Raoul Schrott

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Schrott im Jahr 2005

Raoul Schrott (* 17. Januar 1964 in Landeck, Tirol) ist ein österreichischer Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raoul Schrott wurde 1964 in Landeck geboren. Die gelegentlich angeführte Angabe von São Paulo als Geburtsort beruht wohl auf einem Scherz in einem Interview von Schrott.[1] Schrott wuchs in Landeck, Tunis und Zürich als Sohn eines österreichischen Außenhandelsvertreters auf. Nach seiner Matura am Bundesoberstufenrealgymnasium Landeck erfolgte sein Studium der Germanistik, Anglistik und Amerikanistik an der Universität Innsbruck. Studienaufenthalte vollzog er 1983/1984 an der University of East Anglia, Norwich. 1986 machte er den Abschluß des Lehramtstudiums und absolvierte er das Probelehrjahr am BORG Landeck. 1986/1987 studierte er an der Pariser Sorbonne und war zugleich Sekretär des französischen Surrealisten und Autors Philippe Soupault. Als Dissertation legte er 1988 an der Universität Innsbruck die Arbeit Dada 1921–1922 in Tirol vor. 1989/1990 studierte er mit einem Postgraduiertenstipendium des DAAD Semiotik und Komparatistik an der TU und der FU in Berlin.

Von 1990 bis 1993 war er Lektor für Germanistik am Istituto Orientale in Neapel. 1996 habilitierte er sich am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck, für dessen Weiterbestand er sich einsetzte mit der Arbeit: Fragmente einer Sprache der Dichtung – Poetische Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus. Im Wintersemester 2008/2009 wurde Schrott auf die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin berufen.[2] 2012 hatte er die Tübinger Poetik-Dozentur zusammen mit Christoph Ransmayr an der Universität Tübingen inne. Seit 2002 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Schrott lebt zur Zeit in der Region Bregenzerwald, Vorarlberg.[3]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben Romanen und Gedichten profilierte sich Schrott vor allem mit Anthologien, Dramen, Essays, Reiseprosa und Übersetzungen.

Der Dadaismus bildet einen Schwerpunkt seiner frühen wissenschaftlichen Tätigkeit. 1999 hat Schrott die altgriechischen „Bakchen“ für das Wiener Burgtheater ins Deutsche übertragen, sowie das babylonisch-akkadische Gilgamesch-Epos. Letzteres wurde – wie seine Trojathese – in der Assyriologie kritisch diskutiert.[4]

Zu Schrotts Werk gehören die Romane Finis Terrae (1995) und Tristan da Cunha (2003), die Erzählung Khamsin (2002), die Novelle Die Wüste Lop Nor (2000) sowie die Gedichtbände Hotels (1997) und Tropen. Über das Erhabene (1998). Neuere literarische Veröffentlichungen des Autors sind der Gedichtband Weissbuch (2004) und das Handbuch der Wolkenputzerei (2005), eine Essaysammlung.

Troja-Frage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 2005 und 2008 arbeitete er an einer Neuübersetzung von Homers Ilias. Für die Hörspielredaktionen des Hessischen Rundfunks und des Deutschlandfunks arbeitete Klaus Buhlert parallel mit Schrott an einer Hörversion mit dem Sprecher Manfred Zapatka. Als Hörbuch und Buch erschien die Ilias zur Buchmesse Frankfurt 2008.[5] Dazu befasste er sich mit neueren internationalen Veröffentlichungen der komparativen Literaturwissenschaft, die seiner Meinung nach vielfache Bezüge zwischen Homer und assyrischen Texten aufgezeigt haben. Er stellte die These weiterer Parallelen zwischen altorientalischen und den homerischen Schriften auf, zudem von Verbindungen zur Genesis des Alten Testaments. Dazu stellte er fest: „Die Gräzisten und die Assyriologen nehmen bisher kaum Notiz voneinander, Okzident und Orient werden in der Literaturwissenschaft im Unterschied zur Archäologie oder Ethnologie noch immer ideologisch und kulturell getrennt.“[6]

Schrott erweiterte das geplante literaturwissenschaftliche Vorwort der Übertragung zu einer separaten Veröffentlichung über die „Homerische Frage“, in der er darlegte, dass der Grieche Homer im assyrischen Kulturraum gelebt haben müsse. Er verglich die Landschaftsbeschreibungen der Ilias mit den westlichsten Teilen des assyrischen Einflussgebietes und fand („hunderte“) Verweise auf die Landschaft um Karatepe in Kilikien. Für Schrott ist Homer ein griechischer Schreiber in assyrischen Diensten in Karatepe (um den Schreiberposten zu erlangen, habe er sich entmannen lassen, was Eigenheiten seiner Erzählung erkläre), der alte griechische Motive vom Trojanischen Krieg den lokalen Gegebenheiten angepasst und in die dortigen Erzähltraditionen gekleidet habe.

Schrotts Thesen zu Homer und Troja, die er am 22. Dezember 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte,[7] stießen auf den entschiedenen Widerspruch von Wissenschaftlern wie etwa des Gräzisten Joachim Latacz,[8] des Altphilologen Paul Dräger[9] oder des Althistorikers Stefan Rebenich.[10] Die italienischen Altphilologen Bruno Gentili und Carmine Catenacci warfen Schrott verfehlte methodische Ansätze, linguistisch abwegige Konstruktionen und „Fantastereien“ vor.[11] Andere Wissenschaftler wie Robert Rollinger,[12] Walter Burkert[13] und Christoph Ulf[14] hielten seine Thesen für diskussionswürdig und „horizonterweiternd“, auch wenn sie überwiegend diese im Ergebnis ablehnen.[15] Bei den meisten bisher bekannt gewordenen Stellungnahmen von Forschern überwiegt jedenfalls die Skepsis.[16] Am 13./14. November 2008 diskutierten Assyrologen, Hethitologen und Gräzisten in einem Symposion in Innsbruck über die Thesen Raoul Schrotts.[17][18] Schrott äußerte Anfang 2009, dass in den rund 15 Podiumsdiskussionen, die er bis dahin mit den Vertretern der verschiedenen Fachbereiche geführt hatte, noch kein Argument gekommen sei, das seine These „ausgehebelt“ habe.[19]

