Psychiater

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ein Psychiater bzw. eine Psychiaterin („Seelenarzt“; aus griechisch ψυχή psychē „Seele, Leben“ und ἰατρός iatros „Arzt“), hat ein Medizinstudium absolviert und zusätzlich eine mehrjährige Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie abgeschlossen. Nach der Facharztprüfung können Psychiater als ärztliche Psychotherapeuten arbeiten, oder sich mit der medizinischen Diagnose, Behandlung oder Erforschung von psychischen Störungen beschäftigen. In Deutschland sind Psychiater (im Gegensatz zu Psychotherapeuten) berechtigt, Medikamente wie Psychopharmaka und Antidepressiva zu verschreiben und haben die Möglichkeit, die Einweisung von Patienten in Psychiatrien zu veranlassen.[1]

Abgrenzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung psychischer Störungen erfolgt durch Psychiater und Psychotherapeuten. Unter Laien werden die Berufsbezeichnungen Psychotherapeut, Psychologe und Psychiater fälschlicherweise häufig gleichgesetzt und synonym verwendet.[2] Diese Berufsgruppen unterscheiden sich in Ausbildung und Berufsbild jedoch deutlich voneinander.

Unterschied Psychiater – Psychotherapeut – Psychologe in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Psychologen sind Personen, die ein Studium der Psychologie mit einem Diplom- oder Masterabschluss erfolgreich beendet haben.[6] Die Berufsbezeichnungen Psychologe, Diplom-Psychologe, sowie diverse „Bindestrich-Psychologen“ (z. B. Sozialpsychologe) sind seit 1985 in Deutschland geschützt.[6][7] Psychologen mit akademischem Abschluss müssen eine Ausbildung zum Psychotherapeuten an ihr Studium anschließen und eine Approbation erwerben, wenn sie heilkundliche Psychotherapie gem. Psychotherapeutengesetz ausüben wollen. Sie können aber auch auf zahlreichen anderen Berufsfeldern tätig werden (wie z. B. in der Wirtschaft, im Personalbereich, in der Forschung, als Verkehrspsychologe oder in Beratungsstellen).[8]

Frühere bzw. auslaufende Berufsbezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine historische Bezeichnung des Berufes war Irrenarzt, in Deutschland entstand später die Bezeichnung Nervenarzt. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie wurde 1988 zunächst abgeschafft. Bei Inkrafttreten der neuen Weiterbildungsordnungen für Ärzte im Jahr 1989 galten folgende Übergangsbestimmungen:[9] Wer die Bezeichnung „Psychiater“ oder „Arzt für Psychiatrie“ oder „Arzt für Neurologie und Psychiatrie“ führte, konnte sie beibehalten. Auf Antrag erhielt er das Recht, die Facharztbezeichnung „Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie“ zu führen, wenn er die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ führen durfte, die eine entsprechende Weiterbildung vorausgesetzt hat. 1992 wurde der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie wieder eingeführt.

Wer die Facharztbezeichnung für „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ und die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ führte, erhielt auf Antrag das Recht, die Facharztbezeichnung „Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie“ zu führen. Wer bei Inkrafttreten der Weiterbildungsordnung die Subspezialisierungsbezeichnung Kinderneuropsychiatrie in Verbindung mit der Facharztbezeichnung Neurologie und Psychiatrie oder der Facharztbezeichnung Kinderheilkunde und außerdem die Bezeichnung Facharzt für Psychotherapie führte, erhielt auf Antrag das Recht, die Bezeichnung „Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie“ zu führen.

Wer bei Inkrafttreten der Weiterbildungsordnung die Zusatzbezeichnungen „Psychoanalyse“ oder „Psychotherapie“ führte, konnte sie beibehalten. Er erhielt auf Antrag das Recht, die Bezeichnung „Facharzt für Psychotherapeutische Medizin“ zu führen, wenn er nach Erwerb der Zusatzbezeichnung über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren überwiegend Psychotherapie ausgeübt hat.

Forensische Psychiatrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Teilgebiet der Psychiatrie wie der Rechtsmedizin ist die forensische Psychiatrie, die sich mit dem Grenzgebiet von Psychiatrie und Recht befasst. Dazu gehören juristische Fragen wie die Beurteilung der Schuldfähigkeit von Straftätern, aber auch Gutachten im Hinblick auf die Unterbringung in geschlossenen Anstalten oder die Betreuung von (mutmaßlich) psychisch Kranken.

