RS-24 (Rakete)

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RS-24 (Rakete)

RS-24 auf MZKT-79221
RS-24 auf MZKT-79221

Allgemeine Angaben
Typ Interkontinentalrakete
Heimische Bezeichnung RS-24 Jars, RS-12M2R
NATO-Bezeichnung SS-27 Mod. 2 Sickle-B
Herkunftsland Russland Russland
Hersteller Moskauer Institut für Wärmetechnik
Entwicklung 1998
Indienststellung 2010
Einsatzzeit Im Dienst
Technische Daten
Länge 21,00–22,90 m
Durchmesser 1.950 mm
Gefechtsgewicht 46.500–47.200 kg
Antrieb
Erste Stufe
Zweite Stufe
Dritte Stufe

Feststoff
Feststoff
Feststoff & PBV (Post Boost Vehicle)
Reichweite 10.000–12.000 km
Ausstattung
Lenkung INS und GLONASS
Gefechtskopf 3–4 MIRV Nukleargefechtsköpfe mit je 100–300 kt
Zünder Programmierter Zünder
Waffenplattformen MZKT-79221 LKW oder Raketensilo
Listen zum Thema

Die RS-24 „Jars“ (russisch РС-24 Ярс) ist eine silogestützte/mobile ballistische Interkontinentalrakete aus russischer Produktion. Der Systemindex der Streitkräfte Russlands lautet 15P180 und 15P181. In den START-Verträgen ist sie als RS-12M2R aufgeführt. Die Raketen werden 15Sch55M und 15Sch65M bezeichnet. Das Startfahrzeug trägt die Bezeichnung 15U175M und der NATO-Codename lautet SS-27 Mod. 2 Sickle-B.[1] Die RS-24 ist eine Weiterentwicklung der RS-12M2 Topol-M (NATO-Codename SS-27 Sickle-B), welche mit Mehrfachsprengköpfen bestückt ist.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die RS-24 wurde vom Westen weitgehend unbeobachtet entwickelt.[2] Sie basiert auf dem Entwurf der Interkontinentalrakete RS-12PM-OS Universal. Bei dieser Rakete handelte es sich um eine abgeänderte RS-12M Topol (SS-25 Sickle), die mit einer neuen Gefechtskopfsektion für bis zu sechs MIRV-Sprengköpfe bestückt war. Dieses Projekt wurde Anfang der 1990er-Jahre abgebrochen und nicht weiterverfolgt. Mitte der 2000er-Jahre wurde die Gefechtskopfsektion der RS-12PM-OS Universal so modifiziert, dass sie auf eine RS-12M2 Topol-M aufgesetzt werden konnte. Die so entstandene Rakete wird als RS-24 „Jars“ bezeichnet.[3][4][5]

Nachdem bereits die Ursprungsversion RS-12M Topol (NATO-Codename SS-25 Sickle) am 30. Mai 1983 mit MIRV-Sprengköpfen getestet wurde,[6] vermeldete im Dezember 2006 Nikolai Solowzow, der Oberbefehlshaber der strategischen Raketentruppen Russlands, dass die Weiterentwicklung RS-12M2 Topol-M ebenfalls mit MIRV-Sprengköpfen bestückt werden könne.[7] Dennoch war die westliche Presse überrascht, als am 29. Mai 2007 eine solche Rakete getestet wurde. Bei diesem Test wurde eine RS-24-Rakete in Kosmodrom Plessezk gestartet und erreichte weniger als eine halbe Stunde später ihr Ziel auf der Halbinsel Kamtschatka, 5300 km weiter östlich. Zwei weitere erfolgreiche Testflüge von Plessezk gab es am 25. Dezember 2007 sowie am 26. November 2008.[8] Im Juli 2010 gab das russische Verteidigungsministerium bekannt, dass die ersten drei RS-24-Raketen den Strategischen Raketentruppen Russlands übergeben und auf der Raketenbasis Teikowo stationiert wurden.[9] Der jüngste Raketenstart fand am 6. Februar 2019 vom Kosmodrom Plessezk ab einer mobilen Startplattform statt. Die Sprengköpfe trafen planmäßig die Ziele auf dem Raketentestgelände Kura, auf der Halbinsel Kamtschatka.[10]

