Pronatalismus

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Der (Pro)Natalismus (lat. pro „für“ und natalis „geburtlich, Geburt-“) ist eine Philosophie, die die menschliche Reproduktion befürwortet. Das Gegenteil von Pronatalismus ist der Antinatalismus.

Pronatalismus in der Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Staaten verfolgen eine pronatalistische Politik, um ein Schrumpfen der Bevölkerung zu verhindern oder das Wachstum der Bevölkerung zu steigern. Eine starke natalistische Bewegung (mouvement nataliste) entstand am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Ihr Dachverband war das 1896 gegründete Nationale Bündnis gegen die Entvölkerung (Alliance Nationale contre la dépopulation).[1] Ihr rührigster Publizist war Fernand Boverat (1885–1962), der Erbe eines reichen Pariser Geschäftsmannes, der 1914 zum Generalsekretär der Alliance Nationale contre la dépopulation bestellt wurde.[2] 1913 veröffentlichte er das Buch Patriotisme et paternité (ein in etwa mit „Vaterländische Leidenschaft und Vaterschaft“ zu übersetzendes Wortspiel), in dem er schon auf dem Titelblatt darauf hinwies, dass Deutschland eine weit höhere Geburtenrate habe als Frankreich.[3] Folglich werde Deutschland für lange Zeit weit mehr Soldaten aufbieten können. Die ersehnte Revanche, die Rückgewinnung der nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 an Deutschland abgetretenen Gebiete, werde ohne eine Geburtensteigerung in weite Ferne rücken. Boverat wurde Mitglied des Conseil supérieur de la natalité, des staatlichen Beirates zur Geburtenförderung. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der entsetzlichen Opferzahlen im Ersten Weltkrieg und durch den Einfluss der natalistischen Bewegung wurde 1920 ein Gesetz verabschiedet, das ältere Gesetzesbestimmungen zur Bestrafung des Schwangerschaftsabbruches ergänzte, präzisierte und teilweise verschärfte. Es sah Haftstrafen von sechs Monaten bis zu drei Jahren für die Beteiligung an einer Abtreibung vor. Wichtiger und wirksamer als Strafbestimmungen waren die damals ergriffenen Maßnahmen zur Geburtenförderung.[4] Im Zuge der natalistischen Politik wurde – ebenfalls 1920 – die Médaille de la Famille geschaffen.

Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung ging auch der Frage nach, inwiefern eine pronatalistische Politik in Deutschland Erfolg haben könnte. Es zeigte sich, dass sich kinderreiche Eltern vor allem mehr Geld wünschten, Eltern mit nur einem Kind hingegen wünschten sich bessere Betreuungsmöglichkeiten. Gering Qualifizierte sprachen sich vor allem für mehr finanzielle Unterstützung aus. Höher Qualifizierte wünschen sich vor allem eine bessere Kinderbetreuung. Die Alleinerziehenden haben eine grundsätzlich höhere Erwartung an die Familienpolitik und wünschen sich mehr Hilfen.[5] Laut der Studie könnten pronatalistische Maßnahmen durchaus erfolgreich sein:

„Für die Politik erfreulich ist die Einschätzung von 80 Prozent der Frauen mit (weiterem) Kinderwunsch, daß eine Umsetzung der von ihnen bevorzugten familienpolitischen Maßnahmen es für sie leichter machen würde, so viele Kinder zu bekommen, wie sie möchten. 78 Prozent würden sich »wahrscheinlich für ein (weiteres) Kind entscheiden«, wären die von ihnen bevorzugten Leistungen eingeführt.[6]

Pronatalismus in der Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herwig Birg konnte beobachten, dass fast alle Weltreligionen eine pronatalistische Haltung haben.[7] Dies lässt sich damit erklären, dass religiöse Strömungen, deren biographische Wegweisungen der menschlichen Fortpflanzung gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen, im Vergleich zu geburtenfördernden Religionen immer weniger Kinder hervorbringen und kaum kinderreiche Familien ansprechen. Da aber die religiöse Sozialisation schon in der Kindheit beginnt und religiös sozialisierte Kinder nachgewiesenermaßen ihren Glauben auch im Erwachsenenalter eher behalten, werden diese Strömungen schon allein aus demographischen Gründen stärker werden.[8] Religionen hingegen, die antinatalistisch sind – wie zum Beispiel das Shakertum –, sind vom Aussterben bedroht.[9]

Zur biblischen Aufforderung „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ siehe Dominium terrae.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mireille Le Maguet: L’Alliance Nationale contre la dépopulation, 1896–1987. Un siècle de natalisme français,. Diss., Université de Versailles-Saint-Quentin-en-Yvelines 1997.
  2. Fabrice Cahen: Gouverner les mœurs. Lutter contre l’avortement illégal. La lutte contre l’avortement en France, 1890-1950. Ined éditions, Paris 2016, ISBN 978-2-7332-1062-8, S. 196.
  3. Fernand Boverat: Patriotisme et paternité. Grasset, Paris 1913, Titelblatt.
  4. Françoise Thébaud: Le mouvement nataliste dans la France de l'entre-deux-guerres. L’Alliance nationale pour l’accroissement de la population française. In: Revue d’histoire moderne et contemporaine, ISSN 0048-8003, Jg. 32 (1985), S. 276–301.
  5. Charlotte Höhn, Andreas Ette, Kerstin Ruckdeschel: Kinderwünsche in Deutschland - Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, S. 46–50.
  6. Charlotte Höhn, Andreas Ette, Kerstin Ruckdeschel: Kinderwünsche in Deutschland - Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, S. 63.
  7. Herwig Birg: Die Weltbevölkerung, Beck 2004, S. 117.
  8. Michael Blume, Carsten Ramsel, Sven Graupner: Religiosität als demographischer Faktor – Ein unterschätzter Zusammenhang? Marburg Journal of Religion: Volume 11, No. 1 (June 2006), S. 17f.
  9. The Boston Globe (23. Juli 2006): The Last Ones Standing