Raoul Schrott

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Schrott im Jahr 2005

Raoul Schrott (* 17. Januar 1964 in Landeck, Tirol) ist ein österreichischer Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raoul Schrott wurde 1964 in Landeck geboren. Die gelegentlich angeführte Angabe von São Paulo als Geburtsort beruht wohl auf einem Scherz in einem Interview von Schrott.[1] Schrott wuchs in Landeck, Tunis und Zürich als Sohn eines österreichischen Außenhandelsvertreters auf.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Matura am Bundesrealgymnasium Landeck erfolgte sein Studium der Germanistik, Anglistik und Amerikanistik an der Universität Innsbruck. Studienaufenthalte vollzog er 1983/1984 an der University of East Anglia, Norwich. 1986 machte er den Abschluss des Lehramtstudiums und absolvierte er das Probelehrjahr am BRG/BORG Landeck.

1986/1987 studierte er an der Pariser Sorbonne und war zugleich Sekretär des französischen Surrealisten und Autors Philippe Soupault. Als Dissertation legte er 1988 an der Universität Innsbruck die Arbeit Dada 1921–1922 in Tirol vor.

1989/1990 studierte er mit einem Postgraduiertenstipendium des DAAD Semiotik und Komparatistik an der TU und der FU in Berlin.

Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1990 bis 1993 war er Lektor für Germanistik am Istituto Orientale in Neapel.

1996 habilitierte er sich am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck, für dessen Weiterbestand er sich einsetzte, mit der Arbeit: Fragmente einer Sprache der Dichtung – Poetische Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus.

Seit 2002 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Im Wintersemester 2008/2009 wurde Schrott auf die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin berufen [2]

2012 hatte er die Tübinger Poetik-Dozentur zusammen mit Christoph Ransmayr an der Universität Tübingen inne.

2016/2017 war er als Gastprofessor Germanistik an der Universität Bern tätig.

Schrott lebt zur Zeit in der Region Bregenzerwald, Vorarlberg.[3]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beschäftigung mit Dada und eigene Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Pariser Zeit als Sekretär des letzten lebenden Surrealisten Philippe Soupault promovierte er über Dadaismus in Tirol 1921-1922, wo die französischen Dadaisten um Tristan Tzara, André Breton und Paul Éluard sich mit den Kölner Dadaisten Max Ernst und Baargeld und Hans Arp trafen, was zu einer letzten kreativen Phase der Bewegung vor ihrer Aufspaltung in Surrealisten und Konstruktivisten führte. Auf die Publikation dieses Bandes Dada 21/22, Eine Dokumentation der letzten beiden Dadajahre (1988) folgte die umfangreiche Dokumentation Dada 15/25 (1992), die Tristan Tzaras gesammelten Briefwechsel samt Auswahl aus seinem Werk zwischen 1915 und 1925 sowie Dossiers der an den Zürcher Dada-Soiréen vorgetragenen Texte enthielt.

Daneben erschienen die ersten, noch von Dada, Surrealismus und der Wiener Gruppe beeinflussten Gedichtbände. In direktem Widerspruch zu Tendenzen der damaligen Gegenwartsliteratur wird darin die Idee der „starken Metapher“ rekapuliert, die Wirklichkeit zersetzen und transzendieren kann: „Alles in allem geht es Schrott um nichts Geringeres als um die Verteidigung der Poesie, der Metapher und anderer scheinbar überkommender Stilmittel in einer Periode ihrer äußersten Gefährdung.“[4] Bildkräftige Schreibweisen sind das Ergebnis, die sich in Schrotts Werk von nun an schrittweise durch die Beschäftigung mit immer neuen Themenfeldern und Erkenntnismethoden verändern werden. Einen Wendepunkt stellt dabei der Band Hotels (1995) dar, mit dem er die Hinwendung zu einem poetischen Realismus vollzog, der sich an konkreten Objekten abarbeitet, um ihnen bar jeder bloß surrealen Diktion Erkenntnisse über die conditio humana abzugewinnen. Ebenso zyklisch angelegt, auf verschiedene Perspektiven auf ein zentrales Thema bezogen und jeweils mit essayistischen Vorworten und Marginalien versehen sind die Gedichtbände Tropen – Über das Erhabene (1998), Weissbuch – Über das Heilige (2004). Die Kunst, an nichts zu glauben (2015) präsentierte eine Serie von Berufs-Porträts als heutiges gesellschaftliches Panorama, umrahmt von Auszügen eines Traktats aus dem 18. Jahrhundert, das dem ersten deutschen Atheisten, Matthias Knutzen, zugeschrieben wird.

