Raphaelswerk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Raphaelswerk ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Hamburg[1] im Bereich der Auswandererberatung und berät Auswanderer, Auslandstätige, Flüchtlinge, binationale Paare und Rückkehrer.

Namensgeber des Vereins ist der Erzengel Raphael, der als Schutzengel der Reisenden gilt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auskunftsbüro des Raphaelsvereins in Hamburg, 1925

1871 wurde der „Verein zum Schutze Katholischer Auswanderer“ vom Limburger Kaufmann Peter Paul Cahensly (1838–1923) mit dem Ziel gegründet, katholischen Auswanderern auf dem Weg in ihre neue Heimat Sicherheit und Begleitung zu bieten.[2] 1865, auf der Katholikenversammlung in Trier, hatte sich Cahensly für die „Rettung von Tausenden und Millionen gefährdeter Auswanderer“ starkgemacht. Auf dem Katholikentag in Mainz 1871 kam es zur Gründung des St.-Raphaels-Vereins, der 1878 seine päpstliche Anerkennung durch Papst Leo XIII. erhielt. Erster Präsident wurde Fürst Karl zu Isenburg-Birstein (1838–1899).

Ziel der Initiative war es, die Bedingungen für Auswanderer zu verbessern, ihnen eine unparteiische Beratung zu bieten und sie vor dem Einfluss skrupelloser Agenten zu schützen. Dabei war die Unterstützung zumeist sehr konkret. Es ging um die Besorgung von Fahrkarten und Arbeitsmöglichkeiten sowie um die kirchliche Einbindung im Zielland, teilweise wurden die Auswanderer von Mitarbeitern des Raphaelswerkes auf Schiffen ins ausländische Zielgebiet begleitet.[3] Seine Tätigkeit erstreckte sich zudem auf die katholischen Seeleute und Matrosen, in Deutschland auch auf italienische Gastarbeiter und auf die Unterstützung der Bestrebungen der Mädchenschutzvereine und des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels.[4]

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg befürwortete, Lorenz Werthmann, der Geschäftsführer des Raphaelsvereins den Kolonialismus, da er in ihm eine Möglichkeit zur Heidenmission sah.[5] Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges war der St.-Raphaels-Verein bemüht, Verfolgten des NS-Regimes die Flucht von Deutschland nach Südamerika – hauptsächlich nach Brasilien – zu ermöglichen. Die deutschen Bischöfe unterstützten den Verein finanziell, der Vatikan erreichte auf diplomatischem Wege in den südamerikanischen Botschaften die Vergabe von Visa an Flüchtlinge. Bei den Verfolgten handelte es sich vor allem um Katholiken jüdischer Abstammung, die von der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung betroffen waren. Die Mitarbeiter des St.-Raphaels-Vereins achteten jedoch darauf, dass Juden vor 1933 zum katholischen Glauben konvertiert waren, um auszuschließen, dass die Konversion nur erfolgte, um aus Deutschland zu flüchten. 1941 wurde der St.-Raphaels-Verein durch die Geheime Staatspolizei verboten. Er wurde aber 1946 wiederbelebt und hat seitdem weitere Millionen Deutsche und Ausländer bei der Auswanderung beraten.

Auftrag und Ziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein berät im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz bundesweit Auswanderer und Auslandstätige unabhängig von ihrer Nationalität, ihrem rechtlichen Status und ihrer Religionszugehörigkeit.

Den rechtlichen Rahmen der Beratung bildet das Auswandererschutzgesetz vom 26. März 1975 in der Novellierung von 2013. Mit diesem Gesetz übernimmt der Staat eine Schutzfunktion für seine Bürger. Auswanderer sollen nicht aus kommerziellem Eigeninteresse beraten werden, sondern Zugang zu möglichst objektiven und umfassenden Informationen erhalten. Die Beratung soll davor bewahren, den Schritt ins Ausland unüberlegt zu gehen.