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die RS-24-Raketen können in Raketensilos stationiert werden oder auf den geländegängigen 16×16-LKW vom Typ MZKT-79221 platziert und ab diesem gestartet werden.[11][12] Jedes Fahrzeug ist mit einer Rakete bestückt. Die Raketen werden kalt gestartet. Mittels Gasdruck wird sie aus dem zylinderförmigen Abschussbehälter auf eine Höhe von ca. 30 m ausgestoßen. Erst dann zündet die erste Raketenstufe. Der Raketenstart kann aus den Garagen für das Startfahrzeug erfolgen, die ein teilbares Schiebedach haben, weiterhin von eingemessenen Geländepunkten entlang einer festgelegten Patrouillienroute oder von beliebigen Punkten im Gelände.[13] Das mobile System ist schnell verlegbar und daher schwierig zu lokalisieren. Somit ist eine präventive Zerstörung nur schwierig realisierbar. Für den Raketenstart wird eine Vorbereitungszeit von wenigen Minuten benötigt.[14]

Über diese RS-24-Raketen gibt es nicht viele gesicherte Daten und diese sind zum Teil auch irreführend. Es wurden zwei Raketentypen entwickelt: Die 15Sch55M-Rakete für den Start ab LKW und die 15Sch65M-Rakete für den Start aus Silos.[1] Die RS-24-Rakete wird in der Wotkinsker Maschinenfabrik produziert und verwendet die Antriebstechnik der ab 1991 entwickelten RS-12M2 Topol-M. Die RS-24 hat drei Hauptantriebstufen mit Feststoff-Raketentriebwerken. Die vierte Antriebsstufe für Wiedereintrittskörperträger (englisch Post Boost Vehicle) verfügte ebenfalls über ein kleines Feststoff-Raketentriebwerk zur Lageregelung. Die Antriebsstufen sind übereinander angebracht und zünden der Reihe nach. Die erste Stufe hat einen Durchmesser von 1.950 mm, die zweite 1.610 mm und die dritte 1.580 mm.[4] Die Steuerung erfolgt über vier Strahlruder am Raketentriebwerk. Die Lenkeinheit besteht aus einem Trägheitsnavigationssystem, einem Empfänger für das Globale Navigationssatellitensystem GLONASS und einem digitalen Computer.[13] Die RS-24 soll mit 3–4 MIRV-Sprengköpfen mit einer Sprengleistung von jeweils 100–300 kt bestückt sein.[4][13] Die RS-24-Rakete soll einen Streukreisradius (CEP) von unter 250 m erreichen.[1][14]

Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • RS-24 Jars-S (15P180): Mobile Version, installiert auf einem 15U175M-LKW mit Rakete 15Sch55M-Rakete. NATO-Codename SS-27 Mod. 2 Sickle-B.[13]
  • RS-24 Jars-M (15P181): Silogestützte Version mit 15Sch65M-Rakete. NATO-Codename SS-27 Mod. 3 Sickle-B.[1]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stationierung der RS-24 wird von Beobachtern als Antwort von Russlands Vize-Ministerpräsidenten und Rüstungsverantwortlichen Sergei Iwanow auf die angekündigten US-amerikanischen Raketenabwehrstationen in Polen und Tschechien gedeutet (vgl. Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence). Politisch wird die Stationierung auch als russische Machtdemonstration zur Ratifizierung des Abrüstungsvertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) gesehen, der allerdings nach ergebnislosen Verhandlungen in Wien vom russischen Präsidenten Wladimir Putin am 14. Juli 2007 ausgesetzt worden war.[15]