Essayistik und Einordnung als ‚Poeta doctus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufarbeitung der poetischen Tradition bis zurück zu ihren Wurzeln wurde ab Mitte der 1990er Jahre sichtbar, als Schrott in mehreren Publikationen umfassende Querschnitte der Literaturen vergangener Jahrtausende realisierte. Viel diskutiert wird seine Sammlung Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Zugleich habilitiert er sich am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck mit der Arbeit Fragmente einer Sprache der Dichtung im europäischen Kontext. Poetische Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus. Beide Schriften zeigen, wie Raoul Schrott das eigenes Schreiben dynamisch in jeweils neue historische und poetologische Überlegungen einbetten will. Er arbeitet an keinem monolithischen, monothematischen Werk, sondern begreift die Geschichte der Literatur und daraus resultierend sein eigenes Schreiben als prozessual und veränderbar – und wird in den kommenden Jahren für diesen Anspruch immer wieder auch als „poeta doctus“ bezeichnet, der in seinen Werken die Kenntnis der Literatur seiner Vorgänger voraussetzt und bewusst weitertreibt.[5]

Reden, Zeitungsbeiträge, Diskussionen oder Essays - gesammelt in Die Erde ist blau wie eine Orange. Poetisches, Polemisches, Privates (1999) oder Handbuch der Wolkenputzerei (2005) – rekurrieren darauf, dass Lyrik und generell Literatur nicht als isolierte Phänomene jenseits der Gesellschaft oder auch gesellschaftlicher Debatten zu betrachten sind. Schrott spricht und schreibt mit „universalpoetischem Ehrgeiz“[6] über Poetik und Literaturkritik, über die Ursprünge von Lyrik und Wissenschaft und über das Verhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Diese universalistische Ausrichtung wurde immer bedeutsamer in Schrotts Werkgeschichte. 2011 etwa schrieb er gemeinsam mit dem Neurolinguisten der Freien Universität Berlin, Arthur Jacobs, den Band Gehirn und Gedicht, in dem er die kognitive Basis der einzelnen Stilformen der Literatur, von ihren essentiellen Denkmustern wie Metapher und Simile über ihre Bildlichkeit und Metrik herausarbeitete.

Im Frühjahr 2018 erscheint der Band „Politiken & Ideen“, der vier Essays enthält, welche an den Prozessen der Entstehung von Kultur interessiert ist und eine Betrachtung von Kultur betreiben, die diese als politisch begreift, insofern sie aus gesellschaftlichen Prozessen resultieren. Daneben publizierte Schrott eine Reihe von Reise-Essays wie Khamsin (2002) und Die fünfte Welt – Ein Logbuch (2007), welche die Erforschung und Erfahrung der Wüste zum Inhalt haben; für letzteren Band war Schrott teil eines Expeditionsteams der Universität Köln, das den letzten noch verbliebenen weißen Flecken auf der Erde, das Erdi-Ma im Nordosten des Tschad, erkundete.

Prosa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit seinem Roman Finis Terrae – Ein Nachlass (1995) gelang Schrott der Durchbruch als Schriftsteller; er wurde beim Bachmann-Wettbewerb 1994 mit dem Preis des Landes Kärnten und dann mit dem Literaturpreis der G 7 ausgezeichnet. Darin wird das fiktive Logbuch des griechischen Geographen und Astronomen Pytheas von Massalia (um 330 v. Chr.) den autobiographischen Schriften Ludwig Höhnels, eines Enkels des Entdeckers des Turkana-Sees in Kenia, gegenübergestellt, um dessen Leben und seine Krankheit zum Tode nachzuzeichnen.

