Protamin

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Protamin
Masse/Länge Primärstruktur 30-32 Aminosäuren
Arzneistoffangaben
ATC-Code V03AB14
Wirkstoffklasse Antidota

Protamin ist ein Stoffgemisch aus stark basischen Peptiden, das als Arzneistoff verwendet wird. Es gehört zur Stoffgruppe der Protamine und wird vorwiegend aus dem Sperma oder Rogen bestimmter Lachsarten - insbesondere des Ketalachses (Oncorhynchus keta) und Königslachses (Oncorhynchus tshawytcha) – durch Extraktion mit Mineralsäuren isoliert.[1] Es enthält mehr als zwei Drittel L-Arginin. Eingesetzt wird nicht das basische Protamin selbst, sondern seine neutralen und wasserlöslichen Salze Protaminsulfat und Protaminhydrochlorid.

Aufhebung der Wirkung von Heparin[Bearbeiten]

Protamin bildet mit Heparin einen stabilen Komplex ohne gerinnungshemmende Wirkung. Es findet daher Anwendung zum schnellen Aufheben der Heparin-Wirkung, beispielsweise vor Operationen (präoperativ), als Gegenmaßnahme während Operationen mit Herz-Lungen-Maschinen (starke Gerinnungshemmung während der HLM-Zeit nötig, danach Aufhebung), in der Therapie von Heparin-Überdosierungen und bei Heparin-induzierten Blutungen. Bei den niedermolekularen Heparinen wird die Anti-Xa-Aktivität nur teilweise neutralisiert. Bei subkutanen Injektionen von NMH kann es durch die langsame Resorption des selbigen zu einer ungenügenden Inaktivierung des Heparins kommen, die entweder eine erneute Gabe von Protamin oder die langsame Gabe über längere Zeit erforderlich macht. Fondaparinux wird nicht inhibiert. Die Wirkung tritt rasch, innerhalb von 5 bis 15 Minuten, ein.[2] Bei schweren Blutungen unter der Wirkung von Dabigatran wird statt Protamin die Gabe von gefrorenem Frischplasma (GFP) angeraten.[3]

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Protamin wird langsam und möglichst unter Überwachung der Gerinnungsstatus injiziert oder infundiert, um eine Überdosierung zu vermeiden. Protamin selbst hat ebenfalls eine leichte gerinnungshemmende Wirkung, so dass es bei Überdosierung zu Blutungen kommen kann. Vermutlich stört Protamin die Fibrinpolymerisation und verstärkt die t-PA Freisetzung aus dem Endothel. Weiterhin wird auch eine vorübergehende Störung der Thrombozytenfunktion beschrieben. Auch kann eine zu rasche Gabe ein plötzliches starkes Absinken des Blutdrucks mit verlangsamtem Herzschlag zur Folge haben. Ursache ist die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen. Weiterhin kann Protamin als Fremdproteinsubstanz eine Anaphylaxie hervorrufen. Durch Komplementaktivierung kann eine pulmonale Hypertonie ausgelöst werden, welche insbesondere bei Patienten während einer Herzoperation Probleme bereiten kann.[4]

Verzögerung der Insulinwirkung[Bearbeiten]

Protamin wird als pharmazeutischer Hilfsstoff und in Verbindung mit Zinkionen mit Insulin kombiniert, um dessen Wirkungseintritt zu verzögern und die Wirkdauer zu verlängern. Dieses modifizierte Insulin wird NPH-Insulin (neutrales Protamin Hagedorn - Insulin genannt).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. K. Hardtke et al. (Hrsg.): Kommentar zum Europäischen Arzneibuch Ph. Eur. 5.0, Protaminsulfat. Loseblattsammlung, 22. Lieferung 2005, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  2. Fachinformation Protaminsulfat LEO Pharma 1400 Heparin-Antidot I.E./ml Injektionslösung und Infusionslösung, Stand September 2006.
  3. Aktories, Klaus; Förstermann, Ulrich; Hofmann, Franz; Starke, Klaus (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Elsevir GmbH, München, 11. Aufl. 2013, ISBN 978-3-437-42523-3 (Begründet von W. Forth, D. Henschler und W. Rummel)
  4. Carlo Marcucci: Perioperative hemostasis : coagulation for anesthesiologists. Springer, Berlin, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-55003-4.