreiben, der während der Kriegsjahre die Bewohner der „Judenhäuser“ zusätzlich belastete, z. B.: „So herrscht eine große Promiskuität, die hoffentlich reibungslos bleibt, aber natürlich auch reibungslos auf die Nerven fällt.“ [4] (S. 104)

Die Abkürzung HWG für häufig wechselnde Geschlechtspartner wurde sowohl von der Stasi[5] als auch im Amtsdeutsch[6] verwendet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dossie Easton, Catherine A. Liszt: The Ethical Slut. Greenery Press, San Francisco 1997, ISBN 1-890159-01-8 (englisch, englisch).
  • Tim Birkhead: Promiscuity. Faber and Faber, London 2000, ISBN 0-571-19360-9 (englisch).
  • Larry Kramer: Faggots. Grove Press, New York 2000, ISBN 0-8021-3691-5 (englisch; Erstausgabe: Random House, New York 1978, ISBN 0-394-41095-5).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Promiskuität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (Memento vom 13. Juli 2010 im Internet Archive)
  2. vgl. Dossie Easton & Janet W. Hardy: The Ethical Slut (1997), dt. Schlampen mit Moral
  3. Ähmm…: Von der Wortlosigkeit für Beziehungsgefüge. In: Graswurzelrevolution. Nr. 245/Januar 2000.
  4. Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1945. Eine Auswahl. Berlin 2007. (SpiegelEdition23) ISBN 978-3-87763-023-5
  5. R. Hoffmann: Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat. Ullstein eBooks, 9. März 2012
  6. [1] PONS Stichwort