Kürzere Prosa legte Raoul Schrott mit seiner Novelle Die Wüste Lop Nor (2000) vor, die Reisen zu den 'Singenden Dünen' in den verschiedensten Wüsten der Welt und Überlegungen zu den Ursachen ihres Klanges mit einer poetischen (Natur-)Geschichte der Liebe verknüpft.

Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde 2003 erschien der Roman Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde. Am entlegensten Ort der Welt, auf der titelgebenden Atlantikinsel Tristan da Cunha, kreuzen sich die Schicksale von drei Männern und einer Frau über die Jahrhunderte hinweg: Noomi Morholt, südafrikanische Wissenschaftlerin, die im Januar 2003 in die Antarktis unterwegs ist; Edwin Heron Dodgson, Bruder des berühmten Lewis Carroll und ein Priester, der die Siedler auf Tristan missionieren soll, ein Verhältnis mit einem Mädchen beginnt und sich dabei tief in Schuld verstrickt; Christian Reval, der im Zweiten Weltkrieg auf der Insel stationiert ist und Ende der sechziger Jahre beim Vermessen einer weiter südlich gelegenen Insel unter ungeklärten Umständen stirbt; und Mark Thompson, Briefmarkenhändler, der die Geschichte Tristan da Cunhas und damit auch die seiner gescheiterten Ehe rekonstruiert. Die Insel mit ihren schroffen Landschaften wird zum Fluchtpunkt und zur Projektionsfläche ihrer unterschiedlichen Liebesgeschichten, Sehnsüchte und Obsessionen. Von der Kritik wurde Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde mit Begeisterung aufgenommen: Schrott beeindrucke vor allem durch „[e]ine Kraft der Sprache, von der nicht leicht ein Begriff sich geben lässt. Es erscheinen Passagen, die man nicht anders als mit angehaltenem Atem zu lesen vermag, Sätze, die einem tagelang nachgehen.“[7] Der Roman sei „Weltliteratur“[8], „ein Buch, das zeigt, was sich die Literatur deutscher Sprache am Anfang dieses Jahrhunderts trauen könnte.“[9]

Das schweigende Kind 2012 erschien Raoul Schrotts Erzählung Das schweigende Kind. Die Geschichte erzählt von einem Maler, der während eines Aufenthalts in einem Sanatorium als eine Form der Therapie Briefe an seine Tochter schreibt. In den Briefen berichtet er von den Umständen, die zum Tod ihrer Mutter führten und schildert verschiedene Erinnerungen, von seiner Liebe zu dieser Frau, der Geburt der gemeinsamen Tochter, einem Wunschkind, und dem systematischen Entzug der Tochter durch die Mutter: Dargestellt wird dies als Kriminalfall, der am Schluss eine überraschende Wendung erfährt. Die Rezensionen zu diesem „Anti-Familienroman“[10] fielen überwiegend positiv aus. So wird nicht nur die Thematisierung jenes gesellschaftlichen Missstandes von rechtlosen Vätern im Sorgerechtsstreit und das vom Autor entworfene „ebenso glaubhafte wie bewegende Psychogramm einer Familientragödie“[11] lobend hervorgehoben, sondern auch Schrotts Sprache, die „bei aller Akribie des Beobachtens, Züge von lyrischer Zärtlichkeit“[12] trägt und „mit beängstigender Ruhe und betörender Schönheit von den Qualen eines Vaters“[13] erzählt.

