Radikaler Feminismus

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Der Radikale Feminismus ist eine Strömung der feministischen Theorie.

Ideologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der radikale Feminismus kann als eigenständige Ideologie gesehen werden, die die Geschlechterdivision von zentraler politischer Bedeutung ansieht und kann nicht wie frühere Formen des Feminismus als Teilmenge des Sozialismus oder Liberalismus beschrieben werden.[1]

Radikalen Feministen zufolge seien alle Formen der Unterdrückung – rassistischer, klassistischer oder imperialistischer Art – durch das Patriarchat verursacht. Manche radikale Feministen wollen männliche Macht oder männliche Werte komplett abschaffen und sie durch weibliche Werte ersetzen.[2]

Simone de Beauvoir (1908–1986) bezeichnete den radikalen Feminismus, nach Juliet Mitchell, als feministische Theorie, welche den Standpunkt vertritt, dass nicht das System Frauen unterdrückt, sondern die Männer die Unterdrücker sind. In erster Linie handelt es sich, laut radikalem Feminismus, in unserer Gesellschaft um einen psychologischen Machtkampf, den die Männer gewinnen, weil ihnen alle Gesellschaften den Vorrang zugebilligt haben.[3]

Die radikale Feministin Ti-Grace Atkinson sieht Männer als „Sklavenhalter“ und von einer Krankheit befallen, von der sie geheilt werden müssten. Sie hält militärische Terminologie für angemessen und sprach davon, dass Frauen „zurückkämpfen“ müssten. Frauen seien bisher von der Gesellschaft „programmiert“ worden, keinen Widerstand zu leisten.[4]

Die Autorin und radikale Feministin Anne Koedt erweitert den Begriff, indem sie hinzufügt, dass der radikale Feminismus den Einsatz für die vollständige Abschaffung der von der Gesellschaft konstruierten Geschlechterrollen beinhalte. Der Position des radikalen Feminismus liegt zugrunde, dass beide Geschlechterrollen, sowohl die männliche als auch die weibliche, gesellschaftlich erlernt und nicht biologisch bedingt sind. Laut Koedt geht der radikale Feminismus davon aus, dass diese Geschlechterrollen männliche, politische Konstrukte sind, die zur Aufrechterhaltung der männlichen Vorherrschaft und ihres überlegenen Status dienen. Weiter sagt Koedt, dass eine radikale Feministin/ein radikaler Feminist eine Person ist, welche sich nicht nur darauf beschränkt, in ihrem Privatleben für Gleichberechtigung zu sorgen, sondern auch auf politischer Ebene das sexistische gesellschaftliche Konstrukt der Geschlechter abschaffen will.[5] „Man wird nicht als Frau geboren, man wird erst dazu ...“.[6]

Valerie Solanas, auf der anderen Seite, hielt Männer für biologisch unterlegen und lehnte Beziehungen zu Männern ab. Solanas und das von ihr verfasste SCUM Manifesto erlangten nach ihrem Mordversuch an Andy Warhol 1968 große Bekanntheit und ihr Manifest wurde von einigen als Pflichtlektüre für den radikalen Feminismus bezeichnet. Ihre Sichtweise stieß jedoch auch auf Widerspruch anderer radikalen Feministen.[7]

Geschichte und Einfluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der radikale Feminismus entstammte aus den neuen linken Bewegungen und Friedensbewegungen der 1960er, bei denen sich Frauen ausgeschlossen sahen und daher feministische Gruppen gründeten. Radikale Feministen brachten die Consciousness Raising-Gruppen hervor.[8] Insbesondere ab den 1980er Jahren spalteten sich die feministischen Bewegungen weiter auf und es entstanden Mischformen (z. B. aus radikalem und marxistischem Feminismus).[1]

Der radikalen Feministin Ellen Willis hielt später fest, dass der radikale Feminismus das Vokabular der zweiten Frauenbewegung („consciousness-raising“, „Das Persönliche ist politisch“, „sisterhood is powerful“) geprägt habe und eine „Atmosphäre der Dringlichkeit“ geschaffen habe, die zu gesetzlichen Änderungen wie die Verabschiedung des Equal Rights Amendment führte.[9]

