Quantitative Literaturwissenschaft

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Quantitative Literaturwissenschaft (gelegentlich auch: Exakte Literaturwissenschaft[1]) ist ein Begriff für eine Spezialdisziplin der Literaturwissenschaft, den der Aachener Physiker Wilhelm Fucks (1968: 77, 88) für die statistische Untersuchung literarischer Texte vorschlägt. „Eine quantitative Literaturwissenschaft kann uns durch die Abbildung von Sachverhalten in Texten auf mathematische Modelle besser verstehen lehren, was eigentlich im Autor vorgeht oder von ihm getan wird, wenn er seine Werke verfasst. Dabei wird der Autor sich dessen, was er formal tut, im allgemeinen kaum bewusst sein.[2] Fucks beantwortet damit die von Helmut Kreuzer schon 1965 gestellte „Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer ‚exakten‘ Literaturwissenschaft (mit streng formalisierten Beschreibungen und von der Individualität des Forschers unabhängigen Resultaten)“[3] entschieden positiv und kennzeichnet sie als interdisziplinären Überdeckungsbereich von Quantitativer Literaturwissenschaft, Quantitativer Linguistik und Sprachstatistik.

„Es geht hier nicht um eine Ablehnung der tradierten, ideen- und formengeschichtlichen, stilkritischen und werkinterpretatorischen Betrachtungsweisen, deren Fruchtbarkeit und Notwendigkeit wir entschieden bejahen [...], sondern um die Frage, ob noch andere Methoden der Textanalyse wissenschaftlich sinnvoll und für die bessere Sicherung und präzisere Formulierung wenigstens partieller Resultate der älteren Methoden nutzbar sind.[4]

Der Literaturwissenschaftler Toni Bernhart (2008: 56) fasst später wie folgt zusammen: „Unter dem Programmbegriff ›Quantitative Literaturwissenschaft‹ lassen sich zählende, messende, mathematische, statistische und computergestützte Verfahren zusammenfassen, sofern sie in der Literaturwissenschaft Verwendung finden.“ Seinen speziellen Anwendungs- und Demonstrationsbereich bildet dabei die sogenannte Berlin-Kay-Hypothese, bei der es um Universalien bei der sprachlichen Erfassung von Farben in den Sprachen der Welt geht.

Historische Aspekte und Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert wurden unter anderen statistische Untersuchungen zu Verstypen[5] und Anfang des 20. Jahrhunderts zum Rhythmus[6][7][8] durchgeführt.

Im Rahmen der Trivialliteratur-Forschung Anfang der 1970er Jahre entwickelte Burghard Rieger quantitativ-statistische Verfahren zur Ermittlung lexikalischer Regularitäten und ihrer Veränderungen in der Zeit. In numerischen Analysen des Sprachmaterials studentischer Lyrik aus über 150 Jahren lassen sich dabei poetologische Normen identifizieren und als sog. Abweichungsregularitäten von den eingeschliffenen Systemen des Trivialen [9] sichtbar machen, womit auch deren literatur-ästhetische Bewertung – von der singulären Metapher zum massenhaften Klischee – überprüfbar nachgewiesen und im Einzelnen empirisch-quantitativ belegt werden kann.[10]

Am Beispiel von Goethes Ballade "Erlkönig" demonstrieren Altmann & Altmann (2005) einige der Möglichkeiten, die heutige Quantitative Linguistik auf ein literarisches Werk anzuwenden.[11] Gelegentlich wird auch im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Methodenlehre[12] auf statistische Verfahren hingewiesen[13]. Eine wegbereitende Aufsatzsammlung ist der von Helmut Kreuzer und Rul Gunzenhäuser herausgegebene Sammelband Mathematik und Dichtung, der 1965 erschien und bisher vier Auflagen erfuhr.

Auf die Rolle quantitativer Verfahren in der russischen Literaturwissenschaft machen Grzybek und Kelih (2005) in zwei Beiträgen aufmerksam.[14][15]

Chronologie nachgewiesener Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wichtiges Thema der Quantitativen Literaturwissenschaft ist auch die Frage nach der Identität anonymer Autoren.[16] Ein weiterer Themenbereich ist die mit statistischen Methoden betriebene Stilistik, eine Quantitative Stilistik also, bei der einzelne Autoren, Werke, Epochen, aber auch Funktionalstile wie der Stil der Alltagssprache, der Stil der Presse und Publizistik etc.[17] hinsichtlich ihres Sprachstils charakterisiert und miteinander verglichen werden.[18] Die Aufgaben betreffen also nicht nur literarische Werke, werden aber mit Gewinn auch auf diese angewendet.[19]