Erste Erde Nachdem die Beschäftigungen mit den Gilgamesch- und llias-Epen neben der historischen Rekonstruktion von Weltliteratur auch dem Beweis der Eigenkraft heutiger Dichtung gedient hatten, weitete Raoul Schrott diese Bewegung in den 2010er Jahren entschieden aus. Über sieben Jahre hinweg arbeitete er, unterstützt durch die Deutsche Bundeskulturstiftung, an dem Werk Erste Erde Epos, das 2016 erschien. Auf 850 Seiten versucht dieses Buch in Langgedichten eine zeitgenössische Bestimmung des Menschen im Universum, indem es ihn mit allen Erkenntnissen heutiger Naturwissenschaften konfrontiert. Vom Urknall über die Entstehung des Planeten bis hin zur Entstehung der Hominiden werden auf diverse poetische Weisen wissenschaftlichen Erkenntnisse literarisch dargestellt, das Buch erzählt die Geschichte des Universums von diversen aufschlussreichen Orten auf dem ganzen Planeten her, etwa den Fundorten früher Steinsbildungen oder Skelettierungen.

In immer weiter wechselnden Formen ergibt sich so ein breites erzählerisches Panorama, das am Ende des Buches durch einen fast zweihundertseitigen Fachtext ergänzt wird, in dem die Entstehung des Universums und des Menschen aus Perspektive aller heutigen Wissenskategorien nachvollzogen wird. Mit diesem völlig aus den üblichen Veröffentlichungen der Gegenwartslyrik herausbrechenden Buch, das Raoul Schrott auf zahlreichen Podien und Veranstaltungen mit Naturwissenschaftlern, Theologen und Geisteswissenschaftlern der unterschiedlichsten Provenienzen diskutierte, wurde ein universalistischer Ansatz zeitgenössischer Dichtung markiert, wie die Kritik einhellig konzedierte: „Der Autor ist komparatistischer Literaturwissenschaftler, aber aus seinem Interesse am Naturgeschehen geht die Binnenstruktur dieses Opus magnum hervor, das sich, wie einst von den Alchemisten angestrebt, aus scheinbar zusammenhanglosen Massen herauskristallisiert.“[14] Damit ist der Erkenntnispunkt markiert, auf den Raoul Schrott in seinen literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten grundsätzlich abzielt, nämlich die Überwindung allzu enger Disziplinengrenzen zugunsten einer an allen Belangen der empirischen Wirklichkeit interessierten, humanistischen Ästhetik: „Raoul Schrott hat das unmögliche Unterfangen gewagt, diese Geschichte der Welt vom Urknall bis zum Menschen ohne Metaphysik und Religion poetisch zu entfalten.“[15]

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine diversen Übersetzungsarbeiten, die mit Derek Walcotts Mittsommer (2001) auch zeitgenössische Lyrik umfassen, vor allem aber antike Texte in ein wirkungsäquivalentes Deutsch der Gegenwart transportieren und damit die Werke einem modernen Publikum wieder zugänglich machen, lösten jedes Mal breiten Widerhall aus. Dazu gehören die für das Wiener Burgtheater entstandenen Bakchen – Nach Euripides (1999) wie auch seine Auswahl altägyptischer Liebeslyrik Die Blüte des nackten Körpers (2010). Hervorzuheben sind hier das ninivitische Epos von Gilgamesch, das sowohl eine textgetreue Übersetzung wie eine freie Bearbeitung des Stoffes erfuhr, sowie Homers Ilias oder Hesiods Theogonie.

Gilgamesh. Epos 2001 legte Raoul Schrott eine Übersetzung des Gilgamesch-Epos vor[16], die er auf der Grundlage jüngster Erkenntnisse mit den Assyriologen Robert Rollinger und Manfred Schretter erarbeitet hatte. Dafür wurde das fehlende Fünftel des Textes mithilfe an anderen Orten aufgefundener Fragmente der ninivitischen Fassung dieses Epos rekonstruiert. Von der Kritik wurde Gilgamesh. Epos überwiegend positiv aufgenommen: „Wer heute auf Deutsch das Epos von Gilgamesch lesen will, so weit und so genau es Textbestand und Forschungslage erlauben, wird um Raoul Schrotts Übertragung […] nicht herumkommen.“[17] Die Übersetzung wurde dann zum Ausgangspunkt für eine eigenständige Neufassung des Stoffes in dem Band, die auch dessen ältere Quellen mit aufarbeitete; diese dramatisierte Fassung wurde 2002 im Wiener Akademietheater uraufgeführt.