Schrott ergänzte seine Thesen zur Ilias-Sage im Herbst 2015 durch eine Neuinterpretation des Werkbeginns. Das bisherige Verständnis, wonach das Epos als Gesang einer Muse konzipiert sei, führt er auf einen Übersetzungsfehler zurück; in Wirklichkeit trage der Erzähler den Gesang seiner Adressatin selbst vor und wende sich mit dem einleitenden Ausspruch Aeide Thea („Heb an, Göttin!“) an die Titanin Themis, die über den Ausgang des Trojanischen Krieges und das Schicksal seiner Protagonisten – speziell des Achilleus – richten solle.[20]

Veröffentlichungen, Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herlinde Koelbl: Raoul Schrott. In: Im Schreiben zu Haus  − Wie Schriftsteller zu Werke gehen  − Fotografien und Gespräche. Knesebeck Verlag, München 1998, ISBN 3-89660-041-9; S. 28–35; Fotodokumentation Schrotts, die den Autor an seinem Arbeitsplatz und im persönlichen Umfeld porträtiert und im Interview sowohl Grundlage seiner Berufung als auch Rahmenbedingungen und individuelle Vorgehensweise bei der Entstehung seiner Werke darstellt.
  • Heinz Ludwig Arnold/Torsten Hoffmann (Hrsg.): Raoul Schrott. Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 176. München 2007, ISBN 978-3-88377-903-4.
  • Mira Alexandra Schnoor: Die poetischen Reisen des Raoul Schrott. Porträt eines Spurensuchers zwischen Zeiten, Sprachen und Literaturen. In: Katarina Agathos / Herbert Kapfer (Hg.): Hörspiel. Autorengespräche und Porträts. Belleville Verlag, München 2009, S. 163-178, ISBN 978-3-936298-68-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schrott bei Munzinger
  2. Freie Universität Berlin: Raoul Schrott ist neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor im Wintersemester 2008/09
  3. Die Kunst, an nichts zu glauben Der Standard, 2. Oktober 2015
  4. Michael P. Streck: Das Gilgamesch-Epos in der Übersetzung und Nachdichtung von Raoul Schrott. In: Text + Kritik. 176, 2007, S. 76–86. Sowie Stefan Maul: Rez. von R. Schrott: Gilgamesh Epos. In: Literaturen, 2002/1-2, 2002, S. 62–64.
  5. Negativ zur Ilias-Übersetzung Wolfgang Schuller: „Wenn Bettpfosten wackeln Wenn Bettpfosten wackeln“, Die Welt, 30. August 2008.
       Positiv dazu Christian Thomas: „24 Ilias-Gesänge. Die Heimkehr der Sänger“, Frankfurter Rundschau, 1. September 2008
  6. Peter von Becker: „Willkommen im Morgenland“, Der Tagesspiegel, 9. März 2008, S. 3
  7. Raoul Schrott: „Adana: Homer hat endlich ein Zuhause – in der Türkei“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 2007.
  8. „Eine „irrwitzige Fantasterei“. Altphilologe Latacz kritisiert Raoul Schrotts Arbeiten zu Homer“, Deutschlandfunk, 31. Dezember 2007
  9. Paul Dräger: Rezension zu Schrott: Homer, Ilias (Memento vom 28. September 2011 im Internet Archive) (PDF; 547 kB).
  10. Stefan Rebenich: „Ein ehrgeiziges Migrantenkind, leider kastriert“, Neue Zürcher Zeitung, 15. März 2008
  11. Bruno Gentili / Carmine Catenacci: Fantasticherie omeriche di Raoul Schrott e la „nuova“ Iliade di Alessandro Baricco, in: Quaderni urbinati di cultura classica, N.S. 87,3 (2007), S. 147–161
  12. Robert Rollinger: „Forscher entfacht Streit um Homer und Troia“, Die Welt, 28. Januar 2008
  13. Walter Burkert: „Sprachwissenschaft. War der große Homer ein Plagiator?“ Die Welt, 10. März 2008
  14. „Des Trierers Genitiv“, 16 vor, Nachrichten aus Trier, 9. Mai 2008
  15. Barbara Patzek: „Eine Wissenschaftlerin antwortet: Schrotts Homer – ein kühner historischer Roman?“ FAZ, 3. Januar 2008
  16. „Der Streit um Troja“, Deutschlandradio, 3. Januar 2008
  17. Thomas Schirren: „Wissenschaft als Roman. Ein Sängerwettstreit in Innsbruck über Raoul Schrotts Homer“, Süddeutsche Zeitung, 18. November 2008
  18. „Homer, Wanderer zwischen den Welten“, Tiroler Tageszeitung, 1. Dezember 2008
  19. Thomas Wagner: »Kein anderer Text war politisch wirkungsmächtiger«, junge Welt, 24. Januar 2009, Interview
  20. Raoul Schrott: „Übersetzungsfehler der 'Ilias': Homers Göttin singt nicht“, FAZ, 27. Oktober 2015
  21. Radio-Beitrag zu Homers Heimat: „Der Streit um Troja“, Deutschlandradio, 3. Januar 2008.
  22. BR Hörspiel Pool – Schrott, Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde.
  23. SWR 2: HÖRSPIEL 2/2011, S. 41
  24. BR Hörspiel Pool – Schrott, Erste Erde Epos