Psychologische Morphologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die psychologische Morphologie ist eine psychologische Theorie, die von Wilhelm Salber Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.[1] Die Theorie wurde dabei in Anlehnung an die morphologischen Studien von Johann Wolfgang von Goethe[2] als „psychologische Morphologie“ benannt und ist den tiefen-[3] sowie kulturpsychologischen[4] Ausrichtungen der Psychologie zuzuordnen. Wesentliches Theoriegerüst bildet dabei die Psychoanalyse nach Sigmund Freud[5][6], wobei allerdings in Abgrenzung zu dieser die Triebtheorie abgelehnt wird.[7] Des Weiteren bezieht sich die psychologische Morphologie teils – wenn auch kritisch – auf die Gestalttheorie.[8]

Wesentliche Anwendungsgebiete der psychologischen Morphologie finden sich in der Alltags-[9], Kultur-[10], Medien[11] - sowie Marktforschung.[6] Dabei kommen primär qualitative Verfahren, wie Tiefeninterviews, Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen zum Einsatz.[6][12]

Eine anwendungsorientierte Weiterentwicklung fand die von Wilhelm Salber entwickelte Theorie unter anderem in der morphologischen Musiktherapie Rosemarie Tüpkers[13][14]; ebenfalls auf die psychologische Morphologie bezieht sich die Analytische Intensivbehandlung, die sich dem Spektrum der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie zuordnet. Diese wurde von W. Ernest Freud, Wilhelm Salber und anderen Psychologen der Universität zu Köln entwickelt.[15][16] Ein staatlich anerkanntes Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapeuten, das in diesen tiefenpsychologischen Rahmen auch Konzepte der Analytischen Intensivbehandlung einbezieht, besteht seit 2011 in Köln.[17]

1993 gründete sich die Wissenschaftliche Gesellschaft für Psychologische Morphologie (GPM) mit dem Ziel, die psychologische Forschungsrichtung der Morphologie weiterzuentwickeln. Eine aktuelle methodologische und wissenschaftshistorische Herleitung und Bewertung der Morphologie aus hermeneutischen und tiefen- sowie kulturpsychologischen Traditionen der Geisteswissenschaften liefert Herbert Fitzek.[18][19]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Herbert Fitzek (2014): Gestaltpsychologie kompakt. Grundlinien einer Psychologie für die Praxis (essentials). Wiesbaden: Springer VS.
  2. Johann Wolfgang von Goethe: Schriften zur Morphologie. Frankfurter Ausgabe, Band 24. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1987.
  3. Gert Gutjahr (2011): Psychodynamik. Wirkung unbewusster Prozesse. In Gabriele Naderer & Eva Balzer (Hrsg.), Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis. Grundlagen - Methoden - Anwendungen (2., überarbeitete Aufl., S. 70-82). Wiesbaden: Gabler.
  4. Herbert Fitzek (2010): Gestaltpsychologie. In Günther Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 94-106). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  5. Wilhelm Salber (1987-1989): Entwicklung der Psycholgie Sigmund Freuds. Bände 1-3 Bouvier-Verlag: Bonn.
  6. a b c Jens Lönneker (2011). Morphologie. Die Wirkung von Qualitäten - Gestalten im Wandel. In Gabriele Naderer & Eva Balzer (Hrsg.), Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis. Grundlagen - Methoden - Anwendungen (2., überarbeitete Aufl., Wiesbaden: Gabler S. 83-110)
  7. Daniel Salber (2013): Wirklichkeit im Wandel. Einführung in die Morphologische Psychologie (2. Aufl.). Bonn: Bouvier.
  8. siehe Herbert Fitzek & Wilhelm Salber: Gestaltpsychologie: Geschichte und Praxis. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012 (Sonderausgabe der Erstausgabe aus dem Jahr 1996).
  9. Wilhelm Salber: Der Alltag ist nicht grau. Bouvier-Verlag, Bonn 1989
  10. Herbert Fitzek (2000): Alltagsfigurationen – ein kulturpsychologisches Forschungsprogramm [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 8, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs000289.
  11. Herbert Fitzek (2010): Morphologische Beschreibung. In Günther Mey & Katja Mruck (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 692-706). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  12. Dirk Ziems: Zurm Tode von Wilhelm Salber. Wegbereiter der tiefenpsychologischen Marktforschung vom 5. Dezember 2016. Abgerufen am 16. Dezember 2016
  13. Rosemarie Tüpker: Wilhelm Salber. Ein Nachruf aus der Musiktherapie vom 11. Dezember 2016. Universität Münster. Abgerufen am 16. Dezember 2016
  14. Rosemarie Tüpker (1983): Morphologische Arbeitsmethoden in des Musiktherapie, Musiktherapeutische Umschau, 4, S. 247-264; Rosemarie Tüpker (1988): Ich singe, was ich nicht sagen kann. Zu einer morphologischen Grundlegung der Musiktherapie. Regensburg: Bosse; Weymann, Eckhard Morphologische Musiktherapie, in: Hans-Helmut Decker-Voigt & Eckhard Weymann (Hrsg., 2009): Lexikon Musiktherapie, Göttingen: Hogrefe, 274-277; Morphological Music Therapy, in: Wigram, Tony et al. (eds., 2002), A Comprehensive Guide to Music Therapy, London: Kingsley, 320; Frank G. Grootaers (2004): Bilder behandeln Bilder. Musiktherapie als angewandte Morphologie; Ulrike Haffa-Schmidt (1999): Musiktherapie mit psychisch kranken Jugendlichen: Grundlagen und Praxisfelder, Vandenhoeck & Ruprecht.
  15. W. Ernest Freud (1984): Verkürzende und intensivierende Faktoren in der Analyse aus klinischer und psychoanalytischer Sicht. Y. Ahren & W. Wagner (Hrsg.), Analytische Intensivberatung. Köln: Arbeitskreis Morphologische Psychologie e.V.
  16. Wilhelm Salber (2001): Psychologische Behandlung (2., überarbeitete Aufl.) Bonn: Bouvier.
  17. Ausbildungsinstitut für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie der WGI; Träger: Wissenschaftliche Gesellschaft für Analytische Intensivbehandlung/ Psychotherapie e.V. – WGI; siehe Psychotherapeutenkammer NRW: Ausbildungsinstitute für Psychologische PsychotherapeutInnen
  18. Herbert Fitzek: Inhalt und Form von Ausdrucksbildungen als Zugangswege zur seelischen Wirklichkeit. Ein Vergleich von Inhaltsanalyse und Morphologie als Methodenkonzepte der qualitativen Sozialforschung. Pabst Science Publishers, Lengerich 2008.
  19. Herbert Fitzek: Morphologische Psychologie. In: Günther Mey & Katja Mruck (Hrsg.): Qualitative Forschung in der Psychologie. Ein Handbuch. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 94–106.