Ilias und Troja-Frage Zwischen 2005 und 2008 arbeitete Schrott an einer Neuübersetzung von Homers Ilias. Für die Hörspielredaktionen des Hessischen Rundfunks und des Deutschlandfunks arbeitete Klaus Buhlert parallel mit Schrott an einer Hörversion mit dem Sprecher Manfred Zapatka. Als Hörbuch und Buch erschien die Ilias zur Buchmesse Frankfurt 2008.[18] Dazu befasste er sich mit neueren internationalen Veröffentlichungen der komparativen Literaturwissenschaft, die seiner Meinung nach vielfache Bezüge zwischen Homer und assyrischen Texten aufgezeigt haben. Er stellte die These weiterer Parallelen zwischen altorientalischen und den homerischen Schriften auf, zudem von Verbindungen zur Genesis des Alten Testaments. Dazu stellte er fest: „Die Gräzisten und die Assyriologen nehmen bisher kaum Notiz voneinander, Okzident und Orient werden in der Literaturwissenschaft im Unterschied zur Archäologie oder Ethnologie noch immer ideologisch und kulturell getrennt.“[19]

Schrott erweiterte das geplante literaturwissenschaftliche Vorwort der Übertragung zu einer separaten Veröffentlichung über die „Homerische Frage“, in der er darlegte, dass der Grieche Homer im assyrischen Kulturraum gelebt haben müsse. Er verglich die Landschaftsbeschreibungen der Ilias mit den westlichsten Teilen des assyrischen Einflussgebietes und fand („hunderte“) Verweise auf die Landschaft um Karatepe in Kilikien. Für Schrott ist Homer ein griechischer Schreiber in assyrischen Diensten in Karatepe (um den Schreiberposten zu erlangen, habe er sich entmannen lassen, was Eigenheiten seiner Erzählung erkläre), der alte griechische Motive vom Trojanischen Krieg den lokalen Gegebenheiten angepasst und in die dortigen Erzähltraditionen gekleidet habe.

Schrotts Thesen zu Homer und Troja, die er am 22. Dezember 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte,[20] stießen auf den entschiedenen Widerspruch von Wissenschaftlern, deren Werk direkt von einem entsprechenden Paradigmenwechsel betroffen gewesen wären, wie etwa des Gräzisten Joachim Latacz,[21] des Altphilologen Paul Dräger[22] oder des Althistorikers Stefan Rebenich.[23] Die italienischen Altphilologen Bruno Gentili und Carmine Catenacci warfen Schrott verfehlte methodische Ansätze, linguistisch abwegige Konstruktionen und „Fantastereien“ vor.[24] Andere Wissenschaftler wie Robert Rollinger,[25] Walter Burkert[26] und Christoph Ulf[27] hielten seine Thesen für diskussionswürdig und „horizonterweiternd“, auch wenn sie überwiegend diese im Ergebnis ablehnen.[28] Bei den meisten bisher bekannt gewordenen Stellungnahmen von Forschern überwiegt jedenfalls die Skepsis.[29] Am 13./14. November 2008 diskutierten Assyrologen, Hethitologen und Gräzisten in einem Symposion in Innsbruck über die Thesen Raoul Schrotts.[30][31] Dabei fanden Schrotts Thesen bei keinem der Teilnehmer Zuspruch.[32] Schrott äußerte Anfang 2009, dass in den rund 15 Podiumsdiskussionen, die er bis dahin mit den Vertretern der verschiedenen Fachbereiche geführt hatte, noch kein Argument gekommen sei, das seine These „ausgehebelt“ habe.[33]

