Psychiatriereform

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Die Psychiatriereform ist ein bis heute andauernder Prozess der Umstrukturierung der psychiatrischen Versorgung und Betreuung in Deutschland mit dem Ziel, die Situation psychisch erkrankter Menschen maßgeblich zu verbessern.[1] Als Ausgangspunkt für die Psychiatriereform in Deutschland wird heute die 1975 veröffentlichte Psychiatrie-Enquête („Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“) gesehen.[2] Seit Beginn der 1970er Jahre wurden in verschiedenen europäischen Ländern und Nordamerika Psychiatriereformen versucht.[3] Radikalste Ausmaße nahmen diese Reformbestreben in Italien an, wo 1978 das Gesetz 180 („Legge centottanta“) verabschiedet wurde, das unter anderem die Auflösung aller psychiatrischen Anstalten in Italien vorschrieb und die psychiatrischen Konzepte von psychischen Erkrankungen in Frage stellte.[4]

Begleitende bzw. vorausgehende Reformprozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einführung der Neuroleptika in den 1950er Jahren brachte eine Alternative zu vorherigen Behandlungsmethoden wie Eisbädern und Elektroschocks.[5] Gleichzeitig formierte sich die Antipsychiatrie-Bewegung, die die traditionelle psychiatrische Behandlung grundlegend infrage stellte.[6] Erst in der Mitte der 1970er Jahre wurde unter anderem in der Psychiatrie-Enquête die Verbrechen an psychisch erkrankten Patienten im nationalsozialistischen Deutschland aufgearbeitet.[7] Besonders bekannt sind inzwischen die Zwangssterilisationen und die Ermordung psychisch kranker Menschen in der Aktion T4.

Es beginnt die Bildung einer Lobby für Psychiatrie-Erfahrene. Es werden Organisationen von Betroffenen und Angehörigen gebildet.[8] Der öffentliche Austausch über Erkrankungen und Behandlungen beginnt in Foren wie Psychoseseminaren, Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige sowie im Internet[9] und in Zeitungen.[10][11] Gezielte Kampagnen zur Aufklärung und gegen Stigmatisierung und Ausgrenzungen von psychisch Erkrankten werden veröffentlicht.[12] Unter dem Motto „Experten aus Erfahrungen“ wurden Psychiatrie-Erfahrene als Genesungsbegleiter und Dozenten eingesetzt.[13]

Kritik an der traditionellen Psychiatrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vertreter einer Psychiatriereform in Deutschland prangerten die Zustände in den psychiatrischen Großkrankenhäusern der damaligen Zeit an. Hauptkritikpunkte: Es handele sich um eine „Ausgrenzungs-“ und „Verwahrpsychiatrie“, in der katastrophale, menschenunwürdige Zustände herrschten. Die Patienten würden, teilweise lebenslang, gesellschaftlich isoliert, entmündigt und lediglich verwahrt, anstatt behandelt und rehabilitiert zu werden.

Psychiatrie-Enquête 1975[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Psychiatrie-Enquête von 1975 wurden diese Kritikpunkte bestätigt und schwerwiegende Mängel in der damaligen psychiatrischen Versorgung festgestellt. Dazu gehörte die Unterbringung der Patienten in großen, oft überbesetzten Schlafsälen, die keine Privatsphäre erlaubten und sich negativ auf die Erkrankungen auswirkten. In den psychiatrischen Großkrankenhäusern herrschte ein gravierender Personalmangel sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Bereich. Der Einsatz von Sozialarbeitern fand kaum statt. Außerdem gab es Qualifikationsprobleme beim Pflegepersonal im Hinblick auf die besonderen Aufgabenstellungen in der Betreuung von Psychiatriepatienten.

Die psychiatrischen Kliniken lagen meist in abgelegenen Gegenden, was die Vor- und Nachsorge stationärer Aufenthalte, die Aufrechterhaltung familiären Bindungen und die soziale Einbindung der Patienten erschwerte. Die Erreichbarkeit der Kliniken mit öffentlichen Verkehrsmitteln war mangelhaft. Zu den Kritikpunkten gehörten auch die langen Verweildauern der Patienten in den Kliniken. Bei über 30 % der Patienten betrug sie über 10 Jahre. Strukturen zur vorhandenen Rehabilitation der Patienten und zu ihrer Wiedereingliederung in einen Alltag nach der stationärer Betreuung waren nicht vorhanden.[14]

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ziele der Psychiatriereform wurden sowohl medizinische als auch institutionelle Veränderungen und psychosoziale Verbesserungen formuliert. Einen Schwerpunkt der medizinischen Zielsetzung bestand im Abbau von Langzeitmedikationen und der Verbesserung der Medikation im Interesse zunehmender Nebenwirkungsfreiheit.

