Queer

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum deutsch-österreichischen Entertainer, Sänger und Dragqueen siehe Nina Queer. Zur Übersichtsseite zum Wort „quer“ siehe Quer.

Queer ['kwɪə(ɹ)] ist ein Fremdwort aus der englischen Sprache und bezeichnet als Adjektiv Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. Ursprünglich drückte es meist eine negative Einstellung zu der Abweichung oder dem Abweichler aus (Konnotation).

Neubewertung[Bearbeiten]

Das Wort wurde im englischen Sprachraum – ebenso wie das Wort schwul im deutschen – als Schimpfwort gebraucht, mit dem vornehmlich Schwule, aber auch andere, die von den heteronormativen Regeln abweichen, bedacht wurden. Im Laufe der 1980er und 1990er Jahre, vor allem im Zuge des Aktivismus der Act-Up-Bewegung während der AIDS-Krise, gelang es den so Bezeichneten jedoch, das Wort im öffentlichen Diskurs einer Neubewertung (englisch reclaiming) zu unterziehen, politisch positiv zu besetzen und als sogenanntes Geusenwort zu benutzen. Das Wort bleibt im englischsprachigen Raum jedoch umstritten und individuelle Meinungen dazu sind häufig polarisiert. Die Wörter gay und queer werden in Großbritannien häufig als Schimpfwörter verwendet.[1]

Queer steht heute sowohl für die gesamte Bewegung als auch für die einzelnen ihr angehörenden Personen. Es ist eine Art Sammelbecken, in dem sich – je nach Selbstaussage – außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSMlern auch heterosexuelle Menschen, welche Polyamorie praktizieren, und viele mehr finden lassen. Eine Besonderheit von queer im Vergleich zu Identitäten wie lesbisch oder schwul ist, dass die Betonung auf der eigenen – von der Heteronormativität abweichenden – Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität bzw. Lebensweise liegt während die etwaiger PartnerInnen eine geringere Rolle spielt.


Verbindend wirkt dabei die Überzeugung, dass der angenommene Zwang zur Heteronormativität aufgelöst und es Menschen erlaubt werden solle, ihr Leben mit unterschiedlichen Vorstellungen, sexuellen Identitäten und Geschlechtsidentitäten in Frieden leben zu dürfen.

Politik und Theorie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Queer-Theorie

Gemäß der Bedeutung des Verbs to queer (ähnlich wie to interfere),[2] was so viel wie „stören“[3] oder – bildlicher gesprochen – „in die Quere kommen“ bedeutet, wird sowohl im täglichen Leben und in politischen Aktionen als auch auf theoretischer Ebene versucht, die restriktiven Diskurse der Gesellschaft zu durchbrechen und sich der Einteilung in „normale“ und „nicht normale“ Lebens- und Begehrensformen zu widersetzen.

Medien[Bearbeiten]

In den USA strahlte der Fernsehsender Bravo bis Oktober 2007 eine Unterhaltungssendung mit dem Titel Queer Eye (in der Bedeutung „Die etwas andere [oder] schwule Sicht“) aus. In der Sendung versuchten schwule Menschen, die Häuser, Wohnräume, Kleidung und das Aussehen anderer Leute nach ihren Vorstellungen zu deren Vorteil umzugestalten. Ebenfalls queer im Namen trägt die britische Serie Queer as Folk sowie deren bekanntere gleichnamige US-kanadische Neuverfilmung.

In Deutschland gab es von 1998 bis 2002 „Queer“ als überregionale schwul-lesbische Monatszeitung. Nach dem Konkurs des Kölner Unternehmens gründeten einige Mitarbeiter das neue Portal „Queer.de“, eine Mischung aus Magazin und Nachrichtenportal.

Gesellschaftstanz[Bearbeiten]

Um der LGBT-Gemeinschaft eine Heimat im Tango zu geben, entstand die „Queer-Tango-Bewegung“. Auch heterosexuelle Tangofans, die unabhängig von konventionellen Geschlechterrollen tanzen wollen, werden als queer tangueras und queer tangueros bezeichnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • David A. Gerstner (Hrsg.): Routledge International Encyclopedia of Queer Culture. Paperbackausgabe. Routledge, London 2006
  • Bruce Bawer (Hrsg.): Beyond Queer. Challenging Gay Left Orthodoxy. Free Press, New York 1996, ISBN 0-684-82766-2 (englisch. Das Buch ist eine Sammlung von Aufsätzen zur Kritik an der Queer-Bewegung.)
  • Anna Babka, Susanne Hochreiter (Hrsg.): Queer Reading in den Philologien. Modelle und Anwendungen. Vienna University Press bei V&R unipress, Wien 2008.
  • Anke Engel: Verqueeres Begehren. In: Sabine Hark (Hrsg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Querverlag, Berlin 1996, ISBN 3-89656-012-3, S. 73–95.
  • Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine Einführung. Querverlag, Berlin 2001, ISBN 3-89656-062-X. (In dem Buch führt die Autorin umfassend in die Queer-Theorie ein.)
  • Andreas Kraß (Hrsg.): Queer denken – gegen die Ordnung der Sexualität (Queer studies). Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-12248-7.
  • Melanie Groß, Gabriele Winker (Hrsg.): Queer- / Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse. Unrast, Münster 2007, ISBN 978-3-89771-302-4.
  • Detlef Georgia Schulze: De-konstruktiv oder doch nur destruktiv? Eine politische Zwischenbilanz nach 15 Jahren queer Lesbianismus. In: Gabriele Dennert u. a. (Herausg.): In Bewegungen bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Querverlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89656-148-0, S. 322–325.
  • Koray Yılmaz-Günay (Hrsg.): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule" - Sexualpolitiken seit dem 11. September. 2. Auflage. Edition Assemblage, Münster 2013, ISBN 978-3-942885-53-9.
  • Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-061-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Young children‚learn homophobia. In: BBC News, 14. Juni 2006
  2. ‚queer‘ im Oxford English Dictionary
  3. to interfere with in der Bedeutung „“jemanden/etwas stören“. Nach PONS-Verlag: Lexiface professional. Deutsch – Englisch. Englisch – Deutsch. Klett, Stuttgart 2001 [CD-ROM].