Psychosoziale Beratung

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Psychosoziale Beratung bezeichnet eine professionelle Art von Beratung (britisches Englisch: Counselling, amerikanisches Englisch: Counseling), die Klientinnen und Klienten in ihren verschiedenen Lebensbereichen und Lebensphasen unter Einbezug ihrer persönlichen Ressourcen präventiv und entwicklungsorientiert unterstützt, damit sie spezifische alltagsrelevante Kompetenzen entwickeln können. Mit der zunehmenden Komplexität aller Lebensbereiche und der psychosozialen Aspekte findet Beratung im psychosozialen Bereich immer mehr Verbreitung. Im Vergleich dazu versteht sich Therapie eher als eine kurative Intervention, die Behandlung, Heilung und Krankheitsbewältigung beinhaltet.[1]

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychosoziale Beratung agiert in einer Welt, die sich stetig verändert und die von modernen Gesellschaften und ihren Mitgliedern zunehmend schneller und häufiger Flexibilität fordert bezüglich sozialer Integration und individueller Lebensbewältigung.

Psychosoziale Beratung zeigt sich in allen Lebensbereichen, allen Lebensphasen und allen Lebenskontexten als Unterstützungsangebot für Einzelne, Gruppen, Organisationen und Institutionen.[2]

Es ist die Aufgabe psychosozialer Beratung, Menschen in herausfordernden Lebenszusammenhängen oder -situationen und in entscheidenden Entwicklungsschritten sowie Lebenskrisen zu begleiten, sie in ihrem jeweiligen Lebenskontext informativ, präventiv und entwicklungsfördernd zu unterstützen und ihnen Orientierungs-, Planungs- Entscheidungs- und Bewältigungshilfe zu geben unter Einsatz ihrer persönlichen und sozialen Bewältigungsressourcen.[3] Psychosozial beinhaltet ein Menschen- und Gesellschaftsbild, welches das individuelle psychische und soziale Wohlbefinden immer im Kontext bestehender soziokultureller Lebens- und Umweltbedingungen betrachtet.[4]

Der Beratungsbegriff ist im deutschen Sprachraum anders als etwa der Counseling-Begriff in den USA nicht geschützt. Das gilt auch für die Spezifikation „psychosoziale Beratung“: Anbieter müssen keine spezifische Kompetenz nachweisen.

Beratungsangebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychosoziale Beratung erfolgt in Privatpraxen oder Institutionen auf der Basis einer Vereinbarung in unterschiedlichen Beratungsfeldern wie Beruf, Bildung und Beschäftigung, Persönlichkeits-, Jugend-, Erziehungs-, Partnerschafts-, Familien- Migranten- Migrations-Beratung, Beratung bei Gesundheits- und Sucht-Problemen oder Trauerarbeit. Sie wird in der Form von Einzel-, Paar- Familien- oder Gruppenberatung durchgeführt.

Psychosoziale Notfallversorgung[5] beispielsweise in Form von Telefonseelsorge[6]

Beratungsverlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zentrum psychosozialer Beratung steht das persönliche, klientenorientierte Gespräch mit Ratsuchenden. Deren häufige Anliegen sind herausfordernde Entwicklungen oder einschneidende Veränderungen im Leben, der Wunsch nach Entwicklung der eigenen Persönlichkeit oder die Verbesserung der sozialen Integration. Es ist das Ziel der Beratenden, diese Probleme zu fokussieren und die Ratsuchenden in deren Bewältigung und sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen.

Beratende im psychosozialen Bereich gestalten den Beratungsprozess auf die Situation bezogen, individuell und kreativ sowie unter Berücksichtigung des sozialen und kulturellen Umfelds ihrer Klientinnen und Klienten. Sie fördern dabei die Eigenverantwortung der Ratsuchenden und unterstützen deren Eigenbemühungen, ihre Verhaltens- und Erlebensmuster weiter zu entwickeln sowie die persönliche Befindlichkeit zu verbessern. Dabei wird es zunehmend wichtig, nicht hauptsächlich problem-, sondern vermehrt ressourcenorientiert zu arbeiten.

Theoretische Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die theoretischen Grundlagen von Psychosozialer Beratung bilden Konzepte aus psychologischen Schulen wie die Individualpsychologie nach Alfred Adler, Vertreter der Ich-Psychologie wie Erik Erikson, die um 1930 von Viktor E. Frankl begründete Existenzanalyse, die von Fritz Perls entwickelte Gestalttherapie und die Humanistische Psychologie, zu deren Begründer und Entwickler Abraham Maslow und Carl Rogers gehören. Von Bedeutung ist auch die systemische Theorie, deren Anfänge in den USA liegen und die wichtige Familientherapeuten wie Virginia Satir und Paul Watzlawick hervorbrachte. Insbesondere seit den 1990er Jahren haben im Zusammenhang mit neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen körperorientierte Verfahren vermehrt an Einfluss gewonnen. Einen wesentlichen Diskurs über die verschiedenen Konzepte, Modelle und Disziplinen von Beratung leisten Beratungstheoretiker wie John Mc Leod, Ursel Sickendiek, Frank Engel und Frank Nestmann.