Schrott ergänzte seine Thesen zur Ilias-Sage im Herbst 2015 durch eine Neuinterpretation des Werkbeginns. Das bisherige Verständnis, wonach das Epos als Gesang einer Muse konzipiert sei, führt er auf einen Übersetzungsfehler zurück; in Wirklichkeit trage der Erzähler den Gesang seiner Adressatin selbst vor und wende sich mit dem einleitenden Ausspruch Aeide Thea („Heb an, Göttin!“) an die Titanin Themis, die über den Ausgang des Trojanischen Krieges und das Schicksal seiner Protagonisten – speziell des Achilleus – richten solle.[34]

Hesiods Theogonie 2014 erschien Schrotts Übersetzung von Hesiods Theogonie, die von einem umfangreichen Essay über die Herkunft der Musen aus dem nordsyrischen Raum – dem Musa Dağı an der kilikischen Grenze – begleitet wurde, wo die Archäologie eine unzweideutige Transferroute vom griechischen Handelsemporium al Mina nach Euböa identifizieren kann. Schrott legt darin detailliert die griechischen Assimilationsprozesse des Kults um die hethitische Göttin der Gerechtigkeit, Hepat-Musuni, dar, die sich erst nach Hesiod langsam zur Muse wandelte, um dabei auch weitere Bezüge zur homerischen Frage offenzulegen.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen, Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herlinde Koelbl: Raoul Schrott. In: Im Schreiben zu Haus  − Wie Schriftsteller zu Werke gehen  − Fotografien und Gespräche. Knesebeck Verlag, München 1998, ISBN 3-89660-041-9; S. 28–35; Fotodokumentation Schrotts, die den Autor an seinem Arbeitsplatz und im persönlichen Umfeld porträtiert und im Interview sowohl Grundlage seiner Berufung als auch Rahmenbedingungen und individuelle Vorgehensweise bei der Entstehung seiner Werke darstellt.
  • Heinz Ludwig Arnold/Torsten Hoffmann (Hrsg.): Raoul Schrott. Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 176. München 2007, ISBN 978-3-88377-903-4.
  • Mira Alexandra Schnoor: Die poetischen Reisen des Raoul Schrott. Porträt eines Spurensuchers zwischen Zeiten, Sprachen und Literaturen. In: Katarina Agathos / Herbert Kapfer (Hg.): Hörspiel. Autorengespräche und Porträts. Belleville Verlag, München 2009, S. 163–178, ISBN 978-3-936298-68-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Raoul Schrott – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schrott bei Munzinger
  2. Freie Universität Berlin: Raoul Schrott ist neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor im Wintersemester 2008/09
  3. Die Kunst, an nichts zu glauben Der Standard, 2. Oktober 2015
  4. Michael Buselmeier: Kritik heißt, von der Poesie zu erzählen, [1], Die Zeit/Beilage, 10. November 2005
  5. Thomas Meissner: Alle Bälle in der Luft, [2], Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. April 2005
  6. Michael Braun: In der Ferne, bei uns, [3], Frankfurter Rundschau, 8. Juni 2005
  7. Andreas Dorschel, Süddeutsche Zeitung, 28. August 2003
  8. Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung, 3. September 2003
  9. Jochen Jung: Die Insel der Frau des Kartografen [4], Die Zeit, 11. September 2003
  10. Andreas Heimann: Nicht den Hauch einer Chance [5], Eßlinger Zeitung, 24. März 2012
  11. Ekkehard Rudolph: Lebensbeichte im Sanatorium, Stuttgarter Zeitung, 1. Juni 2012
  12. Kathrin Kramer: Ein archaischer Schmerz, Basler Zeitung, 4. März 2012
