Purdue Pharma

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Purdue Pharma L.P.

Logo
Rechtsform Limited Partnership
Gründung 1892
Sitz Stamford, Connecticut Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Leitung
  • Craig Landau, (President und CEO)[1]
Mitarbeiterzahl 5000[2]
Branche Pharmazie
Website www.purduepharma.com

Das „One Stamford Forum“ in Stamford, in dem sich neben Büros anderer Unternehmen und Konferenzräumen auch der Hauptsitz Purdues befindet

Purdue Pharma ist ein insolventes US-amerikanisches Unternehmen der pharmazeutischen Industrie mit Hauptsitz in Stamford. Das Unternehmen wurde 1892 von John Purdue Gray und George Frederick Bingham gegründet und befindet sich vollständig im Besitz der Erben von Mortimer und Raymond Sackler, die das Unternehmen 1952 übernahmen. Ebenfalls in Besitz der Sackler-Erben sind die Schwesterfirmen Mundipharma in Deutschland und Napp Pharmaceuticals in Großbritannien.

Produkt Oxycontin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das erfolgreichste Produkt des Unternehmens ist Oxycontin (Eigenschreibweise: OxyContin), ein Analgetikum auf Basis von Oxycodon. Oxycontin kam 1995 auf den Markt und zählte lange Zeit zu den umsatzstärksten Arzneimitteln der Welt.[3] Seit 2018 verfügt Purdue Pharma über Patente für ein Medikament auf Oxycontin-Basis, das den Opiat-Entzug unterstützen soll.

Rechtliche Auseinandersetzungen und Insolvenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2007 wurde Purdue zur Strafzahlung von 634,5 Millionen US-Dollar verurteilt wegen unzureichender Warnungen vor Suchtgefahren durch die Einnahme des Medikaments.[4] Oxycontin und Purdue werden mit der Opioid-Epidemie in den Vereinigten Staaten von Amerika in Zusammenhang gebracht.[5][6]

Im Januar 2019 klagte als erster US-Bundesstaat Massachusetts in einem 275-seitigen Memo acht Mitglieder der Sackler-Familie an. Deren Entscheidungen hätten den Tod von rund 400.000 US-Bürgern mit herbeigeführt.[7][8] Derartige Klagen erhoben bis zum September 2019 nahezu alle US-Bundesstaaten sowie rund 2000 Kommunalverwaltungen. Unabhängig davon wurden Vertreter der Sackler-Familie von 17 Bundesstaaten angeklagt.

Laut dem Wall Street Journal bereitete Purdue bereits im März 2019 trotz wirtschaftlich stabiler Lage ohne Überschuldung oder Liquiditätsengpässe eine Insolvenz vor.[9] Damit würden laufende Klagen gestoppt und gebündelt vor Gericht verhandelt. Josh Shapiro, der als Generalstaatsanwalt von Pennsylvania als einer von vier Generalstaatsanwälten mit Purdue und den Sacklers verhandelte, sagte, "ich denke, es handelt sich um eine Gruppe scheinheiliger Milliardäre, die logen und betrogen, um einen ansehnlichen Gewinn zu erzielen. Ich glaube wirklich, dass sie Blut an ihren Händen haben."[10][11]

Die US-Großbank JPMorgan Chase und die Beratungsgesellschaft McKinsey & Company beendeten 2019 ihre Geschäftsbeziehungen mit Purdue, da sie hohe Ansehensverluste durch die Verbindung mit der Opioidkrise befürchteten.[12]

Am 27. August 2019 wurde bekannt, dass Purdue angesichts von 2000 Klagen zu einem Vergleich in Höhe von bis zu 12 Milliarden Dollar bereit wäre. Purdue müsste dazu Insolvenz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts anmelden. Damit würde die Familie Sackler ihre Eigentümerschaft an Purdue Pharma aufgeben. Rund 3 Milliarden Dollar der Vergleichssumme soll die Familie Sackler privat aufbringen.[13][14]

Der Staat New York klagte Purdue Pharma, diverse Vertriebsgesellschaften und acht Mitglieder des Sackler-Clans Ende März 2019 wegen Betruges an: Hunderte Millionen Dollar wären aus dem Konzern über Offshore-Firmen auf Privatkonten des Clans geleitet worden, um sie vor dem Zugriff des Staates bei Schadensersatzansprüchen zu verbergen.[15] In diesem Zusammenhang entdeckte die New Yorker Staatsanwaltschaft im Herbst 2019, dass die Sackler-Familie mindestens 1 Mrd. US$ außer Landes geschafft hatte.[16] Das gesamte Vermögen der Sackler-Familie wurde durch Forbes auf 13 Milliarden Dollar geschätzt, diese Zahl wird jedoch durch die Familie zurückgewiesen.[17]