Die Beratung im Raphaelswerk hat das Ziel, die konkreten Fragen der Ratsuchenden zu beantworten, sie umfassend zu informieren und auf möglichst viele Aspekte ihres Vorhabens aufmerksam zu machen. Die Ratsuchenden werden unterstützt, ihren Plan realistisch einzuschätzen, damit sie für sich eine tragfähige Entscheidung treffen. Die Begleitung im Entscheidungsprozess geschieht auf der Basis des christlichen Menschenbildes, das den Menschen nicht auf Aspekte wie Karriere und Verdienst reduziert, sondern ihn in seinem sozialen Kontext sieht und die religiöse Dimension einbezieht.

Arbeitsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein berät:

  • Auswanderer: Deutsche, die dauerhaft ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegen möchten.
  • Auslandstätige: Menschen, die vorübergehend im Ausland arbeiten wollen.
  • Weiterwanderer: Ausländer, vor allem Flüchtlinge, die nach neuen Perspektiven in einem Drittland suchen.
  • Rückkehrer: Ausländer, vor allem Flüchtlinge, die in ihr Herkunftsland zurückkehren möchten oder müssen, und Deutsche mit dem Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren.
  • Binationale Partnerschaften und Familien

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein ist einem doppelten kirchlichen Auftrag verpflichtet, der einerseits direkt von der Deutschen Bischofskonferenz erteilt ist, andererseits aus dem Status als anerkannter zentraler Fachverband im Deutschen Caritasverband erwächst.

Es ist als gemeinnützig anerkannte Verein organisiert und unterhält ein Generalsekretariat in Hamburg. Vorsitzender des Vereins ist Franz-Peter Spiza, Dompropst im Erzbistum Hamburg. Generalsekretärin und damit Bundesgeschäftsführerin ist Birgit Klaissle-Walk.

Bundesweit existiert ein Netz von Beratungsstellen in Trägerschaft von Caritasverbänden. Die Berater verfügen sämtlich über die Genehmigung zur Auswanderungsberatung.

Generalsekretäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St.Raphaels-Verein (ab 1899 St. Raphaels-Verein e. V.)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raphaelswerk e.V. (ab 1977)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1976–1990: Victor Mohr
  • 1990–1996: Christopher Layden
  • 2000–2012 Gabriele Mertens
  • Birgit Klaissle-Walk

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Hermanns: Weltweiter Dienst am Menschen unterwegs. Auswandererberatung und Auswandererfürsorge durch das Raphaels-Werk 1871 - 2011. Pallotti Verlag, Friedberg 2011, ISBN 978-3-87614-079-7.
  • Peter Paul Cahensly: Die deutschen Auswanderer und der St Raphael-Verein, Frankfurter zeitgemäße Broschüren, Neue Folge, Band VIII, Heft 11, Frankfurt am Main, 1887.
  • Jana Leichsenring: Die Auswanderungsunterstützung für katholische »Nichtarier« und die Grenzen der Hilfe. Der St. Raphaelsverein in den Jahren 1938 bis 1941, in: Susanne Heim, Beate Meyer, Francis R. Nicosia [Hrsg.]: „Wer bleibt, opfert seine Jahre, vielleicht sein Leben.“ Deutsche Juden 1938-1941. Wallstein, Göttingen 2010, S. 77–95.
  • Festschrift 80 Jahre St.-Raphaels-Verein 1871–1951, Generalsekretariat des St.-Raphaels-Vereins, Hamburg, 1951

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.raphaelswerk.de/wirueberuns/impressum/
  2. https://www.raphaelswerk.de/wirueberuns/unseregeschichte/unseregeschichte
  3. https://www.raphaelswerk.de/wirueberuns/unseregeschichte/unseregeschichte
  4. Raphaelsverein. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 16, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1908, S. 601.
  5. Heiko Wegmann: Dr. Lorenz Werthmann und seine kolonialen Schattenseiten. In: freiburg-postkolonial.de. Oktober 2008, abgerufen am 31. Dezember 2017.