Rückversicherung

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Dieser Artikel behandelt Rückversicherung als Unternehmensdienstleistung. Zum Geheimabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Russland siehe Rückversicherungsvertrag.

Eine Rückversicherung (auch Reassekuranz genannt) dient der Risikobewältigung eines einzelnen Versicherungsunternehmens. Aufgabe ist vorwiegend, das Ausfallrisiko durch Großschäden (Versichertenschutzgedanke) sowie Schadenslasten der Erstversicherer (Versichererschutzgedanke) zu minimieren.

Definition[Bearbeiten]

Diese Versicherungsform wird abgeschlossen zur Deckung von Einzelrisiken bzw. ganzen Portfolios (Vielzahl von Einzelrisiken mit gemeinsamen Merkmalen). Ganz oder auch nur teilweise werden im Rahmen auszuhandelnder Bedingungen im Rückversicherungsverhältnis durch (meist) eine Versicherungsgesellschaft Risiken auf eine andere Versicherungsgesellschaft (Zessionar, meist eine spezielle Rückversicherungsgesellschaft) übertragen (zediert). Dabei wird die ursprüngliche Versicherungsgesellschaft weder aufgelöst, noch wird in ihren Regelungsinhalt eingegriffen. Der Vertragsinhalt wird mithin nicht geändert. Der Erstversicherer bleibt dem Versicherten auch allein für Leistungen aus dem Versicherungsvertrag verpflichtet. Andererseits aber erhält der Erstversicherer im Schadensfall beim Versicherungsnehmer (Teil-)Leistungen vom Rückversicherer erstattet, soweit das eingetretene Risiko von der Rückversicherung gedeckt war. Man unterscheidet dabei zwischen der Erstattung in einer bestimmten Quote (Quotenrückversicherung) oder abzüglich eines bestimmten Selbstbehalts des Erstversicherers (Exzedentenrückversicherung).

Die Rückversicherung wird auch als „die Versicherung der Versicherer“ bezeichnet. In § 779 Abs. 1 HGB a.F. (Seehandelsrecht) war die Rückversicherung definiert als Versicherung der vom Versicherer übernommenen Gefahr.

Der Begriff muss klar abgegrenzt werden gegenüber anderen versicherungsrechtlichen Termini wie Rückwärtsversicherung und Rückdatierung.

Aktive/Passive Rückversicherung[Bearbeiten]

Grundsätzlich wird zwischen aktiver und passiver Rückversicherung unterschieden.

Die aktive Rückversicherung beschreibt das Geschäft eines Rückversicherers, anderen Erst- oder Rückversicherern Rückversicherungsschutz anzubieten. Dabei kann auch ein Erstversicherer als Rückversicherer agieren. Die aktive Rückversicherung bezeichnet man auch als in Rückdeckung übernommenes Geschäft oder als indirektes Geschäft.

Fragt ein Erst- oder ein Rückversicherer Rückversicherungsschutz nach, handelt es sich um passive Rückversicherung.

Organisatorische Vorteile des Rückversicherungswesens[Bearbeiten]

Rückversicherungen tragen dadurch, dass sie die Last des Risikos auf mehrere Versicherer verteilen, zur größeren Stetigkeit und Sicherheit des Geschäfts bei. Sie erlauben es dem Versicherer, auch für große Risiken (wie Flugzeuge, Industriebetriebe oder auch die Haftpflicht ganzer Konzerne) die Deckung zu übernehmen. Der Versicherte muss also nicht Verträge mit verschiedenen Versicherungsunternehmen abschließen.

Ebenso sorgen die Rückversicherer mit der Retrozession für einen Risikoausgleich untereinander. Auf diese Weise wird, nebst einem ausgewogenen „Risikospread“ (Branchenmix), ein weltweiter Risikoausgleich angestrebt. Es wird auch deshalb eine geografisch möglichst breite Streuung des Risikos angestrebt (geografische Diversifikation), um so beispielsweise auch die Abdeckung von regionalen Häufungen von Schadensereignissen gewährleisten zu können, die durch Naturkatastrophen, Kriege oder politische bzw. wirtschaftliche Instabilität verursacht sind.

