Rütlischwur

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Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli (Ölgemälde von Johann Heinrich Füssli, 1780)

Der Rütlischwur ist ein Element einer Geschichtserzählung des ausgehenden 15. Jahrhunderts, die während der Frühmoderne als Gründungslegende der Alten Eidgenossenschaft eine wichtige Rolle spielte, und seit dem 19. Jahrhundert schliesslich als Nationalmythos der modernen Schweiz ausgebaut wurde.

Gemäss der Legende schlossen Vertreter von Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli, einer Wiese am Vierwaldstättersee, per Eid einen Bund gegen die tyrannischen Vögte der Habsburger, der nach der Ermordung eines Vogts durch einen der Verschwörer (Tell) in einen offenen Aufstand mündete (dem Burgenbruch), und schliesslich zu Entstehung und Wachstum der Alten Eidgenossenschaft.

Seit Aegidius Tschudi (Chronicon Helveticum) werden die Anführer dieser Abgesandten (die Drei Eidgenossen) mit Werner Stauffacher von Schwyz, Walter Fürst von Uri und Arnold von Melchtal aus Unterwalden gleichgesetzt. Andere Varianten ersetzten Fürst durch Wilhelm Tell.

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vermischte sich diese Geschichte einer ersten Verschwörung mit der Vorstellung, der Bund sei schriftlich gefasst und besiegelt gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine auf Anfang August 1291 datierte Urkunde als «Bundesbrief» in den Rang eines «Gründungsdokuments» der Eidgenossenschaft erhoben; die drei schwörenden Eidgenossen als Personifikationen des «ersten Bundes» wurden fortan mit einer Urkunde in der Hand dargestellt.

Geschichte[Bearbeiten]

Alte Eidgenossenschaft[Bearbeiten]

Rütlischwur, Darstellung an der Stauffacherkapelle in Steinen SZ

Früheste Quellen[Bearbeiten]

Nennung des Rüdli im Weissen Buch von Sarnen (S. 447): so furen sy für den myten stein in hin nachtz an ein End heist im Rüdli da tagten sy zu semmen […] und triben das eben lang und alwend heimlich und tagten der zyt niena anders denn im Rüdli

Eine schriftliche Überlieferung der Geschichte der Alten Eidgenossenschaft setzt in den Chroniken des 15. Jahrhunderts ein. Ein Kern der Befreiungstradition, zu deren zentralem Symbol der Rütlischwur schliesslich werden sollte, wird in der Berner Chronik Konrad Justingers fassbar (um 1420). Justinger berichtet, in der Zeit unmittelbar vor dem Morgartenkrieg (1315) seien die Waldstätten unter einer erdrückenden Willkürherrschaft der habsburgischen Vögte gestanden, was schliesslich den offenen Aufstand auslöste.

Voll ausgestaltet in ihrer nun traditionellen Form findet sich die Befreiungstradition dann um 1470 im Weissen Buch von Sarnen. Datiert sind die Ereignisse, die zum offenen Bruch mit Habsburg führen, auf die Zeit zwischen dem Tod von Rudolf von Habsburg (1291)[1] und der Schlacht bei Morgarten (1315).

Nach der Erzählung im Weissen Buch von Sarnen wurden die Vogteien in den Waldkantonen nach dem Tode Rudolfs an neue Vögte aus dem niedern Adel aus Aargau und Thurgau vergeben, namentlich Unterwalden an einen Landenberger und Schwyz und Uri an einen Gessler. Als der Landenberger Vogt einem Bauern im Melchi (Sachseln) ein Ochsengespann wegnehmen wollte, habe dessen Sohn sich zur Wehr gesetzt. Da der Sohn entfloh, habe der Vogt zur Strafe den Vater geblendet. Kurz darauf wird der Landenberger von einem Bauern in Altzellen mit der Axt erschlagen.

Derweil baut ein Stauffacher (stoupacher) aus Schwyz in Steinen ein steinernes Haus, und fürchtet nun Repressionen durch den Vogt Gessler. Auf Rat seiner Frau sucht Stauffacher in Uri und Unterwanden den Beistand von Männern, die ebenfalls unter Gessler zu leiden hatten, und findet so zusammen mit einem Fürst aus Uri und dem Sohn des geblendeten Bauern von Melchi aus Unterwalden. Nachdem die drei Männer einander Beistand geschworen hatten, suchten sie nach und nach die Unterstützung anderer, mit denen sie sich ebenfalls verschworen, einander beizustehen gegen die Herren.[2]

Die wachsende Zahl der Verschwörer (bzw. Eidgenossen) pflegte sich jeweils nachts zu heimlichen Beratungen zu treffen, und zwar fuhren sie dazu nachts vorbei am Mythenstein «an ein Ende, das heisst im Rütli».[3]

Als eigentlichen Auslöser der offenen Rebellion nennt das Weisse Buch von Sarnen schliesslich die Tötung Gesslers durch Tell.[4] Das Tellenlied (Halbsuterlied) von etwa 1477 nennt Tell gar den «ersten Eidgenossen». Die Erzählung des Burgenbruch erwähnt die Schleifung der Burgen Zwing-Uri bei Silenen, «Swandowe» (Schwanau), Landenberg in Sarnen und Rotzberg.