  13. S. Zobl im Gespräch mit Raoul Schrott: Das führt zu Fritzl, NEWS, 29. Februar 2012
  14. Josef H. Reichholf: Der Bonobo und die Sterne. Raoul Schrott will in seinem Erste Erde Epos die Evolution des Kosmos und des Menschen in Poesie verwandeln [6], Süddeutsche Zeitung, 28. November 2016
  15. Steffen Martus: Wir stehen alle im selben Wind [7], Die Zeit, 16. Februar 2017
  16. Hermann Wallmann: Er baute die Mauer um Uruk und um das heilige Eanna [8], Frankfurter Rundschau, 11. Oktober 2001
  17. Stefan Weidner: In weiter Ferne, so nah [9], Die Zeit, 31. Oktober 2001
  18. Negativ zur Ilias-Übersetzung Wolfgang Schuller: „Wenn Bettpfosten wackeln Wenn Bettpfosten wackeln“, Die Welt, 30. August 2008.
       Positiv dazu Christian Thomas: „24 Ilias-Gesänge. Die Heimkehr der Sänger“, Frankfurter Rundschau, 1. September 2008
  19. Peter von Becker: „Willkommen im Morgenland“, Der Tagesspiegel, 9. März 2008, S. 3
  20. Raoul Schrott: „Adana: Homer hat endlich ein Zuhause – in der Türkei“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 2007.
  21. „Eine „irrwitzige Fantasterei“. Altphilologe Latacz kritisiert Raoul Schrotts Arbeiten zu Homer“, Deutschlandfunk, 31. Dezember 2007
  22. Paul Dräger: Rezension zu Schrott: Homer, Ilias (Memento vom 28. September 2011 im Internet Archive) (PDF; 547 kB).
  23. Stefan Rebenich: „Ein ehrgeiziges Migrantenkind, leider kastriert“, Neue Zürcher Zeitung, 15. März 2008
  24. Bruno Gentili / Carmine Catenacci: Fantasticherie omeriche di Raoul Schrott e la „nuova“ Iliade di Alessandro Baricco, in: Quaderni urbinati di cultura classica, N.S. 87,3 (2007), S. 147–161
  25. Robert Rollinger: „Forscher entfacht Streit um Homer und Troia“, Die Welt, 28. Januar 2008
  26. Walter Burkert: „Sprachwissenschaft. War der große Homer ein Plagiator?“ Die Welt, 10. März 2008
  27. „Des Trierers Genitiv“, 16 vor, Nachrichten aus Trier, 9. Mai 2008
  28. Barbara Patzek: „Eine Wissenschaftlerin antwortet: Schrotts Homer – ein kühner historischer Roman?“ FAZ, 3. Januar 2008
  29. „Der Streit um Troja“, Deutschlandradio, 3. Januar 2008
  30. Thomas Schirren: „Wissenschaft als Roman. Ein Sängerwettstreit in Innsbruck über Raoul Schrotts Homer“, Süddeutsche Zeitung, 18. November 2008
  31. „Homer, Wanderer zwischen den Welten“, Tiroler Tageszeitung, 1. Dezember 2008
  32. Wolf-Dietrich Niemeier: Griechenland und Kleinasien in der späten Bronzezeit. Der historische Hintergrund der homerischen Epen. In: Michael Meier-Brügger (Hrsg.): Homer, gedeutet durch ein großes Lexikon. Akten des Hamburger Kolloquiums vom 6.-8. Oktober 2010 zum Abschluss des Lexikons des frühgriechischen Epos (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Neue Folge Band 21). De Gruyter, 2012, S. 142 f.
  33. Thomas Wagner: »Kein anderer Text war politisch wirkungsmächtiger«, junge Welt, 24. Januar 2009, Interview
  34. Raoul Schrott: „Übersetzungsfehler der 'Ilias': Homers Göttin singt nicht“, FAZ, 27. Oktober 2015
  35. Radio-Beitrag zu Homers Heimat: „Der Streit um Troja“, Deutschlandradio, 3. Januar 2008.
  36. BR Hörspiel Pool – Schrott, Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde.
  37. SWR 2: HÖRSPIEL 2/2011, S. 41
  38. BR Hörspiel Pool – Schrott, Erste Erde Epos