Ein weiteres Thema ist die Objektivierung literarischer Wertungen, die u. a. dadurch erreicht werden kann, dass man Versuchspersonen ein semantisches Differential bearbeiten lässt.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Aichele: Das Werk von W. Fucks. In: Reinhard Köhler, Gabriel Altmann, Rajmund G. Piotrowski (Hrsg.): Quantitative Linguistik - Quantitative Linguistics. Ein internationales Handbuch. de Gruyter, Berlin/ New York 2005, S. 152–158. ISBN 3-11-015578-8
  • Toni Bernhart: Adfection derer Cörper. Empirische Studie zu den Farben in der Prosa von Hans Henny Jahnn. Mit einem Geleitwort von Lutz Danneberg. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2003. (Zugleich Dissertation Humboldt-Universität zu Berlin, 2001). ISBN 978-3-322-81315-2
  • Toni Bernhart: Quantitative Literaturwissenschaft am Beispiel der Farbsemantik. In: Martin Huber, Simone Winko (Hrsg.): Literatur und Kognition. Bestandsaufnahmen und Perspektiven eines Arbeitsfeldes. Mentis, Paderborn 2009, S. 217–234.
  • Toni Bernhart: Die Vermessung der Farben in der Sprache. Zur Berlin-Kay-Hypothese in der Literaturwissenschaft. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Heft 150, 2008, S. 56–78.
  • Norbert Bolz: Gewinnung und Auswertung quantitativer Merkmale in der statistischen Stilforschung. In: Bernd Spillner (Hrsg.): Methoden der Stilanalyse. Narr, Tübingen1984. S. 193–222. ISBN 3-87808-255-X
  • Wilhelm Fucks: Mathematische Analyse von Sprachelementen, Sprachstil und Sprachen. Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen 1955.
  • Wilhelm Fucks: Nach allen Regeln der Kunst. Diagnosen über Literatur, Musik, bildende Kunst - die Werke, ihre Autoren und Schöpfer. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968.
  • Wilhelm Fucks: Über den Gesetzesbegriff einer exakten Literaturwissenschaft, erläutert an Sätzen und Satzfolgen. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 1, Heft 1/2, 1970/71, 113-137.
  • Emmerich Kelih: Geschichte der Anwendung quantitativer Verfahren in der russischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Kovač, Hamburg 2008. ISBN 978-3-8300-3575-6. (Zugleich Dissertation Graz, 2007. Ausführliche Darstellung des Beitrags der russischen Sprach- und Literaturwissenschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, die für die Entwicklung der quantitativen/statistischen Linguistik und Literaturwissenschaft besonders wichtig ist.)
  • Helmut Kreuzer, Rul Gunzenhäuser (Hrsg.): Mathematik und Dichtung. Zur Frage einer exakten Literaturwissenschaft. Nymphenburger, München 1965, 1967, 1969, 4., durchgesehene Auflage 1971. ISBN 3-485-03303-0
  • Charles Muller: Einführung in die Sprachstatistik. Hueber, München 1972.
  • Ursula Pieper: Über die Aussagekraft statistischer Methoden für die linguistische Stilanalyse. Narr, Tübingen 1979. ISBN 3-87808-355-6
  • Ursula Pieper: Möglichkeiten und Grenzen einer quantitativen Stilistik. In: Wolfgang Kühlwein, Albert Raasch (Hrsg.): Stil: Komponenten - Wirkungen. Band I. Narr, Tübingen 1982. S. 100–105. ISBN 3-87808-911-2
  • Burghard Rieger: Poetae Studiosi. Analysen studentischer Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts, Thesen Verlag Vowinckel, Frankfurt 1970, ISBN 3-7677-0003-4
  • Burghard Rieger: Literarische Massenphänomene und mengenorientierte Textanalyse. Zu Gegenstand und Methode der Trivialliteratur-Forschung in: de la Motte-Haber, H. (Hrsg.): Das Triviale in Literatur, Musik und bildender Kunst. (V. Klostermann) Frankfurt/Main 1972, S. 42–62