Viele große Konzerne verfügen über eigene Versicherungsgesellschaften (Eigenversicherer, englisch „captives“). Diese haben direkten Zugang zum Rückversicherungsmarkt und können dort Teile ihres Risikoportefeuilles rückversichern lassen.

Geschichte[Bearbeiten]

Rückversicherungen sind auf dem Gebiet der Seetransport-Assekuranz schon im 14. Jahrhundert in Italien nachzuweisen. Nach der Entdeckung der neuen Welt waren Amsterdam und London wichtige Plätze des Rückversicherungswesens. Später wurden sie auf viele andere Zweige des Versicherungswesens angewendet.

Die Kölnische Rückversicherungs-Gesellschaft war die erste professionelle Rückversicherung. Sie wurde im Jahr 1846 gegründet und nahm 1852 mit Abschluss des ersten Rückversicherungsvertrages den Geschäftsbetrieb auf. Darauf folgt 1853 die Aachen Re, 1857 Frankfurt Re, 1863 Schweizer Rückversicherungsgesellschaft (Swiss Re) und 1880 die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft (heute Munich Re).

Heute sind sie nicht nur für die durch zunehmende Konzentration an Werten und Versicherungsdeckungen immer größeren Schadenersatzzahlungen nach Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Wirbelstürmen von Bedeutung. Bislang größtes Schadenereignis dürften die von Hurrikan Katrina verursachten Schäden gewesen sein: Der Versicherungsschaden beläuft sich auf 62,2 Milliarden US$;[1] der Gesamtschaden liegt über 100 Milliarden US$. Zuvor war Hurrikan Andrew 1992 mit versicherten Schäden in Höhe von etwa 21,5 Mrd. US-Dollar (umgerechnet in Preisen von 2004) das größte Schadenereignis durch Naturkatastrophen. Von dem Gesamtschaden dürften etwa zwei Drittel von den Rückversicherern zu tragen sein.

Aber auch vom Menschen verursachte Katastrophen führen zu immer höheren Schadensummen. Seit den WTC-Anschlägen hält dieses Ereignis mit etwa 20 Mrd. US-Dollar versicherten Schäden den Rekord als kostspieligstes Einzelereignis. Die Summe der versicherten Schadenzahlungen für Erkrankungen durch Asbestexposition (unter anderem Asbestose) erreicht sogar, allerdings verteilt auf viele Jahre, ein Vielfaches dieser Größenordnung (die Ratingagentur Standard & Poor’s schätzt, dass bislang Schäden in Höhe von 54 Mrd. US-Dollar bekannt sind und rechnet mit einer Gesamtschadenbelastung von bis zu 200 Mrd. US-Dollar).

Vertragsformen[Bearbeiten]

Allgemein unterscheidet man zwischen obligatorischer Rückversicherung und fakultativer Rückversicherung (Rückversicherung auf Einzelfallbasis). Bei der obligatorischen Rückversicherung werden ganze Versicherungsbestände eines Erstversicherers rückversichert, die fakultative Rückversicherung beschäftigt sich hingegen mit der Höherdeckung eines einzelnen speziellen Risikos.

Man unterscheidet bei Rückversicherungsverträgen zwischen quotaler proportionaler Risikoteilung (proportionale Rückversicherung), bei der Prämie und Schäden zu gleichen Anteilen übernommen werden, und nichtproportionaler Risikoteilung (nichtproportionale Rückversicherung), bei der die Schäden bis zu einer bestimmten Schadenhöhe im Selbstbehalt des Erstversicherers verbleiben und der darüber hinaus gehende Anteil vom Rückversicherer übernommen wird.

Maklergeschäft und direkte Rückversicherung[Bearbeiten]

Verträge werden direkt von den Zedenten oder über Makler abgeschlossen. Beim Geschäft über Makler sind oft mehrere Rückversicherer beteiligt und jeder übernimmt einen bestimmten Anteil am gedeckten Risiko.