Am 16. September 2019 beantragte Purdue Pharma L.P. Insolvenz nach Chapter 11 des US-amerikanischen Insolvenzrechts. Das Unternehmen soll in diesem Zuge in eine Stiftung der öffentlichen Hand überführt werden.[18] Entgegen vorheriger Spekulationen um eine Vergleichssumme in Höhe von 12 Milliarden Dollar zur Abgeltung der Schadenersatzforderungen wurde ein Vergleichsbetrag von mehr als 10 Milliarden Dollar festgelegt.[19]

Vor einem US-Bundesgericht bekannte sich Purdue im November 2020 schuldig, gegen mehrere US-amerikanische Bundesgesetze verstoßen zu haben. Unter anderem gestand das Unternehmen die Verschwörung zum Betrug ein.[20]

Klagen von US-Bundesstaaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amerikanische Bundesstaaten machen Schäden in Höhe von 2,2 Billionen Dollar gegenüber dem Pharmakonzern Purdue Pharma geltend, den sie für die Opioid-Krise in den Vereinigten Staaten hauptverantwortlich machen. Reuters habe dies unter Berufungen auf Gerichtsdokumente gemeldet, berichtete die FAZ Mitte August 2020. Laut Wall Street Journal verlangen Bundesstaaten ebenso von Pharmahändlern Schadensersatz in Höhe von 26 Milliarden Dollar. Ihnen werde vorgehalten, dass sie auffällige Bestellmuster nicht den Behörden gemeldet haben. In einigen Verkaufsbezirken schnellten Bestellungen nach oben, was ein Indiz für illegale Geschäfte und Verschreibungspraktiken durch kriminelle Ärzte ist.[21]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Patrick Radden Keefe: Empire of Pain: The Secret History of the Sackler Dynasty. Random House, New York 2021, ISBN 978-0-385-54774-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Purdue Pharma: Dr. Craig Landau Appointed President and CEO Purdue Pharma L.P., abgerufen am 2. August 2018
  2. Purdue Pharma: Global pharmaceutical distribution capabilities - Partner with Purdue Pharma L.P., abgerufen am 2. August 2018
  3. The New Yorker: The Family That Built an Empire of Pain, abgerufen am 12. März 2019
  4. Reuters: Purdue Frederick pleads guilty in OxyContin case, abgerufen am 2. August 2018
  5. New York Times: Origins of an Epidemic: Purdue Pharma Knew Its Opioids Were Widely Abused, abgerufen am 2. August 2018
  6. Die Zeit: Die Pillendreher, abgerufen am 2. August 2018
  7. First Amended Complaint and Jury Demand, Commonwealth of Massachusetts v Purdue Pharma L.P et al. vom 31. Januar 2019, abgerufen am 18. Februar 2019
  8. Pharma-Dynastie Sackler - Der Drogen-Clan, SPON vom 18. Februar 2019, abgerufen am 18. Februar 2019
  9. Handelsblatt: Opioid-Hersteller Purdue bereitet offenbar Insolvenz vor, abgerufen am 7. März 2019
  10. Geoff Mulvihill Mark Gillispie, ASSOCIATED PRESS: Email: Opioid talks fail, Purdue bankruptcy filing expected, abgerufen am 9. September 2019
  11. focus.de: Droge verharmlost: Mehr als 1600 Klagen zwingen US-Pharmariesen in die Knie, abgerufen am 7. März 2019
  12. faz.net: McKinsey berät Purdue nicht länger, abgerufen am 25. Mai 2019
  13. USA Today: OxyContin maker Purdue Pharma reportedly offering opioid settlement up to $12B, abgerufen am 28. August 2019
  14. New York Times: Sacklers Would Give Up Ownership of Purdue Pharma Under Settlement Proposal, abgerufen am 28. August 2019
  15. New York Times: Roni Caryn Rabin: "New York Sues Sackler Family Members and Drug Distributors", vom 28. März 2019, abgerufen am 14. September 2019
  16. New York Times: New York Uncovers $1 Billion in Sackler Family Wire Transfers, abgerufen am 14. September 2019
  17. faz.net: Eigentümerfamilie von Opioidkonzern überwies Geld in die Schweiz, abgerufen am 14. September 2019
  18. restructuring.primeclerk.com: Purdue Pharma L.P. (19-23649), abgerufen am 16. September 2019
  19. faz.net: Pharmakonzern Purdue beantragt Insolvenz, abgerufen am 16. September 2019
  20. faz.net: Konzern Purdue Pharma gesteht Schuld ein, abgerufen am 26. November 2020
  21. Winand von Petersdorff-Campen: Große Forderungen in Opioid-Krise. FAZ, 19. August 2020 (FAZ.NET)