Psychologie der Massen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Psychologie der Massen ist das im Jahr 1895 erschienene Hauptwerk des Franzosen Gustave Le Bon, welcher als Begründer der Massenpsychologie gilt. Massenpsychologie ist ein Gebiet der Sozialpsychologie und behandelt das Verhalten von Menschengruppen, welches Le Bon in diesem Werk untersucht.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Vorwort bekennt Le Bon sich zur zentralen Rolle des Unbewussten beim Handeln des Menschen, das der für den Menschen noch relativ neuen Vernunft in ihrer Wirkkraft weit überlegen sei. Dabei bedauert er, dass man über dieses Unbewusste noch so wenig wisse.

Das Werk setzt sich sowohl mit den Themenkreisen Konformität, Entfremdung und Führung auseinander, als auch mit der Masse im eigentlichen Sinne. Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. In der Massensituation ist der Einzelne leichtgläubiger und unterliegt der psychischen Ansteckung. Somit ist die Masse von Führern leicht zu lenken. Diesen Charakteristiken liegen die allgemeinen und von Freud später aufgegriffenen Doktrinen Le Bons zugrunde, dass menschliche Handlungen von unbewussten Impulsen beherrscht werden, die irrational sind, und dass Ideen die Institutionen formen und nicht umgekehrt.

Le Bon stellt vor allem dar, wie politische Meinungen, Ideologien und Glaubenslehren bei den Massen Eingang und Verbreitung finden, wie man Massen beeinflussen kann, wie die dazu notwendigen Führer entstehen, welche Eigenschaften sie haben müssen, wie sie wirken und untergehen und wo die Grenzen dieser Beeinflussbarkeit liegen. Immer wieder betont er den geringen Einfluss von Vernunft, Unterricht und Erziehung sowie die Anfälligkeit der Massen für Schlagworte, große Gesten und geschickte Täuschungen.

Am Ende seines Werkes beschreibt und beurteilt Le Bon noch besondere, in der französischen Gesellschaft auftretende Formationen. Laienrichter an Geschworenengerichten ließen sich durch Unwesentliches leicht blenden, seien aber immer noch objektiver als die kontrollfreie Kaste der Berufsjuristen,[1] die eine Masse höchster Homogenität und Organisationsgrades sei.[2] Das Geschworenengericht sei zu erhalten, weil es wohl die einzige Art der Masse sei, die durch keine Individualität zu ersetzen sei.[3] Wählermassen seien nicht zu überlegten Urteilen fähig, sondern nur zu eingeflößten.[4] Dennoch sei das allgemeine Stimmrecht zu erhalten.[5] Die Beschränkung des Stimmrechts auf besondere Personengruppen führe nicht zu besseren Entscheidungen, denn auch diese seien Masse und ließen sich hauptsächlich durch ihre Gefühle und ihren Korpsgeist leiten.[6] Parlamente neigten zur Geldverschwendung und zur Beschränkung individueller Freiheiten.[7] Parlamente seien aber nur in bestimmten Momenten Masse.[8] In vielen Fällen bewahrten die Parlamentarier ihre Individualität, und könnten sachgemäße Gesetzesvorschläge einbringen. Trotz ihrer Schwierigkeiten seien die Parlamente noch das Beste, was die Völker zu ihrer Regierung eingerichtet hätten.[9]

In seinem Hauptwerk Die Psychologie der Massen (1895) bewertet Le Bon Massen und ihr Verhalten als sehr schlecht (vgl. Wikiquote: Gustave Le Bon). Häufig schimmert regelrecht Verachtung durch, und seine Argumentation ist die des elitären konservativen französischen Bildungsbürgers, der ein wenig auf die Plebs und die sie beherrschenden sozialistischen Vorstellungen herabsieht und kulturpessimistisch beklagt, dass Massen, die er für vorwiegend zerstörerisch hält, nun das bestimmende Element der Politik sein werden und nicht mehr Aristokraten und andere Eliten – eine Tatsache, die er im Einleitungskapitel: Das Zeitalter der Massen ausdrücklich bedauert. Auch mit modernen politischen und gesellschaftlichen Strukturen kann Le Bon wenig anfangen, zumal er der Meinung ist, dass Gesetze und Institutionen auf das Verhalten von Massen wenig Einfluss haben.

