Refeeding-Syndrom

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Unter dem Begriff Refeeding-Syndrom fasst man eine Gruppe teils lebensbedrohlicher Symptome zusammen, die durch rasche Zufuhr normaler Nahrungsmengen nach langer Zeit der Unterernährung hervorgerufen werden können.

Medizingeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 1. Jahrhundert n. Chr. dokumentierte der römisch-jüdischen Historiker Flavius Josephus den Hungertod jüdischer Häftlinge in römischer Gefangenschaft. Einige der Gefangenen konnten der römischen Besatzungsmacht entfliehen und überassen sich wieder in Freiheit gelangt, um kurze Zeit später zu versterben. Der Historiker beschrieb, dass vor allem jene verstarben, die sich den Bauch vollschlugen. Jene aber, die ihren Appetit zügelten, entkamen dem Tod.[1][2]

Erstmals genauer medizinisch beschrieben wurde dieses Phänomen bei der Befreiung japanischer Kriegsgefangener und der Befreiung nationalsozialistischer Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg. Es spielt aber auch heutzutage beispielsweise bei der Behandlung der Anorexia nervosa eine wichtige Rolle.

Pathophysiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedingt durch die Mangelversorgung des Organismus mit Glukose, dem wichtigsten Energieträger, beginnt der Körper in Zeiten der Unterernährung, seinen Energiebedarf größtenteils mittels Fettverbrennung (Lipolyse) zu decken. Damit verbunden ist ein Anstieg der freien Fettsäuren im Blut, aber auch eine Abnahme der Glukose- und Insulinkonzentration.

Verfügt der Organismus nach dieser Umstellung plötzlich wieder über genügend Glukose, reagiert er mit der Einstellung der Lipolyse und einer erhöhten Insulinausschüttung, um die im Blut befindliche Glukose in die Zellen zu befördern. Damit verbunden ist auch ein Anstieg der Kalium-, Magnesium- und Phosphatkonzentration intrazellulär mit einem entsprechenden Abfall der Konzentrationen außerhalb der Zellen (und im Blut). Bedingt durch das so entstandene Ungleichgewicht der intra- und extrazellulären Elektrolytkonzentrationen kommt es zu den beschriebenen Symptomen.[3]

Symptomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Regel manifestieren sich die klinischen Symptome des Refeeding-Syndroms innerhalb der ersten vier Tage nach Wiederaufnahme einer physiologischen Ernährung. Die klassischen Zeichen sind Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme), akutes Herzversagen und ein akuter Vitamin-B-1-Mangel.[4] Bedingt durch die Tatsache, dass die unterschiedlichen Elektrolytkonzentrationen intra- und extrazellulär insbesondere zur Aufrechterhaltung des Ruhepotentials der Nervenzellen benötigt werden, kommt es häufig zu neurologischen Ausfallerscheinungen. Weitere Symptome können eine durch eine Hypomagnesiämie hervorgerufene Arrhythmie, Ataxie, Krämpfe und Zittern sein. Eine Hypokaliämie kann eine arterielle Hypotension, einen Herzstillstand, eine Verstopfung (Obstipation) und einen Atemstillstand hervorrufen. Ein Zerfall von roten Blutkörperchen (Hämolyse), Thrombozyten- und Leukozytenfunktionsstörungen können als weitere Symptomatik auftreten.

Prophylaxe und Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der Tatsache, dass unbemerktes Refeeding-Syndrom in der Regel zum Tod führt, ist neben der Vermeidung eines Refeeding-Syndroms durch schrittweise und nicht plötzliche physiologische Nahrungsaufnahme (empfohlen wird eine anfängliche Ernährung mit ca. 15 kcal pro kg Körpergewicht / d, wobei bis zur metabolischen Stabilisierung des Patienten die Zufuhr von Nahrungsenergie in den ersten zehn Tagen nur langsam erhöht werden soll) auch eine engmaschige Kontrolle der Elektrolyte im Blut erforderlich. Fehlende Elektrolyte sollten substituiert werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. Zauner, N. Kneidinger, G. Lindner, B. Schneeweiß, A. Zauner: Das Refeeding-Syndrom. In: Journal für Gastroenterologische und Hepatologische Erkrankungen. 2005, 4, S. 7–11 (Volltext online, pdf).
  • S. Rohrer, J. W. Dietrich: Das Refeeding-Syndrom – Eine Literaturübersicht. [Refeeding Syndrome: A Review of the Literature.] In: Z Gastroenterol. 2014 Jun;52(6), S. 593–600. Epub 2014 Jun 6. PMID 24905111 doi:10.1055/s-0034-1366430

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verschlechtertes Überleben. Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2018 [3]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Li Doa, Peter E. Ballmera, Maya Rühlina: Die Komplexität des Refeeding-Syndroms. Swiss medical forum – Schweizerische Medizin-Forum (2017) 17(24):524 [1]
  2. Knochel JP.: Phosphorus. In: Maurice E. Shils,, Moshe Shike, A. Catharine Ross, Benjamin Caballero, Robert J. Cousins: Modern Nutrition in Health and Disease. Tenth Edition. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia 2006, ISBN 978-0-7817-4133-0,S. 211–221
  3. Li Doa, Peter E. Ballmera, Maya Rühlina: Die Komplexität des Refeeding-Syndroms. Swiss medical forum – Schweizerische Medizin-Forum (2017) 17(24):523–528 [2]
  4. M. Korbonits, D. Blaine, M. Elia, J. Powell Tuck: Metabolic an hormonal changes during the refeeding period of prolonged fasting. In: Eur J Endocrin. 2007; 157, S. 157–166.