Reichenbach (Lautertal)

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49.7122578.692406194Koordinaten: 49° 42′ 44″ N, 8° 41′ 33″ O

Reichenbach
Wappen von Reichenbach
Höhe: 194 m ü. NN
Fläche: 8,82 km²
Einwohner: 2533 (30. Jun. 2013)[1][2]
Bevölkerungsdichte: 287 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 64686
Vorwahl: 06254
Reichenbach im Lautertal

Reichenbach im Lautertal

Reichenbach ist als Sitz der Gemeindeverwaltung der Hauptort der Gemeinde Lautertal (Odenwald) im Kreis Bergstraße in Hessen und deren größter Ortsteil.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Reichenbach liegt im Zentrum oberen Tales der Lauter im Odenwald. In der Ortslage münden von links (Süden) kommend der Reichenbach und von Norden kommend der Grautbach zusammen mit dem Felsbach in die Lauter. Im Norden schließt die Gemarkung das Felsenmeer mit ein, das sich auf der bewaldeten Südostflanke des 514 Meter hohen Felsberg ausbreitet. Im Westen reicht die Gemarkung bis zum „Teufelsberg“ (354 m), dem das Naturdenkmal „“Borstein“ vorgelagert ist. Der Turm auf dem Felsberg, der 1901 erbaute Ohlyturm, ist der höchste Punkt der Gemarkung Reichenbach.

Die nächstgelegenen Ortschaften sind im Norden Beedenkirchen, im Nordosten Lautern, Knoden und Schannenbach im Südosten sowie Elmshausen im Südwesten.

Geschichte[Bearbeiten]

Reichenbach wurde 773 erstmals als Reonga urkundlich erwähnt. Die heutige Schreibweise ist seit 1714 bezeugt. In Reichenbach gab es von vor 1513 bis 1944 mehrere Bergbaubetriebe, die Kupfer, Blei und Silber abbauten. Siehe auch Liste von Bergwerken im Odenwald.

Ab 1839 wurde die Nibelungenstraße von Bensheim ins Lautertal bis Lindenfels ausgebaut und damit ein wichtiger Betrag zur Verbesserung der Infrastruktur des vorderen Odenwaldes geschaffen. Eine weitere Verbesserung wurde durch die Eröffnung der Main-Neckar-Bahn 1846 erreicht, die Bensheim zunächst mit Langen, Darmstadt und Heppenheim verband und wenig später bis Frankfurt und Mannheim reichte.[3]

1870 provoziert der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck durch die sogenannte Emser Depesche den Deutsch-Französischen Krieg in dem das Großherzogtum Hessen als Mitglied des Norddeutschen Bundes an der Seite Preußens teilnahm. Noch vor dessen offiziellen Ende am 10. Mai 1871 traten die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund bei und am 1. Januar 1871 trat dessen neu Verfassung in Kraft, mit der er sich nun Deutsches Reich nannte. Auf deutscher Seite forderte dieser Krieg ca. 41.000 Tote.[4]

Am 3. April 1892 wurde in Reichenbach die erste Freiwillige Feuerwehr im Lautertal gegründet. Als erste Ausstattung wurden durch die Gemeinde zwei fahrbare Handdruckspritzen mit Zubehör sowie zwei Steigergeräte zur Verfügung gestellt. 1932 wurde erstmals eine Motorspritze beschafft, womit sie zu den am besten ausgerüsteten Feuerwehren des Kreises Bensheim gehörte.[5] Seit 1898 gibt es in Reichenbach ein öffentliches Wasserversorgung, die durch Wassergenossenschaft Reichenbach erbaut und Anfangs durch sie betrieben wurde. Dazu wurde an der Straße nach Beedenkirchen Quellenfassungen, Quellenkammeren und ein Hochbehälter errichtet von dem Das Wasser über Rohrleitungen an die einzelnen Haushalte verteilt wurde. 1907 wurden alle Einrichtungen für 46.000 Reichsmark an die Gemeinde verkauft.[6]

Am 19. Oktober 1902 das neue Schulhaus eingeweiht, mit dem 1901, nach zwölfjährigen Streitigkeiten zwischen Gemeinderat und Kommunalaufsicht, begonnen worden war. Obwohl die Schulsituation völlig unzumutbar war, sperrte sich der Gemeinderat aus finanziellen Gründen jahrelang gegen einen Neubau. Der Bergsträßer Anzeiger Schrieb: »In den drei Schulsälen im heutigen alten Rathaus wurden auf engstem Raum 222 Kinder unterrichtet. 56 weitere erhielten ihren Unterricht in der „Beutelschule“, der späteren Jugendherberge (heute Vereinshaus). Alle Räume waren feucht, nicht selten kamen Schwammbildungen vor, die Lichtverhältnisse waren unzureichend.«[7]

Am 1. August 1914 brach dann der Erste Weltkrieg aus, der im ganzen Deutschen Reich der positiven wirtschaftlichen Entwicklung ein Ende setzte. Als nach der deutschen Niederlage am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterschrieben wurde, hatte Reichenbach 61 Gefallene zu beklagt, während der Krieg insgesamt rund 17 Millionen Menschenopfer kostete.[8][9]

Das Ende des Deutschen Kaiserreiches war damit besiegelt, und die unruhigen Zeiten der Weimarer Republik folgten. In der Zeit von 1921 bis 1930 wurden in Deutschland 566.500 Auswanderer gezählt, die versuchten, den schwierigen Verhältnissen in Deutschland zu entfliehen.

