Psalm 69

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Guglielmo Giraldi, Initial-S mit sinkendem David, Buchmalerei, 1472
Illumination Anglo-katalanischer Psalter Initial-S zu Salvum me fac, Deus...
Psalm 69, Bernward-Psalter, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel.

Der 69. Psalm (nach griechischer Zählung der 68.) ist ein Psalm Davids in der Bibel und gehört in die Reihe der Klagelieder eines Einzelnen.

Datierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Psalm kann dem makkabäischen Zeitraum zugeordnet werden. So heißt es bereits im Psalmenkommentar von Theodor von Mopsuestia aus dem 5. Jahrhundert:[1]

„Dieses Lied wurde zur Zeit der Makkabäer in prophetischem Geist verfasst und das Gebet passt zu den Personen und Vorgängen eben dieser Zeit.“

Dieser historische Hintergrund ist die Entheiligung des Tempels verbunden mit der Zerstörung Jerusalems und dem Anrichten eines Blutbades. Außerdem weist der Psalm Verwandtschaft mit anderen Psalmen aus dieser Zeit auf.[2]

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Psalm lässt sich folgendermaßen strukturieren:[3]

  1. Vers 1–13: Durch Klage geprägt (Teil 1)
    1. Vers 2a: Einleitender Hilferuf
    2. Vers 1b-5: Klage
    3. Vers 6: Sündenbekenntnis
    4. Vers 7: Bitte
    5. Vers 8–13: Erneute Klage
  2. Vers 14–19: Durch Bitte und Wunsch geprägt (Teil 2)
  3. Vers 20–29: Die Feinde (Teil 3)
    1. Vers 20–22: Schmach und Unbarmherzigkeit, die sie ihm antun
    2. Vers 23–29: Flüche über die Feinde
  4. Vers 30–37: Rückkehr zu sich selbst (Teil 4)
    1. Vers 30: Wunsch nach JHWHs Schutz
    2. Vers 31f: Gelobnis, Danklied bei Erhörung anzustimmen
    3. Vers 32–37: Anstimmen des Dankliedes im Voraus

Thematische Schwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Feinde bilden einen wichtigen thematischen Schwerpunkt (V. 5, 13, 15, 19–29). Typische Feindesbegriffe insgesamt sind

  • ‎ אֹיֵב (Feind)
  • ‎ צֹרֵר (Bedränger)
  • ‎ שֹׂנֵא (Hasser)
  • ‎ רֹדֵף (Verfolger)
  • ‎ רְשָׁעִים (Frevler)
  • ...

In Ps 69 geht es anfangs zunächst um das Motivfeld des Versinkens. Dann kommen rasch die Feinde ins Spiel. Wassermassen/Schlamm und Feinde sind einander ergänzende Bilder für die Not, in der sich das betende Ich befindet (Vgl. V. 2–5). In den weiteren Abschnitten geht es stärker um die Verknüpfung von Scham/Entehrung und Feinden. Scham/Schande/Spott ist ein klassisches Thema von Klageliedern, besonders des Einzelnen, aber auch des Volks. Die eigene Erniedrigung schlägt in den Wunsch um, dass auch die Feinde beschämt werden (vgl. V. 20ff). Scham entwickelt sich vor allem gegenüber "bedeutend anderen", also gegenüber anderen, die einem selbst viel bedeuten (vgl. V. 9+13). In V. 10 fallen die Beschämungen Gottes und die des betenden Ich zusammen – Gott und Ich bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft. Verhöhnung ist eine derart tiefgehende Beschämung, dass sie als quasi tödliche Krankheit bezeichnet wird (V. 20f, vgl. auch Ps 42,11), was das Phänomen eines sozialen Todes einfängt. Ähnliche Bewertungen finden sich in der rabbinischen Literatur:

"Jeder, der das Gesicht eines Gefährten vor den Vielen erbleichen lässt, ist, als ob er Blut vergießt ... ich habe es nämlich gesehen, wie die Röte geht und die Blässe kommt" Bawa mezia 58,b

Die Verspottung von Menschen trifft letztlich Gott selbst und wird dadurch umso schwerwiegender.

"Wer öffentlich einen Mitmenschen beschimpft, begibt sich des ewigen Lebens: eine öffentliche Beleidigung ist die Entheiligung der Ebenbildlichkeit Gottes, nach der ein jeglicher Mensch geschaffen ist ... Darum ist die Kränkung eines einzelnen Menschen eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit." Netivoth Olam XII

"Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben." Prov 17,5

Die "Ehre" (‎ כָבוֹד) als Gegenbegriff zur Scham wird aber im alttestamentlichen nicht kompetitiv erkämpft, sondern ist dem Menschen als Menschen voraussetzungslos im seinem Geschöpf-Sein gegeben (vgl. Ps 8,6) und wäre wohl in diesen Zusammenhängen besser mit "Würde" wiederzugeben.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Übersetzung siehe: Christina Metzdorf, Die Tempelaktion Jesu (2003), 91
  2. Ferdinand Hitzig, Die Psalmen historisch-kritisch untersucht (1853), 132f.
  3. Hermann Gunkel, Die Psalmen (61986), 295

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volltext nach der Einheitsübersetzung hier: EU