Zum Schluss behauptet Le Bon eine Art pessimistischer Kulturmorphologie, die mit ihrem zyklischen Charakter schon ansatzweise an Oswald Spengler erinnert. Danach ist Geschichte das Ergebnis rassischer (in seinem kultursoziologischen Sinne) oder nationaler Eigenschaften und wird nicht von rationalen, sondern von emotionalen Kräften angetrieben, wobei allerdings auch geistige Eliten eine wichtige Rolle spielen.

Zentrale massenpsychologische Thesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arten von Massen:
    • A. Ungleichartige Massen (foules hétérogènes)
      • 1. Namenlose Massen (z.B. Straßenansammlungen)
      • 2. Nicht namenlose (z.B. Geschworenengericht, Parlament)
    • B. Gleichartige Massen (foules homogènes)
      • 1. Sekten (politische, religiöse, andere)
      • 2. Kasten (militärische, Priester-, Arbeiterkasten usw.)
      • 3. Klassen (Bürger, Bauern usw.).
  • Wesen, Funktion und Bewertung der Masse:
    • Eine Masse ist grundsätzlich impulsiv, beweglich, irritierbar, suggestibel, leichtgläubig, besessen von übertriebenen und genialen Ideen, intolerant und diktatorisch.
    • Massen transportieren vor allem Ideen und kulturelle Ziele, die jedoch nur von den Wenigen realisiert werden, die von der Masse Distanz halten können.
    • Das Individuum kann nur in der Masse in Höhen aufsteigen oder in Tiefen hinabsinken (meist letzteres).
    • Ursprung von Massen ist die Massenseele, die wiederum aus einer Rassenseele als dem gemeinsamen, ererbten kulturellen Substrat hervorgeht.
    • Angelsächsische Massen reagieren anders als romanische, zeigen oft sogar gegensätzliche Reaktionsweisen.
    • Moderne Massen sind vor allem durch einen schrankenlosen Egoismus charakterisiert, der Zerfall und geistig unfruchtbare Pöbelherrschaft mit sich bringt.
    • Das aufkommende Massenzeitalter ist daher negativ zu bewerten, da die hier nun übermächtigen Massen nicht mehr an Ideale, Überlieferungen und Institutionen gebunden sind.
  • Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit:
    • Die Mitglieder einer Masse büßen die Kritikfähigkeit ein, die sie als Individuen haben. Ihre Persönlichkeit schwindet.
    • Die Masse kann Persönliches nicht von Sachlichem unterscheiden.
    • Sie erliegt leicht Suggestionen, deren Wirkung der Hypnose vergleichbar ist, und wird hysterisch; sie ist leicht lenkbar.
    • Sie ist daher auch empfänglich für Legenden, die von meist heldischen Führern und Ereignissen handeln.
    • Die Meinungsbildung in der Masse erfolgt durch geistige Ansteckung.
  • Intelligenz, Emotionalität und Einseitigkeit:
    • Die Masse ist nur wenig intelligent.
    • Sie denkt einseitig grob und undifferenziert im Guten wie im Bösen.
    • Die Masse denkt nicht logisch, sondern in Bildern, die häufig durch einfache Sprachsymbolik hervorgerufen werden.
    • Die Masse ist leicht erregbar, leichtgläubig und sprunghaft. Ihre Emotionalität ist schlicht.
  • Urteile, Handlungen und Überzeugungen der Masse:
    • Die Masse ist im Allgemeinen sehr konservativ.
    • Die Masse kann nicht durch logische Argumente überzeugt werden, sondern nur emotional.
    • Die Masse handelt mitunter uneigennützig, gegebenenfalls auch tugendhaft oder heroisch, dann oft im Überschwang.
    • Die Masse ist unduldsam und herrschsüchtig.
    • Sie kann sehr grausam werden, weit über das dem Einzelnen Mögliche hinaus, und ist bei geeigneter Führung bereit zu Revolutionen.
    • Die Grundüberzeugungen der Masse verändern sich nur sehr langsam.
    • Die moralischen Urteile einer Masse sind unabhängig von der Herkunft oder dem Intellekt ihrer Mitglieder.
    • Die Masse urteilt durch vorschnelle Verallgemeinerung von Einzelfällen.
    • Ihre Überzeugungen nehmen schnell religiöse Züge an und beruhen oft auf Wunschvorstellungen.
  • Führer von Massen:
    • Führer und Ideen erhalten rasch charismatische Eigenschaften (Nimbus bzw. "prestige").
    • Ohne Führer ist die Masse wie eine Herde ohne Hirten.
    • Führer sind keine Denker, sondern Männer der Tat, gelegentlich findet man unter ihnen Nervöse, Reizbare und Halbverrückte.
    • Führer wirken oft durch eine große Rednergabe. Große Führer können einen Glauben erwecken und damit ganze Völker steuern.
    • Führerherrschaft ist meist gewaltsam.
    • Es gibt zwei Arten von Führern: kurzfristig wirksame und langfristige. Das hängt von der Ausdauer ihres Willens ab.
    • Führer wirken vor allem durch drei Methoden: Behauptung, Wiederholung sowie Ansteckung und Übertragung, deren bekannteste Wirkung die Nachahmung ist.
    • Hat ein Führer keinen Erfolg, verliert er rasch seinen Nimbus und geht unter.