Erste Beratungsangebote entstanden in Mitteleuropa in den 1920er-Jahren auch in Arbeitsfeldern wie Pädagogik, Sozialarbeit, Seelsorge und Medizin. Wesentliche Einflüsse kamen zudem von Wissenschaften außerhalb dieser Praxisfelder, beispielsweise aus der Anthropologie (vgl. Gregory Bateson zu Kommunikation), der Soziologie (vgl. Niklas Luhmann zu sozialen Systemen) oder den Neurowissenschaften (vgl. Antonio Damasio, Gerald Hüther, Manfred Spitzer zu Hirnentwicklung, Lern- und Entscheidungsprozessen). Die Konzepte und die Praxis heutiger psychosozialer Beratung sind deshalb interdisziplinär fundiert.[7]

Beratungsansätze und Beratungskonzepte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychosoziale Beratung befasst sich auf einer theoriegeleiteten Grundlage mit unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben und multifaktoriell bestimmten Problem- und Konfliktsituationen. Diesem Beratungsverständnis liegt ein sozialwissenschaftlich und interdisziplinär fundiertes Handlungskonzept zu Grunde, das tätigkeitsfeld- und aufgabenspezifisch ausdifferenziert wird. Unter einem Beratungsansatz (oder -verfahren) wird ein hinreichend konsistenter, umfassender, detaillierter, eindeutig formulierter Handlungsansatz verstanden. Die Vielfalt der Verfahren ist heute groß. Dies hat wesentlich damit zu tun, dass Menschen und ihre sozialen Umwelten vielförmig und damit auch sehr unterschiedlich ansprechbar sind. Lern- und Veränderungsprozesse können auf mannigfache Weise initiiert und unterstützt werden.

Es hat sich deshalb in den letzten Jahren durchgesetzt, dass gut ausgebildete Beraterinnen und Berater ein bestimmtes Verfahren gründlich kennen und anwenden können und darüber hinaus ein individuelles Konzept für ihre spezifischen Angebote entwickeln, anhand dessen sie ihre Arbeit gestalten und reflektieren.[8]

Ausbildung und Qualifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beratung ist heute zu einem geläufigen Angebot geworden und entsprechend nimmt das Bedürfnis nach Regulierung zu. Schulen und Institutionen haben sich zu Verbänden zusammengeschlossen, um den Bereich psychosoziale Beratung mittels fachlicher einheitlicher Standards zu regulieren und zu kontrollieren.

In der Schweiz wurde zu diesem Zweck im Jahr 2006 der Dachverband „Schweizerische Gesellschaft für Beratung SGfB“ gegründet. Seit 2014 organisiert und führt die SGfB im Auftrag des schweizerischen Staats die Berufsprüfungen für Beraterinnen und Berater im psychosozialen Bereich mit eidgenössischem Diplom durch.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beushausen, Jürgen: Beratung lernen. Grundlagen Psychosozialer Beratung und Sozialtherapie für Studium und Praxis, UTB u. Budrich, 2016, ISBN 978-3-8252-4578-8
  • Heike Schnoor: Psychosoziale Beratung in der Sozial- und Rehabilitationspädagogik, Kohlhammer, 2006, ISBN 3-17-019297-3
  • Anke Rohde, Kirsten Wassermann: Pränataldiagnostik und psychosoziale Beratung – Aus der Praxis für die Praxis, Schattauer, 2008, ISBN 3-7945-2613-9
  • Frank Engel, Frank Nestmann, Ursel Sickendiek: Beratung – Eine Einführung in sozialpädagogische und psychosoziale Beratungsansätze, Beltz Juventa, 2008, ISBN 3-7799-0755-0
  • Wilhelm Körner, Gülcan Irdem, Ullrich Bauer: Psycho-soziale Beratung von Migranten, Kohlhammer, 2013, ISBN 3-17-021410-1
  • Heike Schnoor: Psychosoziale Beratung im Spannungsfeld von Gesellschaft, Institution, Profession und Individuum, Vandenhoeck & Ruprecht, 2013, ISBN 3-525-46267-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bamler V., Werner J., Nestmann F.: Psychosoziale Beratung. In: Entwicklungen und Perspektiven, Resonanzen-Journal 01/2013
  2. Bamler V., Werner J., Nestmann F.: Psychosoziale Beratung. In: Entwicklungen und Perspektiven, Resonanzen-Journal 01/2013
  3. Nestmann F.: Übergangsberatung. In: Handbuch Übergänge. Beltz Juventa 2013
  4. Bamler V., Werner J., Nestmann F.: Psychosoziale Beratung. In: Entwicklungen und Perspektiven, Resonanzen-Journal 01/2013
  5. PSNV Links (Krisenintervention & Notfallseelsorge). In: www.krisenintervention-psnv.de. Abgerufen am 28. November 2015.
  6. Eine starke Gemeinschaft | TelefonSeelsorge Deutschland. In: www.telefonseelsorge.de. Abgerufen am 28. November 2015.
  7. Psychosoziale Beratung. In: Beratungsverständnis, www.sgfb.ch
  8. Psychosoziale Beratung. In: Beratungsverständnis, www.sgfb.ch