In Reichbach wurden in der Zeit des Erstarken des Nationalsozialismus Zeichen gegen diese Bewegung gesetzt. Am 24. Juli 1927 feierte die „Freie Turn- und Sportvereinigung Reichenbach“ ihre Fahnenweihe. Diese war verbunden mit einem drei-tägigen Fest, dem größten das im Lautertal bisher gefeiert wurde. Die Feierlichkeiten waren nicht als normales Vereinsfest konzipiert, sondern als Demonstration der Stärke der Arbeiterbewegung. Ein größer Festzug wurde organisiert der durch „prächtigen Triumphbögen“ geschmückt mit schwarz-rot-goldenen Fahnen der jungen Republik und den rot-weißen Fahnen des Volksstaates Hessen führte. Das Programm auf dem Festplatz wurde den Freiheitschor der Arbeitersänger eingeleitet. Höhepunkt der sportlichen Darbietungen war „Massenpyramide“. Daneben gab es noch eine Fackelzug der örtlichen Vereine ein Feuerwerk und Tanz in den Gasthäusern. Vierzig Delegationen aus anderen Arbeitervereinen waren angereist. Die Arbeitervereine verstanden sich damals als „Bollwerk gegen die Hitler“, was in den 1930er Jahren zu deren weitgehender Auflösung führte.[10]

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler, was das Ende der Weimarer Republik und den Beginn der Nationalsozialistischen Diktatur bedeutete. Im Frühjahr 1933 ordnete Adolf Hitler den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag mit dem Namen „Tag der deutschen Arbeit“ an. Damit wurde eine Gewerkschaftsforderung durch die Regierung erfüllt, die von dieser strikt abgelehnt wurde. Die Gewerkschaften riefen zur Teilnahme an den Maiveranstaltungen auf, da sie sich als Initiatoren des Maigedankens fühlten. Das offizielle Programm war schon stark durch die Nationalsozialisten geprägt: „6 Uhr Wecken durch die SA-Kapellen. 8 Uhr Flaggenhissung in den Betrieben, Abmarsch zum Exerzierplatz, 9 Uhr Übertragung der Kundgebung von dem Lustgarten in Berlin auf die öffentlichen Plätze der Städte. 10.45 Uhr Staatsakt der Hessischen Regierung (...), Empfang einer Arbeiterdelegation aus den drei Hessischen Provinzen. (...) Gemeinsamer Gesang des ,Liedes der Arbeiter'. (...) 7.30 Uhr Übertragung von dem Tempelhofer Feld, Berlin: Manifest des Reichskanzlers Adolf Hitler, 'Das erste Jahr des Vierjahresplanes'. Anschließend Unterhaltungsmusik und Deutscher Tanz. 12 Uhr: Übertragung der Rede des Ministerpräsidenten Hermann Göring. (...) Ehemals marxistische Gesang-, Turn- und Sportvereine können an den Zügen teilnehmen, jedoch ist die Mitführung marxistischer Fahnen oder Symbole zu unterlassen.“ Reichenbach war damals eine Hochburg der Steinarbeiter-Gewerkschaft im Kreis Bensheim. Auch hier wurde „Tag der deutschen Arbeit“ in „würdiger und froher Feststimmung“ gefeiert, wie der Bergsträßer Anzeiger Schrieb. „Die Häuser und Straßen waren mit frischem Birkengrün und wehenden Fahnen geschmückt. Mit Salutschüssen und dem Ruf des Posaunenchors sei die Bevölkerung um sechs Uhr geweckt worden. Im Schulhof kamen die Schulkinder zusammen und hörten eine Ansprache von Rektor Orth. In Destag Natursteinwerk hielt der Betriebszellenleiter und Gemeinderat August Eßinger eine Rede. Auch sei eine Hakenkreuzfahne gehisst und das Horst-Wessel-Lied gesungen worden. Um 9 Uhr trafen sich dann die „Bewohner, Schüler und Lehrer“ auf dem Marktplatz und in der deutschen Turnhalle, um die Übertragung der Feierlichkeiten aus Berlin zu hören. Es folgte ein großer Festzug. Mit einem „Heil auf den Volkskanzler Adolf Hitler“, dem Deutschlandlied und vaterländischen Liedern der beiden Gesangvereine klang die Kundgebung aus“. Das böse Erwachen für die Gewerkschaften kam einen Tag später, als die „NSDAP die Führung der roten Gewerkschaften übernahm“: „Die seitherigen marxistischen Führer in Schutzhaft – Ein 3-Millionen-Konto des früheren Reichstagspräsidenten Löbe gesperrt – Die Rechte der Arbeiter gesichert – Die Gebäude der Freien Gewerkschaften besetzt“, titelten die bereits im ganzen Reich gleichgeschalteten Zeitungen.[11]

