Radif

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Radīf (persisch ردیف; deutsch Reihe, Folge, Rangordnung) bezeichnet innerhalb der klassischen persischen Musik (sowie in der aserbaidschanischen Kunstmusik[1]) eine Sammlung traditioneller, in bestimmter Reihenfolge aufzuführender melodischer Figuren, die sich über mehrere Generationen durch mündliche Weitergabe von Meistern (Ostāds) an ihre Schüler erhalten haben.

Die etwa 300 Musikstücke bzw. „Melodien“ (Guschehs; persisch: Guscheh-hā) der jeweiligen Instrumental- bzw. Vokalradifs sind innerhalb mehrerer Tonsysteme, genannt Dastgāhs (oder Awaz als Bezeichnung für einen kleineren bzw. untergeordneten Dastgah), angeordnet. Wesentliche Elemente bei der Aufführung und Interpretation sind improvisierte Verzierungen der Motive mit teils komplexen Ornamenten.[2][3] Mit der Zeit entwickelt jeder Ostād eigene Interpretationen, die nach ihm benannt werden und den traditionellen Melodienbestand dieses „kanonischen Registers“[4] erweitern, so dass jedes Stück (Guscheh) durch seine Zugehörigkeit zu einem (von 12) bestimmten tonalen und modalen System (Dastgah bzw. Awaz) und einem bestimmten Meister (Radif) beschreibbar ist.

Das Erlernen der - durch Noten nur unzureichend darstellbaren[5] - Radīfs erfordert viel Übung (wobei der direkte Kontakt mit dem Meister, der einzelne Passagen vorspielt, welche vom Schüler exakt imitiert und erinnert werden, wesentlich ist[6]) und Praxis. Nur so kann deren Essenz vom Interpreten erfasst und verinnerlicht werden, so dass er Teile davon jederzeit wiedergeben kann. Die Rhythmen dieser Radīfs sind stark von Versmaßen der persischen Literatur, deren Vertonungen einen hohen Stellenwert in der iranischen Musik haben[7], beeinflusst. 1965 wurde an der Universität Teheran der erste Studiengang für klassische iranische Musik eingerichtet und als Dozent für Radīf Nur-Ali Borumand (1905–1977) ernannt.

Die Ursprünge der Radifs liegen vermutlich in sassanidischer Zeit, als der Hofmusiker Bārbad für Chosrau II. (reg. 590–628) komponierte. Bārbad soll die grundlegende Einteilung der Dastgahs entwickelt haben.[8] Eine erstmalige systematische Zusammenstellung der mündlich überlieferten, jedoch im Laufe der Zeit auch veränderten und nicht mehr unbedingt mit den in Abhandlungen aus Zeit der Safawiden genannten Bezeichnungen gleichzusetzenden, Melodien (bzw. Guschehs)[9] erfolgte durch Mirza Abdollah Farahani (1843–1918), der für diese Guschehs, in moderner Notenschrift veröffentlicht durch Jean During,[10] auch eine für Aufführungen verbindliche Reihenfolge festlegte und diese als „Radif“ bezeichnete.[11] Am 28. September 2009 wurden die Radīf-hā in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. [12][13]

Bedeutende Radif-Meister waren z.B. Abolhasan Saba, (Mirzā) Hossein Gholi (Radif für Tar) und dessen Bruder (Mirzā) Abdollāh Farāhāni (Radif für Saiteninstrumente), ’Abdollāh Dawāmi (1899–1980; Radif für Gesang[14]), Musā Ma’rufi (1963[15]), Yusef Forutan, Faradsch Rezāiev, Asadollah Nayeb („Asadollah Esfahani“; Radif für Ney), Ziā ol-Zākerin (gestorben 1973; Radif für Gesang) und Ali Akbar Schahnāzi (1897–1985; Radif für Tar) sowie der schon genannte Nur-Ali Borumand, der den Radif des Mirza Abdollah überlieferte.

Aufführungspraxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Aufführung gelangt jeweils ein Dastgāh (meist aus dem überlieferten Radif eines Meisters) mit allen oder einem Teil der dazugehörigen Guschehs. Dem suitenartigen Ablauf voran geht eine einstimmende, die tonale Umgebung (māye) des Dastgāh vorstellende Einleitung (Darāmad), der ein (durchkomponiertes) Vorspiel (die instrumentale, früher auch pischro genannte, Pischdaramad[16]) vorangehen kann. Im weiteren Verlauf folgen weitere definierte Teile, z.B. Tschahār-Mezrāb[17] (ein rhythmusbetontes, zum Beispiel im 6/16-Takt[18] dargebotenes Instrumentalstück der Dastgah-"Suite")[19][20] und Zarbi (ein improvisiertes rhythmisches Musikstück).[21] Den Abschluss einer Dastgāh-Darbietung bildet oft eine rhythmische und lebhafte Tanzmelodie (Reng)[22][23], deren Ursprung in der persischen Volksmusik anzusiedeln ist.

