Quedlinburger Annalen

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Blatt 31 verso aus den Quedlinburger Annalen

Die Quedlinburger Annalen oder Annales Quedlinburgenses sind eine jahrweise Geschichtsdarstellung aus dem 11. Jahrhundert, die als herausragende Quelle für die Zeit der Ottonen gelten[1] und nur in einer einzigen Abschrift aus dem 16. Jahrhundert überliefert sind. Diese Dresdner Sammelhandschrift geht auf den Wittenberger Professor Petrus Albinus (1543–1598) zurück.[2] Die erste wichtige Bearbeitung des Werks erfolgte durch Gottfried Wilhelm Leibniz 1710 im Rahmen der „Scriptores rerum Brunsvicensium“ und wurde als Druck herausgegeben. Die bislang bedeutendste Ausgabe wurde im Jahr 1839 von Georg Heinrich Pertz im dritten Band der Scriptores-Reihe der Monumenta Germaniae Historica (MGH) veröffentlicht. Seither wird die Edition als „Annales Quedlinburgenses“ bezeichnet. Früher wurde das Werk unter dem Titel „Chronicon Saxonicum Quedilnburg“ geführt.[3]

Entstehungsort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Abfassung der Quedlinburger Annalen im Frauenstift Quedlinburg, einem Memorialzentrum der lidofolfingischen Herrscherfamilie, dem persönlichen Umfeld der Kaiser und anderer wichtiger Entscheidungsträger des 11. Jahrhunderts ist zweifelsfrei.[4] Schon nach dem Tod Heinrich I. im Jahr 936 erweiterte dessen Sohn Otto I., die Pfalz um ein Frauenstift, dem seine mit seiner Mutter, Königin Mathilde 30 Jahre lang vorstand. Dieses diente der Sicherung des Totengedächtnisses am Grab des dort bestatteten Königs Heinrich I. Das Frauenstift, den Töchtern des höheren Adels vorbehalten, stieg zu einem der bedeutendsten geistlichen Zentren der Ottonenzeit auf.

Abfassungszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Annales Quedlinburgenses befassen sich von der Erschaffung der Welt bis in das Jahr 1025. Bis einschließlich in das Jahr 1002 sind die Annales weitgehend von nachweisbaren Vorlagen abhängig. Ab 1008 verfasst der Chronist / die Chronistin den Text dann eigenständig bis in die eigene Gegenwart. Schwersterquellen und auch abgeleitete Texte belegen, dass die Annalen ursprünglich noch bis in das Jahr 1030 gereicht haben dürften. In den Jahrberichten zu 1029 und 1030 sind in anderen Quellen, unter anderen in der Reichschronik des Annalista Saxo, in den Magdeburger Annalen und in der Magdeburger Schöppenchronik Fragmente des verlorenen Teils der Annalen Quedlinburgenses erhalten.[5]

Textlücken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dresdner Sammelschrift, auch Dresdner Codex genannt, die einzige uns überlieferte Handschrift aus dem 16. Jahrhundert, enthält mehrere Textlücken. Jedoch schafft die relativ umfangreiche Verwendung der Quedlinburger Annalen im Mittelalter eine detaillierte Materialsammlung. Diese Vorlagen bieten die Grundlage für eine Rekonstruktion der beträchtlichen Textlücken von 873 bis 909 und 961 bis 983. Im Vordergrund stehen sowohl die Schwersterquellen, als auch die Töchterquellen dieser Zeiträume, unter anderem die Chronik von Thietmar von Merseburg, das Chronicon Wirziburgense, die Halberstädter Bischofschronik, der Annalista Saxo, die Annales Magdeburgenses sowie die Magdeburger Schöppenchronik.[6]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Annales Quedlinburgenses setzen sich aus zwei Teilen zusammen: die Weltchronik, die sich auf die Annales Hersfeldenses und Annales Hildesheimenses maiores stützt,[7] und den analytischen Schluss. Die Einträge ab 702 sind in Annalenform abgefasst, ab 913 finden sich eigene Formulierungen und ab 984 ist die Darstellung von anderen bekannten Quellen unabhängig.

