Regulativ

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Regulativ (lateinisch ursprünglich: Vorschrift[1]) ist eine Kraft auf ein System oder in einem System, die die Einzelwirkung der einzelnen Elemente im Sinne des Systems begrenzt und gegeneinander ausgleicht. Dabei können die hier betrachteten Systeme z. B natürliche oder gesellschaftliche sein, deren Elemente im ersten Fall dann z. B physikalische, und chemische Kräfte sind; im zweiten Fall z. B. Menschen, Organisationen und Ähnliches.

Mit Regulativ werden zum einen von außen auf das System wirkende Regeln, regelnde Vorgaben, Vorschriften usw. bezeichnet (Beispiele siehe Absatz 1). Es verhindert das Abweichen eines der Elemente von der für alle geltenden Regel.

Mit Regulativ werden zum anderen im Inneren des Systems wirkende Kräfte bezeichnet, die steuernd, ausgleichend bzw. regulierend[2] zwischen zwei oder mehreren Elementen wirken (Beispiele siehe Absatz 2). Dabei kann sich diese Gegenkraft allein schon durch die bloße Existenz eines zweiten Elements und seiner Wirkung ergeben. Es verhindert die einseitige, übermäßige Wirkung eines der Elemente im System.

Die Adjektivform regulativ steht für zur Regel dienend und regelnd.[3]

Beispiele für Regeln, Vorschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mit dem „Regulativ über das Geschäftsverfahren für den Magistrat von Berlin“ von 1834 wurde die Stellung des Oberbürgermeisters gegenüber den anderen Magistratsmitgliedern deutlich gestärkt.[4]
  • Das Preußische Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter – ein Gesetz von 1839, verbot erstmals die Kinderarbeit.
  • Das Eisenacher Regulativ ist eine Empfehlungsliste zur Gestaltung von Kirchenbauten, mit der eine grundsätzliche Normung der Kirchenbauten im 19. Jahrhundert angestrebt wurde. Es wurde 1861 publiziert.
  • Regulativ des Schiedsgerichts der Handelskammer Hamburg vom 9. Dezember 1948[5]
  • Anti-Doping-Regulativ vom IOC[6]
  • Regulativ der Hessischen Stipendiatenanstalt: Im Regulativ sind die obersten Grundsätze und wichtigsten Regeln der Hessischen Stipendieatenanstalt festgeschrieben. Außerdem beschreibt es die Aufgaben und Zuständigkeiten der einzelnen Personen, Gremien und Institutionen des Hauses. Diese „Verfassung der Stipendiatenanstalt“ wurde im Jahr 2002 neu überarbeitet und in der Verwaltungskommission vom 3. Juli 2002 beschlossen.[7]
  • C.G. Jung-Institut Zürich, Küsnacht: Regulativ ch und Regulativ i (Nachführung September 2001)[8]
  • Das Regulativ der ÖQA – Österreichische Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Qualität und bestehende Gütevorschriften gelten auch für alle im Ausland erzeugten Produkte, welche das GÜTEZEICHEN-INTERNATIONAL erwerben wollen. Hiermit ist sichergestellt, dass die Erlangung der Gütezeichen sowohl für in Österreich als auch im Ausland hergestellte Waren nach denselben Richtlinien erfolgt.[9]
  • Heumilchregulativ – Vorschriften für silofreie Heumilch, beschlossen von der Österreichischen ARGE Heumilch am 14. April 2004, ergänzt durch die Hauptversammlung am 19. November 2008.[10]

Beispiele für regulierende, ausgleichende Regulative[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angebot und Nachfrage sind Regulative,[2] die in der Marktwirtschaft aufeinander und in Folge auf die Produktion wirken.
  • In einer Radiosendung bezeichnete man den Osten als zähmendes Regulativ des Westens.[11] Unabhängig von dem Wahrheitsgehalt der dahinter stehenden Aussage, verwendet sie das Regulativ im Sinne des zähmenden Gegenwirkens. Konsequenterweise ist danach der Westen als Regulativ des Ostens zu verstehen. Am deutlichsten wurde das im Kalten Krieg, als die gegeneinander gerichteten Waffenarsenale einseitigen militärischen Aktionen einer Seite entgegenwirkten.
  • In Koalitionen treten die Parteien als Regulative auf.[12] Erstes Ergebnis ihres regulativen Wirkens ist ein Kompromiss in Gestalt des Koalitionsvertrags.
  • In Demokratien nach westlichem Vorbild ist eine Opposition als Regulativ zur herrschenden Parlamentsmehrheit und zur Administration berufen. Sie soll der herrschenden Mehrheit mit parlamentarischen Mitteln entgegenwirken.
  • In der Psychologie sieht man die Angst unter anderem auch als Regulativ zum Mut, Übermut, Leichtsinn.[13]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immanuel Kant begründet das Regulativ als Denkprinzip und die Unterscheidung von constitutiv und regulativ.[14]

John Searle unterscheidet konstitutive und regulative Regeln.[15]

In der Heilpädagogik wird auch von selbstregulativen Fähigkeiten, selbstregulativem Verhalten gesprochen.[16]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Regulativ – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jedermanns Lexikon in zehn Bänden, 8. Band, Verlagsanstalt Hermann Klemm A.-G., Berlin-Grunewald 1930, S. 67
  2. a b Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6., überarbeitete Auflage 2007, aufgerufen 7. Juni 2009, 22:00 Uhr
  3. Lexikon A–Z in zwei Bänden, Zweiter Band, Enzyklopädie, Volkseigener Verlag, Leipzig 1957, S. 456
  4. Berlin.de Galerie 1834. Abgerufen 6. Mai 2010.
  5. hk24.de, Regulativ veröffentlicht in Amtlicher Anzeiger Nr. 4 vom 8. Januar 1949,geändert am 4. September 1958 (Amtlicher Anzeiger Nr. 237 vom 13. Oktober 1958), vollständig neu gefasst durch Beschluss des Plenums der Handelskammer Hamburg am 7. September 2000 (Amtlicher Anzeiger Nr. 125 vom 25. Oktober 2000), § 25 geändert durch Beschluss des Plenums der Handelskammer Hamburg am 12. Dezember 2003 (Amtlicher Anzeiger Nr. 3 vom 7. Januar 2004)
  6. Anti-Doping-Regulativ
  7. Oberste Grundsätze und wichtigste Regeln der Hessischen Stipendieatenanstalt, aufgerufen 19. Juni 2009, 21:40 Uhr
  8. [1] (PDF; 186 kB) abgerufen 19. Juni 2009, 22.00 Uhr
  9. [2], aufgerufen 19. Juni 2009, 21:50 Uhr
  10. Landwirt.com, abgerufen 4. November 2009
  11. Deutschlandradio 8. Juni 2009, abgerufen 19. Juni 2009, 21:10 Uhr
  12. STZ online, Südthüringer Zeitung, Ressort Bad Salzungen vom 14. Januar 2009, abgerufen 19. Juni 2009, 22:20 Uhr
  13. Franky Zorn in „Angst als Regulativ“, Der Standard (Österreich), 2. Dezember 2008, abgerufen 19. Juni 2009, 22:20 Uhr
  14. Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 1904 abgerufen 19. Juni 2009, 20:50 Uhr
  15. John R. Searle: Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay. Suhrkamp, Frankfurt 1971, S. 54. ISBN. Dt. Übersetzung des engl. Originals von 1969
  16. Heilpädagogische Forschung, abgerufen 19. Juni 2009, 22:20 Uhr