All dies begründet Le Bon mit zahlreichen historischen Fallbeispielen, vor allem aus der Zeit der Antike, der Französischen Revolution und Napoleons sowie der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk erreichte eine hohe Auflage und wurde in 10 Sprachen übersetzt. Es galt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als Standardwerk der Massenpsychologie und beeinflusste Max Weber, der sich in Kapitel 1 von Wirtschaft und Gesellschaft ausdrücklich auf Le Bon bezieht.

Eine wesentliche Wirkung übte Le Bons Werk auf Sigmund Freud aus, der sich damit intensiv in seinem 1921/22 erschienenen Essay Massenpsychologie und Ich-Analyse auseinandersetzte und eine tiefenpsychologische Wertung vornahm, wobei er vor allem die Einschätzungen Le Bons zur Natur eines Führers nicht teilte. Der Psychoanalytiker und Sozialist Wilhelm Reich erwähnt Le Bon in seinem während der Studentenbewegung der 60er wieder aktuell gewordenen Hauptwerk Die Massenpsychologie des Faschismus (1933) überhaupt nicht. Hannah Arendt erwähnt ihn in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) in einer Fußnote lobend. Alexander Mitscherlich und Margarete Mitscherlich beziehen sich mehrfach in ihren Schriften auf ihn, vor allem was die Rolle eines Führers angeht, in Die Unfähigkeit zu trauern (1967). Die moderne Literatur zum Nationalsozialismus zitiert ihn allerdings fast nie. Weitere Einflüsse finden sich etwa bei dem Nationalökonomen Joseph Schumpeter. Bei der Analyse des Phänomens der „Entfremdung“ bringt der Soziologe Raymond Aron in Fortschritt ohne Ende? (1970) Le Bons strenges Urteil hinsichtlich der Psychologie von Massen gegen Jean Paul Sartres wohlwollender Haltung in Stellung[10].

Die Hypothesen von Le Bons Ansatz haben laut Psychologie-Brockhaus einer modernen wissenschaftlichen Prüfung nicht alle standgehalten (allerdings auch ein methodisches Problem bei der praktischen Untersuchung von Massen), aber die Problemstellung wurde von der modernen Sozialpsychologie weitgehend übernommen und inhaltlich modifiziert, vor allem, was die Stellung eines Führers und die unterschiedlichen individuellen Beteiligungen angeht, die sehr viel stärker differieren können, als Le Bon annahm.