Psychosoziale Zielsetzungen waren die Enthospitalisierung der Langzeitpatienten, die Therapie und Rehabilitation anstelle der bisherigen Verwahrung und die Gleichstellung psychisch Kranker mit körperlich Kranken. Zu einer bedarfsgerechte Versorgung aller psychisch Kranken wurde eine gemeindenahe vor stationärer Versorgung angestrebt, die Vermeidung oder Verkürzung stationärer Aufenthalte und der Auf- und Ausbau von ambulanten Hilfsangeboten im Lebensumfeld der Patienten und ihrer Familien. Ergänzend zu den psychiatrischen Kliniken sollten verstärkt psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern eingerichtet werden. Ergänzt werden sollten diese Maßnahmen durch den Ausbau von Selbsthilfe-Netzwerken psychisch Kranker und durch eine bessere Kooperation und Koordination aller Versorgungsdienste.[2]

Errungenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Erfolgen oder Errungenschaften der Psychiatriereform gehören die Verringerung der Bettenzahl in den psychiatrischen Krankenhäusern, die Verbesserung der Personalausstattung, zu denen neben einem höheren Betreuungsschlüssel auch die Einbeziehung von Psychologen, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten und Künstlerischen Therapeuten gehören. Ausgebaut wurde das Angebot an ambulanten Diensten wie den Sozialpsychiatrischen Diensten und tagesstrukturierenden Einrichtungen. Zur Verwirklichung arbeitsrehabilitierender Maßnahmen trugen auch rechtliche Rahmenbedingungen bei wie z. B. Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung, dem sogenannten Zuverdienst und Integrationsprojekte.[15]

Es fand ein Aufbau von betreuten Wohnmöglichkeiten statt, die sich in Heime, betreute Wohngemeinschaften und dem einzelbetreuten Wohnen differenzieren lassen.[16]

Durch den Aufbau von psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern konnte teilweise eine Regionalisierung der stationären Versorgung erreicht werden und es konnte insgesamt eine Verkürzung stationärer Aufenthalte erreicht werden.[17]

Abgrenzung der Enquête zur Antipsychiatrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Abgrenzung der Reform und der Enquête-Kommission zur Antipsychiatrie-Bewegung besteht in der grundsätzlichen Anerkennung der Realität von psychischen Erkrankungen sowie der Notwendigkeit von Diagnosen, stationären Aufenthalten und medikamentöser Behandlung in bestimmten Fällen.