Im Zentrum der Erzählung stehen vier Schwerpunkte:

  1. Biblischer Ursprung, Expansion und Erfolg des christlichen Glaubens,
  2. Abstammung und Geschichte des sächsischen Geschlechts,
  3. Familiengeschichte der Liudolfinger und
  4. Lokalgeschichte von Quedlinburg.[8]

Im Abschnitt der Weltchronik finden sich viele sagenhafte Elemente und teils grobe Ungenauigkeiten, beispielsweise dass für den Hunnenkönig Attila († 453) 532 als Todesjahr angegeben wird. Für dieses Jahr wird auch der Regierungsantritt Theuderichs I. genannt, der aber schon 511 erfolgte. Ähnlich verhält es sich mit den ausführlicheren sächsischeb Helden- und Herkunftserzählungen.[9][10]

Ab dem 10. Jahnhundert steht die Familiengeschichte der Ottonen wesentlich im Vordergrund. Die Berichte dieser Zeit beziehen sich vor allem auf die Frauen der ottonischen Herrschaft: Königin Mathilde, Kaiserin Adelheid, Kaiserin Theophanu sowie auf die beiden Quedlinburger Äbtissinnen Mathilde und Adelheid.[11] Der Bericht über die Weihe des Quedlinburger Kirchenbaus im Jahr 1021 bildet gleichsam ein Höhepunkt des Werkes. Er wurde besonders ausführlich gestaltet und enthält viele baugeschichtlich relevante Details.[12]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezensionen der neuesten Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludger Körntgen: Rezension von: Martina Giese (Hrsg.): Die Annales Quedlinburgenses, Hannover 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15. März 2007], (online)
  • Besprechung von Caspar Ehlers, in: Concilium Medii Aevi 9 (2006) S. 1017–1019 (online)
  • Julian Führer: Rezension zu: Giese, Martina (Hrsg.): Die Annales Quedlinburgenses. Hannover 2004, in: H-Soz-Kult, 2. August 2005, (online)
  • Hartmut Hoffmann: Zu den Annales Quedlinburgenses, in: Sachsen-und-Anhalt. Jahrbuch der historischen Kommission für Sachsen-Anhalt 27 (2015), S. 139–178.

Übersetzungen und Forschungsliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Holtzmann: Die Quedlinburger Annalen. In: Sachsen und Anhalt. Jahrbuch der historischen Kommission Sachsen-Anhalt 1 (1925), S. 64–125.

Von 1998 bis 2009 wurden von Hans K. Schulze jahrweise die Einträge der Quedlinburger Annalen übersetzt und kommentiert.

  • Hans K. Schulze: Eine unheilige Allianz: was die Quedlinburger Annalen zum Jahr 1003 berichten und was sie verschweigen – das Osterfest in Quedlinburg und das Bündnis Heinrichs II. mit den heidnischen Slawen. In: Quedlinburger Annalen 6 (2003), S. 6–13.
  • Hans K. Schulze: Zwischen Pavia, Prag und Bautzen: Italienzug und Polenkriege: was die Quedlinburger Annalen und Thietmar von Merseburg zum Jahr 1004 berichten. In: Quedlinburger Annalen 7/2004 (2004), S. 6–16.
  • Hans K. Schulze: Polenkrieg, heidnische Kampfgefährten und ein fragwürdiger Friede: das Jahr 1005 in den Quedlinburger Annalen und der Chronik Thietmars von Merseburg. In: Quedlinburger Annalen 8 (2005), S. 6–9.
  • Hans K. Schulze: Ein gescheiterter Feldzug und ein harter Richter: das jahr 1006 in den Quedlinburger Annalen und der Chronik Thietmars von Merseburg. In: Quedlinburger Annalen 9 (2006), S. 6–8.
  • Hans K. Schulze: Brun von Querfurt und die Ostmission: was die Quedlinburger Annalen und Thietmar von Merseburg über die Ereignisse des Jahres 1009 berichten. In: Quedlinburger Annalen 12 (2009), S. 6–14.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Annales Quedlinburgenses – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag „Annales Quedlinburgenses“ bei geschichtsquellen.de
  2. Martina Giese (Hrsg.): Die Annales Quedlinburgenses. (MGH) Scriptores Rerum Germanicarum In Usum Scholarum Separatim Editi. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2004, ISBN 978-3-88612-219-6, S. 244.
  3. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 373–375.
  4. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 41.
  5. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 47–56.
  6. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 299–300.
  7. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 66.
  8. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 69.
  9. Eine angebliche Beteiligung von Sachsen an der Unterwerfung des Thüringerreiches wird ebenfalls erwähnt. Diese Beteiligung wird heute allerdings für sehr unwahrscheinlich gehalten. vgl. Matthias Springer: Die Sachsen. Kohlhammer, Stuttgart 2004, S. 90 ff., ISBN 3-17-016588-7.
  10. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 101.
  11. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 80–84.
  12. Vgl. Martina Giese: Die Annales Quedlinburgenses. 2004, S. 561–566.