Am 1. September 1939 begann mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen der Zweite Weltkrieg, der in seinen Auswirkungen noch weit dramatischer war als der Erste Weltkrieg und dessen Opferzahl auf 60 bis 70 Millionen Menschen geschätzt werden. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges in Europa erreichten die amerikanischen Verbände Mitte März 1945 den Rhein zwischen Mainz und Mannheim. Am 22. März überquerte die 3. US-Armee bei Oppenheim den Rhein und besetze am 25. März Darmstadt. In den ersten Stunden des 26. März 1945 überquerten amerikanische Verbände bei Hamm und südlich von Worms den Rhein, von wo sie auf breiter Front gegen die Bergstraße vorrücken. Am 27. März standen die amerikanischen Einheiten in Lorsch, Bensheim und Heppenheim und einen Tag später waren Aschaffenburg am Main sowie der westliche und nördliche Teil des Odenwaldes besetzt. Der Krieg in Europa endete mit der bedingungslosen Kapitulation aller deutschen Truppen, die am 8. Mai 1945 um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Kraft trat. Reichenbach hatte 186 gefallene oder vermisste Soldaten in diesem Krieg zu beklagen.[8]

Im Vorfeld der Gebietsreform in Hessen genehmigte die Landesregierung mit Wirkung vom 31. Dezember 1971 die Eingliederung der Gemeinde Beedenkirchen in die Gemeinde Reichenbach. Mit gleichem Datum genehmigte sie sodann den Zusammenschluss der Gemeinde Reichenbach und anderer Gemeinden zu einer Gemeinde mit dem Namen Lautertal.[12] Damit gehörte Reichenbach am 31. Dezember 1971 zu den Gründungsgemeinden der Gemeinde Lautertal.[13]

Verkehr[Bearbeiten]

Durch das Tal der Lauter und damit durch Reichenbach verläuft die Bundesstraße 47, die Nibelungenstraße. Sie führt von Worms und Bensheim im Westen nach Lindenfels und Michelstadt im Osten. In der Ortsmitte zweigt die Landesstraße L 3098 nach Norden von der B 47 ab und führt über Beedenkirchen in Richtung Darmstadt.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Der Turm auf dem Felsberg, der 1901 erbaute „Ohlyturm“, wurde 2007 von einem Investor erworben und ist nach Abschluss von Sanierungsarbeiten für die Öffentlichkeit noch nicht wieder zugänglich.

Der „Borstein“ ist ein 8 Meter hoher Kletterfelsen am Naturfreundehaus. Hier war ein maßgeblicher Fundort für den Odenwald-Quarz.[14] Ein weiterer, seit 2013 nicht mehr zugänglicher Kletterfelsen, ist der „Hohenstein“, er liegt östlich von Reichbach.[15]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Gemeinde Lautertal und ihre Ortsteile
  2. Statistikblatt der Gemeinde Lautertal. Einwohner HW
  3. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007. Ein furchtbarer Weg durchs Tal. S. 38, archiviert vom Original, abgerufen am 28. Dezember 2014 (pdf 8,61 MB).
  4. Denkmalprojekt: Verlustlisten 1870–17, abgerufen im Januar 2015
  5. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007. „Reißhaken gegen den Roten Hahn“. S. 106
  6. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007. „Wasserleitung wurde mit Spaten verlegt“. S. 43
  7. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007. „Hier sperrt man keinen Hund hinein“. S. 102
  8. a b Gefallenendenkmäler Reichenbach, 1. Weltkrieg, abgerufen am 11. Januar 1951
  9. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007. „Wer schwarze Haare hatte, war Spion“. S. 88
  10. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007: „Massenpyramide und Feuerwerk“, S. 85
  11. Schlagzeilen aus Bensheim zum 175-jährigen Bestehen des „Bergsträßer Anzeigers“ 2007: „Frisches Birkengrün, wehende Fahnen“, S. 66
  12. Bekanntgabe von Zusammenschlüssen und Eingliederungen von Gemeinden durch den Hessischen Minister des Innern vom 29. Dezember 1971 (StAnz. 1972 S. 84, 88) Seite 8 der tif-Datei 5,96 MB, Nr. 82 und 84 der Bekanntgabe
  13.  Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 348.
  14. Information des Deutschen Alpenvereins, abgerufen im Februar 2015
  15. Information des Deutschen Alpenvereins, abgerufen im Februar 2015

Weblinks[Bearbeiten]