Bekannte Psychiater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Name geb. gest. Ort Land Bemerkungen
Philippe Pinel 1745–1826 FR „Irrenbefreier“, Mitbegründer der wissenschaftlichen Psychiatrie
Johann Christian Reil 1759–1813 DE Begründer der Allgemeinen und Integrativen Psychiatrie und Psychotherapie
Jean-Étienne Esquirol 1772–1840 FR Schüler Pinels, Begründer der Monomanielehre
Ernst Gottlob Pienitz 1777–1853 DE Psychiatriereformer
Peter Willers Jessen 1793–1875 DE in Schleswig Direktor des ersten psychiatrischen Krankenhauses im deutschsprachigen Raum, zwangfreie Behandlung
Heinrich Hoffmann 1809–1894 DE Autor des Struwwelpeters
Wilhelm Griesinger 1817–1868 Burghölzli CH naturwissenschaftliche Psychiatrie
Karl Ludwig Kahlbaum 1828–1899 DE neue Gliederung der Krankheitsbilder
Richard von Krafft-Ebing 1840–1902 DE Sadismus und Masochismus
Paul Flechsig 1847–1929 Leipzig DE Neuroanatomie
Auguste Forel 1848–1931 Burghölzli CH
Paul Näcke 1851–1913 DE Narzissmus, Homosexualität keine Krankheit
Emil Kraepelin 1856–1926 DE
Otto Binswanger 1852–1929 Jena DE
Eugen Bleuler 1857–1939 Burghölzli CH
Julius Wagner-Jauregg 1857–1940 AT
Alois Alzheimer 1864–1915 DE Alzheimersche Krankheit
Alfred Hoche 1865–1943 DE
Karl Bonhoeffer 1868–1948 DE
Hans Berger 1873–1941 Jena DE Elektroenzephalographie
Karl Wilmanns 1873–1945 DE
Carl Gustav Jung 1875–1961 Burghölzli CH Analytische Psychologie
Oswald Bumke 1877–1950 DE Nachfolger von Alzheimer in Breslau, Kraepelin in München und Flechsig in Leipzig; Bruder von Erwin Bumke
Edmund Forster 1878–1933 DE
Karl Jaspers 1883–1969 DE
Johannes Heinrich Schultz 1884–1970 DE
Hans Prinzhorn 1886–1933 DE
Arthur Kronfeld 1886–1941 DE
Kurt Schneider 1887–1967 DE
Théophile Alajouanine 1890–1980 FR
Walter Ritter von Baeyer 1904–1987 DE
Viktor Frankl 1905–1997 Wien AT Logotherapie und Existenzanalyse
Eric Berne 1910–1970 USA Transaktionsanalyse
Heinz Kohut 1913–1981 USA Selbstpsychologie
Detlev Ploog 1920–2005 DE
Thomas Szasz 1920–2012 USA radikaler Kritiker psychiatrischer Zwangsinterventionen
Erwin Ringel 1921–1994 AT
Leo Navratil 1921–2006 AT Kunst von Patienten in geschlossenen psychiatrischen Kliniken
Franco Basaglia 1924–1980 Venedig IT betrieb die Schließung der Irrenanstalten in Italien
Hanns Hippius 1925–2021 München DE Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie
Frantz Fanon 1925–1961 FR
Elisabeth Kübler-Ross 1926–2004 CH Sterbebegleitung
Ronald D. Laing 1927–1989 USA
Otto F. Kernberg 1928– USA Narzissmus, Objektbeziehungstheorie, Borderline
Ambros Uchtenhagen 1928–2022 Burghölzli CH Sozialpsychiatrie
Alexander Friedmann 1948–2008 RO
Wiktor Skumin 1948– RU

In anderem Zusammenhang bekannt gewordene Psychiater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Radovan Karadžić (* 1945; wurde vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Völkermord zu 40 Jahre Gefängnis verurteilt)
  • John Karl Friedrich Rittmeister (1898–1943), hingerichtet im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, als einziger deutscher Psychiater und Therapeut wegen seiner aktiven Widerstandstätigkeit gegen die Nationalsozialisten
  • Hoimar von Ditfurth (1921–1989), Professor für Psychiatrie und Fernsehjournalist (Querschnitte mit dem Physiker Volker Arzt), Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bestseller (Am Anfang war der Wasserstoff u. v. a. m.)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Pantel: Neurologie, Psychiatrie und Innere Medizin. Verlauf und Dynamik eines historischen Streites. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, Band 11, 1993, S. 77–99.
  • Theodor Kirchhoff (Hrsg.): Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. Hrsg. mit Unterstützung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München sowie zahlreicher Mitarbeiter. 2 Bände. Berlin 1921–1924.
  • Kurt Kolle (Hrsg.): Große Nervenärzte. 3 Bände. Stuttgart: Thieme 1956–1963; 2. Auflage ebenda 1970.
  • Karl Seidel, H. A. F. Schulze, Gerhard Göllnitz, Hans Szewczyk (Hrsg.): Neurologie und Psychiatrie einschließlich Kinderneuropsychiatrie und Gerichtliche Psychiatrie. Studentenlehrbuch. Berlin 1977; 4. Auflage ebenda 1988.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Psychiater – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Psychiater – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut Stiftung Gesundheitswissen, aufgerufen am 14. März 2022
  2. Vgl. auch Kirsten von Sydow: Das Image von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in der Öffentlichkeit. Ein systematischer Forschungsüberblick. In: Psychotherapeut. Band 52, 2007, S. 322–333.
  3. Christian Heinrich: Beruf Spezial: Psychiatrie: Zuwendung im Akkord. In: Die Zeit (Hrsg.): Die Zeit Online. Nr. 24, 5. Juni 2014 (zeit.de [abgerufen am 10. Juni 2018]).
  4. Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung der Psychotherapie (Psychotherapie-Richtlinie). Abgerufen am 31. März 2014.
  5. Psychotherapeutengesetz der Bundesrepublik Deutschland Abgerufen am 31. März 2014.
  6. a b BDP - FAQ: Titelanerkennung und Berufsausübung in Deutschland. 30. Dezember 2008, abgerufen am 17. Juni 2019.
  7. Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V: Geschichte und Meilensteine des BDP. Abgerufen am 7. Juni 2019 (englisch).
  8. Berufs-Chancen-Check Psychologe, Psychologin. Bildung und Wissen, Nürnberg 1999, ISBN 3-8214-8244-3.
  9. Weiterbildungsordnung vom (Memento des Originals vom 10. Oktober 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.aekb.de hier der Ärztekammer Berlin.