Die klassische, aus improvisierten und nichtimprovisierten Stücken bestehende Abfolge von Pischdaramad, Tschahar Mezrab, Awaz (frei improvisierter Gesang mit unbestimmten Metrum), Tasnif (balladenartige Liedkomposition)[24][25] und Reng wird bei heutigen Darbietungen in bezug auf Zahl und Reihenfolge der Formteile auch abgeändert angetroffen.[26][27] Es gibt rein instrumentale, aber häufiger aus Gesang- und Instrumental-Abschnitten zusammengesetzte Darbietungen.

In den Radifs benutzte Guschehs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abol, Abol tschap, Bayat-e 'Adscham, 'Arāgh, 'Aschirān, Āschurāwand, Āwāz, Āzarbāydschāni, Bachtiyāri, Bahr-e nur, Bāl-e kabutarān, Bardāscht, Basteh-negār, Bāwi, Bidād, Bidād-e kot, Bidegāni, Bozorg, Busalik, Chārā, Chāwarān, Chodschasteh, Chosrawāni, Dād, Darāmad (Einleitung eines jeden Dastgahs)[28], Delkasch, Denāseri, Dobeyti, Dogāh, Dschāmeh-darān, Esfahānak, Farang, Farang wa Schuschtari darān, Feyli, Forud (eine Art abschließende Kadenz), Gabri, Gardāniye, Gawescht, Gereyli, Moghaddame-ye Gereyli, Ghadschar, Gham-angiz, Gharadsche, Gharā'i, Gharam, Ghatār, Ghesmat, Gilaki, Golriz, Hādschi Hasani, Hādschiyāni, Hazin, Hedschāz, Hesār, Hodi, Hoseyn, Kereschmeh, Kereschmeh bā Muye, Kereschmeh-ye Rāk, Koroghli, Koschte-morde, Kutschek, Leyli o Madschnun, Lezgi, Madschles-afruz, Madschosli, Maghlub, Māhur-e saghir, Malek Hoseyn, Mansuri, Masihi, Masnawi, Matn wa hāschiye, Mawāliān, Māwarā-on-nahr, Mehdi Zarrābi, Mehrabāni, Meygoli, Mo'ālef, Mobargha', Mochālef, Moghaddameh-ye Dād, Mohayyer, Mollā Nāzi, Morād Chāni, Muye, Nafir, Naghmeh (z. B. Naghmeh-ye Maghlub), Nahib, Nahoft, Nasir Chāni (Tusi), Nastāli, Ney-dāwud, Neyriz, Neyschāburak, Nowruz, Nowruz-e 'arab, Nowruz-e Chārā, Nowruz-e Sabā, 'Oschschāgh, Owdsch (auch Owj), 'Ozzāl, Pahlawi, Pandschgāh, Pas Hesār, Pischdarāmad (Vorspiel), Pisch Zanguleh, Radschaz, Bayāt-e Rādscheh, Rāk, Rāk-e hendi, Rāk-e keschmir, Rāk-e 'Abdollāh, Rāmkeli, Rāwandi, Rāz o niyāz, Razawi, Reng (z. B. Reng-e Delgoschā, Reng-e Farah, Reng-e Harbi, Reng-e Nastāri, Reng-e Osul, Reng-e Schahr-āschub, Reng-e Schalachu, Reng-e Yek chube), Rohāb, Ruh-afzā, Ruh-ol-arwāh, Safā, Safir-e Rāk, Sāghi-nāmeh, Salmak, Sayachi, Schāh Chatā'i, Schahnāz, Schahnāz-e kot ('Aschegh kosch), Schekaste, Schur-e pā'in daste, Schuschtari, Sepehr, Sufi-nāmeh, Suz o godāz, Tacht-e tāghdis (Tacht-e Kāwus), Tarab-angiz, Tarz, Tschahār Guscheh, Tschahār-mezrāb, Tschahār-pāreh, Tschakāwak, Tusi, Yaghuluna, Zābol, Zang-e schotor, Zanguleh, Zanguleh-ye saghir wa kabir, Zir-āfkand, Zirkesch-e Salmak.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mehdi Barkechli: Les Systèmes de la Musique Traditionelle de l'Iran (Radif). Teheran 1973.
  • Nelly Caron, Dariouche Safvate: Iran – Les Traditions musicales. Buchet/Chastel, Institut International d'Études Comparatives de la Musique, Berlin 1966.
  • Margaret Caton: Performance Practice in Iran: Radīf and Improvisation. In: Virginia Danielson, Dwight Reynolds, Scott Marcus (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 6: The Middle East. Garland, London 2002, S. 129–143.
  • Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, ISBN 964-8772-09-6, insbesondere S. 288–329.
  • Jean During, Zia Mirabdolbaghi, Dariush Safvat: The Art of Persian Music. Mage Publishers, Washington DC 1991, ISBN 0-934211-22-1, passim, insbesondere S. 15, 35–37, 50–55, 60–71, 79–87, 92–97, 202 f., 214–216, 244–247,
  • Hormoz Farhat: The Dastgāh Concept in Persian Music. Cambridge University Press, Cambridge 1990, ISBN 0-521-30542-X, insbesondere S. 21–25.
  • Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 183–226.
  • Bruno Nettl: The Radif of Persian Music. Studies of Structure and Cultural Context in the Classical Music of Iran. Elephant & Cat, Champaign/Illinois 1987, verbesserte 2. Aufl. 1992.
  • Mohammad Taghi Massoudieh: Radīf vocal de la musique traditionelle par Maḥmūd-e-Karīmī. Teheran 1978
  • Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, SBN 674-13435-4, insbesondere S. 62–97 (The Radif of Persian Art Music.).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, S. 288–329, insbesondere S. 290
  2. Edith Gerson-Kiwi: The Persian Doctrine of Dastga-Composition. A phenomenological study in the musical modes. Israel Music Institute, Tel-Aviv 1963, S. 22 f.
  3. Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 98–125 (Improvisation)
  4. Nasser Kanani: Die persische Kunstmusik. Geschichte, Instrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. (Mussighi'e assil'e irani). Förderkreis der Freunde Iranischer Kunst und Traditioneller Musik, Berlin 1978, S. 11 f.
  5. Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, S. 294
  6. Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, S. 294 f.
  7. Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 230–237
  8. Margaret Caton: Performance Practice in Iran: Radīf and Improvisation. In: Virginia Danielson, Dwight Reynolds, Scott Marcus (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 6: The Middle East. Garland, London 2002, S. 129
  9. During, Mirabdolbaghi (1991), S. 33 f.
  10. Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006.
  11. Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 189 f.
  12. Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 191, Anm. 243
  13. Kulturerbe
  14. Farâmarz Pâyvar (Hrsg.): Vocal Radif and Old Tasnifs, according to the Version of Ostâd Abdollâh Davâmi. Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2005, ISBN 964-6409-37-7.
  15. Musa Ma'rufi: Radif-e Musiqi-ye Iran. Honarha-ye Ziba, Teheran 1963.
  16. zu persisch pisch (‚vor‘) und daramad (‚Einleitung‘)
  17. ‚Vier Plektrumschläge‘; abgeleitet von persisch tschahār (‚vier‘) und mezrāb (‚Schlag, Schlägel, Plektrum‘); vgl. dazu Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 133
  18. Ahmad Ebadi: 10 Pieces of Chaharmezrab. Hrsg. von M. R. Gorginzadeh, ISBN 964-5842-50-6, S. 5–26.
  19. Edith Gerson-Kiwi: The Persian Doctrine of Dastga-Composition. A phenomenological study in the musical modes. Israel Music Institute, Tel-Aviv 1963, S. 15 f.
  20. Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 209–211 („Pisch Daramad“) und 212 f. („Tschahar Mezrab“)
  21. Hormoz Farhat: The Dastgāh Concept in Persian Music. Cambridge University Press, Cambridge 1990, S. 21–23.
  22. Nasser Kanani: Die persische Kunstmusik. Geschichte, Instrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. (Mussighi'e assil'e irani). Förderkreis der Freunde Iranischer Kunst und Traditioneller Musik, Berlin 1978, S. 13 („Pischdàramad“), 14 („Tschahar Mezrab“) und 18 („Reng“)
  23. Hörbeispiel: Reng-e Koroghli
  24. Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 138–143
  25. Hormoz Farhat: The Dastgāh Concept in Persian Music. Cambridge University Press, Cambridge 1990, S. 23.
  26. Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 147 f.
  27. Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 205–226
  28. Der Begriff Dar-āmad (درآمد), wörtl. „das, was herauskommt“, ist die Einführung in den Grundmodus bzw. in die Grundskala des jeweiligen Dastgāhs bzw. Āwāz.