Kontroversen und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kenneth Lasson von der University of Baltimore kritisierte 1992, der radikale Feminismus, der die Kontrolle über den akademischen Elfenbeinturm und die Welt dahinter für sich beanspruche, habe sich auf die falsche Seite geschlagen. Unter anderem kritisierte er, radikale Feministen würden die Menschen tyrannisieren und im Speziellen Männer hassen. Infolgedessen sei die Frauenbewegung von vielen als männerfeindlich wahrgenommen worden. Die radikalen feministischen Gelehrten würden es zudem versäumen, Männer für ihre Ideen zu gewinnen. Lasson schreib, er habe durchaus Sympathien für eine liberale Form des Feminismus. Er lehnte jedoch die Interpretation des radikalen Feminismus ab, Männer als Klasse würden Frauen unterdrücken. Aus der feministischen Perspektive kritisierten Susan Williams und David Williams 1996 die Publikation Lassons als „wütende Tirade“. Er würde Strohmann-Argumente verwenden und vernachlässigen, dass radikale Feministen männliches Verhalten für sozial konstruiert hielten, das geändert werden könne.[10]

Die Gerechtigkeitsfeministin Cathy Young kritisierte 2018 den radikalen Feminismus, der seit den 1970ern auf dem Vormarsch sei, für eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Männern. Young verweist auf Betty Friedan, die in den 1960er Jahren Männer noch als Mitbetroffene von gesellschaftlichem Druck gesehen hatte, während später Andrea Dworkin und Marilyn French Männer als „brutale Fußsoldaten des Patriarchat“ darstellten. Diese Tendenz habe einen neuen Höhepunkt erreicht, nachdem radikale feministische Ideen vom akademischen und aktivistischen Randbereich in Mainstream-Konversationen gewandert sei und dort ein „Zyklus der Misandrie“ entstanden sei, der letztlich auch dem Feminismus schade. Zur Verwirklichung der noch bestehenden feministischen Ziele äußerte Young, dass Männer dafür gleichberechtigt eine Stimme erhalten und mit der gleichen Menschlichkeit behandelt werden sollten.[11][12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Rowohlt, Hamburg 1951, DNB 450285936.
  • Jutta Menschik (Hrsg.): Grundlagentexte zur Emanzipation der Frau. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1976, ISBN 3-7609-0543-9.
  • Juliet Mitchell: Woman’s estate. Penguin, Harmondsworth 1971, ISBN 0-14-021425-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Andrew Heywood: Political Ideologies: An Introduction. Macmillan International Higher Education, 2012, ISBN 978-0-230-36994-8, S. 229 (google.de [abgerufen am 30. Januar 2021]).
  2. Penny Welch: Feminist Theory and the Contemporary Women's Movement: Strands of Feminist Theory. In: University of Wolverhampton. Februar 2001, abgerufen am 30. Januar 2021.
  3. Simone de Beauvoir: Ich bezeichne mich selbst als Feministin. 1974.
  4. Barbara A. Crow: Radical Feminism: A Documentary Reader. NYU Press, 2000, ISBN 978-0-8147-1555-0, S. 84 ff. (google.de [abgerufen am 31. Januar 2021]).
  5. Anne Koedt: Lesbianism and Feminism. In: Radical Feminism. 1971.
  6. Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. 1968.
  7. Alice Echols: "Daring to be bad" : radical feminism in America, 1967-1975. Minneapolis : University of Minnesota Press, 1989, ISBN 978-0-8166-1787-6, S. 104–105 (archive.org [abgerufen am 2. Februar 2021]).
  8. Jone Johnson Lewis: What Is Radical Feminism? In: ThoughtCo. Abgerufen am 30. Januar 2021 (englisch).
  9. Ellen Willis: Radical Feminism and Feminist Radicalism. In: Social Text. Nr. 9/10, 1984, ISSN 0164-2472, S. 91–118, hier: S. 92, doi:10.2307/466537.
  10. Susan Williams, David Williams: A Feminist Theory of Malebashing. In: Michigan Journal of Gender & Law. Band 4, Nr. 1, 1. Januar 1996, ISSN 1095-8835, S. 35–127, hier: S. 44 ff. (umich.edu [abgerufen am 30. Januar 2021]).
  11. Cathy Young: When radical feminists treat men badly, it's bad for feminism. Abgerufen am 30. Januar 2021 (kanadisches Englisch).
  12. Cathy Young: Feminists treat men badly. It’s bad for feminism. In: Washington Post. ISSN 0190-8286 (washingtonpost.com [abgerufen am 31. Januar 2021]).