Die Psychiatrie wird als Dienstleister und als Instrument zur Behandlung und Heilung einer Erkrankung angesehen, während die Antipsychiatrie in der Psychiatrie häufig vor allem eine ordnungschaffende Instanz, ein gesellschaftliches Instrument zur Bestrafung oder zur Korrektur von gesellschaftlicher Unangepasstheit sieht.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Bauer (Hrsg.): Psychiatriereform in Europa, Bonn 1991.
  • Manfred Bauer: Zum Tode von Walter Piccard In: Psychiatrische Praxis 27(2000), S. 159.
  • Dorothea Buck: 70 Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – erlebt und miterlebt. (PDF; 52 kB). Hauptvortrag vom 7. Juni 2007 beim Kongress Coercive Treatment in Psychiatry: A Comprehensive Review, veranstaltet von der World Psychiatric Association (WPA) in Dresden
  • Anna Büchler: Psychiatrie und Psychiatriereform im Spiegel des Deutschen Ärzteblatts von 1949 bis 1983, Tübingen 2016.
  • Petra Bühring: Psychiatrie-Geschichte: Wendepunkt 1968. In: Deutsches Ärzteblatt 98(51-52), 2001, S. A-3435 / B-2893 / C-2689 (aerzteblatt.de).
  • Petra Bühring: Psychiatrie-Reform: Auf halbem Weg stecken geblieben. In: Deutsches Ärzteblatt 98(6), 2001, S. A-301 / B-240 / C-227 (aerzteblatt.de).
  • Deutscher Bundestag: Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland (= Drucksache. Nr. 7/4200). Bonn 1975 (dgppn.de [PDF]).
  • Asmus Finzen: Das Ende der Anstalt. Vom mühsamen Alltag der Reformpsychiatrie, Bonn 1985.
  • W. Gaebel, J. Heinlein, K. Maas (Hrsg.): Wohl oder Übel? Medikamente in der Psychiatrie. In: Psychiatrie im Wandel der Zeit. 125 Jahre 'Grafenberg' – Rheinische Kliniken Düsseldorf – Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Rheinland Verlag, Köln 2001, S. 137 f. (lvr.de)
  • Heinz Häfner: Psychiatriereform in Deutschland. Vorgeschichte, Durchführung und Nachwirkungen der Psychiatrie-Enquête. Ein Erfahrungsbericht. In: Heidelberger Jahrbücher Online, 2016, Band 1, Artikel 8, S. 119–145, PDF (abgerufen 13. Dezember 2017).
  • Franz-Werner Kersting (Hrsg.): Psychiatriereform als Gesellschaftsreform. Die Hypothek des Nationalsozialismus und der Aufbruch der sechziger Jahre. Schöningh, Paderborn 2003, ISBN 3-506-79619-4.
  • Katrin Lange: Erfahrene verändern die Psychiatrie. Europäisches Pilotprojekt EX-IN schafft Modelle der Nutzerbeteilung. In: Psychosoziale Umschau, 1/2008, S. 4, ex-in.info (PDF).
  • Peter Lehmann: Stattbuch 5 – Ein Wegweiser durch das andere Berlin. Stattbuch-Verlag, Berlin 1995, S. 128 ff., antipsychiatrieverlag.de
  • Sabine Neukirch: 30 Jahre Psychiatriereform in Italien. Ein Rückblick auf den Reformprozess und seine sozial- und gesundheitspolitischen Einflussfaktoren. In: Sozialpsychiatrische Informationen, 4/2008, psychiatrie.de (PDF).
  • Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren – Irrwege – Behandlungsformen. C.H.Beck, München 2006 (online).
  • Günther Wienberg: Gemeindepsychiatrie heute – Erreichtes, aktuelle Herausforderungen und Perspektiven. In: Sozialpsychiatrische Informationen, 1/2008, S. 2 f., psychiatrie.de (PDF).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren – Irrwege – Behandlungsformen. C.H.Beck, München 2006, S. 306 (books.google.de).
  2. a b Petra Bühring: Psychiatrie-Reform: Auf halbem Weg stecken geblieben. In: Deutsches Ärzteblatt 98(6), 2001: A-301 / B-240 / C-227 (aerzteblatt.de).
  3. Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren – Irrwege – Behandlungsformen. C.H.Beck, München 2006, S. 306 ff. (books.google.de).
  4. Sabine Neukirch: 30 Jahre Psychiatriereform in Italien. Ein Rückblick auf den Reformprozess und seine sozial- und gesundheitspolitischen Einflussfaktoren. In: Sozialpsychiatrische Informationen, 4/2008, http://psychiatrie.de/data/pdf/f0/06/00/info_04_2008_02.pdf (Memento vom 9. Dezember 2008 im Internet Archive)
  5. W. Gaebel, J. Heinlein, K. Maas (Hrsg.): Wohl oder Übel? Medikamente in der Psychiatrie. In: Psychiatrie im Wandel der Zeit. 125 Jahre 'Grafenberg' – Rheinische Kliniken Düsseldorf – Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Rheinland Verlag, Köln 2001, S. 137 f. ISBN 978-3-792-71847-6
  6. Peter Lehmann: Stattbuch 5 – Ein Wegweiser durch das andere Berlin. Stattbuch-Verlag, Berlin 1995, S. 128 ff. (antipsychiatrieverlag.de)
  7. Petra Bühring: Psychiatrie-Geschichte: Wendepunkt 1968. In: Deutsches Ärzteblatt 98(51-52), 2001, S. A-3435 / B-2893 / C-2689 (aerzteblatt.de)
  8. zum Beispiel Bundesverband Psychiatrieerfahrener, Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, Irre Menschlich.
  9. zum Beispiel Psychoseforum
  10. zum Beispiel Lichtblick (Memento vom 31. Januar 2009 im Internet Archive)
  11. Irrtu(r)m. Abgerufen am 29. Mai 2019
  12. zum Beispiel Basta (Memento vom 31. Juli 2009 im Internet Archive)
  13. Katrin Lange: Erfahrene verändern die Psychiatrie. Europäisches Pilotprojekt EX-IN schafft Modelle der Nutzerbeteilung. In: Psychosoziale Umschau, 1/2008, S. 4, EX-IN (Experienced-Involvement) (PDF). Abgerufen am 30. Mai 2019
  14. Psychiatrie-Enquête (PDF-Datei) (Memento vom 19. Februar 2010 im Internet Archive), S. 6 ff.
  15. Der Zuverdienst in all seinen Facetten: Was ist der Zuverdienst? Zur Geschichte der Zuverdienstangebote BAG Inklusionsfirmen e. V., abgerufen am 12. Oktober 2017
  16. Günther Wienberg: Gemeindepsychiatrie heute – Erreichtes, aktuelle Herausforderungen und Perspektiven In: Sozialpsychiatrische Informationen, 1/2008, S. 2 f., psychiatrie.de (Memento vom 22. Dezember 2009 im Internet Archive) (PDF).
  17. Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren – Irrwege – Behandlungsformen. C.H.Beck, München 2006, S. 313 f. (online).
  18. Peter Lehmann: Stattbuch 5. Ein Wegweiser durch das andere Berlin. Stattbuch-Verlag, Berlin 1995, S. 128–130 (online)