Die Erzählung wurde erstmals 1507 in gedruckter Form von Petermann Etterlin veröffentlicht.

Rezeption im 16. Jahrhundert[Bearbeiten]

Der Geschichtsschreiber Aegidius Tschudi setzte in seiner Mitte des 16. Jahrhunderts entstandenen Schweizer Chronik das Datum des Rütlischwures auf den «Mittwoch vor Martini» 1307 fest, also auf den 8. November 1307. Auf Tschudi gehen auch die inzwischen traditionellen Vornamen der Hauptfiguren zurück, die im 15. Jahrhundert erst nach ihrem Geschlecht bzw. ihrer Herkunft genannt sind, so Tell als Wilhelm Tell, Stauffacher als Werner Stauffacher, der «Fürst aus Uri» als Walter Fürst und «der aus Melche» als Arnold von Melchtal.

Während im 15. Jahrhundert das Rütli noch als heimlicher Treffpunkt der (bereits) Verschworenen genannt wird, verkürzt die Tradition des 16. Jahrhunderts die Geschichte dahingehend, dass der ursprüngliche Schwur der drei ersten Eidgenossen auf dem Rütli selbst stattgefunden habe. Erste Wandgemälde mit diesem Motiv entstehen bereits im 16. Jahrhundert, ebenso wie eine lokale Erinnerungskultur; so erwähnt Heinrich Brennwald bereits im frühen 16. Jahrhundert das Bestehen einer Tellskapelle auf der Tellenplatte, und Tschudi selber erwähnt eine Kapelle (ein heilig hüslin) das an der Stelle von Tells Tyrannenmord an Gessler erbaut worden sei. Das erste Tellspiel wurde 1512 oder 1513 aufgeführt.[5]

Die Drei Tellen und der Bauernkrieg von 1653[Bearbeiten]

Die «drei Eidgenossen» sind in der frühmodernen Schweiz auch unter der Bezeichnung «die Drei Telle(n)» bekannt. Diese drei Tellen wurden zu Symbolfiguren des Bauernaufstands von 1653. Jeweils drei Männer, in historische Tracht gekleidet, stellten die drei Eidgenossen dar bei Treffen in Schüpfheim, in den Freien Ämtern und im Emmental.

Eine Wiederkunft der drei Tellen wird in einem Tellenlied von 1653 prophezeit, um ihren Kampf für die Freiheit wieder aufzunehmen, wenn die Unterdrückung wieder überhand nimmt. Diese Prophezeiung wurde durch die Personifizierung der drei Tellen durch Kostümierte handfest umgesetzt, in einem verübte ein kostümierter Tell auch tatsächlich einen Anschlag: Die ersten drei Verkörperer der Tellen von 1653 waren Hans Zemp, Kaspar Unternährer von Schüpfheim und Ueli Dahinden von Hasli. Als der Aufstand niedergeschlagen wurde, flohen Unternährer und Dahinden ins Entlebuch und Zemp ins Elsass. Dahinden und Unternährer nahmen ihre Rolle als Tellen wieder auf, mit Hans Stadelmann als Ersatz für Zemp, und verübten in ihrer Verkleidung einen Anschlag auf Ulrich Dulliker den Schultheissen von Luzern, in dem der Luzerner Rat Caspar Studer zu Tode kam. Die symbolische Wirkung dieses Anschlags war beträchtlich, da er die Aufständischen mit den Eidgenossen und die Obrigkeit mit den grausamen Habsburger Vögten der Gründungslegende gleichsetzte.[6]

Im 18. Jahrhundert erscheinen die «drei Tellen» schliesslich in märchenhaften Volkserzählungen mit dem Motiv der Bergentrückung, als in der Rigi schlafend bis zu ihrer Rückkehr.[7]

Moderne Rezeption[Bearbeiten]

Der Rütlischwur im Drama Wilhelm Tell (1804)[Bearbeiten]

Eng verbunden mit dem Rütlischwur ist Friedrich Schillers Gestaltung der Sage von Wilhelm Tell:

Wir wollen sein ein einzig[8] Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
(2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)

Der erste Vers wird oft in der Version ein einig Volk von Brüdern zitiert, die aber nicht von Schiller stammt.[9]

Datierung auf 1291[Bearbeiten]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Gründungsmythos um den Rütlischwur im Zusammenhang des 1848 gegründeten Bundesstaats rezipiert.

Die nun geläufige Jahreszahl 1291 steht im Widerspruch mit der Tradition des Spätmittelalters und der Frühmoderne, und wurde erstmals 1889 vorgeschlagen: In Bern wollte man 1891 das 700-jährige Bestehen der Stadt feiern. Die Verbindung mit einer 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft kam da sehr gelegen. Im Bericht, den das Departement des Innern am 21. November 1889 für den Bundesrat verfasste, ist denn auch tatsächlich eine zweitägige Feier in Bern vorgesehen, nicht etwa in der Innerschweiz.

