Rafid Ahmed Alwan

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Rafid Ahmed Alwan oder auch Rafid Ahmed Alwan El Dschanabi (arabisch  رافد أحمد علوان الجنابي, DMG Rāfid Aḥmad ʿAlwān), auch unter dem Pseudonym Curveball bekannt, ist ein deutscher Staatsangehöriger irakischer Herkunft, der in Deutschland Asyl beantragte. Er behauptete, an irakischen Programmen zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen beteiligt gewesen zu sein. Sein bürgerlicher Name wurde erst Anfang November 2007 enthüllt.[1] Obwohl alle seine Aussagen erlogen waren,[2] diente er als Informant der Bundesrepublik Deutschland, die seine Äußerungen an die US-Regierung weitergab.

Computergenerierte Abbildung der angeblichen mobilen Anlagen zur Produktion chemischer Kampfstoffe, präsentiert von dem damaligen US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003 zur Legitimation des Sturzes Saddam Hussein und des Irakkrieges.
Außenminister Colin Powell während seiner berühmten Rede vor dem UN-Sicherheitsrat am 5. Februar 2003, der drei bereits damals höchst umstrittene Gründe für ein militärisches Eingreifen vortrug: das angebliche Atomwaffenprogramm des Landes, Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida und die Angaben aus Deutschland über mobile Biowaffenlabore. Er hält ein Modell zur Veranschaulichung von Anthrax in der Hand.
In der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) in Zirndorf nimmt Alwan im Jahr 1999 über dessen dortige Außenstelle zum ersten Mal Kontakt mit dem BND auf.[3][4][5]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alwan kam 1999 nach Deutschland und beantragte Asyl. Hier sprach der Ingenieur[6] mit dem BND. Er gab an, Experte für chemische Kampfstoffe und Direktor einer Anlage zu deren Produktion in Djerf al Nadaf zu sein. Auch von mobilen Anlagen zur Produktion chemischer Kampfstoffe erzählte er.[7] Er weigerte sich, mit amerikanischen Geheimdiensten zu reden.[8] Die Aussagen Alwans zu den angeblichen Massenvernichtungswaffen wurden von der Bush-Regierung für die Begründung des Kriegs herangezogen und seine Bekundungen von Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat als Beleg für unerlaubte Waffenprogramme Bagdads angeführt. Der damalige Europachef der CIA Tyler Drumheller behauptet, er habe zuvor CIA-Chef George Tenet vor der Unzuverlässigkeit der Quelle gewarnt.[9]

Gunter Pleuger, ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen, bestätigte, dass die Informationen ursprünglich aus Deutschland kamen. Eine offizielle Warnung, dass die Informationen möglicherweise nicht richtig sind, gab es von seiner Seite nicht.[10] 2011 bezichtigte der ehemalige BND-Chef August Hanning die USA, sie hätten „den BND für ihre Begründung des Irak-Krieges missbraucht“. Mehrere ehemalige hochrangige BND-Mitarbeiter bestätigten, die CIA mehrmals auf verschiedenen Kanälen davor gewarnt zu haben, sich auf die Aussagen von Curveball zu verlassen. Hanning habe seine Bedenken sogar in einem Schreiben an Tenet formuliert.[11]

Alwan wurde nach zahlreichen Warnungen, unter anderem vom Bundesnachrichtendienst, in einer Burn Notice als unzuverlässige Quelle eingestuft. Er galt als Alkoholiker und Lügner, die US-Behörden wurden für die Zusammenarbeit mit einem derart unzuverlässigen Informanten hart kritisiert. Er gab sich als hochrangiger Mitarbeiter mit Hintergrundwissen aus, war aber lediglich ein Dieb und Taxifahrer, der durch ein abgebrochenes Chemie-Studium über einiges Wissen verfügte. In der Presse wurde er u. a. als „der Mann, der die Welt in einen Krieg log“ bezeichnet.[12][1] Im Jahr 2011 gestand Rafid Ahmed Alwan El-Dschanabi, der dem Bundesnachrichtendienst unter dem Codenamen Curveball die Informationen über vermeintliche Biowaffen und geheime Massenvernichtungsanlagen geliefert hatte, gegenüber dem britischen Guardian, dass seine Angaben hierzu gelogen waren. El-Dschanabi begründet seine Lügen damit, dass er die Chance gehabt hatte, „etwas zu fabrizieren, um das Regime zu stürzen“.[13][14]

Heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alwan arbeitete offiziell seit dem 1. Januar 2001 als freiberuflicher Mitarbeiter für die Münchner Firma Thiele und Friedrichs Marketing GbR, eine mutmaßliche Tarnfirma des BND. Alwan bekam von dieser Firma eine monatliche Zahlung in Höhe von 3000 Euro und einmalig eine Kaution in der Höhe von 2130 Euro für eine Wohnung in Karlsruhe. Ende 2008 wurde der Arbeitsvertrag, der offenbar eine Laufzeit von mehr als zehn Jahren hatte, gekündigt.[15] Alwan klagte dagegen erfolgreich vor dem Arbeitsgericht München[16] und soll die Nachzahlung von 2000 Euro erreicht haben. Genauere Informationen sind nicht verfügbar, da der Prozess zwischen Alwan und der Bundesrepublik Deutschland auf Grundlage des §172 Nr.1 des Gerichtsverfassungsgesetzes[17] unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hat.

Bis 2007 lebte Alwan in Erlangen, von wo er nach seiner Enttarnung nach Karlsruhe zog und dort seitdem unter Polizeischutz lebt.

Alwan wurde 2008 die deutsche Staatsangehörigkeit zugesprochen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bob Drogin: Curveball: Spies, Lies, and the Con Man Who Caused a War. Random House, 2007, ISBN 1400065836.
  • Tyler Drumheller: Wie das Weiße Haus die Welt belügt. München: Diederichs Verlag, 2007, ISBN 3720530132.

Dokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b BBC News: Iraq war source’s name revealed. 2. November 2007, abgerufen am 29. August 2011.
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Curveball“: Alles zum Irak erfunden (Memento vom 2. August 2012 im Webarchiv archive.is). 16. Februar 2011
  3. John Goetz: Wie die Wahrheit scheibchenweise ans Tageslicht kam. In: dokzentrum.org. Abgerufen am 16. Januar 2016.
  4. Dirk Banse, Uwe Müller und Lucas Wiegelmann: „Curveball“ meldet sich zu Wort. In: welt.de. 29. August 2011, abgerufen am 16. Januar 2016.
  5. Konrad Hausener: Ein Irakischer Asylant versorgte den BND mit todbringenden Lügen. In: theintelligence.de. 16. Februar 2011, abgerufen am 16. Januar 2016.
  6. Peter Carstens: Waffe der Massendesinformation: Der Märchenerzähler "Curveball" und der Weg in den Irak-Krieg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 22. Februar 2008, abgerufen am 29. August 2011.
  7. Draggan Mihailovich: Faulty Intel Source „Curve Ball“ Revealed. In: CBS News. 11. Februar 2009
  8. Jason Vest: Big Lies, Blind Spies, and Vanity Fair. In: The Village Voice. 5. April 2005
  9. Helen Pidd & Martin Chulov: Curveball admissions vindicate suspicions of CIA's former Europe chief. In: The Guardian. 15. Februar 2011
  10. ARD: Die Lügen vom Dienst: Der BND und der Irakkrieg. 2. Dezember 2010, abgerufen am 29. August 2011.
  11. U. Müller, L. Wiegelmann & D. Banse: Deutscher Geheimdienst: „USA haben BND für Irak-Krieg missbraucht“. In: Die Welt. 27. August 2011
  12. Edward Helmore: US relied on „drunken liar“ to justify war. In: The Observer. 3. April 2005, abgerufen am 29. August 2011.
  13. Martin Chulov & Helen Pidd: Defector admits to WMD lies that triggered Iraq war. In: The Guardian. 15. Februar 2011
  14. n-tv: Massenvernichtungswaffen im Irak: Informant wollte Saddam stürzen. 16. Februar 2011
  15. Panorama in das Das Erste: Kriegslüge: BND bezahlte irakischen Betrüger. 2. Dezember 2010, archiviert vom Original am 11. Dezember 2010, abgerufen am 11. Dezember 2010.
  16. Arbeitsgericht München - Gz.: 20 Ca 15684/08
  17. Bundesministerium der Justiz