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Helmut Kreuzer 1965, im Vorwort von Mathematik und Dichtung; Wilhelm Fucks 1968, S. 36, 40, passim; Emmerich Kelih: Geschichte der Anwendung quantitativer Verfahren in der russischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Kovač, Hamburg 2008, S. 121. ISBN 978-3-8300-3575-6.
  2. Wilhelm Fucks 1968, S. 88.
  3. H. Kreuzer: Vorwort in Kreuzer/Gunzenhäuser 1965, S. 7
  4. H. Kreuzer: Mathematik und Dichtung. Zur Einführung in: Kreuzer/Gunzenhäuser 1965, S. 10
  5. Karl-Heinz Best: Moritz Wilhelm Drobisch (1802-1896). In: Glottometrics 17, 2008, Seiten 109–114.
  6. Karl-Heinz Best: Siegfried Behn (1884-1970). In: Glottometrics 13, 2006, Seiten 85–88. (Im Internet: http://www.glottopedia.de/index.php/Siegfried_Behn_%28de%29.)
  7. Karl-Heinz Best: Lorenzo Bianchi (1889-1960). In: Glottometrics 14, 2007, Seiten 72–74.
  8. Karl-Heinz Best: Karl Marbe (1869-1953). In: Glottometrics 9, 2005, Seiten 74–76.
  9. Manfred Bierwisch: Poetik und Linguistik in: Helmut Kreuzer/Rul Gunzenhäuser (Hrsg.): Mathematik und Dichtung. Versuche zur Frage einer exakten Literaturwissenschaft. Nymphenburger, München (1965), 4. durchgesehene Auflage 1971, S. 59 ISBN 3-485-03303-0
  10. Burghard Rieger: Poetae Studiosi, S. 113f.
  11. http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2005/325/
  12. Joachim Thiele: Statistische Methoden. In: Manon Maren Griesebach: Methoden der Literaturwissenschaft. Achte, durchges. Aufl. Francke, München 1970, S. 96–100
  13. Burghard Rieger: Warum mengenorientierte Textwissenschaft? Zur Begründung der Statistik als Methode in: Gunzenhäuser, R. (Hrsg.): Mathematisch orientierte Textwissenschaft (Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 8), Athenäum, Frankfurt/M. 1972, S. 11–28
  14. Peter Grzybek, Emmerich Kelih: Zur Vorgeschichte quantitativer Ansätze in der russischen Sprach- und Literaturwissenschaft, in: Reinhard Köhler, Gabriel Altmann, Rajmund G. Piotrowski (Hrsg.): Quantitative Linguistik - Quantitative Linguistics. Ein internationales Handbuch - An International Handbook. de Gruyter, Berlin/ New York 2005, S. 23–64. ISBN 3-11-015578-8.
  15. Emmerich Kelih, Peter Grzybek: Neuanfang und Etablierung quantitativer Verfahren in der sowjetischen Sprach- und Literaturwissenschaft (1956-1962), in: Reinhard Köhler, Gabriel Altmann, Rajmund G. Piotrowski (Hrsg.): Quantitative Linguistik - Quantitative Linguistics. Ein internationales Handbuch - An International Handbook. de Gruyter, Berlin/ New York 2005, S. 65–82. ISBN 3-11-015578-8.
  16. David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Übersetzung und Bearbeitung der deutschen Ausgabe von Stefan Röhrich, Ariane Böckler und Manfred Jansen. Campus Verlag, Frankfurt/ New York 1993. S. 68. ISBN 3-593-34824-1; Dieter Wickmann: Zum Bonaventura-Problem: Eine mathematisch-statistische Überprüfung der Klingemann-Hypothese. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 4, Heft 16, 1974, 13-29; Dieter Wickmann: Unbekannte Verfasserschaft – statistisch gesehen. In: Joachim-Hermann Scharf & Wilhelm Kämmerer (Hrsg.): Leopoldina-Symposion Naturwissenschaftliche Linguistik. Deutsche Akademie der Naturforscher LEOPOLDINA, Halle 1981, S. 277–281. (= Nova Acta Leopoldina, N.F. 54, Nr. 245)
  17. Willy Sanders: Linguistische Stilistik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977. S. 119ff. ISBN 3-525-33417-6
  18. David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Übersetzung und Bearbeitung der deutschen Ausgabe von Stefan Röhrich, Ariane Böckler und Manfred Jansen. Campus Verlag, Frankfurt/ New York 1993. S. 67. ISBN 3-593-34824-1; Bernd Spillner: Linguistik und Literaturwissenschaft. Stilforschung, Rhetorik, Textlinguistik. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1974. S. 82–85. ISBN 3-17-001734-9
  19. Heinz Dieter Maas: Einige statistische Untersuchungen zum Werk Georg Trakls. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Jahrgang 1, 1971, H. 1, S. 43–50.
  20. Bernd Spillner: Linguistik und Literaturwissenschaft. Stilforschung, Rhetorik, Textlinguistik. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1974. S. 93–95. ISBN 3-17-001734-9; Viktor Levickij, Leonid Hikow: Zum Gebrauch der Wortarten im Autorenstil. In: Glottometrics 8, 2004, 12-22.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesetz der Verteilung rhythmischer Einheiten verschiedener Länge
Quantitative Stilistik
Verslänge

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]