Anderseits haben viele der russischen Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen wie z. B. die UR-100N und R-36M ihre ursprünglich geplante Dienstzeit überschritten und müssen ersetzt werden.[4] Die RS-24 kann als schnell realisierbare und kostengünstige Evolution der Topol-Rakete diese alten Interkontinentalraketen ohne großes Entwicklungsrisiko ersetzen.[4] So berichtete der Befehlshaber der Strategischen Raketentruppen (RWSN), Generalleutnant Sergei Wiktorowitsch Karakajew am 1. Dezember 2010, dass die mobilen Topol-M-Raketen mit Einfachsprengkopf schrittweise durch die neuen Interkontinentalraketen RS-24 „Jars“ mit Mehrfachsprengköpfen (MIRV) ersetzt werden sollen.[16]

Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 2022 befinden sich rund 153 RS-24 Raketen in der mobilen und rund 20 RS-24 Raketen in der stationären Version im Dienst der russischen Raketentruppen.[17] Die mobilen Raketen sind in Teikowo, Nischni Tagil, Joschkar-Ola, Irkutsk und Nowosibirsk stationiert. Die silogestützten Raketen sind in ausgedienten UR-100N-Raketensilos in Koselsk stationiert.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: RS-24 Jars – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Militaryrussia.ru: РС-24 Ярс / Тополь-МР - SS-X-29 / SS-29 / SS-27 mod.2 SICKLE-B
  2. Russianspaceweb.com: Topol-M program
  3. Landgestützte sowjetische/russische ballistische Lenkwaffen. DTIG – Defense Threat Informations Group, Februar 2011, S. 34+36.
  4. a b c d e Duncan Lennox: IHS Jane's Weapons: Strategic 2012–2013 (Jane's Weapon Systems Strategic). Janes Information Group; 56th edition edition, März 2012, ISBN 0-7106-3021-2.
  5. A. W. Karpenko; A. D. Popow; Ju. S. Solomonow; A. F. Utkin: Sowjetisch-Russische Strategische Raketenkomplexe. Elbe-Dnjepr-Verlag, 2006. ISBN 3-9333-9579-8. S. 185–187.
  6. A. W. Karpenko; A. D. Popow; Ju. S. Solomonow; A. F. Utkin: Sowjetisch-Russische Strategische Raketenkomplexe. Elbe-Dnjepr-Verlag, 2006. ISBN 3-9333-9579-8. S. 176–179.
  7. Spekulation um Start-1 – Topol-M-Raketen erhalten Mehrfachgefechtsköpfe. RIA Novosti, 19. Dezember 2006, abgerufen am 16. April 2014.
  8. Flight test of RS-24 missile
  9. Russianforces.org – Le RS-24 est arrivé!
  10. С космодрома Плесецк проведён пуск ракеты РС-24 «Ярс». In: Красная звезда. redstar.ru, 8. Februar 2019, abgerufen am 2. August 2019 (russisch).
  11. Armyrecognition.com: RS-24 Yars SS-29 Nuclear ICBM InterContinental Ballistic Missile
  12. Russianforces.org: Silo-based RS-24
  13. a b c d Bastion-karpenko.ru: МОБИЛЬНЫЙ РАКЕТНЫЙ КОМПЛЕКС «ЯРС» MOBILE MISSILE COMPLEX YARS
  14. a b Missilethreat.csis.org: RS-24 Yars
  15. Jonathan Marcus: Russia sends warning to the West. BBC, 14. Juli 2007, abgerufen am 16. April 2014 (englisch).
  16. Russland plant Aufrüstung mit neuer Superrakete RS-24. RIA Novosti, 1. Dezember 2010, abgerufen am 16. April 2014.
  17. Hans M. Kristensen & Matt Korda: Russian nuclear weapons, 2022. In: thebulletin.org. Bulletin of the Atomic Scientists, 23. Februar 2022, abgerufen am 10. März 2022 (englisch).