Der Rassebegriff bei Le Bon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rassen zeichnen sich für Le Bon durch psychologische wie anatomische Eigentümlichkeiten aus. Dazu kommen weitere Charakteristika, die durch die Umwelt bedingt sind. Nach Le Bon unterscheiden sich „die höherstehenden Rassen von den niedrigeren Rassen“ dadurch, dass erstere eine gewisse Anzahl sehr entwickelter Gehirne hervorbringen, während bei den niedrigeren Rassen die Menschen gleicher seien. Je höher eine Rasse auf der Stufenleiter der Kultur steige, desto mehr würden ihre Glieder danach streben, sich voneinander zu unterscheiden. Die Völker gingen nicht der Gleichheit, sondern einer zunehmenden Ungleichheit entgegen. Jede Art von Krieg sei eigentlich stets ein Rassenkrieg gewesen. Die „Bildung einer Rasse“ bedeutet nach Le Bon den Besitz einer „gemeinsamen Seele“. Dies werde nur über „jahrhundertelange Kreuzungen und ein gleichförmiges Dasein in gleicher Umgebung“ möglich. Die Erwerbung einer gemeinsamen Seele bedeutet für ein Volk zugleich den „höchsten Gipfel seiner Größe“, ihre Auflösung hingegen Verfall, der am sichersten durch das „Dazwischentreten fremder Elemente“ bewirkt werde. Rassen entwickeln sich über einen langen Zeitraum, können aber sehr schnell zugrunde gehen. Unter den zivilisierten Völkern seien die wenigsten Rassen natürlicher Art, vielmehr seien es künstliche, unter geschichtlichen Bedingungen geschaffene Rassen. Flexibel auf eine neue Umgebung zu reagieren, sei nur den neuen Rassen möglich. Alte Rassen gingen eher unter als dass sie Anpassungen an eine neue Umgebung leisteten.[11]

Die Schwarzen, so Le Bon, seien durch die „Unterlegenheit ihres Gehirns“ dazu verurteilt, auf immer in ihrer Barbarei zu bleiben. In der Geschichte gäbe es kein Beispiel, dass sich „ein Negervolk auf eine gewisse Kulturhöhe erhoben“ hätte. Sei durch Zufall höhere Kultur in die Hände der „Negerrasse“ gefallen, so sei sie stets bald auf niedrigere Formen zurückgebracht worden.[12]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Benoit Marpeau: Gustave Le Bon : parcours d’un intellectuel ; 1841 - 1931, CNRS Éd., Paris 2000.
  • Serge Moscovici: Das Zeitalter der Massen : Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1986.
  • Catherine Rouvier: Les idées politiques de Gustave Le Bon, Presses Univ. de France, Paris 1986
  • R. A. Nye: An Intellectual Portrait of Gustave Le Bon. A Study of the Development and Impact of a Social Scientist in his Historical Setting, Diss. University of Wisconsin 1969.
  • Wilhelm Schwalenberg: Gustave le Bon und seine ″Psychologie des foules″, ein Beitrag zur Kritik der Massenpsychologie, Diss. Bonn 1919.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 160.
  2. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 149.
  3. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 161.
  4. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 168.
  5. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 168.
  6. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 171.
  7. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 184.
  8. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 183.
  9. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Aus dem Französischen von Rudolf Eisler, 2. Auflage Leipzig 1912. Nachdruck Köln 2016, S. 184.
  10. Aron, Raymond: Fortschritt ohne Ende? Gütersloh 1970, S. 178.
  11. Gustave Le Bon: Psychologische Grundgesetze in der Völkerentwicklung (fr. 1894), Leipzig 1922, S. 139–142
  12. Gustave Le Bon: Psychologische Grundgesetze in der Völkerentwicklung (fr. 1894), Leipzig 1922, S. 66