Regency Romance

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„On the Threshold“ von Edmund Blair Leighton (1900)

Regency Romance (englisch für „Regency-Liebesromanliteratur“) ist ein Genre von Liebesromanen, deren Handlungen in der Epoche des britischen Regency (1811–1820) angesiedelt sind.

Regency-Liebesromane werden – wie die gesamte englischsprachige Romance-Literatur – der Trivialliteratur (formula fiction) zugerechnet.[1] Jedoch handelt es sich nur bei einem Teil dieser Literatur um reine Kostümstücke; diese gelten auch nicht als Regency Romance im strengen Sinne, sondern fallen ins Subgenre der Historicals. Die traditionelle Regency Romance bildet vielmehr ein selbstständiges literarisches Genre mit charakteristischer Handlung und eigenen stilistischen Konventionen.[2]

Literaturhistorischer Ausgangspunkt ist das Werk der britischen Bestsellerautorin Georgette Heyer (1902–1974), die von 1935 an zwei Dutzend Regency-Liebesromane publiziert hat.[3] Die überwältigende Mehrzahl der auf Heyer folgenden Regency-Romane wurden jedoch von amerikanischen Autorinnen verfasst. Das Lesepublikum ist fast ausschließlich weiblich.

Traditionelle Regency Romance[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georgette Heyer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als erster Regency-Liebesroman der Literaturgeschichte gilt Georgette Heyers 1935 publiziertes Werk Regency Buck, das allerdings gleichzeitig ein Kriminalroman war. Charakteristisch für Heyers Werk war, dass der sozialgeschichtliche Rahmen für ihre Romanhandlungen keine bloße – und letztlich austauschbare – Kulisse war, sondern das Geschehen im Gegenteil steuerte und bestimmte. Ihre Romane zeichnen sich durch ausgeprägte Detailschilderungen aus; Heyer hatte das Zeitalter, über das sie schrieb, akribisch studiert und ließ ihr Wissen sichtbar in die Romane einfließen.[4] Zwar wiesen viele von Heyers Hauptfiguren moderne Befindlichkeiten auf, etwa den Wunsch nach einer Liebesheirat, diese wurden von den konventionelleren Figuren jedoch als Exzentrizitäten kritisiert. Heyers Werk zeigt fast ausschließlich die Welt der wohlhabenden Oberschicht; Themen wie Armut, Religion oder Politik erscheinen höchstens am Rande. Weitere stilistische Kennzeichen der traditionellen Regency Romance sind geist- und temporeiche witzige Dialoge und ein hohes Maß an Romantik.[4]

Zu Heyers bekanntesten Regency-Liebesromanen zählen Arabella (1949), Frederica (1965), False Colours (1963), Venetia (1958) und The Grand Sophy (1950).

Viele namhafte englische und schottische Autoren haben das Regency als Zeitgenossen beschrieben, darunter Maria Edgeworth, Sir Walter Scott, Susan Edmonstone Ferrier, Thomas Love Peacock, Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und Mary Shelley. Die bedeutendste Autorin des Regency war jedoch Jane Austen. Mit Austens Werk lassen sich Heyers Romane nur eingeschränkt vergleichen. So steht im Mittelpunkt von Austens Romanen anders als bei Heyer die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen der Zeit, die weiblichen Mitgliedern der Gentry keine andere Wahl erlaubt hat als eine gute Heirat. Zwar heiraten auch Austens Heldinnen am Ende stets; ihr Ziel besteht jedoch nicht wie bei Heyer darin, einen Mann zu finden und zu heiraten, den sie lieben. Vielmehr wollen sie die schwierige Aufgabe lösen, sich so zu verheiraten, dass sie damit einerseits ihre gesellschaftlich auferlegte Pflicht erfüllen, andererseits aber eine Ehe eingehen, die emotional und menschlich befriedigend ist.

Beispiel: Regency Buck von Georgette Heyer (1935)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ort der Handlung ist London, die Zeit das Jahr 1811. Die Geschwister Judith und Peregrin (Perry) Taverner, attraktive junge Aristokraten vom Lande (Yorkshire), stürzen sich nach ihrer Ankunft in der Großstadt lebenshungrig in den Trubel des gesellschaftlichen Lebens. Zu ihrem Vormund wurde infolge eines Irrtums der undurchsichtige Earl of Worth (Julian) bestellt. Die Geschwister können ihn nicht leiden. Judiths Abneigung verstärkt sich noch, als Julian die Heiratsanträge, die die junge Frau in großer Zahl bekommt, vereitelt. Besondere Zuneigung fassen die Geschwister zu ihrem Cousin Bernard Taverner.

Perry hat viel Geld, aber umso weniger Verstand und gerät laufend in Schwierigkeiten. Er wird zu einem Duell gefordert, überfallen und entgeht nur knapp einem Giftanschlag. Julian hält Bernard für den Schurken, der hinter allem steckt, während dieser Judith davon zu überzeugen sucht, dass umgekehrt Julian der Schuldige sei. Der wahre Täter entlarvt sich am Ende selbst, und nachdem Judith entdeckt, wem der beiden Männer sie vertrauen darf, findet sie auch ihren Liebespartner und Bräutigam.

Charakteristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die traditionelle Regency Romance (kurz oft: Trad) gilt bei vielen Kennern als das intellektuell anspruchsvollste Genre der seriellen englischsprachigen Liebesromanliteratur. Charakteristisch für das Subgenre ist eine relativ große Treue zur Geschichtlichkeit. Die Autorinnen haben das Regency eingehend studiert, und ihre Leserinnen sind notorisch dafür, große und kleine Ungenauigkeiten der Darstellung der Epoche aufzuspüren und zu kritisieren.[5] Zentrales Thema sind die Sitten und sozialen Gepflogenheiten der Zeit. Im Vordergrund stehen die Figuren, ihre Beziehungen zueinander und ihre jeweilige Position im streng hierarchischen gesellschaftlichen Gefüge. Der Schauplatz, die sehr begrenzte Sphäre der Londoner High Society, agiert oft wie eine selbstständige Handlungsfigur.[6] Die Aktivitäten der Figuren beschränken sich weitgehend auf Dinge wie Kutschfahrten, Morning Calls (= formelle Vormittagsbesuche), Dinnerpartys und Bälle. Ihr Verhalten ist, ähnlich wie in Jane-Austen-Filmadaptionen, ausgeprägt korrekt und beherrscht.[7]

Traditionelle Regency-Liebesromane waren anfangs meist etwa 65.000 Wörter lang und damit um gut ein Drittel kürzer als die meisten anderen historischen Liebesromane. Ihr Ton ist stets leicht und entspricht fast dem einer Sittenkomödie.[8] Erotische Spannung ist in diesen Romanen durchaus präsent, die explizit beschriebenen Handlungen gehen über Küsse aber kaum hinaus.[9]

Weitere Autorinnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als „traditionell“ werden innerhalb der Regency Romance solche Werke eingestuft, die sich inhaltlich und stilistisch am Werk von Georgette Heyer orientieren. Nachdem Heyers Werk in den 1960er Jahren in den USA populär wurde, haben amerikanische Verlage Autorinnen gefördert, die ähnliche Romane schrieben, darunter Clare Darcy und Elizabeth Mansfield. Ebenso wie Bodice-Ripper-Literatur wurde Regency Romance in den USA ausschließlich in Taschenbuchausgaben publiziert, etwa bei Signet[10], Dell und Fawcett; Fawcett entwickelte für Regency Romance ein eigenes Imprint, Fawcett Coventry.

Um 2000 herum verlor die traditionelle Regency Romance an Popularität. Weil viele Leserinnen inzwischen stärker erotische Romane bevorzugten, folgten einige der Autorinnen, die bisher traditionell geschrieben hatten, dem Erfolgsrezept von Autorinnen wie Mary Jo Putney und schrieben fortan Regency Historical Romance. Andere Autorinnen, denen – wie etwa Joan Wolf – das erotische Genre nicht lag, wechselten in die Nische der christlichen Liebesromanliteratur (Christian Romance, Inspirational Romance). Schon um 2009 herum erlebte die traditionelle Regency Romance mit Autorinnen wie Carla Kelly, Julie Klassen und Julianne Donaldson aber eine Wiederbelebung, die bis heute anhält.[7]

Regency Historical Romance[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Regency Historical (kurz: Historicals) werden solche Regency-Liebesromane eingestuft, die von den inhaltlichen und stilistischen Vorgaben des traditionellen Regency-Liebesromans abweichen. Dies betrifft erstens Romane, die sich durch ein erhöhtes Maß von sozialem Realismus auszeichnen, zweitens aber auch solche Werke, die im Gegenteil historisch untreu sind und Figuren, deren Verhalten modernen Wertvorstellungen entspricht, in die Kulissen des Regency versetzen. Der Begriff historical (engl. für „historisch“) ist insofern irreführend.[9] Historicals sind auch umfangreicher als Trads.[9]

Einige Autorinnen, die mit traditioneller Regency Romance begonnen hatten, schrieben später Historicals, darunter Mary Balogh, Jo Beverley, Loretta Chase und Mary Jo Putney. Autorinnen wie Amanda Quick, Eloisa James, Christina Dodd, Mary Balogh, Jo Beverly, Loretta Chace, Lisa Kleypas, Stephanie Laurens und Julia Quinn haben diese Freiheit besonders genutzt, um in die Romane stärkere Emotionen, leidenschaftlichere Liebesbeziehungen und viele explizit beschriebene erotische Szenen einflechten zu können.[7] Cat Sebastian hat eine Reihe von erotischen Regency-Liebesromanen mit LGBT-Hauptfiguren veröffentlicht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für eine Liste von Regency-Liebesromanen siehe: Regency Romance/Titelliste.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. GraceAnne A. DeCandido: Words with Ann Bouricius, author of The Romance Reader's Advisory: A Librarian's Guide to Love in the Stacks. Abgerufen am 19. April 2019.
  2. Traditional Regency. Abgerufen am 19. April 2019.
  3. The Regency Romance Hoax. Abgerufen am 19. April 2019.
  4. a b Namera Tanjeem: Corsets and carriages: 15 Must-read regency romance novels. Abgerufen am 20. April 2019.
  5. Traditional Regency. Abgerufen am 21. April 2019.
  6. Kristin Ramsdell: Romance Fiction. A Guide to the Genre. 2. Auflage. Libraries Unlimited, Santa Barbara, Denver, Oxford 2012, ISBN 978-1-59158-177-2, S. 277 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. a b c Elizabeth Camden: Where did the traditional regency go? Abgerufen am 21. April 2019.
  8. Leslie Wainger: Writing a Romance Novel for Dummies. For Dummies, ISBN 978-0-7645-2554-4, S. 66 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. a b c What is the difference between a Traditional Regency Romance and a Historical Romance? Abgerufen am 20. April 2019.
  10. Signet Regency Romance. Abgerufen am 21. April 2019.