In der Innerschweiz wehrte man sich gegen die Vereinnahmung der lokalen Befreiungstradition durch Bern, und setzte 1895 demonstrativ die Jahreszahl 1307 auf das Telldenkmal in Altdorf, und noch 1907 wurde in Altdorf im Beisein einer Bundesratsdelegation das 600-jährige Bestehen der Eidgenossenschaft gefeiert.

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Inspiriert war die Neudatierung des Rütlischwurs auf 1291 durch den sogenannten Bundesbrief von 1291, einem Dokument, in dem sich die Führungsgruppen der drei siegelnden Talschaften gegenseitig gegen Ansprüche von unten und politischer Konkurrenten im Raum zu schützen suchten. Dieser Bundesbrief war davor kaum mit der Gründungslegende der Eidgenossenschaft in Verbindung gebracht worden. Historiker gingen im 19. Jahrhundert eher davon aus, den Bund von Brunnen (1315) als eigentliches Gründungsdokument der Eidgenossenschaft anzusehen, wenn man denn nicht überhaupt von einer schrittweisen Entstehung der Eidgenossenschaft ausging.[10]

Seit dem frühen 20. Jahrhundert ist allerdings das Jahr 1307 als Datum des Rütlischwurs immer mehr in den Hintergrund getreten und der 1889 begründete Schweizer Bundesfeiertag am 1. August (aufgrund der Datierung des Bundesbriefs von 1291) setzte sich immer mehr durch. Das 1909 gegründete Bundesfeierkomitee (heute Pro Patria) begann 1910 mit der Herausgabe von Bundesfeier-Postkarten. 1923 kam das offizielle 1.-August-Abzeichen hinzu. Seit 1994 ist schliesslich der 1. August als Schweizer Nationalfeiertag gesamtschweizerisch ein arbeitsfreier Tag.[11]

Ikonographie[Bearbeiten]

Rütlischwur, Fresko in der Tellskapelle

Während in frühen Darstellungen der drei Eidgenossen diese alleine dastehen, befinden sie sich später in Begleitung ihrer jeweiligen Gefolgschaft, die «das einzig Volk von Brüdern» repräsentiert.

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden bildliche Darstellungen des drei Eidgenossen-Motivs beliebt. Am bekanntesten dürfte das Gemälde Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli des Malers Johann Heinrich Füssli von 1780 sein. Der oft abgebildete, aus drei Quellen gespeiste und ebenfalls mythologische Brunnen auf dem Rütli wurde im Jahr 1865 eingeweiht. Imposant ist die von James Vibert erstellte Monumentalgruppe Die drei Eidgenossen in der Kuppelhalle des Bundeshauses in Bern.

Am Ende des 19. Jh. erscheinen Darstellungen der drei Eidgenossen auch im Kontext der Arbeiterbewegung, als Symbol einer klassenlosen Gesellschaft von Bauern und Arbeitern. Auf einer 1. Mai Postkarte aus dem Jahr 1908 wurde einer der drei Eidgenossen als Hinweis auf die damalige Frauenbewegung weiblich dargestellt.[12]

Literatur[Bearbeiten]

 Commons: Rütlischwur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rütlischwur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dü nü der selb küng Rudolf abgineg/ dü würden die vögt die er den lendern geben hat hochmütig vnd streng […] Das bestand also lang untz das des küngs geslecht us starb/ dü arbten der grafen fröwen vnd kind von Tyrol die so von dem geslecht habksburg dar komen waren/ hie dis geslecht/ an landen vnd an lüten/ das Turgow vnd das zürichgow und das Ergow und ander land slöss und lüt und güt das der von habksburg gesin was. Weisses Buch von Sarnen, S. 441 (fol. 208r).
  2. und funden nu und aber lüt heimlich die zügen sy an sich und swuren einandern trüw und warheit und ir lib und gut zu wagen und sich der herren ze werren (S. 446)
  3. und wenn sy ut tun und fürnemen wölten, so furen sy für den myten Stein in hinn nachtz an ein End heist im rüdli da tagten sy zu semmen und brach jr jeglicher lüt an sich denen sy möchten getruwen und triben das eben lang und alwend heimlich und tagten der zyt niena anders denn im rüdli (S. 447)
  4. ein redlicher man hiess der Thäll der hat ouch zu dem stoupacher gesworn und sinen gesellen (S. 447)
  5. Bergier, Jean-François. Wilhelm Tell: Realität und Mythos. München: Paul List Verlag, 1990, S. 63.
  6. Gregor Egloff: Drei Tellen im Historischen Lexikon der Schweiz
  7. Nr. 298 in Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm (1816).
  8. Wir wollen seyn ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr., 1. Auflage von 1804
  9. Beispiele siehe u. a. Wertheim und Erika Fuchs
  10. Es sind neben dem Bund von Brunnen und dem Bundesbrief von 1291 noch zahlreiche ähnliche Dokumente bekannt (angeblich «82 Dokumente für den Zeitraum von 1251 bis 1386»)
  11. Artikel 110 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft lautet: «Der 1. August ist Bundesfeiertag. Er ist arbeitsrechtlich den Sonntagen gleichgestellt und bezahlt.»
  12. Georg Kreis: Drei Eidgenossen im Historischen Lexikon der Schweiz