Weitere Leistungen[Bearbeiten]

  • Beratung und Mitwirkung in der Schadenforschung
  • Prüfung und Einschätzung von Sonderrisiken
  • Einleitung und Unterstützung von Sanierungsmaßnahmen im Erstversicherungsbereich
  • Beratung und Unterstützung in der Portefeuillegestaltung, Zeichnungspolitik und Rückversicherungsgestaltung
  • Beratung und Unterstützung im Bereich des Alternativen Risikotransfers
  • Ausbildung von Mitarbeitern des Zedenten
  • Beratung beim Einsatz von EDV-Anlagen, Entwicklung von Expertensystemen
  • Abwicklung des Abrechnungsverkehrs
  • Übernahme versicherungsmathematischer Aufgaben
  • Beratung und Unterstützung in nicht-versicherungstechnischen Fragen
  • Vermittlung von Informationen und Kontakten zu Versicherungsmärkten

Rückversicherungsmarkt[Bearbeiten]

Der Weltmarkt hatte 2009 ein Volumen von rund 157 Mrd. US-Dollar (englisch: gross premiums written), von denen rund 67 % auf die schadenträchtige Nichtlebensrückversicherung entfällt. Die größte Nachfrage nach Rückversicherung kam mit 47 % aus Nordamerika. Von Europa wurden 38 % nachgefragt, Asien und Australien fragten 9 % der Weltnachfrage nach. Die restliche Welt fragte gerade noch 6 % nach.[2]

Insgesamt ist eine zunehmende Konzentration zu beobachten. Die zehn größten Rückversicherer hatten in den Jahren 2000–2006 bereits einen Marktanteil von über 40 %.[3]

Rückversicherungsunternehmen und -makler[Bearbeiten]

Rückversicherungsunternehmen[Bearbeiten]

Firmensitz der Swiss Re in London

Rückversicherungsgesellschaften gehören heute zu den größten Versicherungsgesellschaften überhaupt.

Die zehn größten Rückversicherungsgruppen (2010) nach gebuchten Nettoprämien in Mrd. US-Dollar[4]

Rang
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
Versicherung Land 2011 2010 2009 2008 2007
Munich Re Deutschland ? 31,280 ? 29,08 30,28
Swiss Re Schweiz ? 24,756 ? 24,30 27,71
Hannover Rück Deutschland ? 15,147 ? 10,20 10,63
General Reinsurance
(Berkshire Hathaway)
USA ? 14,374 ? 12,12 17,40
Lloyd’s of London
Rückversicherungsbörse
UK ? 12,977 ? 06,70 08,36
Scor Frankreich ? 08,872 ? 07,50 07,87
Reinsurance Group of America USA ? 07,201 ? 05,35 04,91
Allianz Re Deutschland ? 05,736 ? ? ?
PartnerRe Bermuda ? 04,881 ? 03,99 03,76
Everest Re Bermuda ? 04,201 ? 03,51 03,92
Transatlantic Holdings[5] USA 03,860 03,882 03,986 04,11 03,95

Rückversicherungsmakler[Bearbeiten]

Die zehn größten Rückversicherungsmakler verbuchten 2009 ein Prämienvolumen von umgerechnet rund 2,8 Mrd. Euro.[6]

Größter Rückversicherungsmakler der Welt ist nach der Übernahme der Firma Benfield am 28. November 2008 das zur Aon Corporation, Chicago, gehörende Unternehmen Aon Benfield.

Rangfolge nach Brutto-Courtage[7]:

  1. Aon Benfield (USA) 1.157,0 Mio. Euro
  2. Guy Carpenter (USA) 709,9 Mio. Euro
  3. Willis Re (UK) 495,6 Mio. Euro
  4. Cooper Gay (UK) 126,2 Mio. Euro
  5. Towers Watson (USA) 121,6 Mio. Euro

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Rückversicherung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen[Bearbeiten]

  • Peter Liebwein: Klassische und moderne Formen der Rückversicherung. Karlsruhe, VVW 2000.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wetterlexikon - Hurrikan Eintrag auf wetter.net
  2. Global Reinsurance Market Report (GRMR) der International Association of Insurance Supervisors (PDF; 762 kB)
  3. Cassandra R. Cole, Kathleen A. McCullough: A Reexamination of the Corporate Demand for Reinsurance, in: The Journal of Risk and Insurance, Vol. 73, 2006, S. 169–192.
  4. Reactions Supplement 2009
  5. Finanzbericht 2011 (PDF-Datei; 444 kB)
  6. Zeitschrift für Versicherungswesen 21/2010, S. 732
  7. Best Review 2009