Publish or perish

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Publish or perish (engl. für ‚veröffentliche oder gehe unter‘, sinngemäß: ‚schreiben oder ausscheiden‘) ist eine im Wissenschaftsbetrieb gängige Redewendung, insbesondere an Universitäten. Ausgedrückt wird mit dieser Hyperbel, dass Forscher einem starken informellen Druck ausgesetzt sind, ihre Ergebnisse möglichst zahlreich und in möglichst angesehenen Verlagen oder Fachzeitschriften zu veröffentlichen, um ihr wissenschaftliches Renommee zu steigern, entfristet zu werden oder die nächste Karrierestufe zu erreichen.

Der Druck resultiert aus einer wachsenden Konkurrenzsituation um Personalstellen und Forschungsmittel, bei der seitens der Geldgeber oft anhand von bibliometrischen Kriterien entschieden wird. Die Verlängerung der häufig befristeten Personalstellen wird nicht selten an Forschungserfolge, gemessen in entsprechenden Publikationen, geknüpft („Wer schreibt, der bleibt!“). Wissenschaftler versuchen daher in der Regel, an möglichst vielen Publikationen als Haupt- oder Koautor mitzuwirken.

Eine negative Folge dieses Profilierungsdrucks ist in den Naturwissenschaften die häufige Ehrenautorschaft der Leiter von Forschungsinstituten, in den Geisteswissenschaften die Neigung der Autoren zu Selbstplagiaten.

„Dieses ‚Publish-or-Perish‘-Geschäft ist eine Katastrophe. Die Leute schreiben Dinge, die niemals hätten geschrieben werden dürfen und die niemals gedruckt werden sollten. Niemanden interessiert das. Aber damit sie ihren Job behalten und die richtige Beförderung bekommen, müssen sie es tun. Es erniedrigt das ganze geistige Leben.“

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auswirkungen auf den Informationsmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem wissenschaftlichen Informationsmarkt wird durch starkes publish or perish die Fülle der Veröffentlichungen sehr unübersichtlich und ist für Außenstehende kaum noch überschaubar. Selbst große Bibliotheken sind nicht in der Lage, einen auch nur annähernd vollständigen Literaturbestand vor Ort bereitzustellen. Dies liegt auch daran, dass die Spezialisierung der Fachliteratur oft zu kleinen Auflagen und hohen Preisen führt.

Auswirkungen auf Wissenschaftler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftler verbringen durch starkes publish or perish einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Zeit damit, Veröffentlichungen ihres Fachgebiets zu sichten, mittels Peer-Review zu beurteilen und nach Publikationsmöglichkeiten für ihre eigenen Arbeiten zu suchen. Dabei stehen sie oft unter Zeitdruck und müssen gelegentlich auch Zwischenergebnisse veröffentlichen, die einer genauen Überprüfung nicht standhalten und später wieder korrigiert werden. Außerdem wird der Anreiz erhöht, unter eigenem Namen Forschungsergebnisse von unterstellten Mitarbeitern oder Hilfskräften zu publizieren. Auf Grund des enormen Zeitdrucks und der Bewertungskriterien ist mit einer Vernachlässigung der Lehre sowie der Studienbetreuung durch die Wissenschaftler zu rechnen. Auch die inhaltliche Qualität der publizierten Daten leidet unter der Arbeitsüberlastung der Wissenschaftler. Im Extremfall werden Forschungsergebnisse nicht mehr tatsächlich erhoben, sondern frei erfunden, um eine Forschungsarbeit möglichst schnell zur Veröffentlichungsreife zu bringen (siehe Betrug und Fälschung in der Wissenschaft).

Kritik an der Bevorzugung der Quantität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat 1998 in ihren Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis alle in der Wissenschaft tätigen Personen und Institutionen ausdrücklich aufgefordert, „Originalität und Qualität stets Vorrang vor Quantität“[2] bei der Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen zuzumessen, um so den Druck des Publish or perish zu mindern. Auch die Europäische Charta für Forscher hält fest, dass die Beurteilung des Verdienstes von Forschern „nicht nur auf die Anzahl von Veröffentlichungen gestützt werden sollte“.

Gegenmaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Zukunft sollen Projektantragsteller bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) „nur noch 5 Titel aus ihrer eigenen Produktion anführen, um die persönliche Eignung für die Bearbeitung des vorgeschlagenen Unternehmens zu belegen“[3], so dass die reine Länge der eigenen Publikationsliste zumindest hier nicht mehr von Bedeutung sein sollte.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Bohannon: Who's Afraid of Peer Review? In: Science Vol. 342 no. 6154 vom 4. Oktober 2013, pp. 60–65. doi:10.1126/science.342.6154.60. (Bohannon berichtet von einem eigenen Feldversuch mit einem mangelhaften Fake-Artikel, den er bei über 300 wissenschaftlichen Open-Access-Journals eingereicht hat und der von 157 Redaktionen akzeptiert wurde.)
  • Daniele Fanelli: Do Pressures to Publish Increase Scientists' Bias? An Empirical Support from US States Data, PLoS ONE 5(4): e10271, doi:10.1371/journal.pone.0010271

Rundfunkberichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Hannah Arendt Center: Crises in Academia Today. In: medium.com. 21. September 2018, abgerufen am 21. Dezember 2021 (englisch).. Im englischen Original: „This business of ‘publish or perish’ has been a catastrophe. People write things which should never have been written and which should never be printed. Nobody’s interested. But for them to keep their jobs and get the proper promotion, they’ve got to do it. It demeans the whole of intellectual life.“
  2. Deutsche Forschungsgemeinschaft (Hrsg.): Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“. Wiley-VCH, Weinheim 2013, S. 20 (Empfehlung 6), online verfügbar auf einer Webseite der Deutschen Forschungsgemeinschaft
  3. Publish first - filter later, abgerufen am 22. Februar 2012